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21.05.2010, 17:54

6 Monate Indien, Teil 02 Von Kanyakumari nach Mumbai

Über Tamilnadu, Andra Pradesh und Goa ging es dann wieder zurück nach Mumbai.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »yaWo« (21.05.2010, 18:13)


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21.05.2010, 18:02

Madurai

Mit dem Zug um 17:20 fuhren wir dann von Kanyakumari weg nach Madurai. Da wir wussten, dass es keine Sitzreservierung gab, waren wir kurz vor 16:00 Uhr am Bahnhof, da der Zug um 16:15 ankommen sollte. Er kam auch wirklich pünktlich an und war allerdings schon fast voll. Wir bekamen gerade noch zwei Sitzplätze für unsere fünfstündige Fahrt.

Noch ein Hinweis für Liebhaber von Eisenbahnen: Von Kanyakumari startet wöchentlich der Himsagar Express nach Jammu Tawi (in Jammu und Kashmir) über eine Distanz von 3734 km. Er benötigt dazu (nach offiziellen Angaben) 66 Stunden, tatsächlich werden dazu noch einige (viele) Stunden Verspätung hinzu kommen. Also nur etwas für Leute mit dicken Sitzfleisch.

Eine halbe Stunde vor Abfahrt war dann alles wirklich voll und die Leute standen schon dicht gedrängt in den Gängen. Wir rückten zusammen, eine Finnin setzte sich zu mir, zwei Kinder zu meiner Frau, so dass auf dem Sitz statt vier nun fünf oder sechs Leute saßen. Unser Gepäck in der Gepäckablage wurde ins hinterste Eck geschoben und einige Männer kletterten nach oben und suchten sich dort einen Sitzplatz.

Jedenfalls nach einer halben Stunde und einigen Tassen Tee waren wir alle verbrüdert und schwatzten munter drauflos. Kurz nach Nagercoil fuhren wir vielleicht zehn Kilometer lang durch ein Gebiet, in dem eine riesige Windradanlage neben der anderen stand – es waren sicherlich einige Tausende von den Windrädern.

An jeder Haltestelle stiegen einige Leute aus und noch mehr Leute ein – es wurde immer enger und enger. Die Frauen kauerten sich auf den Boden, die Gepäckstücke und Kinder wurden unter die Sitze geschoben und irgendwann hatte man fast keinen Platz mehr um die Füße umzustellen. So etwas hatte selbst ich in Indien noch nie erlebt. Kaum stieg jemand aus, dann begann der Kampf um den freigewordenen Sitzplatz, den erstaunlicher Weise häufig die Frauen mit ihren rabiaten Methoden gewannen. Eine besonders unverschämte, dicke Inderin aus ersichtlich besserer Gesellschaft quetschte sich auf einen belegten Sitz und presste das dort sitzende Kind brutal an die Wand, bis dieses genervt und verzweifelt aufstand. Es gab einen kurzen lauten und heftigen Streit, aber die fette Inderin behielt ihren Platz - leider. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie die Hierarchien in Indien festgefahren sind – eine Bauersfrau hätte sich so etwas nicht erlauben können.

Wir hatten schon einige Bedenken, ob wir in Madurai mit unserem Gepäck überhaupt zum Ausgang kommen würden. Wir waren zusammen gerückt und hatten eine Finnin auf der Bank sitzen lassen, dann kam noch ein Kind dazu, so dass statt drei Personen viereinhalb auf der Bank saßen. Die Finnin war mit ihrem Liebhaber, einen Inder, zugestiegen. Der meinte dann, es seien noch fünf Minuten bis Madurai – Hektik brach aus, wir hieften unser Gepäck aus dem Gepäcknetz herunter und wollten zur Tür, aber die Finnin hielt uns auf: „Don’t believe him (sie meinte ihren Liebhaber), that’s Indian time“. Na, sie schien ihn zu kennen, wir blieben sitzen und tatsächlich dauerte es noch mehr als eine halbe Stunde bis zum Bahnhof.

Nach einigen heftigen Geschiebe und Gedränge konnten wir dann mit unserem Gepäck tatsächlich in Madurai aussteigen, was nicht unbedingt einfach ist, da die zusteigenden Inder immer sofort zusteigen und die aussteigenden sich gegen den Strom der einsteigenden durchsetzen mussten.

Dann begann die Zimmersuche, es war 23:00 – meine Frau wartete vor einem Hotel. Nach zwanzig Hotels begann ich schön langsam das Vertrauen zu verlieren, nach weiteren fünf Hotels sahen wir uns schon am Bahnhof übernachten. Alles war voll. Einige mitreisende Japaner hatten in der anderen Richtung gesucht und ebenfalls kein Zimmer gefunden. Irgendwann gegen 00:30 brachen wir die Suche ab und suchten uns eine Schlafgelegenheit im Bahnhof. Vor dem Bahnhof schliefen schon einige Hundert Inder, im Bahnhof war alles voll – wir legten uns in die Europäerecke, wo schon zwei Russen und ein Deutscher lagen. Die drei waren so genervt, dass sie in der Frühe sofort mit dem Zug fünf Stunden nach Pondicherry weiterreisen wollten.

Am Morgen versuchten wir es mit den Railway Retiring Rooms, die nachts alle belegt waren. Wir setzten uns vor die Tür und warteten, bis jemand auszog. Tatsächlich hatten wir nach einer Stunde Warten ein Zimmer für einigermaßen sinnvolle 350 Rupies.

Railway Retiring Rooms sind eine indische Spezialität: sie befinden sich immer im Zugbahnhof und man kann dort für einen oder zwei Tage ein Zimmer mieten, wenn man im Besitz einer Bahnkarte ist. Die Zimmer sind meist ganz ordentlich und einigermaßen sauber, in der Regel aber immer groß. Die zweite Nacht ist meist 20 bis 40 % teurer als die erste und in der Regel darf man nirgends länger als drei Tage bleiben (vor Jahren hatte ich allerdings in einem wunderbaren Zimmer im Bahnhof von Jodhpur über eine Woche gewohnt – aber da waren auch alle Zimmer frei). In Madurai ist dort sogar der Morgentee oder -kaffee frei (beide sind allerdings recht dünn).

Nachmittag in den Shree Meenakshi Tempel, dem spirituellen Zentrum Madurais. Der Tempel liegt mitten in der Stadt, alle Strassen führen zu ihm hin. Der Meenakshi Tempel ist der Tempel er fischäugigen Meenakshi (fischäugig ist bei den Tamilen ein perfekt geformtes und schönes Auge) und ihres Gemahls Sundareswarar (beides Inkarnationen von Parvati und Shiva – Meenakshi wurde offensichtlich aus der matriachalischen Kultur Südindiens in den Hinduismus eingegliedert). Der Tempel gilt als Höhepunkt der südindischen Tempelarchitektur, aber das Schönste und Interessanteste am Shree Meenakshi Tempel ist das rege Leben, das dort herrscht. Der Tempel wurde 1560 von Viswanatha Nayak erbaut, ist sechs Hektar groß, hat einen eigenen Tempelteich mit vergoldetem Lotos und insgesamt zwölf Gopurams (Tempeltürme), der höchste ist über 50 Meter hoch. Die Türme sind mit Unmengen von Göttern bedeckt, die alle zwölf Jahre neu bemalt werden. Man meint ein Großteil der 22 Millionen Götter wäre dort verewigt, aber am Ostturm behauptet ein Schild, es wären nur 1511 Figuren auf diesem Gopuram – na ja, alle Gopurams und Tempelgebäude zusammengerechnet, dann kommt schon eine imposante Menge von Figuren zusammen.

