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30.10.2008, 22:11

Ein Frauenleben in Indien

Phoolan Devi
Phoolan Devi wurde am 10.08.1963 (oder 1964) in Bihar geboren. Sie kommt aus einer der niedrigsten Kasten, den Shudra. Sie hatte drei Schwestern und einen Bruder und lebte mit ihrer Familie in ärmsten Verhältnissen.

Aus Armut der Familie wurde sie im Alter von 11 Jahren mit dem 35 Jahre alten Mann Putti Lal verheiratet, der sie schwer misshandelte und sie verstieß, da sie in "sexuell nicht befriedigen konnte". Als verstoßene Frau galt sie nach ihrer Rückkehr in ihr Dorf als rechtlos, wurde von mehreren Söhnen der Thakurs (reichen Großgrundbesitzern) mehrfach vergewaltigt und als sie zur Polizei ging unter falscher Anklage verhaftet. Auf der Polizeistation von Kalpi wurde wiederum sie von den Polizisten wiederum mehrmals vergewaltigt und misshandelt und schließlich auf Kaution freigelassen.

Als Phoolan Devi 17 oder 18 Jahre alt war wurde sie von zwei Banditenbanden unter Baboo Gujar Singh (ein Kshatriya, also aus der hohen Kriegerkaste) und Vickram (aus ihrer eigenen niederen Kaste) entführt. Im Streit um Phooland Devi tötete Vickram den Baboo Gujar. Vickram und Phoolan Devi heirateten und führten die Bande von Banditen gemeinsam. Unter Phoolan Devis Leitung überfiel die Gruppe den alten Ehemann und verprügelten ihn mehrmals. Als Vickram getötet wurde, übernahm Phoolan Devi die Bande als Führerin. Zusammen mit zwei anderen Banden begann sie mit umfangreichen Raubzügen. Das erbeutete Geld verteilten sie an Arme und an Mitglieder unterer Kasten. Beim sogenannten "Massaker von Behmai" überfielen die Banden 1981 die Thakurs, die Phoolan Devi mehrmals vergewaltigt hatten und töteten 22 von ihnen. Bei einem ihrer Raubzüge gelang es Phoolan Devi sogar, den Palast von Jagamanpur zu besetzen. Die arme Bevölkerung verehrte sie als Inkarnation der Göttin "Durga", der Rächerin und Zerstörerin (zum Hintergrund: Bihar ist das ärmste Bundesland Indiens und wird von den Thakurs und deren bewaffneten Privatarmeen beherrscht, die jedes Feilschen um Löhne, jeden Streik und Widerstand mit brutalsten Mitteln wie Massenvergewaltigung und -mord zerschlagen).

Nun begann eine erbarmungslose Jagd von Polizei, Militär und vor allem der privaten Söldnertruppen der Thakurs. Bei einem Zugriff der Polizei wurde zur z.B. Abschreckung das Dorf Guloli vollkommen zerstört, weil die Polizei Bomben aus Hubschraubern abwarf und das Dorf anzündete - zahlreiche Einwohner starben.

Am 12.2 1983 ergab sich Phoolan Devi dem Ministerpräsident von Madhya Pradesh auf einer Bühne vor dem Bildnis der Rachegöttin Durga und einem Bild von Mahatma Gandhi. Zuvor war ein Vertrag ausgehandelt worden, der ihr acht Jahre Haft und ihrer Familie Land zusicherte. Im Gefängnis Gwalior wurde sie jedoch schlecht behandlet und gefoltert. Entgegen des ausgehandelten Vertrags kam sie erst nach elf Jahren frei, als sie schwer an Krebs erkrankte. Sie wurde nie angeklagt, da bei einem Prozess die Misshandlungen, Folterungen und Morde der Polizei und die Verfehlungen der Obrigkeit zur Sprache gekommen wären.

Nach ihrer Entlassung war sie als Menschenrechtlerin tätig und wurde als Heldin der Armen gefeiert. Sie setzte sich vor allem für Frauenrechte ein. Für die Samajwadi Party, eine linke Partei unterer Kasten, gewann sie 1996 und 1999 einen Sitz im indischen Parlament. 2001 wurde sie, von Sher Singh Rana, einem Cousin eines von ihrer Bande getöteten Vergewaltigers, ermordet. Sher Singh Rana wurde nie angeklagt.



Ein typisches indisches Frauenleben? Ja und nein. Nein, denn indische Frauen wehren sich in der Regel nicht. Ja, denn sie werden in jüngsten Jahren verheiratet, vergewaltigt, verstoßen, geschlagen, diskriminiert und in den Tod gedrängt. Aber eine Reaktion wie die Phoolan Devis ist einzigartig.

