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04.11.2008, 20:25

Backwater-Trip in Kerala, Südindien

Kerala ist ein Bundesstaat an der Malabarküste im Südwesten Indiens. Die Bevölkerungsdichte beträgt fast 1000 Einwohner je qkm. Damit gehört der Staat zu den am dichtesten besiedelten Regionen Indiens. Hauptstadt ist Thiruvananthapuram (das ehemalige Trivandrum). Der Name Kerala bedeutet wörtlich "Land der Kokospalmen".

Im Gegensatz zu den anderen indischen Bundesstaaten gbit es relativ viele Christen (20%) und Muslime (25 %). Der Islam wurde hier nicht wie im übrigen Indien durch Eroberung und Raubzüge, sondern durch arabische Händler friedlich eingeführt. Die Christen sind Thomaschristen und führen ihren Ursprung auf den Apostel Thomas zurück, waren also schon in Indien lange bevor ein Christ den mitteleuropäischen Boden betrat. Daneben gab es früher eine größere Gemeinde Juden, die lange vor Christi Geburt in Kerala lebten (heute sind die meisten nach Israel ausgewandert). In einigen Teilen Keralas gibt es noch matrimoniale Dorfstrukturen.

Die ersten Wahlen im neu erstandenen Bundesstaat Kerala fanden 1957 statt und wurden von der Communist Party of India (CPI) gewonnen - Kerala war damit das erste Land der Welt, das von einer demokratisch gewählten kommunistischen Regierung regiert wurde. Seither wechseln in regelmäßigen Abständen konservative (unter Führung der Kongresspartei) und kommunistische Regierungen ab. Kerala ist eines der reichsten Länder Indiens und hat die höchste Alphabetisierungsquote Indiens. Es gibt sehr viele Kooperativen, Genossenschaften und relativ wenige Großgrundbesitzer - die kommunistische Regierung hatte als einziges Land Indiens die Auflösung des Großgrundbesitzes - eines Verfassungsgrundsatzes der indischen Verfassung - wirklich durchgeführt. Aufsehen erregte die kommunistische Regierung 2006, nachdem sie Produktion und Verkauf von Coca Cola und Pepsi verboten hatte, nachdem zu viele Pestizid-Rückstände in den Getränken gefunden wurden und nachdem Tausende von Bauern obdachlos geworden waren, da die Getränke-Abfüllanlagen weit über die vertraglich zugesagte Menge Grundwasser abgepumpt und riesige Gebiete in dem ansonst tropisch-fruchtbare Land zu trockenen Wüsten gemacht hatten.

Kerala ist ein tropisches Land voll von Kokospalmen entlang den Küsten, gefolgt von unzähligen Kanälen (den Backwaters), die dann langsam zu den Westghats (den Bergen) ansteigen, in denen Kaffee, Tee und jede Art von Gewürzen angepflanzt wird. Entland der Ghats regnet sich der Monsun ab und schafft das fruchtbare Klima Keralas.

Und von den Backwaters will ich erzählen (Zur Erläuterung: im letzten Jahrzehnt wurden in Indien zahlreiche Orte umbenannt, z.B. Chochin nach Kollam, Bombay nach Mumbai. Da häufig immer noch die alten Bezeichnungen bekannter sind, nenne ich diese in Klammern nach den heutigen Namen)
Meine Frau und ich kamen mit dem Bus aus Kochi (Chochin) nach Alappuzha (Alleppey). Vor uns eine wilde Gruppe von jungen Travellern, die lautstark und rüpelnd den Bus verließen und auf Zimmersuche gingen. Wir nahmen unsere Taschen und gingen wie immer wenn wir wo ankommen als erstes zum nächsten Restaurant und bestellten uns erst einmal Chai (indischen Gewürztee), unterhielten uns mit den Indern und bekamen dann auch ein gutes, preiswertes Hotel empfohlen. Als wir dort eincheckten, kamen denn auch schon die wilden Traveller und stritten sich um die letzten Zimmer.

Den ersten Tag verbrachten wir im Ort und liefen herum, stöberten in den Läden und probierten unzählige Snacks aus, die wir nicht kannten (und fanden u.a. den besten Roti-Stand) - unzählige Kanäle durchziehen Alappuzha. Alappuzha gilt als das "Vendig Indiens", hat aber keinerlei Ähnlichkeit mit Venedig. Trotzdem ist die Stadt schön - jedes Haus ist von Grün umgeben, an den Kanälen stehen große alte Lagerhäuser, z.T. in wunderschöner Architektur, manche recht mitgenommen. Es gibt einen schönen großen Hindutempel im typischen Keralastil, der so völlig anders ist als alle anderen Tempelstile Indiens. Im August findet in
Alappuzha ein großes Schlangenbootrennen statt, wir waren leider im Februar da.

