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31.05.2010, 19:25

6 Monate Indien, Teil 03 Von Mumbai nach Udaipur

So, ab jetzt bin ich also alleine unterwegs.

Am nächsten Tag abends – nachdem ich meine Frau zum Flughafen in Mumbai gebracht hatte und morgens ganz geknickt und einsam meine Klamotten eingepackt hatte - also solo mit dem Zug weiter nach Bhopal – 12 Stunden im Schlafwagen. Wieder eine Russin getroffen – es ist erstaunlich, wie viele Russen in Indien (und auch im Sommer in Indonesien) unterwegs sind. Allerdings trifft man noch mehr Franzosen. In Palolem und in Mumbai habe ich mit den Hotelbesitzern gesprochen und die bestätigten mir, dass tatsächlich ganz wenige Deutsche unterwegs sind. In den Vorjahren war fast ein Drittel aller Reisenden aus Deutschland. Dieses Mal sind nur vereinzelt Deutsche unterwegs – anscheinend schlägt die Krise in Deutschland besonders heftig zu (auch wenn Medien und Regierung das Gegenteil behaupten). Habe zum ersten Mal Touristen aus Mauritius getroffen – eine indische Familie mit zwei Kindern. Gab ein langes und lustiges Abendessen zusammen.

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31.05.2010, 19:26

Bhopal

Bhopal – wer Bhopal hört, denkt unwillkürlich an die größte chemische Katastrophe der Menschheitsgeschichte. Am 03.12.1984 strömten aus der maroden Anlage der Union Carbide Corporation 40 t des tödlichen Methylisocyanat (MIC), zusätzlich Dimetyloamin, Trimethylisocyanurat und andere giftige Gase, aus. Naja, eigentlich war es keine Katastrophe, sondern ganz einfach ein gigantisches Umweltverbrechen. Die Gründe der Katastrophe war Geldgier (man hatte geschultes Personal entlassen und gegen billiges ungeschultes ausgetauscht), Geldgier (man hatte Wartungsintervalle verlängert und in einigen Fällen überhaupt keine Wartungen vorgenommen), Geldgier (die Alarmsirenen wurde abgeschaltet, da sie so marode waren und Fehlalarme verursachten), Geldgier (eine Gasfackel die austretendes Gas verbrennen konnte, war aus Kostengründen vor drei Monaten demontiert worden), Geldgier (die Tanks, die nur zu 50 % gefüllt sein dürfen, waren zum Zeitpunkt des Unglücks zu 87 % überfüllt), Geldgier (es existierten keine Katastrophenpläne, da zu teuer) und noch einmal Geldgier (man hatte billigste Austauschteile aus Blech, Plastik und einfachen Stahl statt vorgeschriebenen Edelstahl verwendet). Da keine Notfallpläne existierten, liefen Tausende von Menschen zum Krankenhaus, wo die Gaswolke am stärksten und am tödlichsten war. Die einzelnen noch existierenden Alarmsirenen wurden nicht ausgelöst, da das Management die Bevölkerung „nicht beunruhigen“ wollte.

An der Katastrophe starben mehr als 20.000 Menschen (Union Carbide erkannte allerdings nur 3.828 an, da die anderen nicht in den ersten Tagen starben), 120.000 Menschen leiden immer noch an Spätfolgen der Vergiftungen, an chronischen und unheilbaren Krankheiten und bringen immer wider erbgeschädigte Kinder zur Welt. Noch heute ist jede vierte Geburt in Bhopal eine Totgeburt.

Die indische Regierung verlangte 3 Mrd. US $ als Entschädigungssumme. Union Carbide verweigerte jegliche Zahlungen (trotz eines Jahresumsatzes von 9,5 Mrd. US $) und zahlte erst nach zahllosen Gerichtsverhandlungen 470 Mio. US $. Das wenigste Geld ging an die Opfer – für viele bedeuteten die Behandlungskosten den finanziellen Ruin der Familie, da die Entschädigungen in keinem Fall für die medizinischen Kosten ausreichten.

Und was tut eine Firma, um sich vor weiteren Zahlungen zu drücken? Richtig geraten – wir kennen halt unseren Kapitalismus genau: Union Carbide wurde an Dow Chemical verkauft. Die Verkäufer (Union Carbide) weigern sich irgend etwas zu zahlen, da sie ja nicht mehr die Besitzer sind und die Käufer und neuen Besitzer (Dow Chemical) weigern sich, da sie ja zum Zeitpunkt der Unglücks nicht Besitzer waren. So einfach geht das. Die amerikanischen Freikirchen übernahmen dann einige Jahre später dieses Modell um sich vor den Millionen Entschädigungen für die Opfer des tausendfachen Kindesmissbrauchs zu drücken, die amerikanische Gerichte verhängt hatten – also nichts Neues unter der Sonne (falls aber jemand von Euch auf dumme Gedanken kommt: so etwas funktioniert erst ab zwei- oder dreistellige Millionenbeträge und prinzipiell nicht bei Menschen, die sich ihr Geld ehrlich und anständig verdienen).

Beide Firmen verweigern sogar bis heute die Sanierung des vergifteten Geländes, das laut Untersuchungen nur 30 Mio. US $ kostet. So bedrohen die hochgiftigen Überreste noch heute die Bevölkerung.

Ach ja: der damalige Vortandsvorsitzende Warren Anderson entzog sich einem indischen Gerichtsverfahren mit Hilfe amerikanischer Diplomaten durch die Flucht in die USA. Auslieferungsanträge der indischen Regierung an die Manager und Vorstandsvorsitzenden der Union Carbide wurden von den USA natürlich abgelehnt. Klagen in den USA wurden nicht zugelassen, da die Gerichte angeblich nicht zuständig wären. Keiner der Verantwortlichen wurde bis heute angeklagt, geschweige denn verurteilt (wenn jemand meint, das sei Vergangenheit: noch vor einigen Jahren flog der amerikanische Geheimdienst Coca-Cola-Manager, die mehr als 100 Gewerkschaftsmitglieder hatten ermorden lassen, aus Venezuela aus – oder war es Honduras? - um sie vor einem Gerichtsverfahren zu schützen, also wieder nichts Neues unter der Sonne).

Wenn man heute nach Bhopal kommt, merkt man davon nichts – alles wird tot geschwiegen, sogar das riesige vergiftete Fabrikgrundstück im Ort. Nur die Opfer trifft man da und dort – sie reichen die verstümmelten, vom Gas verbrannten Hände, zeigen ihre Hautfetzen an Gesicht und Armen und betteln um Bakschisch für eine Behandlung. Aber es sind zu viele. Selbst einem hart gesottener Indien-Reisender ist das zu viel – man schottet sich ab, selbst ein Mahatma Gandhi könnte wahrscheinlich nicht so viel Mitleid aufbringen, auch eine Mutter Theresa hatte keines mit den Lebenden, gab keine Rupie für sie aus und sorgte nur für die Sterbenden. Nirgendwo habe ich ältere Menschen am Straßenrand sitzen sehen und Leim aus Plastiktüten schnüffeln – wahrscheinlich um die Schmerzen an Haut, Lunge und Leber zu betäuben. Es ist grausig.