Die Situation der Frauen in Indien ist erstaunlich:
  • einerseits sind die Inderinnen in hohem Maß unterdrückt: Mitgiftmorde, Vergewaltigungen, Tötung weiblicher Babys, Abtreibung weiblicher Föten (über 80% der abgetriebenen Föten sind weiblich), unzureichende medizinische Versorgung
  • andererseits sind Inderinnen Ärztinnen, Lehrerinnen, Ingenieurinnen und Wissenschaftlerinnen. Indien hatte bereits 1966 eine Premierministerin (Indira Gandhi), Neu Dehli hat eine Bürgermeisterin und seit dem 19.11 1997 gibt es die erste indische Astronautin, Saudamini Deshmukh war 1986 der erste weibliche Kapitän weltweit, der ein Flugzeug mit reiner Frauenbesatzung flog; die Umweltaktivistin Medha Patkar kämpft seit Jahren gegen das riesige Narmada Staudamm Projekt und die Weltbank und ist seit Jahren weltbekannt. Gleichzeitig hat Indien die größte Frauenbewegung der Welt. (Frankreich oder die USA hatten noch nie ein weibliches Staatsoberhaupt oder einen weiblichen Regierungschef und Deutschland schaffte das auch erst 2005 mit dem Merkelchen)

Im Wesentlichen stellt sich die Lage der Frauen in Indien wie folgt dar:
auf Drängen Mahatma Gandhis und Jawaharlal Nehrus bekam Indien eine fortschrittliche Verfassung, die den Frauen die absolute Gleichberechtigung gewährte. Sowohl Männer als auch Frauen können sich scheiden lassen, Frauen haben Anspruch auf Unterhalt, auf gleiche Bildung und Entlohnung. Witwenverbrennungen sind schon seit Anfang des 19. Jhts. verboten. Durch spezielle Gesetze wie Abschaffung des Mitgiftzwangs (1961), bezahlten Mutterschaftsurlaub, Abschaffung der Kinderehen und Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches (1971) wurde immer wieder versucht, die Situation zu verbessern.
Andererseits erfolgte die erste Begrenzung dieser Rechte ausgerechnet durch eine Frau, durch die Premierministerin Indira Gandhi, die während ihrer Notstandsregierung die Hilfe der Moslemparteien suchte und als Gegengabe, den Moslems das Recht gewährte, mit ihren Frauen nach den Koranvorschriften zu verfahren (die Grundrechte für moslemische Frauen wurden de facto aufgehoben, jeder Moslem konnte sich nun vor Zeugen durch ein dreimaliges "ich verstoße dich" von seiner Frau trennen - die Frau natürlich nicht. Genau dieses Recht wurde später der Anstoß zur Gründung der hindunationalistischen, faschistischen Partei "Shiv Sena", die für ein moslemfreies Indien kämpft).