Am nächsten Tag nahmen wir ein Tuktuk zum Hafen und dann das nächste Linienboot, das abfuhr. Über den Vembanadu Lake ging es in vier Stunden nach Kottayam entlang von chinesischen Fischernetzen, riesigen Kokusnußplantagen, Reisfeldern und durch Dörfer rechts und links der Kanäle. Auf dem Wasser große Touristenboote, Lastkähne, Fischer, Fähren, die alles was beweglich ist, über Kanäle und Flüße übersetzen, Männer, die in mühseliger Arbeit tauchen und große Körbe mit Sand nach oben holen und in Boote schüten. Überall Reiher, Kormorane, Adler und Möven, dann wieder strahlendweise Kirchen, ab und zu ein Hindutempel. Dazwischen ab und zu ein Elefant.
Die Einheimischen im Linienboot waren alle sehr nett (wahrscheinlich fahren da relativ wenig Touristen) und irgendwann waren wir natürlich eingeladen (wir konnten einfach nicht absagen) und hielten unterwegs und besuchten die Familie in ihrem einfachen, aber durch die grüne Umgebung recht malerischen Haus. Nach langen Fragen und Anworten zeigten die Leute uns ihren Gewürzgarten, erklärten Art und Anbau, was man damit machen kann, der Sohn kletterte auf eine Palme und holte uns Kokosnüsse, der andere Sohn schlug sie auf und wir tanken sie... Dann gings wieder zurück zum Kanal. Schon nach einer Stunde kam dann auch schon das Linienboot zurück nach Alappuzha - der Bootsführer wartete sogar geduldig bis wir unseren Chai ausgetrunken und bezahlt hatten.

Am nächsten Tag in
Alappuzha gings nach dem Frühstück (Idli mit Sambal und Gemüsecurry - hmmmmm) wieder zum Hafen, denn wir wollten ja nach Kottayam, das wir am letzten Tag nicht erreicht hatten. Dort besichtigten wir die Stadt (Kottayam ist ein Zentrum der syrischen Christen) - einige schöne weiß gestrichenen Kirchen, ein großes Kloster, einen Hindutempel in keralesischen Stil und ein ausgezeichnetes vegetarischen Restaurant. In der Cheriapalli-Kirche gibt es wunderschöne Wandgemälde, die Valliapalli-Kirche hat ein ausgefallenes pesisches Kreuz.

Nach drei Stunden waren wir wieder zurück am Hafen, um das letzte Boot zu erwischen. Unterwegs gab es allerdings einen Maschinenschaden, kurze Aufregung, das Boot trieb auf dem Kanal herum, rummste dann kräftig gegen die Uferbefestigung und lag fest. Wir taten es wie die Inder und machten es uns gemütlich, Beine hoch, Tasche unter den Kopf und eine Runde dösen. Nach einer halben Stunde kam von irgendwoher ein Chai-Verkäufer (das liebe ich an den Indern - keine Ahnung wie die Chai-Verkäufer so was erfahren) und wir tranken gemütlich unseren Tee. Schon nach knappen drei Stunden war der Maschinenschaden behoben und es ging weiter nach Alappuzha zurück. Belohnt wurden wir wegen der großen Vespätung durch einen unglaublichen Abend - die Sonne ging unter (ein Sonnenuntergang erster Klasse!), es wurde dunkel und unser Boot stampfte unter unzähligen Sternen über den Vembanadu Lake, am Ufer ab und zu ein kleines Feuer oder elektrischen Licht. Besser hätte es nicht kommen können.

Am nächsten Tag liefen wir am Ufer des Vembanadu Lake entlang, durch zahlreiche kleine Dörfer, entlang von Reisfeldern und durch Kokosnußplantagen, an Luxus-Ayurveda-Resort vorbei.

Am Tag darauf nahmen wir ein Boot nach Changannur (Changanacherry), wo wir ganz zufällig in eine Spinnerei-Genossenschaft gerieten. Am meisten hat uns eine Einrichtung erstaunt, die ich sonst noch nirgendwo erlebt hatte: vorne im Raum saß ein Mann, der den gesamten Vormittag aus den unterschiedlichsten Zeitungen vorlas. Jeden Tag kommt ein anderer zum Vorlesen dran und die anderen Arbeiter "arbeiten" quasi für ihn mit. Das scheint in Kerala ganz normal zu sein, da dort die Bevölkerung extrem politisiert und interessiert ist. Hat mich sehr beeintdruckt.

