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20.05.2010, 09:57

Ganz große Klasse !!!! vielen Dank für die ausführliche Berichterstattung- da reise ich gleich noch einmal mit und alle Bilder kommen wieder zurück !! Liebe Grüsse Dorothee
Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt....

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20.05.2010, 17:24

Hassan

Durch eine schöne, absolut grüne Gegend ging es mit dem Local Bus nach Hassan (3 Stunden). Entlang an unzähligen Reisfeldern, vielen Stauseen und am Cauvery River. Viele schöne traditionelle Häuser, wenig Wellblech - wahrscheinlich sind die handgefertigten Dachziegeln billiger.
Hassan ist eine typische indische Kleinstadt, staubig, viel Verkehr - Busse, Motorräder, Räder, Ochsenkarren, Rikschas -, einem großen Busbahnhof, einem etwas herunter gekommenen Markt, einigen kleinen Tempeln, einigen Moscheen und einem großen Park im Zentrum. Naja, wir wollten ja auch nicht Hassan, sondern Halebiddu und Beluru besichtigen. In einer billigen, für den Preis (250 Rupies) sogar recht sauberen Lodge bekamen wir direkt neben dem Busbahnhof ein Zimmer mit Balkon und Blick auf den Obstmarkt.

Im nächsten Photoshop ließen wir Passbilder für Visas machen, 20 Stück für ca. 0,80 EUR (kann ich nur jedem empfehlen)


Hassan ist der ideale Ausgangspunkt für Besuche in Halebiddu und Beluru.


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20.05.2010, 17:28

Halebiddu (Halebid)

Nachmittags dann nach Halebiddu. Die Landschaft bleibt weiterhin schön und grün. Dann an einem See gelegen, der Hoysolesvara-Tempel von Halebiddu. Erstaulicher Weise und zum ersten Mal in Indien wird kein Eintritt verlangt - wir fanden die Eintrittspreise für Nicht-Inder sowieso immer völlig überzogen.

Der Tempel selber sieht aus der Ferne recht unscheinbar aus, ein einstöckiges Gebäude ohne Türme...Aber beim Näherkommen steht man starr vor Staunen: über und über voll mit den wunderbarsten Figuren und Friesen. Von der Schönheit der Figuren durchaus mit denen in Khajuraho vergleichbar, allerdings in einem völlig anderen Stil.

Der Tempel stammt aus dem Jahr 1121, der Bau soll mehr als 80 Jahre gedauert haben (wobei der Tempel selber nie fertig gestellt wurde). Der Tempel wurde aus schwarzem Stein gemeißelt. Die Außenwände sind unten mit Bändern von Elefanten, Fabelwesen, Pferden und Reitern, Löwen, Musikanten und Tänzern umgeben - keine Figur ist identisch. Darüber befinden sich grandiose Darstellung der Götter Shiva, Brahma und Vishnu (in all seinen Inkarnationen, am spektakulärsten als eberköpfiger Retter der Welt, als Narashima oder Rama), Ganesha oder Durga. Viele der Götterstatuen sind mit ihren Gemahlinnen und Reittieren dargestellt. Die Kunstfertigkeit ist unglaublich, Wir bleiben einige Stunden bis die Nacht einbricht und der Tempel geschlossen wird, sehen unzählige Inder und Schulklassen kommen und gehen, einige Touristen tauchen auf und verschwinden, wir füttern Streifenhörnchen mit Keksen - sie kommen und holen sich die Keksstücke aus der Hand, eines bekommt einen ganzen Keks und frisst vor unseren Augen fast eine Viertelstunde daran.

"Spät abends" um 20:00 (um 18:00 geht hier die Sonne unter) geht es dann zurück nach Hassan.


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20.05.2010, 17:31

Halebiddu (Halebid)


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20.05.2010, 17:36

Beluru (Belur)

Am nächsten Tag fuhr ich früh morgens nach Beluru. Der Channakesvhara Temple ist der einzige der Hoysala-Tempel, der noch vollkommen in Betrieb ist. Ein kurzes Frühstück am Busbahnhof in Beluru: Idlys, absolut scheußlich, das schlimmste Essen in Indien, ich ließ alles bis auf den Chai stehen. Dann den Kilometer zum Tempel zu Fuß. Man erkennt den Channakesvhara Temple sofort an seinem großen Gopuram (Tempelturm über dem Eingang), rechts neben dem Tempel steht eingezäunt der große Tempel-Prozessionswagen aus Holz. Auch hier ist der Eintritt frei.