Entschuldigung – das alles klingt recht böse und bitter, aber wenn man das Elend sieht, dann weiß man, worauf unser ach so großer Wohlstand aufgebaut ist. Man sollte nicht hoffen, dass deutsche Firmen so viel besser wären – man braucht nur mal die Chipfertigungen eines großen deutschen Unternehmens in Malaysia ansehen, da wird das lila gefärbte Abwasser direkt in die benachbarten Reisfelder geleitet.

Nachtrag 07.06.2010
Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Giftgaskatastrophe von Bhopal hat ein Gericht acht Inder wegen fahrlässiger Tötung zu jeweils zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Es handelt sich um ehemalige führende Mitarbeiter der inzwischen stillgelegten Chemie-Anlage des amerikanischen Unternehmens Union Carbide. Der ebenfalls angeklagte frühere Vorstandsvorsitzende, der Amerikaner Warren Anderson, hatte sich dem Prozess entzogen.
aus der FAZ siehe
http://www.faz.net/s/RubB08CD9E6B0874667…n~Scontent.html

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31.05.2010, 19:33

Bhopal

Schon vor Ankunft in Bhopal war alles grau und in dichtem Nebel. In Bhopal hatte es nachts geregnet, es war ziemlich kalt und überall stand der Matsch Zentimeter tief. Nicht gerade das, was ich mir vorgestellt hatte – aber das Wetter in Indien macht anscheinend immer noch

Nachdem ich zuerst gut gefrühstückt hatte, ging es dann auf Hotelsuche – die zwei Wunschhotels waren natürlich voll und so ging es halt in das nächste – nicht sehr luxuriös, dafür billig und einiger Massen sauber – 150 Rupies kostete das Einzelzimmer. Nachmittag dann für erste Erkundigungen in die Stadt. Und wieder ein Volltreffer: im Basar war die Hölle los. Shiva und Parvati feierten Hochzeit (Wieso denn das? Das hatten wir doch schon in Hampi am 4. Dezember – der Kerl hat es einfach schön, kann schon wieder heiraten). Anscheinend gibt es diese Heirat erst seit dem vorigen Jahr, wie mir ein Polizist erklärte, kann aber auch sein, dass das so nicht stimmt, die Englisch-Kenntnisse hier im Ort sind sehr beschränkt. Auf jeden Fall war es ein großes Chaos und ich anscheinend seit langem der erste Tourist (in meinem Hotel war der letzte am 11.04.2009 eingezogen – viele Touristen scheint es jedenfalls hier nicht zu geben, gesehen habe ich auch keinen). Ein ungefähr ein Kilometer langer Zug mit Musiker, Tänzer, verkleideten Unholden, mit Shiva- und Parvati-Figuren zog sich durch die engen Strassen, begeistert gefeiert von den Hindus und misstrauisch beäugt von dem Moslems (Bhopal ist die Stadt mit der höchsten Konzentration an Moslems in Indien – 40 % der Bewohner sind Moslems. Ein Großteil der Opfer der Bhopal-Katastrophe waren die ärmeren Moslems). Ständig bekam ich eine Ladung gelber Blüten nach- und auf den Kopf geworfen – bei Touristen macht das wahrscheinlich besonders viel Spaß. Die halbe Bevölkerung (die männliche) wollte fotografiert werden und ich wurde mit süßen Opfer- und Geschenkgaben voll gestopft. Auf das angebotene Rosenwasser und das verdünnte süße Lassi habe ich dankend verzichtet – man muss sich ja nicht unbedingt einen Durchfall holen. Auf jeden Fall waren einige der Hindus außer Rand und Band und tanzten, dass ihnen der Schweiß in Strömen herunter lief, obwohl es gar nicht warm war.

Heute ist der 13. Februar, nicht der Freitag, sondern der Samstag – nicht dass ich da abergläubig bin, aber heute habe ich nach 35 Jahren Reisen ein Debakel erlebt: ein Bettlermädchen hat mir doch tatsächlich den Geldbeutel aus der Tasche geklaut mit 800 Rupies, etwa 14 Euro. Das war das erste Mal auf all meinen Reisen, anscheinend wird man leichtsinnig oder der Altersschwachsinn (hoffentlich nicht!) schlägt schon zu. Ständig hatten die drei Gören an meinen Kleidern herum gezupft und gebettelt und als ich gemerkt hatte, dass sie meinen Geldbeutel gezupft hatten, waren sie schon um die nächste Ecke verschwunden. Keine Chance, sie einzuholen. Ich habe mich natürlich grausam geärgert, dass gerade mir so etwas passiert, nicht wegen des Geldes, sondern wegen meiner Dummheit – auf so alte Tricks herein zu fallen.

Bhopal hat ein interessantes Phänomen: die Herrscher von 1820 bis 1926 im muslimisch regierten Staat waren … Frauen. Erstaunlicher Weise ist das im Islam möglich, wenn auch heute nicht mehr üblich. Die drei großen Moscheen Taj-ul-Masjid, Jama Masjid und Moti Masjid wurden von ihnen erbaut.

Die Taj-ul-Masjid sollte die größte Moschee der Welt werden und wurde 1877 begonnen, aber nicht vollendet und ist heute die drittgrößte Moschee der Welt. Die Wände und Säulen haben sehr schöne Arabesken und Blumenornamente. Der Weg zu Taj-ul-Masjid führt durch unzählige gewundene Gassen des Basars – falls man nicht den kürzeren, langweiligen Weg an der Hauptstrasse vorzieht.

Die Jama Masjid hat ihren Reiz durch die weißen Kuppeln mit den goldenen Spitzen durch ihre Lage direkt im Schmuckmarkt.

Die nahe gelegene Moti Masjid ist in ihrem zentralen Teil aus weißen Marmor, die daran anschließenden Teile sind aus weiß angestrichenen Stein. Westlich der Moti Masjid schließt sich der Sadar Manzil an, ein Platz mit schönen, alten Festungs- oder Palastanlagen, die heute die Stadtverwaltung beinhalten. Sie sind leider schon sehr in Mitleidenschaft gezogen. Daneben die Babe Sikandri Darwaja, die Bade-Ghats (Ghats sind Treppen, die zum Wasser hinabführen) für die Frauen, zu denen große Tore hinführen, ebenfalls erbaut durch die moslemischen Herrscherinnen.