In weiten Kreisen sind die verfassungsrechtlichen Garantien vollkommen unbekannt oder irrelevant:
  • Mädchen werden schlechter ernährt, erhalten weniger medizinische Versorgung, haben wesentlich schlechtere Schulbildung, werden sexuell mißbraucht oder mißhandelt.
  • Frauen sind in der Regel wesentlich schlechter ausgebildet als Männer: 54 % der indischen Frauen können lesen und schreiben, bei den Männern sind es 76 %.
  • Die vergleichsweise hohe Müttersterblichkeit (mehr als 150.000 Frauen sterben jährlich bei der Geburt) ist Folge der oft dicht aufeinanderfolgenden und viel zu frühen Geburten. Die Ehe wird auf dem Land mit durchschnittlich 15,3 Jahren vollzogen, wobei das Heiratsalter mit der Schulbildung ansteigt, d.h. in armen Schichten liegt das Heiratsalter wesentlich niedriger. Bei 40% aller Eheschliessungen ist die Braut jünger als sechzehn Jahre.
  • Eine Tochter gilt als Besitz des Vaters und wechselt bei der Heirat in den Besitz des Ehemanns. Eine Ehefrau kann nur eine bessere Stellung erlangen, wenn sie möglichst viele männliche Nachkommen gebärt. Nur ein männlicher Nachkomme darf den Scheiterhaufen der Eltern anzünden und dadurch eine bessere Wiedergeburt sichern, nur ein männlicher Nachkomme bringt bei der Heirat Geld durch Mitgift in die Familie, während mehrere Mädchen eine Familie durch Mitgiftzahlungen ruinieren (die Mitgift für eine Tochter beträgt oft das 3- bis 5-fache Jahresgehalt eines einfachen Arbeiters. Ein beliebtes Sprichwort in Indien: "Ein Mädchen großzuziehen, ist etwa so, als würde man die Pflanzen im Garten des Nachbarn gießen.").
  • Oft werden Ehefrauen zu Nachzahlungen bei der Mitgift erpreßt. Gibt es keinen Nachschlag, dann fallen Ehefrauen häufig inszenierten Unfällen im Haushalt zum Opfer. Viele von ihnen werden in der Küche am Kerosin-Ofen verbrannt (man rechnet pro Tag in Indien mit 15 Mitgiftmorden durch Verbrennen). In der Regel werden diese Tötungen rechtlich nicht verfolgt. Ich selber habe ich Indien mehrere Patenkinder, in deren Projektgebieten auch Frauenorganisiationen arbeiten und habe dort mehr als eine Mitarbeiterin kennengelernt, die von entsetzlichen Brandwunden verstümmelt waren.
  • Nach hinduistischer Sitte muß eine "ideale" Witwe ihrem gestorbenen Mann auf dem Scheiterhaufen in den Tod folgen. Auch heute noch finden ab und an Witwentötungen statt, obwohl Witwenverbrennungen seit Anfang des 19. Jhts. verboten sind. Witwen aus höheren Kasten, die nicht verbrannt wurden, wurden gesellschaftlich geächtet. Sie durften nicht wieder heiraten und mußten asketisch leben. In den letzten Jahren werden Witwenverbrennungen aber deutlich härter verfolgt.
  • Obwohl gesetzlich verboten sprießen in ganz Indien Institute zum "Sex Determination Test" aus dem Boden. Weibliche Föten werden abgetrieben, jährlich ca. fünf Millionen mal (von 8000 abgetriebenen Föten sind 7999 weiblich). In armen Gegenden Rajasthan werden weibliche Babys häufig aus Mitleid von den Müttern erstickt. In Indien kommen daher auf 1000 Männer 927 Frauen. In manchen Regionen liegt das Verhältnis sogar bei 1000 zu 840 (z.B. Rajasthan). Jährlich kommen in Indien 12 Millionen Mädchen das Licht der Welt. 1,5 Millionen sterben schon vor der Vollendung des ersten Lebensjahres, und nur 9 Millionen werden 15 Jahre alt. Wenn eine Familie schon eine Tochter hat, so liegt die Sterblichkeitsrate für die nächste Tochter bei 53%.
  • Der Hexenaberglaube ist überwiegend im den armen Bundesstatten im Nordosten Indiens verbreitet. Als Hexen bezeichnete Frauen werden erschlagen, gesteinigt oder ertränkt, oft auch engsten Angehörigen. Im Mai 1997 erschlug z.B. ein Mann iin Bihar mit einer Axt seine Schwester, deren Mann und drei Kinder. Er glaubte, das sein Sohn, der von einer Schlange gebissen worden war und daran verstarb, das Opfer der Hexerei seiner Schwester war.
  • Die Mehrheit der Inderinnen arbeitet auf den Feldern oder im Straßen- und Hausbau, in den Haushalten wohlhabender Leute oder in Werkstätten. Über 70% der Bevölkerung lebt auf dem Land und dort arbeiten Frauen oft 12 bis 16 Stunden am Tag: sie arbeiten auf dem Feld, holen oft stundenlang Holz und Wasser, kümmern sich um Vieh und Kinder. In den Städten sind 90% der Frauen im sogenannten informellen Sektor beschäftigt, d.h. sie arbeiten als Wäscherinnen, Köchinnen und Hausmädchen, arbeiten als Händlerinnen und Verkäuferinnen, fegen Straßen und schleppen Sand und Stein beim Bau von Häusern, Straßen und Kanälen. Dafür verdienen sie meist ein Drittel bis zur Hälfte weniger als die Männer bei gleicher Arbeit (in Deutchland verdienen Frauen für die gleiche Arbeit "nur" 16 bis 20% weniger).
  • Der Verhaltenskodex für Frauen, der hinduistische "Manu" in der Familie lautet
Eine Frau soll erst essen, nachdem der Mann gegessen hat.
Wenn der Mann steht, soll die Frau nicht sitzen.
Sie soll nicht schlafen bevor er schläft.
Sie soll am Morgen aufstehen bevor er aufsteht.

Wenn er sie mit Verachtung straft, soll sie sich nicht rächen.

Wenn er sie misshandelt, soll sie nicht die Geduld verlieren


Aus dem Uno-Entwicklungsprogramm UNDP:
Alle 34 Minuten wird eine Frau vergewaltigt, alle 93 Minuten wird irgendwo in Indien eine Frau getötet. Über ein Drittel aller indischen Frauen geht jede Nacht hungrig ins Bett. Fast 65 Prozent aller indischen Frauen werden geschlagen.

Mann/Frau sollte sich allerdings keinerlei Illusionen hingegeben, dass die Lage der Frauen in anderen Staaten Asiens (Nepal, China, Bangla Desh, Pakistan, Iran - eines der wenigen Länder Asiens, in denen es Gleichberechtigung für Frauen im europäischen Stil gab, der Irak, wurde ja von den USA und seinen europäischen Helfershelfern Großbritannien, Italien, Spanien und Polen in die "Steinzeit" zurückgebombt, zurück gefoltert und gemordet und das Merkel wäre auch gerne dabei gewesen, wenn man sie damals schon ran gelassen hätte), Afrikas (da kann man getrost alle Staaten mit Ausnahme Libyens nennen) oder Saudi-Arabiens wesentlich besser ist als das der indischen Frauen.

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31.10.2008, 07:20

Ein Fauenleben in Indien



Sehr beeindruckend hast Du von den Mißständen der Indischen Frauen berichtet. Es ist kaum

vorstellbar, dass es so etwas noch gibt und doch ist es in Indien und vielen anderen Ländern

noch die Tagesordnung.

Sicherlich ist Selbstjustiz nicht der richtige Weg, aber ich kann Phoolan Devi sehr gut verstehen,

dass sie so gehandelt hat und dadurch vielleicht einige wachgerüttelt hat, aber viel zu wenige.

Danke, dass Du ein so heikles Thema zur Sprache gebracht hast, nur immer wieder aufrütteln

und dagegen angehen, kann vielleicht HOFFENTLICH eines Tages doch noch etwas bewirken.