Der Channakesvhara Tempel stammt von 1116 und der Bau dauerte länger als 100 Jahre. Mehr als 3000 unterschiedliche Elefanten finden sich in den umlaufenden Reliefbändern an den Außenwänden. Darüber die großen Götterstatuen - bei weitem nicht so schön wie die Götterstatuen in Halebiddu. Dafür sind die kleinen Figuren in den Reflief-Bändern, den Fenstern, an den Tragestützen der Dächer und über den Eingängen wunderbar ausdruckvoll und fein gearbeitet. Die Innenausstattung ist ausgesprochen eindrucksvoll mit den großen gedrechselten und dann behauenen Säulen und den großen Vishnu-Figuren neben dem Heiligtum. Oben eine schöne Bildhauerarbeit im Deckenrund. Ich komme pünktlich zur Puja kurz vor 08:00 und so um 09:00 ist die nächste: die Priester öffnen das Tor zum Heiligtum, ziehen die Vorhänge weg, schwenken riesige Weihrauch- und Feuerschalen, alle Hindus drängen sich nach vorne um Segen und Prasad zu bekommen (natürlich gegen eine Spende). Die Priester haben alle Hände voll zu tun und tun dies in voller "Würde" - kein Lächeln entkommt ihrem Gesicht.

Um den Channakesvhara Temple befinden sich noch einige kleinere Tempel mit großen Elefanten an den Eingängen und weitern schönen Figuren.


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20.05.2010, 17:39

Beluru (Belur)


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20.05.2010, 17:43

Kochi (Cochin)

Mit dem Nachtbus der K.R.T.S.C weiter nach Cochin - angeblich das Beste, was es an Bussen hier in Kerala gibt. Es ging schon einmal eine Stunde später los - wir hatten den dümmsten Busschaffner erwischt, den es anscheinend in Indien gibt. Er ließ alle Leute in den Bus, auch die, die kein Ticket hatten und versuchten einen freien Platz zu bekommen. So saß denn auch der Bus voll, als wir (und andere Inder) mit unseren vorgekauften Tickets ankamen. Die mussten sich durch alle Inder drängen, die vor der Tür und im Gang des Busses standen. Dann musste man die Leute aufscheuchen, die auf den reservierten Plätzen saßen und die mussten sich durch alle Leute, die im Gang des Busses und vor der Tür standen hinausdrängen. Hinzu kam, dass der Schaffner zu faul war, die Gepäckabteile unten am Bus zu öffnen und so jeder mit seinem großen Gepäck in den Bus drängte und das größere Gepäck dann im Mittelflur geparkt wurde. Jeder Ein- und Aussteigend musste sich daher über die Gepäckhaufen im Mittelgang steigen.

Es war ein herrliches Chaos - als dann alle reservierten Sitze belegt und die restlichen freien verkauft waren, wurden alle anderen Inder aus dem Bus gedrängt - dann lief der Schaffner noch mindestens acht mal durch den Bus und zählte die Fahrgäste. Es war einfach grandios komisch. Jedenfalls fuhr der Bus dann mit einer Stunde Verspätung ab. Nachts bissen uns die Wanzen die Füße wund - bisher hatten wir in Indien noch nie Wanzen gesehen, geschweige denn gespürt. Einige Kilometer vor Kochi hatten wir dann links vorne einen Plattfuß und Fahrer, Beifahrer und Schaffner versuchten den Reifen zu wechseln. Wir nutzten die Zeit für eine Kaffeepause. Dann kam ein anderer Bus, der uns mitnahm - die 10 km Stehplatz konnten wir verschmerzen.

Der Bus endete in Ernakulum und nach einem Frühstück im Busbahnhof ging es dann mit der Motorrikscha auf die Insel Kochi. Nach einigen Hin und Her kamen wir zum gewünschten Preis von höchstens 400 Rupies in einem Homestay "Casa Mia" unter. Wie immer hatte der Rikschafahrer viel teurere Unterkünfte angefahren als wir vorgaben und war dann auch noch stinksauer, als wir den Preis von 700 auf 400 Rupies herunter handelten (das gab weniger Kommission).

Am Abend waren wir dann doch geschockt: Kochi hat zwar wenig zu bieten (chinesische Fischernetze am Hafen, zwei Kirchen St. Francis und Maria Cruz, die älteste Synagoge Indiens und den Dutch Palace), ist aber trotzdem völlig touristisch - und die Touristen machen begeistert mit: weißer Reis als Beilage kostet hier soviel wie im restlichen Indien ein vollwertiges vegetarisches Gericht, der Tee zum Teil dreimal soviel an anderen Orten und dabei ist das Essen recht mies - weniger indisch als touristisch, das übliche belanglose Travellerfood, wie es überall auf der Welt gibt, geschmacklos und austauschbar.

An den nächsten zwei Tagen klapperten wir die paar Sehenswürdigkeiten ab, verbrachten die Abende am Strand, sahen ein keralesisches Tanzdrama an, fanden weitab Gott sei dank zwei indische Restaurants, wo es relativ gutes indisches Essen zu vernünftigen Preisen gab (jedenfalls um Klassen besser als das Touristenfood) und kauften einige Shawls für Geschenke ein. Die Synagoge ist ganz nett, muss man aber nicht gesehen haben. Das Interessanteste sind die handgefertigten Bodenfließen aus China. Der naheliegende jüdische Friedhof ist immer geschlossen, aber man kann vom Dach eines nebenstehenden Geschäft einen Blick hineinwerfen, aber außer einigen schwarzes Steinblöcken (den Grabsteinen) ist nichts zu sehen. Der Matancherry Palace (Dutch Palace) wurde von den Portugiesen gebaut und als Bestechungsgabe dem Raja von Cochin (als Gegengabe für Handelsprivilegien) geschenkt und später von den Holländern renoviert (daher Dutch Palace). Sehr schön und in ihrer Art einzigartig sind die alten hinduistischen Wandgemälde. Der Palast ist offen, wird aber momentan renoviert, kostet dafür aber nur 2 Rupies Eintritt.