Die schöne Meenakshi wurde mit drei Brüsten geboren und als sie ihren späteren Ehemann begegnete, fiel ihr eine Brust ab und sie wusste, das ist der einzig Richtige. Jeden Abend werden Meenakshi und Sundareswarar mit großen Zeremoniell (Träger, Musik, Weihrauch) aus ihren Tempeln in das Schlafgemach gebracht (um dort im Geschlechtsverkehr die Welt zu erneuern) und von dort am Morgen wieder in ihre Tempelteile zurück gebracht, damit die Pilger sie anbeten können.

Ach ja, die Pilger: an Weihnachten hatten wir ja versucht, ein Zimmer zu bekommen – es war alles ausgebucht, da Tausende von Pilger ihren Weihnachtsurlaub machten und alles in Beschlag nahmen (wir bekamen dann am 28.12. ein Zimmer und zogen aus dem Railway Retiring Room aus). Dementsprechend war auch der Tempel gerammelt voll – überall standen, saßen und lagen die schwarz, rot, orange oder grün gekleideten Pilger. Zum Teil standen sie stundenlang für die Darshan an, um von den Tempelbrahmanen einen Segen und die gesegneten Opfergaben zurück zu bekommen. Aber man stelle sich keine christlichen Pilger in Altötting oder Rom vor: eine hinduistische Pilgerfahrt ist lustig, laut und voller Aktion – da wird gesungen, Musik gemacht, gegessen, eingekauft, viel fotografiert und die armen Touristen mitleidlos angequatscht und befragt (Where you from, what’s your name – zu mehr reicht das Englisch nicht, aber fünfhundert Mal die gleichen Fragen können einige zart besaitete Gemüter schon nerven). Erst am Montag nach Weihnachten nahm der Pilgerschwarm ab.

Einige Statuen im Tempel sehen aus wie gesprenkelt – sie werden von den Gläubigen mit Butterkugeln beworfen, die dann an der Statue kleben bleiben. Die Butter wird später abgekratzt und zu Ghee verarbeitet und für die Beleuchtung des Tempels verwendet. Täglich steht auch der Tempelelefant im Shiva-Tempel und frisst die gespendeten Bananen und verteilt mit seinem Rüssel einen Segen, wenn man ihm Geld in den Rüssel gibt (das frisst er natürlich nicht – wie eine entsetzte Amerikanerin vermutete und uns befragte, ob der arme Elefant davon nicht Magenkrämpfe bekäme – sondern gibt die Münzen, wenn er genug im Rüssel hat, seinem Wärter). Zum Segnen legt er seinen Rüssel auf den Kopf des Spenders..

Anschließend an den Tempel gibt es eine 1000-Säulenhalle (die allerdings nur 997 Säulen hat) und als Tempelmuseum dient. Einige der schönsten Tempelfiguren stehen dort. Der Eintritt beträgt 50 Rupies.

Für den Eintritt in den Shree Meenakshi Tempel selbst werden ebenfalls 50 Rupies und für den Fotoapparat noch einmal 50 Rupies verlangt (Videokamera 150 Rupies). Allerdings wird das nicht so streng gesehen. Da ich jeden Tag meist zweimal im Tempel bin, zeige ich mein altes Ticket vom Vormittag und mit einigen Diskussionen komme ich hinein. Am vierten Tag werde ich schon wie ein Bekannter begrüßt und ohne Ticket hinein gewunken. Überall an den Eingängen stehen Röntgengeräte, Soldaten machen Personenkontrolle und durchsuchen Rucksäcke und Fototaschen – für fundamendalistische Moslems wäre ein Anschlag hier sicher ein gefundenes Fressen.



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21.05.2010, 18:04

Madurai

Am Sonntag Abend gab es in einem Nebenraum des Tempels eine große Tanzvorführung mit etwa 30 Tänzerinnen, vier Musikern, einer Fernsehkamera, vielen Einheimischen und einigen Touristen – war eine wunderbare Vorführung, auch wenn mir nach zwei Stunden Stehen die bloßen Füße weh taten (beim Besuch von hinduistischen Tempeln muss man natürlich wie in buddhistischen Tempeln auch, die Schuhe ausziehen). Sogar einige Götter des Tempels, die Statuen von Ganesha, Shiva und Parvati wurden extra auf großen geschmückten Sänften hereingetragen und durften der Vorführung zusehen. Der Tempelelefant durfte natürlich auch dem Spektakel zusehen. Nur das Fotografieren war grausam – wie bei einer Lichtorgel wechselten die Farben der Scheinwerfer schnell von weiß zu gelb oder zu rot.

Heute, am 28.12., saßen wir wie jeden Abend im Tempel direkt am Lotos Pond (dem Tempelteich), um uns zu entspannen – dies ist ein wunderbarer Ort dazu, da in der Stadt eine unvorstellbare Hektik und ein infernalischer Lärm und ein absolut chaotischer Verkehr herrscht (ich bin ja überzeugt, dass Menschen die Herrmann Hesse gelesen haben und meinen, Indien sei ein ruhiges und meditatives Land, wahrscheinlich bei Betreten Indiens in tiefste Depressionen verfallen). Kurz vor Sonnenuntergang saßen dann plötzlich drei wunderschöne, große, blau-braune Eisvögel unten im Teich auf den Geländern, den Nandi- und Shiva-Figuren oder auf Springbrunnenleitungen. Und das mitten in einer Großstadt von 1,5 Millionen Einwohnern. Irgendwann tauchten dann Unmengen von Schwalben auf, die in riesigen Wellen um die großen Tempeltürme wogten, über ihnen mindestens hundert riesige Raubvögel, die ruhig ihre Kreise zogen.

Madurai ist die Stadt der Schneider. Überall stehen die „Tailor“ herum, oder wenn sie erfahren, dass wir aus Deutschland kommen, die „Schneider“. Jeder ist der Billigste und der Beste und jeder macht das Shirt für 50 und die Hose für 100 Rupies. Man sollte dies nicht für bare Münze nehmen – Inder neigen zur Übertreibung oder wie hier zur Untertreibung. Schnell werden aus den 50 Rupies 100 oder 200 und aus den 100 Rupies 300 oder 400. Ein Problem sind die Stoffe – viele sind nicht aus reiner Baumwolle oder aus reiner Seide. Viele Stoffe können nicht mit warmen Wasser gewaschen werden (in Indien wäscht man mit kalten Wasser) und gehen fürchterlich ein oder verlieren ihre Farbe. Trotzdem kann man sich für wenig Geld Hosen oder Hemden schneidern lassen – man sollte dazu aber die besseren Geschäfte aufsuchen (1985 suchte ich das beste Stoffgeschäft der Stadt aus und verlangte reine Baumwolle und erhielt als Antwort „wo don’t have. We only have best quality – polyester“ – tja, Geschmäcker sind halt verschieden). Neben dem Shree Meenakshi Tempel befindet sich auf der anderen Straßenseite ein verkommener Tempelanbau mit wunderschönen Figuren, in dem viele Schneider ihr Geschäft haben – besonders gute Erfahrungen haben wir mit diesen nicht gemacht, die Arbeit war meist nicht sehr gut.


Am nächsten Tag fuhren wir zum Gandhi Memorial Museum, das einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt im Osten der Stadt liegt. Das Museum befindet sich im alten Ausstellungspavillon der Rani Mangammal und enthält eine hervorragende Darstellung der Freiheitskampfes der Inder gegen den englischen Imperialismus und eine große Fotosammlung über das Leben Mahatma Gandhis, sowie die blutbefelckten Kleidungsstücke, die Gandiji getragen hatte, als er am 30. Januar 1948 in Delhi ermordet wurde. Interessanter Weise findet man dort auch viele Dokumente, nach denen man in Europa vergebens sucht. Es gibt eine genaue Dokumentation zur Steuerpolitik der Briten in Indien, mit der Millionen von indische Bauern und Handwerker zu Vollsklaven gemacht und die einheimische Landwirtschaft und das indische Handwerk systematisch zerstört wurden, zu Gesetzen, die es jedem Engländer erlaubten Inder zu verprügeln, zu foltern oder zu töten – ohne sich vor irgendjemanden oder einem Gericht zu verantworten, vom Einsatz schwarzer Kolonialsoldaten in Indien, die dort in schlimmster Art und Weise gehaust hatten. Oder eine Reihe von Fotografien, die Engländer bei Folterungen oder Massenmorden an Indern zeigen.