Am nächsten Tag gings dann mit einem anderen Linienboot zurück nach Kochi (Chochin), wo wir einen Tag blieben und wieder nach Alappuzha (zu Kochi kommt demnächst ein Beitrag)

Weiter ging es dann mit dem "offiziellen" Touristenboot nach Kollam (Quilon). Das normale Linienboot wurde eingestellt, da die Einheimischen lieber mit dem Bus fahren, das ist wesentlich schneller und "time is money", sogar in Indien. Ein Boot voll mit Touristen - naja kommt halt nicht an ein normales Linienboot voll mit Indern ran. Aber die Fahrt war wunderschön, die Landschaft unglaublich, die meisten Touristen saßen auf dem Dach und kamen nach sechs, sieben Stunden herunter in den Schatten, die meisten rosarot bis dunkelrot wie kleine Schweinchen..... :-)

Mein Tipp: Die Fahrt mit dem Touristenboot von Alappuzha nach Kollam ist wirklich schön, es gibt auch eine Mittagspause in einem hervorragenden vegetarisch-ayurvedischen Restaurant. Wenn aber jemand nur Zeit für eine Fahrt hat, würde ich ihm auf jeden Fall die von Alappuzha nach Kottayam empfehlen, die ist landschaftlich die schönste. Machen sollte man auf jden Fall eine, denn ein Backwater-Trip ist eines der Highlights von Kerala.




Weitere Informationen
zu Kerala unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Kerala
zu Kollam unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Kollam
zu
Alappuzha unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Alappuzha
zu Kochi unter
http://de.wikipedia.org/wiki/Kochi_(Indien)




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04.11.2008, 20:27

Backwater-Trip in Kerala, Südindien


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04.11.2008, 20:29

Backwater-Trip in Kerala, Südindien


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04.11.2008, 20:35

Backwater-Trip in Kerala, Südindien


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04.11.2008, 20:36

Backwater-Trip in Kerala, Südindien


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04.11.2008, 20:58

Südindien

Hallo Dieter :freunde:

Wundervoll!!! A)d Eine richtige Reiseverlauf-Beschreibung :---)

Und wieder wurdest du von einer Familie eingeladen, dass muss wirklich ein unvergessliches
Erlebnis sein. Wieviele Touristen können das schon von sich behaupten?
So lernt man die Kultur und Menschen richtig kennen :sehrgut:

Urlaub ohne rote Deutsche ist doch kein richtiger Urlaub :;)

Wunderschöne Fotos hast du wieder angehängt, einfach einsame Spitze! :applaus: :hutab:

Hoffentlich folgen noch viiiiele andere Dieters-persönlicher-Reiseführer-Beiträge )M(IC

Liebe Grüsse

Kirsten (o100)

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05.11.2008, 18:25

Südindien

Hallo Dieter

Du kannst ja einen Reiseführer schreiben, bei soviel Informationen über Indien und den passenden Bildern dazu.

Ich habe es mir gestern Abend bei einem Gläschen Rotwein als Abendlektüre gelesen und die Bilder betrachtet

und muss sagen, Klasse.

LG
Siggi
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06.11.2008, 12:34

Backwater-Trip



.....da kann ich Siggi nur beipflichten - einen Reisefüher von YaWo A)d

oder gibt es den schon :-))

Danke für Deine viele Mühe /Gh

LG Monika 00000011
Die Natur ist das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Inhalt bietet.

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9

06.11.2008, 13:45

Backwater-Trip

Hallo Dieter,

was ich durch Dich alles über Indien erfahre, steht in keinem Reiseführer!!

Aus Deinen Worten höre ich Deine Liebe zu diesem Land und zu diesen Menschen heraus...

Einen ganz persönichen, wunderbaren Bericht mit hervorragenden Fotos hast Du damit wieder einmal zu Papier gebracht und uns spannende Literatur an die Hand gegeben.

:thankyou: Ein dickes Lob und ein Dankeschön dafür.. :thankyou:

Liebe Grüße
Sonnenstunden
00000011
Die großen Ereignisse, das sind nicht immer unsere lautesten, sondern unsere stillen Stunden :love:
(Friedrich Nietzsche)

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10

07.11.2008, 08:04

Backwater-Trip Kerala

Hallo Dieter,

die Zeit nimmt man sich gerne, Deine Berichte von vorne bis hinten und öfter mal auch nochmals von unten nach oben zu lesen.

Besser kann man ein Gebiet nicht vorgestellt bekommen. Die persönlichen Erlebnisse, zusammen mit den Bildern und den Fakten, ergeben eine Dokumentation, die ihresgleichen sucht.

Dieses tropische Küstengebiet mit seinen Kanälen und Flüssen stellst Du in beeindruckender Art und Weise vor. Gespiekt mit persönlichen Erlebnissen und Eindrücken, wird man als Außenstehender in den Verlauf des Backwater-Trips miteinbezogen und reist förmlich mit.

Bericht und Fotos sprechen für sich
:thankyou: :thankyou: :thankyou:

Lieben Gruß
Gottfried