Die Moslems hier in Bhopal sind erstaunlich offen und freundlich – keine negativen Erfahrungen wie in Hyderabad (natürlich mit Ausnahme des Bettlermädchens). Die Menschen sind ausgesprochen freundlich und hilfsbereit, wahrscheinlich auch weil es so wenig Touristen gibt – ich habe jedenfalls in zwei Tagen keine gesehen. Der große Unterschied zu den Hindus: die Hindus lachen ständig und die Moslems schauen immer sehr ernst und würdig – anscheinend gehen sie zum Lachen in den Keller. Apropos: sogar einige verschleierte Frauen quatschen einen mit den typischen woher-wohin-Fragen an (wahrscheinlich aber nur die Touristen).

Die Märkte sind überwältigend und farbig. Sollte jemand in die Gegend kommen, würde ich ihr/ihm einen Besuch auf jeden Fall empfehlen, zumal es in der Umgebung noch interessante Sehenswürdigkeiten gibt: die Ruinenstadt Islamnagar, den Hindutempel Bhojeshwar mit dem größten Shiva-Lingam der Welt und die 12.000 Jahre (kein Schreibfehler) alten Malereien in 700 Felshöhlen bei Bhimbetka. Mal sehen, ob ich dazu noch Zeit habe, aber morgen geht es erst einmal weiter nach Sanchi, zu einigen der berühmtesten buddhistischen Sehenswürdigkeiten Indiens.



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31.05.2010, 19:35

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31.05.2010, 19:39

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31.05.2010, 19:45

Sanchi

Nach eineinhalbstündiger Fahrt in Sanchi angekommen. Ich war mal wieder der einzige Tourist und wurde vom Busfahrer auf den Ehrenplatz vorne, direkt neben ihm eingeladen. Ich kann ja bei solchen Einladungen immer schlecht nein sagen, hätte das aber lieber machen sollen, denn der Busfahrer fuhr wie der Henker. Ob das sein „normaler“ Fahrstil war oder er durch meine Anwesenheit besonders hoch motiviert war, keine Ahnung. Auf jeden Fall war die Fahrt „interessant“ und „aufregend“.

In Sanchi gibt es einige der ältesten buddhistischen Gebäude Indien, erbaut vom großen König Ashoka, der erstmalig Indien in vielen Kriegen geeinigt und nach dem letzten Kampf gegen Kalinga von all den Gräueln entsetzt war und sich zum Buddhismus bekehrte und friedfertig und gerecht wurde – 262 vor Christi Geburt.

Wieder einmal war meine Wunschunterkunft voll: 150 ceylonesische und 111 kambodschanische Pilger waren am Vortag eingefallen und hatten alle Zimmer und Dormitories im Sri Lanka Mahabodhi Society Guest House belegt. Also ins nächste Guesthouse – der Besitzer wollte unverfroren 450 Rupies für ein Zimmer, wir einigten uns dann auf 200 Rupies, aber erst, nachdem ich ins nächste Guesthouse wollte.

Anschließend kurz gefrühstückt und dann zu den Ruinen. Die Denkmäler Sanchis liegen alle auf einem großen Hügel. Der Eintritt kostet für Inder 10 Rupies und für Touristen 250 Rupies – dafür gibt es aber auch eigene Toiletten nur für Touristen, peinlich sauber, sauberer als in vielen der besseren und teuren Hotels, und – weniger erfreulich – den Chai zu doppelten Preisen, auch nur für Touristen. Beides absolute Neuheiten in Indien – ich hoffe, das breitet sich so nicht aus.

Die Denkmäler sind bequemer Weise durchnummeriert, so gibt es zum Beispiel die Stupa 1, die Stupa 2, das Kloster 41, die Gedenksäule 10 oder 25 und den Tempel 31. Die Anlage selber ist für indische Verhältnisse sehr schön mit Rasen und Büschen angelegt, sehr ruhig und erholsam. Sogar die Inder, die hier herumlaufen, sind leise und friedlich – als ob der Ort und die Baudenkmäler sie bremsen, kein Vergleich zum Leben und Lärmen in einem hinduistischen Tempel. Einer der erholsamsten Plätze, die ich in Indien erlebt habe.

Am Imposantesten und am Schönsten ist sicherlich die Stupa 1 im Zentrum der Anlage: 16 m hoch und von Kaiser Ashoka erbaut, umgeben von einem Steinzaun und durch vier Toranas - Eingangstoren mit wunderschönen Steinmetzarbeiten – erreichbar. Die Steinmetzarbeiten gehören für mich zu den Schönsten, die ich bisher in Indien gesehen habe.

Das Nordtor wird abgeschlossen durch ein gebrochenes Rad des Lebens. Überall finden sich Szenen aus Buddhas Leben: Affen schenken Buddha einen Topf voll Honig, Buddha – symbolisiert als Bodhi-Baum (zur Entstehungszeit wurde Buddha nie als Person, sondern immer nur als Symbol dargestellt) – fährt in den Himmel auf. Die Säulen werden von Elefanten getragen. Schöne Yakshis, Himmelsmädchen, hängen an den Seiten der Säulen.

Am Westtor gibt es die bekannteste Figur Sanchis: eine atemberaubende Yakshi. Die Säulen werden von Elefanten getragen. Die Querstreben zeigen Szenen von Buddhas Eingang in das Nirvana. Eine andere Szene zeigt den Traum von Buddhas Mutter, in dem ihr ein weißer Elefant erschien. Im Zentrum steht der Große Abschied, bei dem Buddha – als reiterloses Pferd symbolisiert – die Erleuchtung findet.

Das Südtor wird von Löwen getragen, den Symbolen Ashokas. Man kennt sie überall in Indien, denn sie sind das Wappen und finden sich auf jedem Geldschein und auf den (alten) 5-Rupie-Münzen. Die Steinmetzarbeiten zeigen das Leben und die Bekehrung Ashokas. Weitere Szenen schildern das Chhaddanta Jataka, eine Geschichte von einem Elefantenkönig mit sechs Stoßzähnen, seinen zwei Frauen, von denen eine fürchterlich eifersüchtig war und ihn umbringen wollte, worauf der Elefantenkönig großzügig seine Stoßzähne dem gedungenen Mörder schenkte und seiner bösen Frau verzieh – ja, so waren die Elefanten früher….

Das Westtor wird von dicken Zwergen getragen. Der oberste Teil des Tor zeigt sieben Inkarnationen Buddhas, symbolisiert durch drei Stupas und vier Bäumen). An der Rückseite widersteht Buddha den Versuchungen der Mara (dem buddhistischen Teufel), wobei die Dämonen fliehen und die Engel lobpreisen.

Die Buddha-Statuen hinter den Eingängen stammen aus wesentlich späterer zeit, aus der Guptazeit (3. bis 6. Jht), als es üblich geworden war, Buddha nicht nur durch Symbole (z.B. als Elefant oder als „Rad der Lehre“ oder als Fußabdruck) , sondern auch als Person darzustellen.