Am 30.12. gingen wir wieder einmal in den Tempel um uns zu erholen. Der Tempel ist in Madurai wohl der einzige Ort, wo man sich gemütlich hinsetzen und nichts tun kann, vorausgesetzt die Inder haben kein großes Interesse an den obligatorischen Fragen… Heute hatten sie kein großes Interesse und wir saßen am Golden Lotus Tank, aßen unsere Mandarinen und lasen.


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21.05.2010, 18:08

Madurai

Madurai ist in den letzten zwei Tagen richtig gehend leer geworden. Waren um die Weihnachtstage noch zigtausende Pilger unterwegs, die geduldig ein, zwei, drei, vier Stunden in hundert Meter langen Schlangen auf Einlass in den Tempel warteten und zu Hunderten die Chai- und Kaffee-Stände blockierten, reduzierten sich die Wartezeiten auf fünf oder zehn Minuten. Auch wieder sehr angenehm.

Mittags wieder in unserem ausgezeichneten Stammlokal (Sangeeth Restaurant, 32-A West Velli Street, vom Bahnhof heraus, rechts etwa 100 m, direkt vor dem Obst- und Getränkestand) – hervorragendes Malai Kofta und Navratam Korma gegessen.

Nach einer längeren Mittagspause wollten wir dann zum Tirumalai Nayak Palast, um ihn uns abends bei der Sound and Light Show anzusehen. Leider kamen wir nicht so weit und versumpften in einem wunderschönen Kaufhaus, dem Pothys: vier Stock hoch mit Unmengen von Stoffen. Einen Saristoff und eine Kurta für meine Frau und einen Punjabi für mich gekauft. Als wir dann aus dem Kaufhaus kamen war es dunkel und viel zu spät für den Palast. Also gingen wir zum Schneider, bei dem meine Frau ein Hose hatte machen lassen. Es war ein Debakel: sie hatte eine Hose als Muster hinterlassen, aber anscheinend hatte die keiner angeschaut. Die Hose sollte auf jeder Seite einen Zentimeter weiter sein als das Muster, aber die Schneider hatten sie auf jeder Seite einen Zentimeter enger gemacht. Nach einigen lautstarken Diskussionen und größter Verwunderung auf Seiten der Inder, dass wir gar nicht zufrieden waren – anscheinend wollten sie das gar nicht verstehen und sahen uns mit unschuldigsten und gekränkten Augen an (das können sie perfekt) – und natürlich dem immer wiederholten „No Problem“, erklärten sie sich bereit, die Fehler bis 21:00 zu beheben (wobei meine Frau meinte, dass sei ja wohl nicht recht möglich). Sie war entsprechend sauer.

Also noch einmal in den Tempel, einen großen Rundgang gemacht und dann wieder zum Golden Pond Tank, wo wir eine unglaublich nette Familie, Sohn, zwei Nichten, Vater, Mutter, Onkel, Tante und Großmutter trafen und ein Stündchen mit ihnen plauderten und großen Spaß hatten – vor allem der Sohn, ca. 12 Jahre als, war sehr erheiternd, er sprach zwar ein grausames Englisch, dafür aber ununterbrochen und sehr witzig.

Abends beim Schneider erneute Anprobe: die Hose saß schon sehr viel besser, war aber immer noch nicht so recht nach dem Modell und um den Hintern immer noch zu eng. Ein alter Bekannter des Besitzers war eingetroffen, ein Inder, der in Deutschland in der Nähe unseres alten Wohnortes gewohnt hatte und nun auf Urlaub war. In perfektestem Deutsch unterhielten wir uns einige Zeit und fünf Minuten vor Ladenschluss (wahrscheinlich wollten die Leute nach Hause) waren die Schneider bereit bis zum nächsten Abend die Hose noch einmal zu ändern – na, was das noch werden soll. Ich hatte im gleichen Laden vor ca. 5 Jahren mehrere Hosen machen lassen und die waren perfekt.

Am nächsten Tag machten wir einen Stadtbummel und besuchten um 18:45 die Sound and Light Show im Tirumalai Nayak Palace (50 Rupies). Die Show war für Indien wirklich erstklassig. Ein Stück weiter waren wir in der St. Mary’s Cathedral,
eine Kirche in nachgemachten Barock, recht groß und schön, innen dekoriert wie für den Fasching mit Sternen, Girlanden und Stoffbahnen und Goldstreifen um jede Säule. Zusätzlich eine wunderbar kitschige blinkende Beleuchtung um Altar, Figuren und an der Vorderfront der Kirche. Sehr gewöhnungsbedürftig, innen aber sehr nette Leute, die uns alle mit Namaste begrüßten (wahrscheinlich weil Silvester war).

Anschließend die Hose meiner Frau abgeholt, war etwas besser, aber bei Weitem nicht so wie das Original. Beim nächsten Mal werden wir sicherlich bei Prestige 25/57 West Tower Street (Stoffladen) bzw. Shadows Men’s Wear, 24-A, West Tower Street einkaufen.

Dann noch kurz einige Leute in Deutschland und England angerufen, um Neujahrswünsche loszuwerden. Telefonieren ist seit ca. 10 Jahren in Indien spottbillig. Momentan kostet ein 10-MinutenGespräch nach Deutschland etwa 1,50 EUR. Telefone gibt es fast überall (auf ISD-STD achten). Ich kann mich noch gut an meinen ersten Indienaufenthalt 1985 erinnern, wo ich einmal fast sieben Stunden auf eine Verbindung nach Deutschland gewartet hatte. Als ich dann zu Rajiv Gandhis Premierministerzeit nach Indien kam, war ich gewappnet und ging mit Decke, Buch, Keksen und Wasser zum Telefonieren, da ich mit einer längeren Wartezeit gerechnet hatte. Kaum hatte ich es mit bequem gemacht und eine Seite in meinem Buch gelesen, als ich auch schon aufgerufen wurde und meine Verbindung hatte. Heute kann man überall an den Telefonen selbst wählen – es geht praktisch so einfach wie von zu Hause aus. Auslandstelefone gibt es auch in den kleineren Orten.

Silvester feierten wir auf unseren Balkon in der Lodge – in den „normalen“ Restaurants kann man nach dem Essen nicht länger herum sitzen, in den „besseren“ Hotelrestaurants waren überall Neujahrsveranstaltungen angesetzt, für die man schon vor Wochen oder Tagen hätte reservieren müssen. Nach einer dunklen Bar oder Disko war uns auch nicht (zumal die Auswahl in Madurai sehr eingeschränkt ist – ein Nachtleben existiert praktisch nicht).


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21.05.2010, 18:10

Madurai


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21.05.2010, 18:13

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21.05.2010, 18:16

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21.05.2010, 18:17

Essen in Indien

In Südindien wird – mit Ausnahme in Kerala – vorwiegend rein vegetarisch gegessen – sogar Eier werden verweigert. Wir essen in Indien prinzipiell immer vegetarisch – die indisch-vegetarische Küche ist unglaublich vielfältig.