Rund um die Synagoge und den Dutch Palace gibt es Hunderte von Souvenierläden – alle sind völlig überteuert und nach unseren Erfahrungen können die Preise um mindestens 50 % heruntergehandelt werden.

Die St. Francis Church ist die älteste Kirche in Asien und wurde von den Portugiesen (ebenfalls wie die Santa Cruz Basilika) erbaut, dann von den Holländern zu einer evangelischen Kirche ungewandelt. Der Seefahrer und Eroberer Vasco da Gama starb in Cochin und war in St. Francis vierzehn Jahre begraben, bevor man ihn nach Lissabon verschiffte.

Die Maria Cruz Basilika ist eine relativ große, für indische Verhältnisse schöne Kirche. Sie ist von einer riesigen christlichen und damit ungewöhnlich teueren (aber auch guten) Schule eingeschlossen.


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20.05.2010, 17:45

Kochi (Cochin)


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20.05.2010, 17:46

Kochi (Cochin)


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20.05.2010, 17:47

Kerala

Fast ein Viertel der Bevölkerung Keralas sind Christen, ein weiteres Viertel sind Moslems und die Hälfte der Bevölkerung sind Hindus. Die Christen sind sogenanne Thomaschristen, die ihren Ursprung auf den Apostel Thomas zurückführen. Kerala gehört mit fast 900 Einwohnern pro qkm zu den am dichtesten bewohnten Gebieten Indiens.

Im Homestay sehen wir dann bei der Gastfamilie, dass die katholische Kirche in Kerala noch die Leute vollkommen unter Kontrolle hat: die Sonntagsschule ist frei, wer aber nicht regelmäßig geht, wird von den Patres später nicht getraut (bevor aber jetzt jemand in Empörung ausbricht: vor sechzig Jahren war das in Deutschland auch nicht viel anders – meine Eltern wurden in München nicht kirchlich getraut, da der eine Elternteil katholisch und der andere evangelisch war). Tagtäglich wachen wir von den Morgengebeten der Gastfamilie auf, abends wird von allen Familienmitgliedern ein Ave Maria in Malayam heruntergeleiert. Überall stehen Kirchen und am Sonntag sind sie prall gefüllt. Vor allem im Schulbereich zeigt sich die Dominanz der Kirche: die meisten Schulen sind christlich, relativ gut und sehr teuer und werden natürlich zur Missionierung missbraucht, obwohl Missionierungen aufgrund der Erfahrungen bei der Teilung Indiens in Indien verfassungsrechtlich verboten sind (was in anderen Teilen Indiens schon zu einigen Gewalttaten gegen Pfarrer und Nonnen geführt hat).

Das Interessante an Kerala ist, dass es mit einigen Unterbrechungen immer eine gewählte kommunistische Regierung hatte. Es war der erste Staat der Welt, der eine kommunistische Regierung in einer freien Wahl an die Macht gewählt hat – bei den ersten Wahlen 1957 gewann die Communist Party of India. Die Auswirkungen sieht man noch heute: Kerala ist der einzige Staat Indien, der die Bodenreform durchgeführt hat, die von der indischen Verfassung vorgeschrieben wurde. Der Großgrundbesitz wurde zerschlagen und aufgeteilt, so dass es heute praktisch keinen Großgrundbesitz mehr gibt, dafür aber sehr viele kleine Bauern und Unternehmer und sehr viele Kooperativen. Internationales Aufsehen erregte die kommunistische Regierung 2006, als sie Produktion und Verkauf von Coca Cola und Pepsi verbot, nachdem hochgradig gesundheitsschädliche Pestizide in den Getränken gefunden wurden.

Kerala ist einer der reichsten Staaten Indiens, hat eine Alphabetisierungsquote weit über den indischen Durchschnitt und auf europäischen Niveau (96 %). Die Lebenserwartung liegt bei 70 Jahren und damit um mehr als 10 Jahre über den indischen Durchschnitt. Die Kindersterblichkeit ist im restlichen Indien um das Vierfache höher. Das Durchschnittseinkommen liegt allerdings nur wenig über dem Durchschnitt Indiens, aber Superreiche und Arme gibt es praktisch nicht. Wegen der guten Schulbildung und der hohen Arbeitslosigkeit (Kerala hat fast keine Industrie) arbeiten viele Menschen aus Kerala in den Golfstaaten und unterstützen ihre Familien. Kerala ist das Zentrum der Kokosproduktion, des Gewürz-, Kaffee- und Teeanbaus (außerhalb Assams und Darjeelings). Bedeutend ist auch die alte indische traditionelle Heilmethode der Ayurveda.