Liebe Grüße Monika 00000011
Die Natur ist das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Inhalt bietet.

J.W.Goethe

Andrea

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31.10.2008, 19:09

Phoolan Devi

Sehr beeindruckender Bericht über das Frauenleben
in Indien. Das Schicksal von Phoolan Devi hat mich sehr
berührt nach dem ich ein Buch über ihr Leben gelesen hatte.
Traurig und nachdenklich stimmt einem so ein grausames
Schicksal, Bewunderung für eine Frau die für oder um ihr
Leben gekämpft hat.
Dein Bericht ist sehr ausführlich und gut geschrieben, falls
du jemals ein Buch verfassen solltest einen begeisterten
Leser hast du schon.

Liebe Grüsse

Andrea

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31.10.2008, 19:20

Frauenleben in Indien



Hallo Dieter

Kann mich den Vorrednern nur anschliessen ein umfassender Bericht über

Die Mißstände in Indien, da möchte ich nicht als Frau geboren werden.

Ein sehr ausführlicher Bericht.

Liebe Grüße
Siggi
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31.10.2008, 19:54

Also eigentlich dürfte man meinen, dass es in der heutigen Zeit soetwas nicht mehr gibt. Aber man wird ja häufiger eines besseren belehrt. Ich habe deinen Bericht verschlungen! Eine sehr persönliche Geschichte hast du da vorgestellt. Es ist wirklich erschreckend, dass heutzutage soetwas in der Welt möglich ist.

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01.11.2008, 08:17

Phoolan Devi - Frauenschicksale

Hallo Dieter,

ein Frauenschicksal, das einem nicht kalt läßt.

Ein rundum bemerkenswerter Bericht über das Schicksal dieser bewundernswerten Frau, das zum Nachdenken anregt.
Passend dazu hast Du die Lebensbedingungen und Chancen der Frauen in Asien und Afrika umfassend geschildert und dokumentiert.

Ein packender, ausführlicher und aussagekräftiger Beitrag.

Wenn hierzulande über Quotenregelungen für Frauen in der Politik und Aufsichtsräten polarisiert und diskutiert wird, dann sind das
Lapalien im Vergleich zur Chancengleichheit in den von Dir geschilderten Regionen der Welt.

Lieben Gruß
Gottfried



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01.11.2008, 20:34

Ein Frauenleben in Indien

00000011

Man kann und will es nicht glauben....

...spannend bis in die letzte Zeile, hast Du einen unglaublichen Beitrag verfasst, der wohl jedem 'unter die Haut' geht.

Ich möchte mich meinen Vorrednern in allen Punkten anschließen ...
...denn ich bin vorerst wie gelähmt und finde keine eigenen Worte...
Ein Schiksal, das mich sehr berührt .

Liebe Grüße
Sonnenstunden
00000011
Die großen Ereignisse, das sind nicht immer unsere lautesten, sondern unsere stillen Stunden :love:
(Friedrich Nietzsche)

8

04.11.2008, 19:13


DANKE, Dieter, für diese aussergewöhnliche und bewegende Geschichte der Inderin Phoolan Devi.

Und mit den Worten, die einst Casanova sagte ....

"Denn das ist und bleibt wahr;
eine Frau, so schwach sie ist,
ist durch das Gefühl, das sie einflößt, stärker als der stärkste Mann." ....

möchte ich dieser mutigen Kämpferin Mut zusprechen.

Liebe Grüsse

hubsi
Ein Bild sagt mehr, als tausend Worte. :cursing: :thumbsup: :P

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04.11.2008, 21:46

Frauenleben in Indien

Hier noch ein kleiner Nachtrag


Die indische Frauenbewegung entstand in den 70iger Jahren. Eines der ersten Themen war die öffentliche Debatte um Vergewaltigungen. Vor allem der Fall von Rameeza Bee, einer Frau aus der armen Bevölkerungsschicht von Hyderabad, die auf einer Polizeiwache vergewaltigt und deren Mann bald darauf ermordet wurde, war Auftakt für eine landesweite Kampagne. Die Proteste und Demonstrationen gingen damals so weit, daß in Hyderabad der Ausnahmezustand verhängt werden mußte.

Ungefähr zur gleichen Zeit starteten Frauengruppen eine Kampagne gegen Mitgift. Sie nahm ihren Ausgangspunkt in den großen Städten, vor allem in Delhi, und griff dann rasch aufs ganze Land über. Zunächst begann die Kampagne mit Plakaten, Straßentheater und Protestsongs, dann kamen Rechtshilfe, Beratungszentren, Notunterkünfte und Lobbyarbeit für Gesetzesänderungen dazu.

Anhand dieser beiden großen Kampagnen wurde oft behauptet, daß die indische Frauenbewegung auf die Städte und die Mittelschichten beschränkt gewesen sei. Dies übersieht aber, dass zur gleichen Zeit die Chipko-Bewegung gerade in ländlichen Gebieten in den nördlichen Bergregionen Indiens aktiv war (Widerstand gegen das Abholzen von Bäume). Aus dieser Bewegung entstand dann erstmals ein Umweltbewußtsein in Indien.
Darüber hinaus werden bedeutende Protestbewegungen der letzten Jahre - wie die Bewegung gegen die Staudämme im zentralindischen Narmada-Tal (Medha Patkar) und die Bewegung für die Durchsetzung des Rechts auf Information (Arundhati Roy) - nicht nur von Frauen geführt, sondern bestehen zu einem großen Teil aus Frauen aus der Landbevölkerung.