Mittags und abends wird von einem Großteil der Bevölkerung Thali gegessen (viele Restaurants haben denn auch zu diesen Zeiten Schilder mit „Meals ready“ aufgehängt). Ein Thali besteht aus einem Bananenblatt oder einem Metallteller, auf dem Reis, manchmal auch Chapati oder Papadam, mehrere Gemüsesorten, einige Saucen und Sambals, Pickles (in der Regel aus Mangos) und bei besseren Thalis ein Raita, Curd und/oder eine süße Milchspeise aufgeladen wird. Das Angenehme an einem Thali ist, dass es relativ wenig kostet, je nach Restaurant und Tag aus unterschiedlichen Gemüsen bestehen kann und – für die Inder wohl am wichtigsten – man essen kann, so viel man will oder schafft. Man macht sich bemerkbar und bekommt dann das Gewünschte nachgefüllt. Ich selber habe kleine, dürre Inder gesehen, die Unmengen an Reis, Saucen und Gemüse in sich hinein geschaufelt haben, eine Menge, die ich an vier Tagen nicht gegessen habe – aber ganz bestimmt arbeiten die körperlich auch wesentlich härter. Gegessen wird mit der rechten Hand, daher sollte man sich vorher die Hände immer äußerst genau waschen (man weiß ja in Indien nie genau, was man da so alles angelangt hat), die linke Hand ist beim Essen tabu.

Natürlich gibt es für die Hauptmahlzeiten auch die diversen Arten von Dosas, Parotas, Rotis und Uttapams. In besseren Lokalen bestellt man gezielt, was man möchte. Da gibt es zum Beispiel Dahl in unzähligen Arten (ein Linsencurry – in Indien gibt es angeblich mehr als 200 Arten von Linsen), Channa Masala (Kichererbsencurry), Aloo Gobi (einen Curry aus Kartoffeln und Blumenkohl), Aloo matter (einen Curry aus Kartoffeln und Erbsen), Matter paneer (einen Curry aus Erbsen und Erbsen), Palak Paneer (einen Curry aus Spinat und unfermentierten Käse), Malai Kofta (einen Curry mit Gemüsebällchen), Paneer Kofta (dasselbe mit Käsebällchen), Baigan Masala (Auberginencurry) , Navratam Korma (einen nordindischen Curry mit Rosinen und diversen Gemüse). Dann gibt es trockene Gerichte, zum Beispiel die Manchurian, am bekanntesten wahrscheinlich Gobi Manchuirian (Blumenkohl in einer roten Gewürzpaste herausgebacken).

Dazu wird vor allem in Südindien Reis, Reis und Reis serviert. In Nordindien wird der Reis häufig durch die Brote Chapati, Parota, Naan oder Puri ersetzt bzw. ergänzt. Diese Brote können durch Ghee (Butterfett) verfeinert (d.h. in der Regel sehr fett und gehaltvoll gemacht werden – nicht mein Geschmack) oder durch Belag mit Gemüse (z.B. Spinat) werden. Mein Tipp ist das im Tandoor-Ofen gebackene Naan.

Das schärfste Essen gibt es nach meiner Erfahrung in Andhra Pradesh mit seiner Hauptstadt Hyderabad.

Vor allem in Nordindien tendiert man in sogenannten „besseren“ Restaurants dazu, Speisen mit einer dicken Sauce aus Ghee zu überträufeln – häufig sind die Speisen dann nach meinem Geschmack viel zu fett. Man kann dann auf Thali ausweichen, das als Standardgericht immer relativ fettarm ist.

Häufig wird Raita dazu gegessen. Raita ist eine Art Joghurt, in die diverse Gemüsearten mit Gewürzen und Kräutern (Koriander) eingelegt werden. Es gibt Raita mit feinen blauen Zwiebeln, mit Gurke oder mit unterschiedlichen Gemüsensorten oder – eines der feinsten – mit Ananas.

Als Nachspeise ist man Süßigkeiten (meist unglaublich süß) und trinkt einen Tee oder (seltener) einen Kaffee. Tee und Kaffee gilt als Ende einer Mahlzeit und man erhält meist sofort die Rechnung auf den Tisch geknallt. Ein zweiter Tee oder Kaffee stößt in den meisten Restaurants auf Verwunderung. Apropos: speziell in Nordindien wird der Chay in einer Tasse mit Unterteller serviert. In der Regel steht im Unterteller auch Chay, das macht nichts, denn damit der Tee abkühlt, schüttet man ihn auf den Unterteller und trinkt daraus.

An Süßigkeiten gibt es Barfi (aus Milch), Halva (aus Gemüse, Früchten, Nüssen und Unmengen von Zucker), Ladoos (kleine süße Bällchen, ich habe nie herausbekommen, woraus die gemacht werden) oder Rasgullas (aus süßen Käse und mit Rosenwasser aromatisiert), Jalebis (kräftig frittierter Teig aus Butter und Zuckersirup) oder Kheer bzw. Payasam (ein cremiger Reispudding gewürzt mit Kardamom, Safran, Pistazien, Mandeln und bedeckt mit Cashewnuts oder getrockneten Früchten).

Besonders teure Süßigkeiten werden mit hauchdünnen Blättchen aus Silber überzogen, das natürlich mitgegessen wird – angeblich werden jedes Jahr 14 Tonnen Silber in Indien für Süßigkeiten verarbeitet und gegessen (vor allem beim wichtigsten Fest Diwali).

Zum Essen wird in der Regel Wasser getrunken – Wasser gibt es kostenlos in allen Restaurants, es kommt aus der Leitung und ist daher nur für Inder genießbar. Touristen sollten abgepacktes Wasser in Flaschen kaufen. Man trinkt auch die diversen bekannten Softtrinks wie Coca Cola, Pepsi Cola, Mirinda, Sprite, Thumbs Up (das indische Cola) oder Maaza/Slice (ein Mangogetränk). Häufig gibt es salzige oder süße Lassis (ein Joghurtgetränk), letztere auch mit Früchten (Ananas, Banane, Papaya oder Mango). Mein Geheimtyp ist Makhania-Lassi, ein Lassi mit diversen Gewürzen und süße Mandeln, Pistazien und Cashewnuts – gefunden haben wir es allerdings nur in Jaisalmer und in Jodhpur.

Außerdem gibt es viele Arten von Fruchtsäften (Juice oder Shakes) – hier sollte man aufpassen, ob mit (Leitungs-)Wasser oder Eis gemischt wird. Beliebt sind aus Rosenwasser oder Zuckerrohrsaft (beide meist aus Leitungswasser hergestellt) oder Badamilch (gibt es heiß und kalt).

Die betuchteren Inder (und Touristen) greifen auch zum Bier. Allerdings wird man es nur in den teureren oder in auf Touristen spezialisierten Restaurants bekommen. In den teuersten Hotels bekommt man auch sehr guten, manchmal allerdings etwas süßen indischen Wein und natürlich auch die importierten Sorten aus Australien oder Frankreich.

In einigen Bundesstaaten (z.B. in Gujarat) gibt es ein striktes Alkoholverbot. Hinter den Grenzen dieser Staaten findet man dann auch kilometerweit eine Schnapsbude neben der anderen. Touristen können sich ein eigenes Permit zum Kauf von Alkohol ausstellen lassen, allerdings ist es meist recht umständig, den Alkohol zu besorgen und außerdem auch relativ teuer. Ein 1-Monat-Permit bekommt man in den großen Hotels mit einem „Wine Shop“, wenn man seinen Reisepass und die Registration Form seines Hotels mitbringt. Man kann dann in diesem Monat zwanzig Flaschen Bier konsumieren. Das Permit sollte eigentlich kostenlos sein, aber häufig werden 100 bis 500 Rupies dafür kassiert.

Dann gibt es natürlich noch die Touristenrestaurants mit dem Standard-Travellerfood, Banana Pancake, Pizza, Spaghetti usw., häufig mit wenig Ähnlichkeit mit dem Originalprodukt – einmal hatten wir Banana Pancake gesehen, der in der Pfanne geliefert wurde, ca. 3 cm dick und ganz offensichtlich aus einer Art Mürbteig war – ein Kuchen aus der Pfanne eben.