Die Stupas 2 und 3 sind kleiner, haben aber ebenfalls sehr schöne Steinmetzarbeiten, Stupa 2 hat keine Toreingänge, Stupa 3 nur einen. Die Klöster waren alle aus Holz gebaut, so dass heute nur noch die Grundmauern existieren. Einige der typischen, völlig glatt polierten Ashoka-Säulen mit Inschriften stehen zwischen den Gebäuden – die typischen Abschlüsse in Form von Löwenköpfen befinden sich jetzt im Museum. Von den Tempeln finden sich ebenfalls nur Überreste. Am Interessantesten ist der Tempel 45, da er schon Übergänge zum hinduistischen Baustil zeigt, auch die Figuren sind deutlich von Hinduismus geprägt.

Einige europäische Touristengruppen sind unterwegs, verschwinden aber in der Regel nach einer Stunde. Eine Riesengruppe von über 100 ceylonesischer Pilger (alle mit gelben Baseballkappen über den weißen Pilgergewändern – sieht sehr skurril aus) laufen durch die Anlage, verschwinden aber auch bald. Dann tauchen 111 kambodschanische Pilger, darunter sicherlich 20 Mönche, auf, setzen sich dann im Schatten vor die große Stupa, meditieren, hören eine Predigt und stimmen den typischen melodischen-meditativen Singsang der thailändischen Mönche an.



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31.05.2010, 19:47

Sanchi

Mittags schlafe ich dann zwei Stunden im Schatten, vertreibe mir die Zeit bis zum Sonnenuntergang, verschwinde dann hinunter ins Dorf.

Der Wirt des Guesthouses ist eine unmögliche und geldgierige Type. Alle fünf Minuten fragt er, ob man essen will und warum nicht – und das bei Essen und Getränken, die doppelt so teuer sind wie in den Restaurants rund um den Markt und dreimal so teuer wie in Bhopal, die Kocherei dafür aber wesentlich schlechter. Eine russische Touristin erzählt mir dann, dass er jeden Abend völlig besoffen ist. Dafür ist der Opa recht nett. Er trägt einen Knebelbart und war bei der indischen Armee als Sanitäter beschäftigt und 1984 zufällig in Bhopal stationiert, als im Dezember die große Gaskatastrophe passierte. Er hatte erzählt, dass sie in den ersten Tagen gar nicht wussten, was sie tun sollten, da das Union Carbide nie offen gelegt hatte, was sie herstellen und auch nach der Gaskatastrophe tagelang keine Informationen herausgaben, was da eigentlich passiert und ausgeströmt war – er meinte, dadurch wären unzählige Menschen elendiglich gestorben. Große Lust, viel zu erzählen hatte er allerdings nicht.

Am nächsten Tag fuhr ich dann mit dem Fahrrad nach Udaigiri.

Nachmittag ins Museum von Sanchi - ganz nett, das wirklich Interessante sind die Löwenkapitele der Ashoka-Säulen, die heute das Wappen Indiens bilden. Dann ein Spaziergang durch das Dorf – die Leute schauen einen an, als ob sie hier noch nie einen Touristen gesehen haben, was wohl stimmen mag. Die Touristen konzentrieren sich tatsächlichausschließlich um die Umgebung beim Bahnhof, wo die Hotels und Pensionen stehen und auf der Straße zum Sanchi-Hügel. Der Ort ist zum Großteil recht „rustikal“, die Kinder ganz verrückt nach Fotos, ist schon richtig nervig. An zwei kleinen Tempeln machen alte Frauen mit Trommeln und Tschinellen Musik und singen. Ich setze mich einige Minuten und höre zu – die Leute sind alle freundlich und heißen einen willkommen.

Abends rechtschaffen müde und früh ins Bett. Am Morgen geht es früh zurück nach Bhopal.



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31.05.2010, 19:51

Udaigiri

Am nächsten Tag hatte ich mir ein Fahrrad gemietet (erstaunlicher Weise zum Indien üblichen Preis von 4 Rupies die Stunde) und bin nach Udaigiri geradelt, 13 km hin und 13 km zurückt. Die Fahrt geht über eine einspurige Teerstraße durch eine friedliche, ländliche Gegend und durch einige rustikale Dörfer. Ich war natürlich wieder einmal der einzige Tourist, der Rad fuhr – die zwei, mit denen ich am Vortag gesprochen hatte und die auch mit dem Rad fahren wollten, überholten mich mit gemietetem Auto und Fahrer. Ich beneidete sie nicht, denn die Fahrt war angenehm, es gab keine großen Hügeln und entlang der Straße gab es unzählige Vögel: ich zählte allein 19 große Eisvögel, viele schwalbenähnliche, glänzend schwarze Vögel mit langen Schwanz, einige taubenähnliche Vögel mit metallisch blau glänzenden Federn, einige kleine schwarz-weiß gefleckte Vögel und viele hängende Nester von Webervögeln. Fast jeder Wasserbüffel und jede Kuh hatte seinen eigenen Reiher zu Begleitung, die flogen nicht einmal auf, wenn man einen Meter an ihnen vorbei fuhr.

Die Leute hier auf dem Land haben eine wunderschöne Geste, mit der sie sich (bzw. mich) begrüßen: sie führen die rechte Hand zum Herzen und anschließend mit einer kleinen Verbeugung an die Stirn.

In Udaigiri gibt es in einem großen Sandsteinfelsen 20 Höhlen aus Zeit von Chandragupta II. (382-401). Eine Höhle soll sogar von ihm selbst für Meditationen genutzt worden sein. Die meisten Höhlen sind sehr klein und schmucklos. Höhle 5 hat ein großes Relief von Vishnus Inkarnation als Eber (allerdings kein Vergleich zu dem gleichen Motiv in Mammalapuram), Höhle 4 hat einen großen Lingam mit Shivas Gesicht und seinem dritten Auge (Erleuchtete haben ein drittes Auge auf der Stirn, da, wo die Hindufrauen ihre Farbtupfer anbringen). Entgegen den Angaben im Reiseführer kann man die zwei Jainhöhlen betreten – sie sind nicht mehr wegen Baufälligkeit gesperrt, sondern erstaunlich gut renoviert.

Um ehrlich zu sein, wegen der Höhlen braucht man Udaigiri nicht unbedingt besuchen, besonders wenn man die Höhlen von Elefanta, Ajanta, Ellora und Mammalapuram gesehen hat. Schön ist allerdings die Fahrt, die Landschaft und die Dörfer und vor allem das Herumlaufen auf dem Udagiri-Hügel. Sogar ein großer Wiedehopf lief da herum (mein Gott, wann hatte ich zum letzten Mal einen gesehen? Vor 10 oder 15 Jahren in Barathpur/Rajasthan und vor 50 Jahren in Deutschland? Sonst kennt man die ja nur noch aus Bilderbüchern und Kinderliedern).