Die Frauenbewegung in Indien hat so unterschiedliche Ziele, daß unklar ist, ob es sich um eine einheitliche Bewegung handelt, allerdings gibt es einige Themen, die von allen Frauengruppen und bundesweit abgehandelt werden:
  • Widerstand gegen Zwangsinstrumente bei der Familienplanung (Zwangssterilisationen)
  • bessere Gesundheitsversorgung von Frauen
  • Durchsetzung von Frauenrechten auf Ernährung und Hygiene
  • Widerstand gegen Mitgift
  • Kampf gegen Frühehen
  • Schutz vor Vergewaltigungen
  • Widerstand gegen geschlechtspezifische Abtreibungen und Tötung weiblicher Babys
Mitte der 70er Jahre legte die von der Regierung eingesetzte Kommission über die Stellung der Frauen auf Druck der Frauenbewegungen eine bahnbrechende Studie mit dem Titel "Towards Equality" vor. Dieser 1974 veröffentlichte Bericht belegte, daß sich die Situation der Frauen in vielen gesellschaftlichen Bereichen in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit verschlechtert hatte. Daraufhin wurden zahlreiche Gesetze zum Schutz der Frauen erlassen, aber bereits zu Beginn der 90er Jahre erkannte man, dass die Gewalt gegen Frauen nicht abnahm. Gerade im Fall einer Witwenverbrennung in Rajasthan zeigte sich auch, daß Staatsvertreter (Polizisten, Beamte, Richter) Mittäter bei der Unterdrückung von Frauen waren.

Der Fall der 70-jährigen Muslimin Shahbano (ein gerichtlicher Urteilsspruch, der feststellte, das laut islamischen Recht nach der Scheidung keine Unterhaltszahlungen zu leisten sind) führte dazu, dass zahlreiche Musliminnen in die Fraugengruppen eintraten. Verschleierte oder die Burka tragende Musliminnen traten nun gezielt in vorderster Reihe auf Demonstrationen auf.

Anfang der neunziger Jahre verabrschiedete das Parlament unter dem Druck der Frauenbewegung zwei Verfassungszusätze die eine Frauenquote von 33 Prozent für Kommunalparlamente vorsieht. Momentan laufen Aktionen, um die Quote auch auf das Bundesparlament und die Länderparlamente auszudehnen. Durch das neue Gesetz wurden über eine Million wichtige Positionen in Stadt- und Gemeindeverwaltungen mit Frauen besetzt.

Im Oktober 2006 trat mit dem Protection of Women from Domestic Violence Act ein Gesetz in Kraft, das häusliche Gewalt unter Strafe stellt.

Nach dem Sturm auf eine alte aufgelassene Moschee in Ayodhya erstarken die religiösen Fundamentalisten und hatten aus den Reihen der Frauen erstaunlicher Weise starken Zulauf. Viele dieser Frauen bilden nun bei den rechten Parteien (der BJP und der Shiv Sena) einen beachtlichen Teil des (militanten) Anhangs und verteten dabei Positionen, die in keinster Weise die der emanzipierten indischen Frauen widerspiegeln.

Bis heute ist es der "fortschrittlichen" Frauenbewegung nicht gelungen, religöse oder ethnische Mindeheiten einzubeziehen. Ein anderes der größten Probleme ist es, dass viele Frauengruppen es nicht schafften Solitarität mit den Frauen der Dalits (der Harijans oder Unberührbaren) zu entwicklen und die Kastenschranken zu überspringen. Dalit-Frauen verfügen heute über eigene Organisationen wie die National Federation of Dalits Women's Organisation, arbeiten auch mit anderen Frauengruppen zusammen, stehen aber neben ihnen. Die Selbsthilfegruppen armer Frauen aus den unteren Kasten wandten sich anfangs vor allem gegen den Alkoholismus (der viele arme Familien in Indien zerrüttet) und die Gewalt gegen unberührbare Frauen, sie kämpften für Landreformen und bessere Bildungsmöglichkeiten und gründeten Gewerkschaften und Kreditgenossenschaften für Kleinstunternehmerinnen.

Die indische Frauenbewegung ist nicht mit Frauengruppen westlicher Prägung zu vergleichen - die theoretisches Diskussion nimmt wenig oder geringen Raum ein. Die Gruppen sind fast immer praktisch orientiert. Typisch sind z.B. die Aktionen gegen Belästigungen in vollen Zügen - Demonstrationen in Mumbai haben dazu geführt, dass Frauen eigene "Frauenzüge", d.h. Wagons in den Zügen bekommen haben.

Trotzdem der Differenzen ist die indische Frauenbewegung vielleicht die dynamischste, sicherlich ein der größten in der ganzen Welt und umfaßt mehrere Millionen Aktivistinnen.