Humorvoll und lustig sind allerdings häufig die Speisekarten (man sollte allerdings bedenken, dass die europäische Schrift den Indern völlig fremd ist und sich einmal vorstellen, was herauskäme, wenn wir „Tiruchirappalli“ in Hindi oder Tamil schreiben würde). Da gibt es dann die gute Ice „Gream“, das „Gola“, den „Leman juice“ und die „Frut Milk“, die „Chinies Needles“ oder das frisch zubereitete Essen, das „Fress Food“ oder das „pis masala“ (das peas masala). In Puschkar gibt es gar gesendete Hexen – „sentwitches“ statt „sandwiches“. Irgendwo sahen wir einmal in einem „german“ Restaurant (allerdings in Indonesien) ein „schiener witzel“, wobei wir annehmen, dass ein sehr „lustiger“ deutschsprachiger Tourist für diese Verunglimpfung verantwortlich war. In Mandu gibt es in den „Restourents“ statt „snacks“ nur „snecks“ oder „snax“. Zu den Hauptmahlzeiten gibt es für die „touriests“ neben „raice“ sogar „pitza“, „lunch and deener“, „veg. nudduls“, „toste“, „dinar“ oder „diener“. Zum Frühstück hat man die Auswahl zwischen „brake fast“, „brakfast“ und „brekfast“ oder „pancack“ und „banana fitter“. Ab und an gibt es aber auch „banana flitter“. Na, dann Mahlzeit.

Man sollte sich nicht wundern, wenn man nach dem Essen, bzw. nach dem Kaffee oder Tee sofort die Rechnung auf den Tisch bekommt. In Indien ist es unüblich, in einem Restaurant noch für einen längeren Schwatz oder bei einem Getränk sitzen zu bleiben. Man isst, bekommt die Rechnung, steht auf, zahlt und geht. Das macht die ganze Sache manchmal etwas anstrengend und unangenehm, ist aber verständlich, wenn man sieht, wie viele Leute ins Lokal drängen und auf Sitzplätze warten. Ausnahmen sind natürlich die Restaurants in den recht teueren Luxushotels. Auch wenn man zum Essen eingeladen wird, ist die Einladung in der Regel nach dem Essen beendet. Ich wurde einmal von Gujeratis zum Essen eingeladen, mit dem Ambassador abgeholt, einige Kilometer weit zum Wohnhaus gefahren, dort hatten wir ein Stündchen geplaudert, dann kam das Essen, anschließend der Chai. Dann wurde ich von der Familie freundlichst verabschiedet, wieder ins Auto gesetzt und in mein Hotel gefahren – für Europäer ein etwas gewöhnungsbedürftiges Verhalten, in Indien aber völlig normal.

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21.05.2010, 18:21

Tiruchirappalli (Trichy)

Nach den Erfahrungen mit den überfüllten Zügen, fuhren wir mit dem Bus nach Tiruchirappalli. Alle Züge nach Tiruchirappalli kamen aus irgendwelchen anderen Orten, hielten kurz in Maurai und waren sicherlich gerammelt voll, während zahlreiche Busse in Madurai starteten und auch häufiger fuhren.

Also mit der Motor-Rikscha in die weit draußen liegende Bus-Station. Nach knapp drei Stunden Fahrt durch eine schöne, fruchtbare und grüne Landschaft auf einer im Bau befindlichen und für Indien unglaublich komfortablen Autobahn kamen wir in Tiruchirappalli an. Gleich neben dem Busbahnhof fanden wir im Hotel Mathura für 470 Rupies ein großes sauberes Zimmer – sogar Seife, Toilettenpapier, Handtuch und tägliche Zeitung war inklusive.

Nachmittag fuhren wir mit dem Bus in die Innenstadt und besichtigten die riesige Lourdes Church und direkt daneben das St. Joseph’s College. Wir haben noch nirgends so ein riesiges und luxuriöses College in Indien gesehen – es belegte fast ein Stadtviertel und besaß ein neu erbautes Bibliotheksgebäude, das sicherlich wesentlich größer als die Münchener Staatsbibliothek ist. In der Innenstadt befindet sich auf einem hohen steilen Felsen das Rock Fort mit dem Sri Thayumanaswamy Tempel (nur für Hindus) und ganz oben auf der Spitze dem Vinayaka Tempel. Der Tempel selber ist sehr klein und vollkommen uninteressant – das Schöne ist der Rundblick über Tiruchirappalli und Srirangam, vorausgesetzt man besitzt die Geduld um sich in die Menschenschlange einzureihen, die oben am Tempel zu Puja wollen.

Am nächsten Tag besichtigten wir dann den Sri Ranganathaswamy Tempel in Srirangam, einem Vorort von Tiruchirappalli. Schon vom Rockfort sieht man seine riesigen Ausmaße. Er ist der größte Tempel Indiens. Der innerste und heiligste Tempel (wie immer erkennbar am vergoldeten Dach) ist umgeben von sieben konzentrischen Mauern, an deren Eingängen die Tempeltürme, die Gopurams stehen. Der höchste Gopuram mit 73 m steht an der äußersten Mauer. Zwischen der ersten und dritten Mauer breiten sich unzählige Basargeschäfte aus, die alle zum Tempel gehören und vermietet werden. Ab der vierten Mauer beginnt der eigentliche Tempel mit unzähligen Heiligtümern, Hallen (darunter eine 1000-Säulenhalle) und natürlich diversen Wirtschafts- und Wohngebäuden für die Brahmanen. Ach ja, die Brahmanen: in Tiruchirappalli scheinen sie besonders geschäftstüchtig zu sein – an allen Ecken wird kassiert, ob für einen Segen, ob für ein Prasad, ob für den Eintritt, überall finden sich die Tempelpriester und halten die Hand auf. Man findet zahlreiche Plakate mit den Preisen für den einfachen Segen um 15 Rupies bis zu dem etwas luxuriöseren für 2500 Rupies. Auch der Segen des Tempelelefanten muss (wie überall) bezahlt werden – er ist aber auch netter als die Priester.

Nach einigen Stunden Tempel hatte meine Frau genug von Tempel und fuhr zurück ins Hotel, während ich mich auf machte, den Sri Jambukeshwara Tempel zu besuchen, einer der fünf elementaren Tempel des Gottes Shiva in Indien. Allerdings war ich zu früh, der Tempel machte erst in einer halben Stunde nach der Mittagspause auf. Also wanderte ich zwischen seiner ersten und zweiten Mauer rund um den Tempel herum. Entlang der Mauern reihte sich ein Wohnhaus an das andere, die meisten recht schön, zum Teil erinnerten sie mich an chinesische Häuser in Malaysia. Vor vielen Häusern waren schöne, farbige Motive auf den Boden mit farbigen Pulver gemalt. Vor einem Haus stand eine etwas ältere Frau, die völlig ungeniert ihren Sari über die Knie hoch schlug, sich breitbeinig über einen Graben stellte und wie ein Kuh anfing mit einem dicken Strahl zu pinkeln. Das war sogar mir neu – pinkelnde Männer sah man in Indien ja überall an jeder Wand oder Straßenecke, aber Frauen…. Vor einigen Tagen hatten wir ein deutsches Ehepaar mit vierjährigen Sohn getroffen und der hatte seinen Indien-Eindruck wunderbar treffend formuliert: „Die Inder sind wilde Hund“ – offensichtlich nicht nur die Inder, sondern auch die Inderinnen.

Der Tempel selber ist schön, nicht so überfüllt wie der größere Sri Ranganathaswamy Tempel – westliche Touristen sieht man nicht. Es gibt einen sehr friedlichen, netten Tempelelefanten, 52 Jahre alt, weiblich mit dem Namen Shanti.

Bei der Rückfahrt noch schnell in einen Fotoladen und Fotos für Visa machen lassen: 32 Stück für umgerechnet 1,20 EUR.