Während ich da in den Hügel herum lief, hielten insgesamt fünf PKWs mit Luxus-Touristen und eignen Chauffeur. Wahrscheinlich ist es denen (den Touristen, nicht den Chauffeuren) zu verdanken, dass die Kinder im Ort unerträglich sind. Sie kennen vier Sätze in Englisch: „Hello pen“, „Hello money“, „Hello rupies“ und „Hello chocolade“. Bekommen sie nichts, werden sie unverschämt und aggressiv. Ich habe nie verstanden, warum Touristen immer ohne Sinn und Verstand irgendwelche Geschenke an irgendwelche Kinder verteilen. Das mag ja durchaus sinnvoll sein, wenn ein Kind irgendetwas getan hat, den Weg gezeigt oder etwas besorgt hat.


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31.05.2010, 19:53

Udaigiri


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31.05.2010, 19:54

Noch einmal Bhopal

Mit dem Zug von Sanchi nach Bhopal, da er nur 40 Minuten braucht, während der Bus ungefähr 90 Minuten braucht. War einmal wieder der Reinfall: der Zug hatte 30 Minuten Verspätung und stand dann noch einmal 30 Minuten im Bahnhof, war also letztendlich langsamer als der Bus. Was solls – ich habe es ja nicht eilig. Habe dafür einen Münchner aus Ismaning und eine Pragerin getroffen und mich gut unterhalten.

Gestern wurde anscheinend in Pune (Puna, da wo der Baghwan seine Residenz hatte) eine Bombe in eine German Bakery geworfen: angeblich gab es 10 tote Touristen und eine Menge Verletzte. Ob es damit zusammen hängt: jedenfalls standen in Bhopal, vor allem am Bahnhof eine Unmenge Polizisten und Soldaten mit schusssicheren Westen und Maschinenpistolen herum und kontrollierten mit Scanner das gesamte Gepäck der Reisenden. Jedenfalls gab es einen gigantischen Stau.

Wieder ins gleiche Hotel wie beim ersten Besuch – es gab aber nur noch ein Zimmer für 200 Rupies, dafür mindestens 50 qm groß.

Habe mir ein Zug-Ticket nach Ujain gekauft, leider kam ich nur auf die Warteliste an die stolze 97. Stelle (wenn kein Sitz-/Liegeplatz frei ist und daher nicht reserviert werden kann, kommt man auf die Warteliste – man hat dann die Chance, dass ein wieder frei gewordener Platz reserviert wird). Angeblich sollten um 20:00 die Reservierungen fertig sein. Ich war da skeptisch, bin aber wieder einmal auf die indischen Großsprecher hereingefallen und um 21:00 zum Bahnhof gepilgert: die Reservierungen gibt es erst eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges, also morgens um 7:00. Hätte ich mir ja denken können.

Nachmittag zum neuen Markt hinausgefahren – viele Läden, aber im Vergleich zum alten Markt um die Jama Masjid recht langweilig. Dafür ein gutes Indian Coffeehouse gefunden: Indian Coffeehouses gibt es in vielen Städten Indiens und haben meist ein ähnliches Angebot (häufig nicht so überragend, aber dieses war ausgezeichnet). Sie befinden sich häufig in schönen alten Gebäuden, unrenoviert, so dass sie meist eine wunderbare Patina haben – man meint oft, sich in den fünfziger Jahre zu befinden. Dieses Coffeehouse war aber völlig neu. Ach ja: das Merkmal der Indian Coffeehouses sind die Kellner mit ihren weißen Turbanen.

Also wieder in den alten Markt – das kommt meinen Geschmack schon näher. Eigentlich hatte ich ja gar keine Lust, etwas einzukaufen (habe auch nichts eingekauft), aber das Herumlaufen und Herumschauen ist einfach schön.

Abends kam ich noch an einer Moschee am Bahnhof vorbei. Anscheinend wurde dort etwas gefeiert, alles war erleuchtet, allerdings war es nicht sehr lustig wie bei den Hindus, irgendjemand hat ununterbrochen gesprochen: dem Ton, der Lautstärke und dem hämmernden Sprachduktus nach, hätte ich auf eine Hetzrede getippt. Der Redner hatte doch eine zu große Ähnlichkeit mit Hitler. Wenn mein Eindruck stimmen sollte, dann: arme Hindus. Ich hoffe ja, ich irre mich.

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01.06.2010, 17:35

Hallo,



super klasse Dein Bericht und die Bilder sind einafch spitze .

Du hast bestimmt in den 6 Monaten vieles gesehen und erlebt.

Man könnte meinen man macht diese Reise mit Dir. :feur: :--)

Ich freue mich schon auf die Fortsetzung und weitere Bilder.



LG Andrea

:--)
" Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden" :--)

(Mark Twain)

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02.06.2010, 14:16

6 Monate????? Warst du auf urlaub dort? Toll! Einen erstklassigen Bericht mit Fotos :thumbsup:

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04.06.2010, 20:11

Jo, ich war auf Urlaub dort...

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04.06.2010, 20:18

Ujjain

In der Frühe zum Bahnhof in Bhopal – um 7:00 war tatsächlich mein Sitzplatz confirmed. Der Zug sollte um 7:30 kommen und um 7:50 abfahren. Leider ist die indische Eisenbahn in etwa so pünktlich wie die deutsche, der Zug kam erst um 9:20 und fuhr um 9:50. Es ist eines der Wunder der indischen Eisenbahn, dass die Haltezeiten an den Bahnhöfen immer genau eingehalten werden, auch wenn der Zug Stunden Verspätung hat. So wird nie eine Verspätung eingeholt. Warum dem so ist, konnte mir bisher keiner sagen.

Vor mir waren sechs Frauen im Alter zwischen 55 und 65 eingestiegen – ich traute meinen Augen nicht, sie kamen mit drei Trägern und einem großen Wagen und 23 Gepäckstücken. Keine Ahnung, was die da so alles herum schleppten. Die hatten sie alle sinn- und verstandlos mitten im Gang des Zug abgestellt, so dass keiner mehr raus und ich auch nicht an meinen Sitz konnte. Nach gut einer Viertelstunde (der Zug hielt eine halbe) hatten sie ihr Zeug endlich verstaut, aber natürlich auf indische Art, so dass keiner mehr Platz für sein Gepäck hatte. Außerdem hektisch, laut, sehr laut (sechs indische Frauen können sehr viel lauter und schreiender sein wie eine Gruppe von siebzehn betrunkenen und grölenden Bundeswehr-Ausscheidern).

Ich musste also erst einmal umräumen, damit meine Tasche Platz hatte und dann musste ich erst einmal meinen Sitz erobern, denn die Damen waren alle sehr, sehr fett und saßen auf indische Art, also so, dass andere auf dem Sitz keinen oder wenig Platz hatten. Das sieht dann so aus, dass ein armer Tourist (also ich) ungefähr 30 cm Platz zum Sitzen hat, dann kommt eine dicke Dame, dann kommen ihre zwei Handtaschen und eine Plastiktüte, dann kommt 20 cm nichts, dann die nächste dicke Dame, die saß im Schneidersitz und brauchte also ungefähr 70 cm und neben ihr stand dann deren Handtasche.