Ich selber habe mehrfach meine Patenkinder in Indien besucht. In einem Slum (Dehli) arbeitete die Organisation (Plan International) mit einer Frauengruppe zusammen. Ich war erstaunt, wie viele und vor allem wie viele Frauen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen dort beteiligt waren. Einige der Frauen waren aus den ärmsten Verhältnissen, haben sich nach Scheidung, Vergewaltigung, Mordversuchen von ihren Männern oder Familien getrennt oder wurden verstoßen, haben sich selbstständig gemacht, haben lesen und schreiben gelernt und arbeiten heute für soziale Organisationen, lehren anderen Frauen Hygiene, Empfängnisverhütung, Kindererziehung, klären über Aids auf, schulen Frauen und Kinder, übernehmen Kontakte zu städtischen oder staatlichen Stellen, organisieren Rechtsanwälte, planen Demonstrationen und führen sie durch - und das ohne irgendein ideologischen Überbau. Eine von ihnen hat mir sinngemäß gesagt: "Wir glauben nicht an die Hilfe von Männern, wir glauben nicht an die Hilfe der Regierung, sondern wir glauben nur daran, dass wir uns selber helfen können". Wahrscheinlich hat sie recht.

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05.11.2008, 12:54

Frauenleben in Indien

Hallo Dieter,

auch der "kleine Nachtrag" ist gespikt mit Informationen, die einem aus dem Staunen nicht herauskommen läßt.

Themen für Gesetzesvorlagen, welche die Würde und Position von Frauen stärken und absichern sollen, sind genügend vorhanden.

Bei der Vielzahl an Parteien, Bevölkerungsgruppen, Religionen und verschiedenst gelagerten Positionen, wartet hier noch viel Arbeit um die Anliegen rechtlich und real zum Durchbruch zu verhelfen.

Deine Ausführungen zeigen augenscheinlich auf, wo es in Bezug auf Frauenrechte und der gelebten Praxis in Indien noch riesigen Aufholbedarf gibt.
Eindrucksvolle Darstellung.

Lieben Gruß
Gottfried / hoelli





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05.11.2008, 17:42

frauen in Indien

Dieser Artikel geht unter die Haut. Man steht da und kann/will das Gelesene einfach nicht glauben.
Es macht einen sprachlos im ersten Moment, dann wütend im zweiten.
Die nächste Reaktion für mich selbst war: "Du bist auch eine Frau. Nein, dorthin werde ich nie fahren."
Aber dann kommen die Gedanken und Bilder von den mutigen Frauen, zu denen ich auch die Mutter Teresa zähle, und fordern zum Handeln auf.
Das du dort Familien unterstützt , Dieter, verleiht deinen Worten noch mehr Gewicht.
Danke für den erschütternden und interessanten Beitrag.
Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet hat. (Antoine de Saint-Exupery)

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12

06.11.2008, 12:48

Frauen in Indien



Auch Dein Nachtrag macht mich traurig und wütend. Man kann nur hoffen,

das die Frauenbewegungen viel in Bewegung bringen und dabei nicht von

den militanten Gruppen missbraucht werden.

LG Monika 00000011
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06.11.2008, 13:33

Hallo Dieter,

ein beeindruckender, ausführlicher Nachtrag mit weiteren Informationen, die man als Westeuropäer kaum begreifen kann...

Deine Erlebnisse und eigenen Eindrücke, die Du schilderst, zeigen Deinen außergenwöhnlichen Einsatz ...
> Chapeau <

Gemeinsam werden diese starken Frauen es schaffen, ihre Rechte zu bekommen, um wenigstens die abgehandelten Themen durchzusetzen
.... irgendwann!
Ich hoffe und wünsche es ihnen so sehr!!!

Gruß
Sonnenstunden
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08.11.2008, 21:26

Frauenleben

Viele Pixxloader haben mich darauf angesprochen, wie schlimm die Zustände in Indien sind. Das sind sie für Frauen, Kinder und auch Männer sicherlich. Aber: nicht nur in Indien, hier einige Beispiele
  • Jedes Jahr werden etwa 300 Mädchen und Frauen in Bangldesh Opfer eines Säureanschlags
  • Frauen in Nigeria werden nach der islamischen Scharia zu 100 Peitschenhieben verurteilt, wenn ein Mann sie vergewaltigt. Bestreitet der Mann die Tat, erhält sie zusätzlich weitere 80 Hiebe. Männer werden wegen Vergewaltigung (natürlich) nicht angeklagt.
  • In Iran, Sudan, in Nigeria, Saudiarabien und den Emiraten wird außerehelicher oder gleichgeschlechtlicher Verkehr von Frauen mit der Steinigung bestraft. Jedes Jahr werden dort zahlreiche Frauen durch Steinigung getötet.
  • In Pakistan gbit es jedes Jahr ca. 2000 Ehrenmorde, in den letzten 6 Jahren in der Türkei 1800 Ehrenmorde, 2006 in der Bundesrepublik 36 Ehrenmorde.