Der kommunistische Erfolg mag durchaus auch durch die matriachalischen Strukturen im alten Kerala zurück zuführen zu sein. Kinder blieben in der Familie der Mutter, Männer lebten in ihrer eigenen Familie und konnten ihre Kinder und Frauen nur besuchen. Es gab kein Privateigentum: Felder, Häuser und sonstiger Besitz gehörten immer der Großfamilie und konnten nicht von einem einzelnen benützt und veräußert werden. Dies mag dazu geführt haben, dass Kooperativen und Produktionsgenossenschaften in Kerala heute ganz alltäglich und weit verbreitet sind.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist es dann aber doch, des Öfteren Lenin, Che Guevara oder Hammer und Sichel auf Hauswänden, an Bahnhöfen oder in Zeitungen und TV zu sehen.

Apropos: Keralas Tourismusslogan ist von den USA geklaut und lautet „God’s own country“ (Gottes eigenes Land) und findet sich ich vielen Orten auf jedem Straßenschild.

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20.05.2010, 17:53

Alappuzho (Alleppey)

Nachts regnet es, kurz bevor wir in Cochin aufbrechen, beginnt es wieder zu regnen, als wir mit unserem Gepäck das Homestay verlassen, laufen noch einige Menschen mit Schirm herum, doch es tröpfelt nur mehr. Keine Rikscha will uns zu einem vernünftigen Preis auf das Festland nach Ernakulum bringen. Ein alter Rikschafahrer kann zwar kein Englisch, sagt aber „Ferry“ – eine gute Idee - also lassen wir uns für 20 Rupies zu Fähre bringen, zahlen dort je 3 Rupies für die Überfahrt und noch einmal 20 Rupies für die Motorrikscha zu Busbahnhof – es geht halt immer einfacher als man denkt und man spart dann auch noch 150 Rupies…

Es reicht noch zum Frühstück, dann fährt der Bus. Es geht durch endlose Palmenwälder, an kilometerlangen Dörfern vorbei und nach zwei Stunden sind wir in Alappuzho. Ein netter Inder steht herum und bietet eine Unterkunft am Strand und eine in der Stadt an – der Preis passt, die Rikscha ist umsonst und wir entschließen uns, in der Stadt zu bleiben. Ein guter Entschluss, denn da tost das Leben: es ist Stadt- und Tempelfest, jeden Abend gibt es Prozessionen durch den Ort, der Tempelelefant marschiert geschmückt durch den Tempel, stundenlang wird Musik gemacht, es gibt einen Jahrmarkt und einen Rummel (mit handbetriebenen Kinderkarussellen) und natürlich Unmengen von Indern.

Alappuzha ist der beste Ausgangspunkt für die Backwaters. Die Backwaters umfassen 29 Seen und Lagunen und 44 Flüsse sowie unzählige natürliche und künstlich angelegte Kanäle. Sie sind ein wunderbares Ausflugsziel.

Man kann die Backwaters auf zwei Arten bereisen. Die erste wird von den meisten Touristen bevorzugt: große umgebaute Transportschiffe zum Preis von 6000 bis 10000 Rupies pro Tag, die alle im Wesentlichen eine bestimmte Route abfahren. Am Morgen kann man so auf einigen Kanälen manchmal zwei- bis dreihundert solche Schiffe in Kolonne sehen. Die andere Art ist mit dem normalen Local Boat, das auf verschiedenen Routen verkehrt. Die fünf interessantesten Routen führen nach Kottayam (10 bzw. 11 Rupies), Kavalam oder Nedumadi (je 6 bzw. 7 Rupies) und Kainakari oder Chennekari (je 5 Rupies). Die Boote fahren alle von der Boat Jetty neben dem Busbahnhof ab. Man hat hier zwar kein Toastbrot mit Erdbeermarmelade zum Frühstück, dafür aber eine Menge unterhaltsamer indischer Mitpassagiere und sieht wesentlich mehr als auf den Touristenbooten.

In den nächsten drei Tagen klappern wir alle fünf Routen ab. Kottayam ist die einzige Route, wo wir andere Touristen treffen. Bei der Rückfahrt von Nedumadi haben wir das Glück, auf ein Ultra-slow-Boat zu treffen, dass nicht die Standardstrecke, sondern über unzählige Umwege durch kleine und kleinste Kanäle fährt. Nachdem wir ganz sicher sind, dass wir schon mindestens siebenmal im Kreise gefahren sind, befinden wir uns plötzlich zwei Kilometer vor Alappuzha – ein Wunder….