Nach einigen freundlichen, aber deutlichen Hinweisen machten sie zumindest so weit Platz, dass ich auf beiden Pobacken sitzen konnte und nach zehn Minuten intensiven Drücken konnte ich sogar meinen Rucksack neben mir abstellen.

Kaum fuhr der Zug los, fingen die Mädels an Karten zu spielen und dies in einer Lautstärke, dass ich mit meinen voll aufgedrehter iPod weder Bruce Springsteen noch indische Bollywood-Musik, geschweige denn irgend eine klassische Musik hören konnte. Außerdem futterten sie ununterbrochen irgendwelche Snacks. Nach ungefähr je einer Stunde unterbrachen sie und packen Unmengen von Essen aus und mampften das in sich hinein (am meisten hatte die Dickste dabei). Sie verteilten das Essen fleißig unter sich und aßen in den vier Stunden Zugfahrt jede sicherlich so viel wie ich in drei Tagen (ich bin aber mindestens 20 cm größer als die). Naja, von nix kommt nix und der Bauchspeck, der über die Saris hing (alle trugen Saris) war wohl sehr schwer erarbeitet. Dann entdeckten sie den armen Touristen am Fensterplatz, der nur zwei Chai und sein Mineralwasser trank, also mich, und mit mir auch ihre Muttergefühle – wenn ich alles gegessen hätte, was sie mir aufdrängen wollte, wäre ich wahrscheinlich drei Kilo schwerer gewesen.

Bis Ujjain konnte ich das Schlimmste abwehren. Die dicken alten Mädels fuhren weiter.

In Ujjain waren mal wieder die billigen Hotels belegt, aber ich fand eines in der Nähe des Mahalkaleshwar Tempel, das Gulista Guest House in der 197, Mahahal Marg, für 300 Rupies – sehr sauber.

Anschließend gleich los zum Essen und in den Mahalkaleshwar Temple – eine Gruppe von 21 Touristen kreuzte auf, gingen zum Tempel auf eine Aussichtsplattform und zogen nach 10 Minuten wieder ab. Ich ging natürlich in den Tempel. Fotoapparat und Videokamera musste man abgeben – da sind sie hier sehr heikel. Warum weiß kein Mensch.

Ujjain ist einer der vier Orte, wo alle 12 Jahre die große Kumbh Mela stattfindet, wo dann Millionen von Indern im Shipra Fluß baden. Der heiligste Tempel der Stadt ist der Mahalkaleshwar Temple, denn er enthält eines von Indiens zwölf heiligsten Shiva Heiligtümern, einen jyoti linga, der seine göttliche Energie aus sich selber und nicht durch die Rituale der Priester erhält.

Auf jeden Fall wollte ich den Tempel sehen und hatte auch Glück: nur einige hundert Inder standen an und schon nach zwei Stunden Warten war ich im Heiligtum (normaler Weise kann man auch schon mit Wartezeiten von vier bis acht Stunden rechnen – die gläubigen Inder nehmen dies geduldig auf sich). Die Warterei vertrieben wir uns mit einigen Späßchen und einigen Gesprächen, obwohl hier in Ujjain (war auch in Bhopal schon so) relativ wenig Leute Englisch können. Der Tempel selbst ist weniger interessant, ausgenommen der heilige Shiva Lingam mit einem Gesicht. Es geht durch lange, enge Marmorgänge nach unten, an einigen Schreinen vorbei bis zum Allerheiligsten, einem Raum von vielleicht 10 qm, durch den alle der unzähligen Gläubigen müssen (zur gleichen Tür rein und raus). Schön war einzig die Atmosphäre, wenn auch für uns trockene Europäer gewöhnungsbedürftig: schon lange vor dem eigentlichen Ziel fingen die Wartenden zu singen oder laut nach Shiva zu rufen an, irgendwann drückten sie vorwärts, als könnten sie es nicht erwarten, endlich zum Heiligtum zu kommen – alte Leute und kleine Kinder können einem da leid tun. Die Leute selber sind unglaublich freundlich – von dreien bekam ich Blumen geschenkt, damit ich die bei Shiva opfern konnte. Der Priester gab mir eine Extraportion geweihtes Prasad und wollte erstaunlicher Weise keine Tempelspende.

Anschließende, so um 17:00 hinunter zum Ram Ghat und den anderen Ghats am Shipra River – es war relativ wenig los, nur unzählige Babas und Jogis und solche, die sich dafür ausgeben, hingen herum, einige von ihrem Ganja völlig zugekifft, aber alle recht guter Dinge und alle die Hand offen für Backschisch.

Der Ort hat was Magisches: die vielen Babas, die unzähligen Pilger, die alten Tempel (über 500 soll der Ort bei 450.000 Einwohnern haben), die Ghats und die vielen engen, gewundenen Gassen in der Altstadt. Kein Wunder, dass viele Ujjain mit Varanasi (Benares) vergleichen, aber das ist viel größer, viel touristischer, viel hektischer, viel dreckiger und auch viel heiliger.


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04.06.2010, 20:20

Ujjain

18.02.2010: ich habe es endlich geschafft. Vorgenommen hatte ich es mir schon immer, aber bisher kam ich nie dazu – ich wollte ja schon immer in der heißen Mittagszeit ins Hotelzimmer und Siesta halten, einen gepflegten Mittagsschlaf halten. Also lag ich tatsächlich um 13:00 im Bett und wollte mich gerade umdrehen, da ging das Spektakel los: Trommelwirbel, Paukenschläge, schlecht gestimmte Trompeten und das alles mit einem scheußlichen Verstärker bis zum Anschlag verstärkt, so das auch noch alles völlig verzerrt klang. Und das alles unter meinem Fenster. Klar, mal wieder eine Hochzeit. Momentan ist Hochsaison für Hochzeiten (aber, wie der Hotelbesitzer sagt, nur noch bis morgen, dann kommt die schlechte Zeit für Hochzeiten). Schon am Tag vorher hatte ich mindestens zwanzig Hochzeiten und geschmückte Hochzeitszelte oder Hochzeitspaläste gesehen und unzählige Male die Hochzeitskapellen durch die Straßen ziehen sehen, gefolgt von einer bunt gekleideten Menge, einem Bräutigam hoch zu Pferd, mit Schwert im Gürtel und einem Buben im Arm, meist recht linkisch, denn in der Regel sind die Fahrkünste der Inder bei Moped oder Auto besser als deren Reitkünste. Aber zur Hochzeit gehört eben ein Pferd und ein Schwert (was ist denn ein richtiger Mann ohne Schwert?) und ein Bub (den mann will ja schließlich nur Söhne und nicht so etwas wie Mädchen). Bis spät in die Nacht hört man die laute Blasmusik, die dann von Diskomusik abgelöst wird, unterbrochen nur vom Knallen der Feuerwerkskörper.

