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04.06.2010, 20:31

Ujjain

Anschließend wieder stundenlang durch die Stadt: die kleinen Gassen mit ihren schönen verfallenen Häusern, den kleinen Geschäften (obwohl ich nichts kaufe) und Handwerksbetrieben, den freundlichen Leuten haben es mir angetan. Die meisten grüssen mich, manche sogar mit „Ram, Shree Ram“. Nervig sind höchstens einmal die Kinder, vor allem die Jungen, die mit zwei, drei oder vier Fotos nicht zufrieden sind und gleich eine ganze Serie davon wollen. Aber auch die wird man leicht los: die Kamera einpacken, ein „Finish“ und „Good bye“ und vorbei ist der Spuk. Wenn man einmal nachgibt, bekommt man die Bagage nicht mehr so schnell los.

Ach, noch etwas: ich habe in Ujjain kein einziges Mal erlebt, dass mich jemand über den Tisch ziehen und viel zu viel Geld für irgend etwas verlangen wollte. Sogar die Rikscha-Fahrer sind da korrekt.

Direkt neben unserem Hotel wird ein Haus abgerissen: ein Mann und eine Frau sind am Werk. Sie schlägt mit einem Hammer die Ziegel heraus und säubert so vom Mörtel und stappelt sie (sie werden natürlich wieder verwendet), er versucht mit einem Pickel eine tragende Betonwand zu zerkleinern. Beides ein Knochenjob und sie tun das mehr als acht Stunden am Tag. Kleine Esel und einige Pferde schleppen die gesäuberten Ziegel und den Schutt weg.

Beim meinem Herumstreifen sehe ich dann noch etwas Seltsames: ein Mann und eine Frau, beide vom Land und schwer bepackt, kommen von den Ghats und fangen lautstark zu streiten an. Alle Inder bleiben stehen, ich auch. Der Mann brüllt sie an, fuchtelt wild mit der Hand, als ob er sie schlagen will. Sie brüllt wesentlich lauter zurück und schimpft ununterbrochen. Irgendwann gibt er es auf und geht weiter, sie schimpfend hinter ihm her. Ist eigentlicht nicht das, was ich von den „unterdrückten“ indischen Frauen erwartet hätte.

Im Harsiddhi Mandir, einem Tempel aus der Marathe-Periode findet man am Eingang zwei riesige schwarze Steintürme mit Hunderten von Leuchterarmen, in die man Öl gießt und dann anzündet. Leider habe ich nicht erfahren, wann das gemacht wird. Muss ja recht schön sein. Diese Lampen sind eine besondere Eigenschaft von Tempeln aus der Maratha Periode (ich finde anschließend noch zwei Tempeln mit ähnlichen Türmen, die sind aber reinweiß und wurden anscheinend noch nie benutzt). Im Tempel findet sich noch eine sehr berühmte und mächtige Figur der Göttin Annapurna (ich muss leider gestehen, von der Göttin habe ich noch nichts gehört, ich kenne höchstens den gleichnamigen Berg).

Am Abend finde ich dann noch flussaufwärts die Verbrennungs-Ghats. Hindus verbrennen ihre Toten, damit die Seele wiedergeboren werden kann. Die Frauen nehmen zu Hause von den Toten Abschied, so dass an den Feuerstellen nur Männer zu finden sind. Der Leichnam wird auf Holz gebettet und mit einem brennenden Büschel Stroh angezündet (meist hilft Kerosin nach). Dann verbrennt der Leichnam. Zum Schluss sprengt die Hitze mit einem lauten Krach die Stirnhöhle, worauf die Seele entweichen kann. Nicht alle werden verbrannt: tote Babys nicht, da sie noch kein Karma ansammeln konnten, Leprakranke nicht, da (orthodoxe) Hindus glauben, die Krankheit würde durch den Rauch übertragen, tote Schwangere nicht (wegen der Babys) und erleuchtete Babas. Alle die nicht verbrannt werden, werden (zumindest in Varansi), mit Steinen beschwert und in den Fluß geworfen. Nicht umsonst hat der Fluß dort mehr als das 15000fache der von der UNO erlaubten Grenzwerte für Badewasser. Trotzdem wird dort munter gebadet. Gut, so schlimm ist es in Ujjain nicht. Als ich am Verbrennungs-Ghat ankam, wurden gerade fünf Leichen verbrannt. Eine Menge Männer stand herum und sah zu. Keinen störte es, dass ich mich dazu stellte. Es ist eine eigenartige Atmosphäre: Hunderte von Reihern fliegen in Schwärmen im Abendrot über die Feuer hinweg und den Fluß hinauf.

Dann treffe ich einen Baba wieder, den ich vor zwei Tagen fotografiert hatte. Mit Händen und Füssen macht er Zeichen und erklärt mir, dass ich ihn fotografiert hatte. Na, war mir auch so klar: er war nicht zu verwechseln, so klein und mickrig er war mit Spitzbart und Brille. Er kicherte ununterbrochen, als ich ihm erzählte, ich könne mich erinnern und es wäre ein Super-Foto gewesen. Dann packte er mich beim Arm und wollte mich tatsächlich zum Chai einladen: das war ja wohl ein Novum. Normalerweise versuchen Babas und Saddhus alles, um von den Touristen eingeladen zu werden. Klar, dass ich dann bezahlt habe.