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »yaWo« (20.05.2010, 18:00)


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20.05.2010, 17:56

Alappuzho (Alleppey)


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20.05.2010, 17:57

Alappuzho (Alleppey)


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20.05.2010, 17:59

In den Backwaters von Kerala

Dann am 20,.12.2009 geht es mit dem Touristenboot nach Kollam (Quilon), insgesamt 8 Stunden in den Backwaters. Das Ticket kostet pro Person stattliche 400 Rupies. Bis vor 10 oder 12 Jahren gab es ein public boat, dass die Stecke in ca. 10 bis 11 Stunden schaffte, überall anlegte, ständig voll und verspätet, dafür aber sehr unterhaltsam war und damals ca. 3 DM kostete. Aber Zeit ist auch inzwischen in Indien Geld und die Einheimischen fahren Bus, der die Strecke in zwei bis drei Stunden bewältigt. Beim Ticketkauf wieder die typisch indische Übertreibung: das Boot fasse 42 Passagiere und 35 Tickets wären schon verkauft und wir sollten spätestens eine dreiviertel Stunde vor Abfahrt da sein, damit wir noch einen guten Sitzplatz bekämen….naja: es waren insgesamt neun Passagiere, so dass jeder genug Platz hatte und jederzeit wechseln konnte. Allerdings durfte man nicht auf das Bootsdach – das sei jetzt von der Polizei strengstens verboten. Fünf Minuten nachdem wir Alleppey verlassen hatten, saßen wir natürlich alle auf dem Dach, sind ja eh nur indische Verbote und die sind prinzipiell dazu da, dass man sie umgeht (wir mussten nur einmal für 20 Minuten herunter, als wir eine Polizeistation und eine Kontrollstelle der Kanalbehörde passierten, dann bekamen wir von der Besatzung sogar noch bequeme Stühle aufgestellt).

Wie immer in den Backwaters Tausende und Abertausende von verschiedenen Reiher- und Kormoranarten, Möven, viele Schlangenhalsvögel und - als wir uns dem Meer näherten - Hunderten von großen roten Raubvögeln mit weißem Kopf und Brust, die sich kopfüber in das Wasser stürzen und mit Beute wieder hochkommen (Weißkopfadler oder Rotschwanzfalke oder Weißbrustsperber – keine Ahnung, wie die heißen, meine bescheidenen ornithologischen Kenntnisse reichen nur dazu, einen Eisvogel von einem Papagei und einen Papagei von einer Taube und eine Taube von einem Sperling und einen Sperling von einem Schmetterling zu unterscheiden). Als Highlight quert eine ungefähr zwei Meter lange imposante Schlange unseren Weg und flüchtet verwirrt – wie schön, dass wir im Boot sitzen.

Rundherum unzählige Reisfelder, manche ein, zwei Meter tiefer gelegen als die Wasserwege – in der Regenzeit stehen sie meterhoch unter Wasser, dann wird das Wasser ab- und in die Kanäle gepumpt. Die Seen, Flüsse und Kanäle sind selten tiefer als ein, zwei Meter (das sieht man gut, wenn Boote mit langen Bambusstäben gestakt werden). Dann ändert sich die Landschaft, die Reisfelder werden weniger und die Palmen mehr – schließlich fährt man durch endlose Palmenwälder. Überall werden Kokosprodukte hergestellt und gelagert – alte Frauen drehen Kokosseile, Männer schleppen Ballen aus Kokosmatten von und auf die Schiffe. Dazwischen Fischer und ihre Fischerboote, ständig umkreist von Haufen der roten, weißköpfigen Raubvögel.


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20.05.2010, 18:02

In den Backwaters von Kerala


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20.05.2010, 18:06

Thiruvananthapuram (Trivandrum)

Um 18:00 kommen wir – erstaunlicher Weise – pünktlich in Kollam an. Kollam kündigt sich mit einer riesigen nackten Dame mit überdimensionalen Hinterteil und einer etwas verschobenen Anatomie an. Der Busbahnhof ist 50 Meter vom Hafen entfernt. Wir fragen nach dem Bus nach Thiruvananthapuram (wie das alte Trivandrum jetzt heißt) und noch während herumstehende Touristen kapieren um was es eigentlich geht, fährt der Bus schon wieder ab. Es ist ein Superfast-Bus, aber es ist viel Verkehr und so zuckelt er doch eher gemächlich durch die Gegend, mit Überholen ist nicht viel (auf dieser Strecke gibt es keine „normalen“ Busse, sondern nur „super“, „ fast“, „express“, „superfast“, „superfast-luxuryexress“, aber keiner kann mir die Unterschiede nennen, wahrscheinlich gibt es keine). Meine Frau bekommt noch einen Sitzplatz bei den Frauen (indische Busse haben immer ein oder zwei Sitzreihen für Frauen – auch in diesem Bus gab es welche. In der ersten Reihe, die mit „Ladies only“ beschriftet war, saßen gut vereint drei Männer, was mich darin bestätigt, das indische Ge- und Verbote eher „gedankliche Anregungen“ oder „gütliche Vorschläge“ sind. Ich denke immer noch mit Genuss an die wunderschöne Figur einer Göttin in Ellora zurück, die mit herrlich kugelrunden Brüsten ausgestattet und mit den Schild „Do not touch“ versehen war und bei der insgesamt 41 Inder hintereinander die kugelrunde Brüste mit ihren Händen zärtlich streichelten – die Brüste waren im Gegensatz zu der grauen rauen Steinfigur inzwischen schon völlig glatt und schwarz glänzend geworden.)