Am Morgen war ich schon früh zu den Ghats aufgebrochen und hatte mich dort bis 10:00 herumgetrieben, hatte dann noch gefrühstückt und durch den Markt zurück ins Hotel gefunden. Am Ghat saßen wieder die Babas, die Yogis, die Bettler und Bettlerinnen, die Möchtegern-Babas und –Yogis in Reih und Glied und hielten die Hand auf – niemand kann so viel Kleingeld besorgen, um sie alle zufrieden zu stellen. Was bleibt dann noch? Leise durch die Zähne murmeln: „No small money“. Ich warte bloß immer darauf, dass einmal einer sagt, er nähme auch großes oder mir zum Wechseln anbietet.

Wir Europäer sind einfach Weicheier. Das fällt mir immer wieder ein, wenn ich Inder sehe, wie sie um 7:00 früh an den Ghats ins eiskalte Wasser gehen, dort ihre Puja verrichten, sich Körper und Haare waschen, im Wasser untertauchen, dann (zumindest die Frauen, die Männer gehen mit Unterhosen ins Wasser) mit allen nassen Kleidern wieder herauskommen und im kalten Wind stehen, was bei den Frauen mit klatschnassen Saris oder Punjabis, die nass am Körper kleben, recht sexy aussieht. Alte Omas, aber auch Frauen um die dreißig oder vierzig, ziehen sich oft ungeniert die Oberteile aus, um sich abzutrocknen – in Indien ein recht ungewöhnlicher Anblick. Eine läuft doch tatsächlich mindestens fünf Minuten oben ohne herum und lässt ihren Sari trocknen.

Bevor die Männer ins „Bad“ gehen, lassen sich viele von ihnen die Haare abrasieren, nur ein kleiner Schopf am Hinterkopf bleibt stehen. Anschließend gibt es beim Brahmanen langwierige Opferzeremonien. Der Priester steht vor ihnen und murmelt Sanskritverse (die sicherlich die wenigsten verstehen) und gibt Anweisungen für die Zeremonien: da werden Kügelchen aus weich gekochten Reis geknetet, ins Milchwasser und dann schön in Reih und Glied gelegt, dann kommt rotes, lila, oranges und weißes Pulver drüber, dann noch einige Blümchen, dann wird Wasser darüber gespritzt, dann werden Kügelchen, Pulver und Blümchen in die Schale mit Milchwasser gelegt, dann wird die Schale gepackt und mit schnellen Schritt geht es dann die paar Meter zum Shipra Fluss und mit schnellen Schwung wird alles ins Wasser geworfen. Dann wieder zurück, wieder Kügelchen formen, nein, nur drei Kügelchen, dafür noch ein penisförmiges Teilchen, das wird dann mit rotem, lila und weißem Pulver bestreut, dann ich drei Teile geteilt und jeder Teil mit den runden Kügelchen verknetet, dann wieder mit Blümchen geschmückt und ins Milchwasser geworfen, dann die Schale – nein, nicht in den Fluss geschüttet, sondern mit dem Wahrsager in eine ruhige Ecke genommen, wo dann geheimnisvoll getuschelt wird (soll ja keiner hören, auch die Touristen sollen nicht zu nahe kommen), dann wechseln einige größere Scheine (mindestens zwei Fünfhunderter) den Besitzer, dann wird die Schale genommen und endlich landet der Inhalt im Fluss.

Bei Brahmanen ist das Zeremoniell noch größer, sogar die Reiskügelchen sind wesentlich größer. Zusätzlich zu den vier Farben werden Gewürze (ich glaube, es war Kumin) und der Inhalt von sieben Kokosnüssen, zusätzlich eine ganze Menge Blumen über die Kugeln gestreut. Dazu gibt es Orangen, Zitronen und Äpfel, sieben Sorten Dahl und Reis als Opfergaben. Der Opfernde muss mehrmals irgendwelche getrockneten Strohhalme zusammenfalten und Knoten machen. Dazwischen wird die Brahmanenschnur von der einen Seite auf die andere gelegt, dann wieder zurück und wieder in die andere Richtung – da soll einer schlau werden, was das soll. Sinn hat das natürlich schon, zumindest für die Brahmanenpriester, da sie die einzigen sind, die die komplizierten Rituale kennen und ausführen und natürlich gut daran verdienen. Kritik an dieser Praxis gab es schon vor 2500 Jahren und ist heute immer noch weit verbreitet.


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04.06.2010, 20:24

Ujjain


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04.06.2010, 20:26

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04.06.2010, 20:29

Ujjain

Anschließend ein Spaziergang durch die kleinen Gassen und lande irgendwann am Main Basar und am Gopal Mandir. Ein Elefant schreitet vorbei und eine Hochzeitsgesellschaft mit Musikunterstützung holt sich ihren Segen im Gopal Mandir. Gopal Mandir ist ein Marmortempel im – wie der Reiseführer schreibt – afghanisch inspirierten Maratha-Stil (Na so was, gibt es Hindutempel im afghanischen Stil?). Innen sind große bunte und ausgefallene Fresken. Das Heiligtum wird mit großen Silbertoren verschlossen. Die wurden von muslimischen Pilgern aus dem Somnath-Tempel in Gujarat gestohlen und nach Ghazni in Afghanistan gebracht. Dann hat sie Mohammed Shah Abdati geklaut und nach Lahore im heutigen Pakistan gebracht. Irgendwann wurden sie dann von einem Mahadji Scinda nach Ujjain gebracht. Das sind Lebensläufe…

Nachmittags zum absolut billigsten Preis ein Fahrrad gemietet – ein absolut neues Teil und das zum Spottpreis von 3 Rupies pro Stunde. Die Preisunterschiede in Indien sind sowie so erstaunlich. Hier in Ujjain kostet ein Fahrrad für einen Tag 15, in Kanchipuram 30 und in Goa (einem ansoluten Touristenfleck) zwischen 100 und 130 Rupies. In Ujjain kosten Getränke ungefähr 30 % bis 50 % weniger als im nahe gelegenen Sanchi. In Mumbai kostet Rasieren 50 bis 60 Rupies, im touristischen Hampi verlangen die Barbiere 50 Rupies (rasieren aber für 30, wenn man ihnen freundlich grinsend erklärt, dass sie ja verrückt seien und man nur allerhöchstens 25 Rupies zahlt), in Bhopal wollten sie 15 und in Ujjain rasieren sie 10 Rupies. Die Rikschas kosten hier denn auch zwischen 5 und 20 Rupies, in Mumbai fährt unter 20 Rupies eine Rikscha gar nicht los….