Apropos: am Central Bus Station gibt es hinter dem Mathura Hotel ein schönes Restaurant, in dem man abends im Freien sitzen kann (in Indien eine Rarität). Allerdings wird einem das friedliche Sitzen nach beendeter Mahlzeit verleidet, da immer 10 bis 30 Gäste auf freie Sitzplätze warten. Fünfzig Meter weiter gibt es einen Straßenstand, der morgens Sweet Bombay Lassi und abends heiße Badi-Milch anbietet – sowohl Lassi als auch Milch waren die besten, die wir in Indien bekommen hatten.


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21.05.2010, 18:24

Tiruchirappalli (Trichy)


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21.05.2010, 18:26

Tiruchirappalli (Trichy)


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21.05.2010, 18:28

Tiruchirappalli (Trichy)


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21.05.2010, 18:31

Tiruchirappalli (Trichy)


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21.05.2010, 18:34

Sitannavasal

Heute sind wir von Tiruchirappalli nach Sitannavasal gefahren. Die Abfahrt war wieder perfekt getimt – wir waren frühstücken und kamen am Busbahnhof an und drei Minuten später ging der Bus. Laut Reiseführer sollte der Ort 16 km nördlich von Pudukkottai sein. Der Schaffner nickte eifrig, als ich ihm den Ort erklärte und auf einem handgeschriebenen Blatt und im Reiseführer zeigte und kassierte für zwei Personen 54 Rupies. Nach gut eineinhalb Stunden sollten wir nach meiner Berechnung da sein. Durch welche Orte wir fuhren, konnten wir nicht feststellen, denn es war alles in Tamil – nur die penetrante Werbung war immer in Englisch. Nachdem ich den Schaffner drei- oder viermal nach Sitannavasal gefragt und er immer sehr beruhigend genickt und gewinkt hatte – beruhigt waren wir aber gar nicht mehr – setzte er uns in einem kleinen Ort aus. Zuerst man Chai und Kaffee trinken – beides war nicht sonderlich gut. Dann nach unserem Ziel, einem Jain-Tempel fragen. Keiner kannte einen Jain-Tempel. Dann kamen wir auf die Idee, nach dem Namen des Ortes zu fragen – der lautete beileibe nicht Sitannavasal, sondern Chettinadu. Wir waren uns nicht ganz einig, ob der Busschaffner völlig blöd war und nicht hören und lesen konnte oder ob er eigentlich nur bösartig war, denn die beiden Ortsnamen konnte man wirklich nicht verwechseln. Das war nach vielen Bus- und Zugfahrten in Indien wirklich das erste Mal, dass uns so etwas passierte.

Endlich trafen wir in dem kleinen Nest einen Mann, der Englisch sprach (einen pensionierten Ingenieur von der Indischen Airforce). Wir mussten ungefähr 20 km zurückfahren, in Pudukkottai den Bus wechseln und noch einmal 16 km ins hinterste Eck fahren, wo es außer einigen Hütten, Palmen, Reisfeldern und Felsen nichts gab. Der Reiseführer war hier wieder einmal völlig falsch – der zuständige Mitarbeiter konnte die Fahrt niemals so gemacht haben, wie er sie beschrieben hatte.

Die Fahrt selber war herrlich, die Wanderung zum Jain-Tempel ebenfalls, nur der Jaintempel war etwas enttäuschend. 100 Rupies Eintritt für einen ca. 20 qm großen Tempel mit einigen nicht sehr schönen, dafür alten Jain-Statuen. Interessant, aber sehr in Mitleidenschaft gezogen, waren die 1500 Jahre alten Wandmalereien aus Pflanzenfarben – im Zentrum der jainistische Paradiesgarten mit Lotosblüten, Vögeln, Fischen, Elefanten, Seeungeheuern und zwei schönen Wasserjungfrauen. Vom künstlerischen Standpunkt sollen sie in Indien einzigartig sein, na ja, schön waren sie ja. Imposant war das Echo in der kleinen ca. 4 qm großen hinteren Meditiationszelle – wenn man brummte oder „Om“ sang, vibrierte die gesamte Zelle bei dem hundertfachen Echo.

Bei der Rückfahrt nach Pudukkottai war der Bus gerammelt voll und wir mussten stehen und unsere Stehplätze hart gegen andere Mitreisende, vor allem einiger älterer Landomas verteidigen. Der Bus von Pudukkottai nach Tiruchirappalli war ebenfalls voll, so ließen wir drei durchfahren (es kam alle fünf Minuten einer) und beim vierten konnten wir doch tatsächlich zwei Sitzplätze mit allen Tricks ergattern.

Um 09:00 waren wir aufgebrochen und um 17:30 waren wir wieder in Tiruchirappalli. Laut Reiseführer hätte man an einem Tag fünf Sehenswürdigkeiten besichtigen können, die alle an der Hauptstrasse liegen und mit einer Buslinie angefahren werden sollten – absoluter Blödsinn. Da war mal wieder unsauber recherchiert worden.


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21.05.2010, 19:24

Reiseführer

Tja, welchen Reiseführer soll man für Indien verwenden? Ich persönlich habe ja immer mit dem Lonely Planet Reiseführer „India“ sehr gute Erfahrungen gemacht, solange man nicht erwartet, dass alle Eintragungen korrekt sind. Dazu ändert sich in asiatischen Ländern zu viel. Speziell gilt dies für Preise, die sich ja häufig und kontinuierlich ändern.

Von dem neuen Lonely Planet, der im Oktober 2009 erschienen ist, war ich dann doch etwas enttäuscht. Nicht nur, dass die Hotelpreise häufig überhaupt nicht stimmten (Hotelpreise waren in der Regel meist um 20 bis 30 % teurer als angegeben, was bei einem so aktuellen Reiseführer eigentlich nicht sein dürfte), auch die Eintrittspreise zu Museen, Tempeln oder Festungen stimmten häufig nicht, obwohl sie schon seit 2 Jahren nicht mehr erhöht worden waren. Immer wieder fanden wir Beschreibungen wie die Besichtigungstour nach Sitannavasal, die so wie beschrieben nicht machbar ist.

Worauf man sich beim Lonely Planet, nach einigen schlechten Erfahrungen unsererseits (nicht nur bei „India“-Führer, sondern auch beim „Thailand“-, „Cambodia“- oder „Indonesia“-Führer) prinzipiell nicht verlassen sollte, sind die Tipps von angeblich guten Restaurants. Wir sind inzwischen zu dem wohlgereiften Vorurteil gekommen, dass Australier (der Lonely Planet zu asiatischen Ländern wird fast vollständig in Australien produziert) in keinster Weise zu den Gourmets gehören (ich traf Franzosen, die deswegen zusätzlich einen französisch-sprachigen Restaurantführer mitnahmen und die Australier als Essens-Banausen bezeichneten) - dem kann ich mich nur anschliessen.


Trotz dieser Mängel gehört der Lonely Planet „India“ sicherlich zu den besseren Reiseführern für Indien, zumal er in den letzten zehn Jahren den kulturellen Teil mit detaillierten Beschreibungen wesentlich verbessert und die Stadtpläne vermehrt hat. Ich wüsste keinen Reiseführer für Gesamtindien, der an den Lonely Planet auch nur annähernd herankommt.

Anders sieht es für Reisen in geführten und durchorganisierten Gruppen aus – die brauchen eigentlich nur einen Kulturreiseführer.

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21.05.2010, 19:26

Gefahren in Indien

In Indien gibt es mehrere Gefahren. Zu einer der unangenehmsten gehört sicherlich der Straßenverkehr, der für uns sehr gewöhnungsbedürftig ist – aber darüber habe ich ja schon geschrieben.