Nach einer guten halben Stunde hatte ich denn auch einen Sitzplatz ergattert und nach weiteren eineinhalb Stunden waren wir um 20:30 in am Busbahnhof in Thiruvananthapuram. Meine Frau saß im Restaurant und trank Tee und ich lief nach einem Zimmer herum – eine frustrierende Geschichte, denn ungewöhnlicher Weise waren alle Hotels voll belegt oder die Preise bewegten sich in schwindelnden Höhen – für die letzte Absteige, dreckig und klein, wurden 500 Rupies verlangt. Nachdem ich 14 Hotels abgeklappert hatte, kehrte ich etwas geschafft ins Restaurant zurück. Dann engagierten wir eine Motorrikscha, die uns zu weiteren sieben Hotels fuhr, bis wir für völlig überteuerte 700 Rupies ein sehr mittelmäßiges Hotel, in dem man gerade nicht im Dreck erstickte, fanden. In anderen Orten hätte man vielleicht höchstens 300 Rupies bezahlt.

Am nächsten Tag wechselten wir ins Princess Inn, wo wir für 480 Rupies ein sehr sauberes Zimmer fanden.

Anschließend erkundigten wir die Hauptverkehrsstrasse, die M.G. Road. In Indien heißen fast alle Hauptverkehrs- und zentralen Einkaufsstrassen „Mahatma Gandhi Road“, die aber niemand so nennt – es ist eben die M.G. Road. Interessanter Weise fanden wir eine große prächtige Moschee (die Saudis pumpen unglaubliche Mengen von Geld nach Pakistan, Indien oder Indonesien, um dort prächtige Moscheen zu errichten), direkt daneben einen kleinen Hindu-Tempel und keine 50 Meter weiter eine Kirche der Thomas-Christen. Das Zusammenleben scheint hier durchaus friedlich zu funktionieren (in Alappuzho habe ich bei einer Bootsfahrt durch die Backwaters eine kleine Kneipe entdeckt, wo ich einen Chai trank, in der ein Jesusbild hing, daneben Bilder von Shiva, Ganesha, Maria, der Kaaba in Mekka und als Höhepunkt noch Neuschwanstein – wenn das kein Multikulti ist!).

Dann fanden wir in einer anderen Ecke zwei Strassen, in denen wir (wirklich gezählte) 116 Gold- und Edelsteingeschäfte eins neben dem andern fanden, einige davon riesige und prächtige Luxusläden über zwei oder drei Etagen mit bewaffneter Security vor der Tür. Und das Weihnachtsgeschäft schien zu blühen – überall saßen Leute drin. Angeblich ist Indien das Land mit den größten Goldvorräten der Welt: vor allem die Landbevölkerung legt all seinen Besitz in Goldschmuck an, den die Frauen an sich herum tragen. Wird Geld benötigt, dann wird der Schmuck eben verkauft, hat man wieder Geld, dann kauft man. Größere Verluste erleidet man dabei anscheinend nicht, da Goldschmuck immer nach Gewicht ge- und verkauft wird. Für die Goldschmiedearbeit wird in der Regel ein Prozent des Wertes aufgeschlagen. Sicherlich keine schlechte Sache bei der weltweiten Inflation.

In Indien gibt es eine Kaffeehauskette namens „Indian Coffee House“. Viele der Kaffeehäuser befinden sich in alten Kolonialgebäuden und manchmal meint man sich wirklich in die Kolonialzeit (oder das was man sich halt so vorstellt) zurückversetzt, zumal die indischen Kellner mit weißer Livree und Turban gekleidet sind, wie Diener aus Maharaja-Palästen, was aber nicht heißt, dass die Kleidung auch immer blütenweiß sauber ist. Eines der skurrilsten Kaffeehäuser haben wir in Thiruvananthapuram gefunden, direkt am Busbahnhof für die Fernbusse. Das Haus besteht aus einer großen aufsteigenden dreistöckigen Spirale mit vielen Luftlöchern. Innen verläuft ein steiler Gang nach oben, an dem die 32 Tische angeordnet sind. Die Kellner laufen 10 Stunden am Tag diese Spirale hinauf und hinunter und schleppen Speisen, Getränke und leeres Geschirr hin und her und das in einer Affengeschwindigkeit, als ob sie unten Anlauf nehmen, um die Steigung zu bewältigen – schon beim Zusehen taten uns die Füße weh. Es ist noch zu erwähnen, dass zu jedem Zeitpunkt wenn wir ins Kaffeehaus kamen alle Tische voll belegt waren.