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08.11.2008, 21:29

Aid India

Vor zwei Jahren habe ich in Tamil Nadu ein Projekt der Aid India besucht. Diese Organisation besteht in diesem Bereich nur aus Frauen und engagiert sich gegen die Unterdrückung der indischen Frauen, gegen Mädchenmorde, gegen Mitgifthochzeiten.
Hintergrund: Jedes Jahr werden unzählige weibliche Föten abgetrieben oder neugeborene weibliche Babys getötet. Ein Mädchen runiert auf Grund der hohen Mitgiftzahlungen jede Familie.

Aid India verhindert in erster Linie Mädchenmorde und Abtreibungen. Frauen in vielen Orten haben sich zusammen geschlossen und kontrollieren und überwachen sich selber bei Schwangerschaften, bieten Hilfe an und setzen Männer unter Druck, die häufig die Frauen zu ihren Taten anstiften (da es die größte Schande für eine Frau ist, wenn ein Mann sie verläßt). Systematisch werden alle Ärzte kontrolliert, damit dort die gesetzlich verbotene Geschlechtsbestimmung durch Ultraschall und Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr vorgenommen werden. Mehrere Ärze wurden angezeigt und verurteilt. Schwangere Frauen, die bereits Mädchen haben, werden wirtschaftlich unterstützt, damit sie die Möglichkeit haben, die Töchter aufzuziehen und auszubilden: man stellt der Familie z.B. eine Nähmaschine oder ein Telefon kostenlos zur Verfügung, schult die Menschen, damit sie einen Nähladen oder einen Telefonshop aufmachen können. Es geht vor allem auch darum, den Familien eine Basis zu geben, die es ihnen ermöglicht menschenwürdig zu leben und die eigenen Kinder menschenwürdig auf zuziehen. In einigen Dörfern haben sich die Frauen zusammengeschlossen und sind nicht mehr bereit, irgendeine Mitgift zu bezahlen, wenn ihre Töchter heiraten. Frauen, die ihre Töchter töten, werden vor Gericht angeklagt, erhalten aber von der Organisation Rechtsanwälte gestellt, da Aid India erkannt hat, dass Frauen häufig unter Druck ihrer Männer oder Schwiegereltern handeln.

AID-India hat sogenannte "Ergänzungsschulen" eingerichtet, die an den Nachmittagen Nachhilfe für die Kinder anbieten und an den Abenden PC- und Internetkurse für Erwachsene durchführen. Auf ehremamtlicher Basis werden Frauen in den Dörfern im Bereich Kinder- und Frauengesundheit fortgebildet. Sie haben dann die Aufgabe, in ihren Dörfern den Gesundheitszustand jedes Bewohners festzustellen, übernehmen die Erstversorgung und führen Kurse in Hygienefragen durch.

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08.11.2008, 21:39

Plan

Ich habe mehrmals Projekte von Plan International besucht. Plan vermittelt Patenschaften für Kinder und ist in zahlreichen Ländern als Hilfsorganisation tätig. Im Unterschied zu staatlicher Entwicklungshilfe, die sich fast ausschließlich auf Großprojekte konzentriert (z.B. Staudämme, die den armen Indern nicht viel nutzen, aber den beteiligten deutschen Unternehmen gute Gewinne bringen), legt Plan Wert auf kleine direkte Projektarbeit.

Plan arbeitet in den Projektländern prinzipiell immer mit einheimischen Organisationen zusammen, in Dehli z.B. mit WAFD (Woman Association für Development). Grundprinzip ist im Gegensatz zu z.B. kirchlichen Organisationen nicht die "milde Gabe", sondern die Grundlage zu schaffen, dass die Menschen selbständig ihren Lebensunterhalt verdienen können. Die schließt natürlich Soforthilfe nicht aus.

In den Projektgebieten, in denen ich meine Patenkinder besucht habe (ein Slum in Delhi, einer in Hyderabad, ein Dorf in Kambodscha), wird versucht, immer in Zusammenarbeit mit den Einheimischen die entsprechenden Schritte zu planen. Ohne Mitarbeit der Betroffenen geht gar nichts - in der Regel wird Material und Werkzeug gestellt, arbeiten müssen die Leute. Projektziele werden gemeinsam festgesetzt. Zum Beispiel haben sich in Delhi die Slumbewohner entschlossen, eine kleine Moschee und einen kleinen Hindutempel durch eigene Arbeit im Slum zu errichten, anfangs gegen Einwände der Plan-Mitarbeiter, aus dem einfachen Grund, dass das indische Gesetz vorsieht, dass ein Slum von Polizei und Armee nicht ohne richterlichen Beschluß geräumt werden darf, wenn dort eine Moschee und ein Hindutempel existiert - und gegen richterliche Beschüsse gibt es rechtliche Möglichkeiten.