Dann gibt es noch die Schlangen, an deren Bissen jährlich eine erdenkliche Anzahl von Indern sterben. Als Tourist kommt man mit ihnen meist nicht in Kontakt – es sei denn mit einigen Kobras, die in den Körben der Schlangenbeschwörer vor sich hin vegetieren. Die Gefahr ist also zu vernachlässigen. Wesentlich gefährlicher sind die Kokospalmen, von denen es Erstens mehr gibt als Schlangen und mit denen man Zweitens öfter zusammentrifft. Jährlich sterben angeblich doppelt so viele Inder an fallenden Kokosnüssen als an Schlangenbissen. Also: wenn man unter Kokospalmen durchgeht, den Kopf einziehen oder einen Schutzhelm tragen…

Die schlimmste Gefahr in Indien sind meiner Ansicht nach aber eindeutig die alten Omas, speziell wenn sie vom Land kommen und einen Bus oder einen Zug besteigen :D . Unterschätze niemand so ein alter gebeugtes, hinkendes und zahnloses Mütterchen – beim Kampf um einen Sitz- oder einen guten Stehplatz sind sie unschlagbar und sie kämpfen den Kampf mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln (es nimmt aber auch keiner Rücksicht auf sie). Selbst ein 100 kg schwerer, im Fitnesscenter geübter Europäer hat wenig Chancen gegen so ein 40 kg-Weibchen – sie ist immer schneller in einem Bus und belegt einen Sitzplatz. Und hat sie keinen bekommen, schwöre ich, dass sie einen europäischen Touristen in spätestens zehn Minuten mindestens 20 bis 30 cm von seinem guten Stehplatz verdrängt und sich diesen einverleibt hat. Alte Omas arbeiten mit allen Mitteln, sie steigen systematisch auf die Füße, rammen die Knie in diverse Körperteile oder die Ellbogen in irgendwelche Weichteile, kneifen auch hie und da mal und schauen unschuldig und Mitleid heischend, knallen mit Vorliebe ihre Taschen und Körbe in die Kniekehlen der Mitreisenden und drängen sie im Überraschungsmoment beiseite. Oder sie lassen geräuschvoll einen Furz, so dass man wegen der Geruchsbelästigung gerne einen halben Meter Zwischenraum herstellte, wenn so viel Platz gewesen wäre – aber schon hatte die Oma wieder einige Zentimeter erobert.

Vor einigen Jahren stieg ich in einen Bus nach Somnathpur – er kam schon völlig überfüllt an, einige Leute stiegen aus und eine Unmenge zu. Ich hatte mich schon gut geübt ganz nach vorne an die Tür gedrängt (ohne Drücken und Drängen gebt bei Indiens Bussen und Zügen gar nichts) und war gerade beim Einsteigen und hatte gute Chancen auf einen der letzten freien Sitzplätze – aber plötzlich ging es nicht weiter. Eine kleine, krumme Bauersfrau krabbelte auf allen vieren zwischen meinen Beinen hindurch und die Bustreppe hinauf. Wenn ich weitergegangen wäre, hätte ich sie niedergetrampelt, also stand ich stocksteif in der Tür, während mir die drängelnden Inder auf Rücken und Schulter klopften und „Go, Go“ schrieen. Aber wie sollte ich gehen? Als ich dann endlich im Bus war, saß die vielleicht 1,50 m große alte Oma mit ihren krummen Beinen auf dem letzten freien Sitz, grinste mich mit ihrem zahnlosen Mund an (sie hatte gerade noch zwei Zähne), als wollte sie mir sagen: „Na Kerl, so macht man das als altgedienter Profi“. Ja, von der konnte man noch etwas lernen.

Darum: wenn ihr nach Indien kommt, hütet euch vor alten indischen Omas (wie mir mein Sohn erzählte – er war mehrere Monate in China – seien die chinesischen Omas noch schlimmer, da sie sogar kratzen, beissen und spucken würden).

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21.05.2010, 19:27

Bettler

Nach mehreren, häufig monatelangen Reisen durch Indien ist mir eines noch immer ein Rätsel geblieben: wie verhält man sich bei Bettlern richtig. Bettler gibt es in Indien unzählige und in jeder Form: junge Frauen mit Kinder, Alte, Kranke, Verkrüppelte, Yogis und Saddhus, Priester und Schulkinder.

Wie man sich richtig verhält, wer ein echter Armer, wer ein professioneller Bettler ist, wie viel man gibt – ich weiß es wirklich nicht. Wir haben schon häufig Inder befragt und erhalten dort meist die Antworten: nichts geben, vor allem den Kindern nicht, sie gäben – wenn überhaupt – eine Rupie, aber in der Regel etwas zum Essen, Reis, Chapatti usw. Aber um mal ehrlich zu sein: ich habe noch nie einen Inder gesehen, der einem Bettler Reis gibt….

Wir haben uns inzwischen darauf geeinigt, täglich einen bestimmten Betrag für die Bettler auszugeben, arbeitsfähigen Indern und jungen Frauen mit Kindern (das sich meist die professionellen Bettler, die oft eine bühnenwirksame Show abziehen können) nichts zu geben. Jeder muss selber entscheiden wie viel und ob überhaupt, sollte aber immer daran denken, wie unglaublich reich wir im Vergleich zu diesen Menschen sind. Alten und Behinderten geben wir meist, obwohl auch viele Behinderte zu den Profis gehören. Nachdem uns viele Inder abgeraten haben, bekommen Kinder kein Geld, sondern ein Stück Obst oder Kekse, wenn wir welche dabei haben – Kinderbettlerei scheint häufig eine Vorstufe zur Kriminalität zu werden, wie uns Politikwissenschaftler in Indien und Sri Lanka versicherten.

Geben sollte man nicht zuviel und immer die Relationen sehen. In Pushkar trafen wir vor Jahren zwei Kinder, die für fünf Rupies Schuhe putzten (und das perfekt). Ein Bettlerkind bekam von uns zwei Rupies und war sehr empört und wurde ausfallend, dass dies zu wenig war, worauf die beiden Schuhputzer ziemlich sauer wurden und mit „We work for our money“ den Bettler ziemlich rabiat vertrieben. Für fünf Rupies werden Schuhe geputzt oder eine Hose gebügelt, ein Tee kostet zwischen vier und sechs Rupies, Rasieren (das dauert meist zwischen zwanzig und dreißig Minuten) kostet 25 Rupies, ein vollwertiges vegetarisches Mittagessen kostet zwischen 25 und 50 Rupies (und man kann essen soviel man will). Unter diesem Aspekt sind fünf Rupies für Bettler eindeutig zuviel. Daher lieber weniger, aber dafür an mehrere.

Mit einem muss man aber umgehen können: es ist ganz sicher, egal wie viel man gibt, in der Regel ist es den Leuten immer zu wenig (vor allem professionelle Bettler können dies perfekt vermitteln). Ein Danke sollte man übrigens auch nicht erwarten.

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22.05.2010, 16:20

Thanjavur (Tanjore)

Mit dem Bus vom Central Bus Stand in Tiruchirappalli los nach Thanjavur. Zwei Tage vorher hatte ich gefragt, wo und wie oft der Bus fährt. Der Schaffner hatte gemeint, alle zwei Minuten – für mich wieder eine völlig unglaubwürdige Auskunft, wahrscheinlich hatte er zwanzig Minuten gemeint. Tatsächlich fuhr aber wirklich alle zwei oder drei Minuten ein Bus und alle waren gerammelt voll. Im vierten Bus Stadtzentrum wohnen, direkt in der Nähe vom Brihadiswhara Tempel. Freundlicherweise fuhr ein großer Gelenkbus zwischen alter und neuer Busstation. Ein Hotel hatten wir auch sofort, ein schönes großes Zimmer mit Fernseher (den wir nie benutzten) für 290 Rupies im Thanjai Guest House.