Mit dem Fahrrad und einem Plan aus dem Lonely Planet also los zum Vedh Shala und zum Chintaman Ganseh Mandir. Der Plan ist grausig schlecht und hat wenig Ähnlichkeit mit der Realität, nur die Richtung stimmt, aber statt ungefähr zwei Kilometer, wie der Plan anzeigt, sind es mindestens sechs. Aber die Inder sind ja so freundlich und zeigen immer gern den Weg und diesmal sogar den richtigen.

Ujjain ist so etwas wie das indische Greenwich und das seit dem 4. Jht. vor Christi Geburt. Aus diesem Grund hatte um 1730 Maharaja Jai Singh das Vedh Shala gebaut, ein Observatorium zum Betrachten der Sterne und zum Berechnen von Zeit, Sonnen- und Mondumläufe. Neben dem Observatorium in Ujjain hatte er auch welche in Jaipur, Mathura, Dehli und Varanasi erbaut, aber das in Ujjain ist das einzige, das auch heute noch in Betrieb ist. Das Observatorium ist allerdings kleiner und sieht nicht so spektakulär aus wie die in Jaipur oder Dehli, ist aber einen Besuch durchaus wert, zumal der Eintritt nur 5 Rupies kostet. Der Weg führt einige Zeit am Fluß entlang: eine Ziegelbrennerei reiht sich an die andere. Die Ziegel werden aus Flusslehm mit der Hand geformt, aufgereiht und getrocknet, dann werden sie zu großen Häusern mit Gängen gestapelt. In die Gänge kommt Reisstroh, das dann angezündet wird und langsam vor sich hin glüht und die Ziegeln brennt. Dann wird jeder einzelne Ziegel per Hand auf Lastwagen oder Ochsenkarren verladen.

Dann weiter aus der Stadt hinaus zum Chintaman Ganseh Mandir, einem unspektakulären Tempel, der aber als sehr alt gilt und aus der Parmara Zeit stammen soll. Spektakulär ist allerdings das Treiben: alle paar Minuten kommen frisch getraute Brautpaare mit ihren Hochzeitsgästen, Mann und Frau häufig durch einen langen Schal verbunden (bei manchen sieht es allerdings so aus, als ob der Ehemann die Ehefrau wie eine Beute hinter sich her zieht, da die Frau ja traditionsgemäß hinter dem Manne geht). Im Tempel gibt es dann anscheinend noch einen wichtigen Segen.

Ein Brautpaar fällt mir besonders auf. Ehemann und Ehefrau schauen sehr jung aus. Ihn hätte ich für sechzehn geschätzt (aber Heiraten ist erst ab achtzehn erlaubt). Er schaut ziemlich stoffelig, aber vielleicht ist er auch nur recht schüchtert, hilflos und völlig überfordert. Begleitet werden die beiden von acht Männern, nicht älter als fünfundzwanzig und einem etwa zwölfjährigen Mädchen. Braut und Bräutigam gehen wie Fremde umher – kein Körperkontakt, kein Miteinanderreden, keine Blicke, im Gegenteil, jeder Blick demonstrativ woanders hin. Dann werden Fotos gemacht – beide stehen stocksteif da. Anschließend sehe ich sie draußen vor dem Tempel am Chai-Shop wieder. Alle setzen sich auf die Stühle, die Männer mit Bräutigam auf die eine Seite, die Braut und das Mädchen mit dem Rücken zur Gesellschaft an einen anderen Tisch. Die Männer unterhalten sich, die Frau wird nicht angesprochen. Die Männer bekommen ihren Chai, anschließend die Ehefrau. Die Frau selber zieht immer wieder den Schleier vor ihr Gesicht – mit kommt es vor, als ob sie heulen wollte. Vielleicht tut sie es auch. Es ist ein deprimierender Anblick: sich vorstellen zu müssen, sie ist mit so einem Stoffel verheiratet, muss mit ihm zusammen leben, kennt ihn nicht, wird ihn vielleicht nie mögen, muss mit ihm Tisch und Bett teilen, Sex haben und seine Kinder gebären.

Andere Brautpaare verhalten sich aber anders: eines lässt sich fotografieren, hält dabei Händchen und redet häufig miteinander, lachen sogar (Hochzeiten sind sehr laut und lustig in Indien, aber nur für die Gäste. Die Brautleute sitzen und gehen immer stocksteif und mit tief ernster Miene herum – Brautleute lachen in der Regel nicht).

Ach ja: mit dem Mittagsschlaf wurde nichts. Auch jetzt, während ich dies schreibe, gehen draußen die Hochzeitsfeten weiter. Aus allen Richtungen dröhnt Trommel-, Pauken- und Posaunenlärm. Am nächsten Tag ist tatsächlich das ganze Spektakel aus: keine Hochzeitumzüge, keine Hochzeitsfeiern, keine Hochzeitspaare in den Tempel und an den Ghats.

Am nächsten Tag, dem letzten hier in Ujjain, wieder morgens und abends am Ghat, um das Leben dort zu besichtigen. Eine Zeremonie von Brahmanenpriester für Brahmanen durchgeführt erfordert einen Priester und zwei Hilfskräfte, ist ausgesprochen kompliziert und weitschweifig und dauert eineinhalb Stunden. Der Priester scheint nicht so recht bei der Sache: er leiert sein Sanskrit herunter, beim „Haha“ muß der Opfernde selber irgend eine Bewegung machen, zum Beispiel Dahl ins Feuer werfen. Dazwischen schaut er auf sein Handy, schreibt anscheinend eine SMS, telefoniert sogar kurz, dreht sich auch um und schwätzt mit irgendeinem, der hinter ihm sitzt. Keinen scheint das zu stören. Soll sich einer mal vorstellen, dass ein katholischer Priester während der Beichte sein Handy zückt und mit seinem Bischof telefoniert (na ja, ein bisschen hinkt der Vergleich).

Der Shipra Fluss ist an den Opferghats ausgesprochen sauber – für indische Verhältnisse. Baden möchte ich darin allerdings nicht. Obwohl ständig Opfergaben ins Wasser geworfen, Blumen, Reiskügelchen, Milchwasser, Kokosnüsse und was weiß ich noch alles. Die Badenden schäumen sich mit Shampoo und Seife ein und tauchen unter. Trotzdem sieht der Fluss recht sauber aus. Den Grund sehe ich am Morgen: ein alter Mann kommt mit einer Art Blechboot (eigentlich ein viereckiger Blechkasten), rudert mit den Händen und erzeugt mit ihnen Wellen, die den Dreck und die Blumen in Richtung Ufer treiben. Dort steht ein anderer Mann mit einer langen Stange und fischt den Unrat heraus indem er über die Wasseroberfläche fährt und alles zum Ufer schwemmt. Dort steht ein Dritter und sammelt alles auf. Nicht unbedingt effektiv, aber doch wirksam.