Großer Wert wird auf Ausbildung der Menschen gelegt. Ein Teil der bezahlten Patengelder wird verwendet für die Ausbildung der Patenkinder (Schule, z.T. sogar Studium), ein Teil für die Weiterbildung der Erwachsenen, ein Teil für die Gesundheitsfürsorge, ein anderer Teil für gemeinschaftlich genutzte Einrichtungen. Jede Woche kommen z.B. zwei Ärzte - zum Teil ehrenamtlich - in die Slums und behandeln die Bewohner. Für die Frauen gibt es spezielle Kurse für Hygiene, Säuglingspflege, Gesundheitsvorsorge, Empfängnisverhütung und über die Aids-Problematik. Während in den Anfangsphasen hauptsächlich die Männer gefördert wurden, hat man in vielen Jahren erkannt, dass es wesentlich sinnvoller ist, die Frauen zu fördern. Im Kleinkreditwesen werden Kredite ausschließlich an Frauen vergeben - in Gruppen von 5 Frauen bekommt eine einen Kredit (z.B. 40 Euro um einen Laden aufzumachen), die anderen vier überwachen die Rückzahlung, denn erst dann kann die nächste einen Kredit bekommen. Die Rückzahlungsquote ist praktisch 100%. Im Slum von Delhi haben die Einwohner beschlossen, Geld zusammen zulegen, damit ein besonders begabtes Mädchen studieren kann - dieses Mädchen vertritt die Slumbewohner als Rechtsanwältin heute vor den Behörden und Gerichten.

Mit Materialien von Plan haben dort die Slumbewohner eine einfache medizinische Station, eine kleine Primärschule, einen Kindergarten, Toiletten und Wasserstellen erbaut und - zu dem Zeitpunkt als ich dort war - begonnen die Hauptstrasse zu pflastern und Abwasserleitungen zu verlegen, da jeder Monsun die gesamten Wege weggespült hat.

In Kambodscha haben sich die Frauen ein System für Aufbau einer Hühnerzucht ausgedacht: Plan hat an 10 Frauen einen Hahn und zwei Hühner ausgegeben, die Frauen haben die Auflage im nächsten Jahr zwei Hähne und vier Hühner an andere Familien weiterzugeben, diese haben natürlich die gleiche Auflage.

In der Regel werden die Projektgebiete 10 bis 15 Jahre betreut, bis die Gebiete in der Lage sind, sich selbst zu verwalten und zu erhalten und keine weitere Hilfe benötigen. Im Slum meines ersten Patenkindes in Chennai/Madras haben vor ca. 8 Jahren die Slumbewohner selbst entschieden, dass sie keine Hilfe mehr benötigen und Plan gebeten, in einem anderen Slum ein neues Projekt zu beginnen.

Ach ja - und hier noch eine ganz unverholene Schleichwerbung:
die Patenschaft für ein Kind kostet im Monat 25 Euro, die Adresse der Homepage lautet http://www.plan-deutschland.de/



17

08.11.2008, 22:14

Hallo yaWo

Wirklich eine traurige Geschichte, die das Herz berührt.
Überall auf der Welt geschehen diese schlimmen Dinge,
schön das du dich dafür engagierst A)d

Es sollte mehr solche Menschen geben.

Liebe Grüsse

Kirsten

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18

09.11.2008, 08:03

Aid India, Plan

Hallo Dieter,

mit der Vorstellung der Projekte Aid India und Plan gewährst Du Einblicke, auf welche Art und Weise versucht wird, die Mißstände in Bezug auf Diskriminierung und Chancenlosigkeit der Frauen und benachteiligten Kindern in der Gesellschaft Indiens zu beseitigen und mit einer begleitenden Betreuung eine Verbesserung der mißlichen Lage zu erreichen.

In Indien wurden durch den rasanten wirtschaftlichen Aufschwung zwar in den letzten Jahren viele Arbeitsplätze auch für Frauen geschaffen, was sie auch unabhängiger von der nachwievor dominierenden Männergesellschaft und den überlieferten Traditionen macht, bis ein halbwegs erträglicher Standard erreicht ist, werden allerdings noch viele Jahrzehnte vergehen.

Durch Deinen Einsatz trägst Du mit dazu bei, das dies auch eines Tages gelingen wird. Dafür meine ganz besondere Hochachtung.

Lieben Gruß
Gottfried









Edi

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19

09.11.2008, 08:36

Ein Leben in Würde

Das ist es, was die Frauen in Indien, die Kinder auf der Straße und überhaupt alle Menschen dieser, unserer Welt brauchen.
Ich habe dazu in meinem Bolivienalbum ein gedicht von Hans-Martin Große-Oetringhaus gefunden.

Du siehst uns

Du siehst uns
und hast Mitleid.
Mitleid, weil wir hungern,
Mitleid, wiel wir ärmlich gekleidet sind.

Mitleid,
weil wir auf der Straße
ums Überleben kämpfen.
Unseren Zorn und unsere Verzweiflung,
unsere tränen siehst du
und hast Mitleid.

Du willst uns
von deinem Überfluss etwas abgegeb
Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet hat. (Antoine de Saint-Exupery)

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20

09.11.2008, 09:44

Dieter...

...haben wir nicht alle Mitleid?
...und schauen weg...
spenden ggf. ein paar Euro....
...und machen uns damit ein besseres Gewissen?

Ich bewundere Deinen persönlichen Einsatz, Dein Engagement!!!!
- CHAPEAU -

Dir, Edi, danke ich für Deine Worte.... sie sprechen mir aus der Seele.

Liebe Grüße
Sonnenstunden
00000011
Die großen Ereignisse, das sind nicht immer unsere lautesten, sondern unsere stillen Stunden :love:
(Friedrich Nietzsche)