Heute, am 22.12.2009 – das Wetter war bewölkt, fürchterlich schwül und abends regnete es - waren wir im Zoo. Es wurde gestreikt – wer streikte, hatten wir nicht herausbekommen, zuerst dachten wir die Rikschafahrer, dann die Busfahrer, dann die Tankstellen (später erfuhren wir: die Rikschafahrer streikten. Warum sie trotzdem herumfuhren, war uns aber nicht klar). Jede Rikscha wollte Fantasiepreise von 60 bis 100 Rupies mit der Begründung, es sei Streik. Stur wie wir waren, haben wir dann über 10 Rikschas weiterfahren lassen, bis wir einen fanden, der uns für akzeptable 30 Rupies zum Zoo fuhr (15 bis 20 zahlen die Einheimischen) – anscheinend hatte er uns längere Zeit beobachtet und festgestellt, dass es bei uns mit dem großen Geschäft nichts wird.

Der Zoo war für indische Verhältnisse ausgezeichnet, allerdings wurde an mehreren Stellen heftig gebaut und das anschließende Napier-Museum (ein wunderbarer Holzbau von 1880 im Kerala-Stil ) war wegen Renovierung geschlossen. Also enterten wir den ersten Bus, der in etwa Richtung East-Fort fuhr (der Schaffner sprach so ein fürchterliches Englisch, dass er nicht verständlich war und wahrscheinlich hat er auch unsere Frage nicht verstanden) und tatsächlich kamen wir am East-Fort an (wahrscheinlich wäre jeder Stadtbus dort angekommen, da dort der zentrale Busbahnhof für Stadtbusse war – also keine große Kunst unsererseits).

Pünktlich um 13:10 kamen wir am Puthe Maliga Palace an, einem großen Holzpalast der Maharajas von Tranvancore, einem der wenigen Paläste und größeren Gebäude im typischen Kerala-Stil. Die Inder hatten ihn pünktlich um 13:00 geschlossen (beim Schließen sind sie in der Regel sehr pünktlich, das Öffnen kann sich durchaus um 10 bis 20 Minuten verzögern, da die Beschäftigten dann ganz plötzlich entdecken, dass sie irgendwelche Formulare sortieren oder irgendwelche wichtigen Besprechungen führen müssen).

Also trieben wir uns um den Sri Padmanabhaswany Tempel herum, dem kulturellen und religiösen Zentrum der Stadt. Leider dürfen ihn nur Hindus betreten, und dies nur gekleidet in Sarongs bzw. Dohtis und mit entblößten Oberkörper (Frauen sind anscheinend im Tempel auch nicht zugelassen). Der Tempel ist mehr als 2400 qm groß und wurde aus mehr als 10.000 heiligen Steinen erbaut, die in Nepal gebrochen und per Elefant nach Thiruvananthapuram transportiert wurden (von Thiruvananthapuram sind es nur noch 80 km bis zur absoluten Südspitze Indiens).

Nach einem absolut grausigen Mittagessen – es gab nur ein Lokal in der Nähe des Tempels – ging es dann in den Puthe Maliga Palace. Die Kassiererin kam natürlich 10 Minuten zu spät und hatte noch 10 Minuten lang einen Berg Papiere zu sortieren, so dass wir endlich um 15:20 unsere Tickets hatten und in den Palast konnten. Dann hieß es noch einmal 10 Minuten warten, denn der Führer war nicht da und ohne Führer ging nichts. Doch es hat sich gelohnt: der Palast ist ein ausgefallenes Gebäude, zum teil aus Stein, zum größtenteils aus Holz mit vielen offenen Wänden. Jedes Zimmer hatte unterschiedlich geschnitzte Holzdecken aus Teak-, Rosen- oder Sandelholz. Aus einigen Zimmern konnte man wunderbare Schnitzereien von mehreren Hunderten von Pferden unterhalb des Dachvorsprungs sehen (von außen betrachtet, sahen sie erstaunlicher Weise völlig uninteressant aus). Drinnen findet man Lüster aus Belgien, riesige alte Spiegel, Marmorfiguren von indischen Götter, einen Thron aus 26 Elefantenstoßzähnen, einen Thron aus böhmischen Kristall, viele Waffen und Maharaja-Portaits und - am Schönsten - menschengroße Figuren aus den Kathakali-Dramen aus Holz. Fotografieren ist strikt verboten.


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20.05.2010, 18:08

Thiruvananthapuram (Trivandrum)


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20.05.2010, 18:09

Die Hindustanisierung

Mancher wird sich wohl fragen, warum bei den Orten in Indien des Öfteren zwei Namen angegeben sind. Irgendwann in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen einige Inder auf die Idee, dass hinduistische Inder im Vergleich zu anderen Klassen, Religionen und vor allem der Stämme, vollkommen unterprivilegiert seien.