Nach einer kurzen Mittagspause und einem Mittagessen zu Fuß zum Brihadiswhara Tempel (er wird auf den Wegweisern nur als „Big Temple“ bezeichnet). Der Brihadiswhara Tempel gilt als Höhepunkt der Architektur der südindischen Chola-Periode und wurde 1010 vom König Rajaraja (was „König der Könige“ heißt) erbaut. Er war ein sehr früher Bürokrat – die heutigen Inder hätten große Freude an ihm -, denn er ließ die Namen und Adressen aller Tänzer, Tänzerinnen, Musiker, Barbiere und Dichter in die Tempelwände meißeln.

Ein riesiger Nandi (Shivas Reittier, ein Stier), 6 m lang und 3 m groß, schaut auf das innere Heiligtum. Er wurde aus einem Stein gemeißelt, wiegt 25 Tonnen und ist einer der größten Nandis in Indien (ein einheimischer Inder wollte mir weismachen, es wäre der größte in Indien – der steht aber leider in Mysore, was er mir nicht glauben wollte – was solls). Der Gopuram des Haupttempels ist – ungewöhnlich für südindische Tempel – der höchste Turm des Tempels, der Vimana ist 66 m hoch und sein Schlussstein besteht aus einem Stück, das 82 t wiegt und über eine 6 km lange Rampe auf den Turm gebracht worden war. Bei südindischen Tempeln ist normalerweise der Turm über dem Eingang der höchste; die Höhe der Tempeltürme nimmt zum Heiligtum hin immer ab. Die Figuren an den Außenwänden waren früher einmal bunt bemalt – an einigen sieht man noch die Überreste der alten Naturfarben, die vor 1000 Jahren aufgemalt wurden.

Rund um den Tempel an der inneren Tempelmauer findet sich ein Rundgang, der an hunderten von Shiva-Lingams und an schönen Wandgemälden im spezifischen Tanjore-Stil vorbei führt. Noch vor einigen Jahren waren die in einem desolaten Zustand, aber ungefähr die Hälfte der Fresken wurde seither wieder hergestellt und restauriert.

Interessant und erst vor ungefähr fünf Jahren eingerichtet, ist das „Temple Interpretation Museum“ direkt im Tempel. Dort werden Aufbau und Grundriss des Tempel und die mathematischen Beziehungen der einzelnen Tempelteile erläutert, die Chola-Malerei und die Restauration erklärt (die Gemälde wurden im 17. Jht. Übermalt und die aufgemalten Gemälde wurden abgetragen und finden sich nun im Museum. Im heiligsten Innern des Tempels, für Nicht-Brahmanen (und damit auch Nicht-Hindus) nicht zugänglich befinden sich 96 Tanzposen aus den Veden, von den einige im Museum nachgebildet sind. Ein kleines Museum, aber wirklich zu empfehlen.

Im Tempel gibt es wie in den meisten südindischen Tempel den obligatorischen Tempel-Elefanten, von dem man, gegen eine kleine Spende, mit dem Rüssel gesegnet wird. Immer wieder ein erfreuliches Ereignis, auch wenn viele kleine Kinder nicht der Meinung sind und fürchterlich heulen – aber indische Eltern sind da äußerst stur, wenn sie der Meinung sind, ihr Kind hätte einen Segen nötig.

Im Tempel selber treiben sich Hunderte von Pilgern herum. Bei ihnen ist es große Mode, sich fotografieren zu lassen und anschließend zu verlangen, dass man ihnen das Bild zu sendet. Ein- oder zweimal macht man das sicherlich gerne, aber wenn das pro Tag mehr als 20 oder 30 Mal passiert, dann fotografiert man einfach nicht mehr, geschweige denn man schickt ein Foto zu – ist doch zu aufwändig. Aber sonst sind die Leute ausgesprochen nett und unterhaltsam – einigen, mit denen wir uns besonders gut unterhalten haben, schicken wir die Fotos immer.

Nach fünf Stunden im Tempel, einem unspektakulären Sonnenuntergang geht es dann wieder zurück ins Hotel. Als wir unsere Schuhe vom Schuhstand abholen wollen (in indischen Tempel geht man nur barfuss und lässt seine Schuhe am Chapel Stand), wollten wir dem Angestellten wie gewohnt fünf Rupies geben – erstaunlicher Weise lehnte er mit der Begründung ab, die Aufbewahrung sei kostenlos (normalerweise wird überall Geld verlangt, auch wenn die Aufbewahrung kostenlos ist). Wir wurden allen Ernstes unsere fünf Rupies nicht los – das ist wohl doch ein einzigartiges Erlebnis in Indien. Er meinte noch, er nähme nur Chewing Gum – wir brachten ihm am nächsten Tag unser zwei letzten aus Deutschland.

Der Thanjavur Palast (Eintritt: 50 Rupies, Kameraticket: 30 Rupies) ist relativ verfallen, hat aber in der farbenprächtigen Thronhalle wunderbare alte Gemälde und schöne, bunte Figuren in typischen Chola-Stil. Mit dem gleichen Ticket kann man an einem anderen Eingang den „Bell-Tower“ besteigen und bekommt einen schönen Überblick über die Stadt. Dieses Ticket gilt auch für das absolut uninteressante Tamil-Museum, einige hundert Schritte entfernt (das Museum enthält nur einige alte Schränke in dunklen Räumen mit einigen Kanonenkugeln, Metallstücken und Münzen – aus den Räumen könnte man allerdings eine Menge machen).

Wesentlich interessanter ist das Art Museum direkt neben dem Bell-Tower, auch wenn dort 30 Rupies extra Eintritt plus 30 Rupies Kameraticket zu zahlen ist. Man kann auf den Museumsturm steigen, im ersten Stock gibt es ein circa 20 bis 25 Meter langes Skelett eines Wales, der 1955 in Thanjavur angespült wurde. Absoluter Höhepunkt des Museums sind die Räume, in denen dir Thanjavur-Bronzen ausgestellt werden. Thanjavur gilt auch heute noch als das Zentrum, in dem die schönsten Bronzen Indiens hergestellt werden. Es ist unglaublich, welch wunderbare und feine Bronzefiguren im 10. und 11. Jht. Dort hergestellt wurden (mit persönlich gefielen diese 1000 Jahre alten Bronzen sogar wesentlich besser als die, die vor 200 oder 300 Jahren hergestellt wurden). Absolut großartig die Bronzefiguren von Shiva Nataraj (in einem eigenen Raum) und die Bronzen seiner Frau Parvati. Das Museum wurde vor Kurzem umgestaltet und ist jetzt wirklich sehenswert (bei meinem letzten Besuch vor sieben Jahren war das Museum noch völlig chaotisch, die Statuen standen bunt gemischt durcheinander, in wackeligen Holzkisten hinter völlig verdreckten oder blinden Glasscheiben – jetzt ist es absolut sehenswert und der Eintrittspreis gerechtfertigt.

Thanjavur ist auch ein guter Platz um Bronzefiguren zu kaufen – am besten informiert man sich bei Poompuhar in der Gandhiji Road. Der Laden gilt als recht seriös und hat fixed Prices.

Achtung: die Angestellten im Palast und Museum versuchen immer wieder Eintritt und Kameraticket zu verkaufen, ohne ein Ticket auszugeben (mit der Erklärung, das brauche man nicht). Man sollte die prinzipiell nicht tun und immer auf ein Ticket bestehen, da sonst die Gefahr besteht, dass man das Ticket nachlösen muss (das vorher gezahlte Geld fließt natürlich direkt in die Taschen der Angestellten). Dies gilt natürlich auch bei Busfahrten – prinzipiell: kein Geld ohne Ticket.

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22.05.2010, 16:23

Thanjavur (Tanjore)


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22.05.2010, 16:26

Thanjavur (Tanjore)