Tatsächlich hatte Indira Gandhi während ihrer Notstandsregierung – eine jahrelangen Quasi-Diktatur – den Moslems umfangreiche Sonderrechte zugestanden, um deren Unterstützung zu erhalten (so wurde für Moslems das sehr moderne Scheidungsrecht mit Unterhaltzahlungen abgeschafft und durch die Scharia ersetzt, nach der jeder Mann seine Frau verstoßen konnte, die aber natürlich kein Recht auf Unterhalt oder gar eine Scheidung ihrerseits hatte). Dann wurde auch noch einige Gesetze eingeführt, die unterprivilegierte Kreise durch ein Quotensystem unterstützten – es gab Quoten an Universitäten, in der Politik, in der Justiz, im Beamtenwesen und in staatlichen Unternehmen für Frauen, Kastenlose und vor allem für die vielen Stämme der Urbevölkerung Indiens, von denen es noch 1500 bis 4000 (je nach Zählung) gibt.

Na, wie dem auch sei, einige Hindus (vor allem auch aus der Schicht der Brahmanen) glaubten, sie seien vollkommen diskriminiert und man müsste die hinduistischen Lebensumstände fördern. Ob zu Recht oder zu Unrecht kann ich nicht beurteilen – ich hatte aber nirgendwo den Eindruck, dass Frauen, Moslems oder Bergstämme zu den sonderlich privilegierten Schichten der indischen Bevölkerung gehören.

Zu dieser Zeit entstanden dann auch die ersten radikalen, zu Teil halbfaschistischen Hinduparteien, die ersten christlichen Missionare oder Nonnen und viele Moslems wurden überfallen, verprügelt und zum Teil ermordet. Eine etwas harmlosere Form der Hindustanisierung war, dass man „unindische“ Orts-, Strassen- und Gebäudebezeichnungen änderte. So wurde aus den Städten Bombay Mumbai, aus Trivandrum das neue Thiruvananthapuram, aus Mahabalipuram Mammalapuram, der Bahnhof Victoria Station heißt jetzt Chhatrapati Shivaji Terminus – aber viele Leute verwenden immer noch die alten Namen und man kommt auch als Tourist sehr gut mit den alten Namen durch, zumal Trivandrum oder Victoria Station doch etwas einprägsamer ist als sein indisches Gegenstück.

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20.05.2010, 18:10

Bürokratie

Die Bürokratie in Indien ist Sagen umwogen und sehr tief verwurzelt – schließlich wurde sie schon von den Engländern eingeführt. Es ist ganz normal, dass man beim Kauf eines Zugtickets Name, Alter, Beruf, Herkunft, Adresse, Familienstand, Name und Beruf des Vaters auf einem eigenen Formular angeben muss, damit man sein Zugticket kaufen kann. Kein Busticket ohne vorher aus gefülltem Formular. Kein Hotelzimmer ohne Eintrag in das Registration Book und ohne Ausfüllen eines Extra-Formulars für die Polizei und eines für die Gemeinde (Gott sei dank als Blaupause). Kein Zimmer auch ohne Kopie des Reisepasses.

In vielen Orten kein Internetzugang ohne ordnungsgemäßes Ausfüllen eines Meldezettels, an einem Ort benötigten sie sogar eine Kopie des Reisepasses.

Dabei scheinen die Gepflogenheiten je nach Bundesland und sogar innerhalb eines Bundeslandes völlig unterschiedlich zu sein (na ja, das ist ja für Bundesdeutsche nicht sonderlich ungewöhnlich, hat doch jede Gemeinde ihr eigenen und unterschiedlichen Richtlinien für Hundesteuer oder Müll- und Abwassergebühren, geschweige denn von den Regeln für die Mülltrennung).

Ganz so schlimm scheint die Bürokratie aber nicht mehr zu ein: für ein Paket von Indien nach Deutschland benötigte ich vor sieben Jahren nur ein DIN A4 großen Formular (vor Jahren wollte ich einen Autoschlüssel von München nach Wien versenden und sollte in 12seitiges Versand- und Zollformular ausfüllen) – ach ja, das Paket aus Indien kam an.

Das einzig Praktische aus meiner Sicht, dass die Bürokratisierung hervor brachte, ist das Complaint Book, das in jeder staatlichen Stelle vorhanden sein muss. Fühlt man sich ungerecht oder unfreundlich behandelt, kann man es anfordern und dort eine Eintragung machen. Mir selbst hat die Drohung mit dem Complaint Book schon häufiger gute Dienste geleistet und aus einem Unmöglich ein Möglich gemacht.

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20.05.2010, 18:12

Rauchen

In Indien ist Rauchen in Behörden, öffentlichen Räumen wie Büros, Bahnhöfen, Warteräumen, Krankenhäusern, Hotels und Restaurant strikt verboten. Das Verbot wird relativ strikt überwacht und auch strikt eingehalten. Wir haben eigentlich keine Inder gesehen, die dieses Verbot übertreten haben. Wir haben auch den Eindruck, dass die Zahl der Raucher rapide zurück gegangen ist.


In einigen Orten ist auch unsägliche, von den Indern aber heiß und innig geliebte Ausspucken verboten.

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Indien