Am letzten meiner drei Tage traf ich doch tatsächlich den ersten Touristen hier in Ujjain – es muß ein Deutscher gewesen sein. Da gibt es doch den bösen Witz: ein Amerikaner kommt in ein Restaurant, in dem Amerikaner sitzen. Er schaut sich um, setzt sich zu den anderen Amerikanern und sie trinken Bier und erzählen. Ein Franzose kommt in ein Restaurant, in dem Franzosen sitzen. Er schaut sich um, setzt sich zu den anderen franzosen und sie bestellen Unmengen an Essen und trinken Wein und erzählen. Ein Deutscher kommt in ein Restaurant, in dem ein anderer Deutscher sitzt, schaut sich um, erkennt ihn und setzt sich mit dem Rücken an den am weitesten entfernten Tisch. Klingt zwar böse, ist aber nach meinen Erfahrungen sehr realistisch. So auch dieser Tourist: ich grinse ihn an, nicke mit dem Kopf und sofort blickt er zur anderen Seite, mustert angestrengt irgendetwas im Nichts und flaniert an mir vorbei. Muss also doch ein Deutscher sein.

Ich selber bin im Gulista Guest House, 197 Mahakal Marg, Loha Ka Pull (0734-2557549 bzw. 09425094212) für 300 Rupies untergekommen, Das Guesthouse ist recht sauber, das Zimmer hatte sogar einen kleinen Balkon und die Leute waren recht nett. Das Hotel ist etwa 100 Meter vom wichtigsten Tempel, dem Mahakaleswhar Mandir entfernt. Die Hotels am Bus- und Zugbahnhof sind wesentlich teurer und nicht sonderlich sauber und recht basic. Entlang den Ghats am Fluß gibt es noch größere Pilgerherbergen, aber ich habe leider niemand gefunden, der genug Englisch sprach und sagen konnte, ob man da einziehen kann. Es ist sowie so erstaunlich, wie wenig Englisch in Ujjain gesprochen wird. Ich fand genau ein Restaurant mit englisch-sprachiger Karte, in den meisten anderen konnten die Angestellten höchstens einige Worte englisch.

In nicht-touristischen Orten habe ich die besten Erfahrungen gemacht, wenn ich im Hotel nach einem guten vegetarischen Restaurant frage (in Touristenorten empfehlen sie dann meist ein Lokal mit Travellerfood). Auch in Ujjain kam ich so zu einem erstklassigen Restaurant (dem mit der englisch-sprachigen Karte), dem Suresh in der Gudari Chouraha: die besten Thalis (es gab sechs verschiedene) für 65 bzw. 70 Rupies und das beste Onion-Tomato-Uttapam, die ich in Indien gegessen habe. Kann ich nur empfehlen. Die Thalis sind nur in Hindi ausgezeichnet: einfach fragen und nach der Zufallsmethode auswählen oder sich ins Englische übersetzen lassen.

Andere, einfachere Restaurants gibt es am Mahakaleswhar Mandir oder am Busbahnhof: das Thali kostet dort 30 bis 40 Rupies, Speisekarten gibt es weder in Hindi noch in Englisch, ist auch nicht nötig, es gibt eh nur Thali.

Überhaupt gibt es in Ujjain fast keine englischen Hinweise, nur Werbeplakate und einige Hotels haben englische Beschriftungen, zumindest in der Altstadt. Im neueren Teil, beim Clocktower und beim Grand Tower Hotel findet man englische Hinweise. Da erstaunt es dann doch, wenn man englischsprachige Werbung für „Heidelberg Cement“ an den Wänden sieht. Wenig Leute sprechen englisch. Trotzdem gibt es keine Probleme, da die Leute ausgesprochen hilfsbereit sind.


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04.06.2010, 20:33

Inder, das gewöhnungsbedürftige Wesen

Manchmal zeichnen sich Inder (und Inderinnen) durch ein zumindest für Europäer) ungewöhnliches Verhalten aus.

Im Bus wieder Musterbeispiele für das manchmal „seltsame“ Verhalten der Inder. Ein Inder sitzt mitten auf zwei Sitzen, ich setze mich zu ihm. Natürlich bleibt er dicke sitzen und rutscht keinen Millimeter. Man muss sich erst – natürlich freundlich lächelnd - mit vollem Körpergewicht gegen in lehnen oder werfen und ihn auf seine Seite drücken, um auch die zweite Pobacke auf den Sitzplatz zu bringen. Keiner nimmt das böse – zwei Minuten später ist (je nach Englischkenntnissen) ein kurzes oder längeres Gespräch im Gange.

Im Zug hatte ich folgendes Erlebnis: im Sleeper sitzt man tagsüber auf der unteresten Liege und hat zu dritt ungefähr 1,80 m Platz. Zwei Frauen sitzen dort im Lotossitz, jede hat neben sich zwei größere oder kleinere Taschen, so dass für den armen Touristen (also mich) ungefähr 30 cm Platz bleiben, gross genug für eine Pobacke. Niemand würde hier rutschen: man muss – da die Damen natürlich kein Englisch können – mit Handbewegungen deutlich machen, so sollen doch mal rutschen und ihre blöden Taschen irgendwohin stellen. Dann noch fünf oder zehn Minuten feste drücken und plötzlich hat man dann tatsächlich einen bequemen Sitzplatz. Diese Situation oder ähnliche Situationen wiederholen sich regelmäßig. Andererseits rücken Inder bereitwilig zusammen, wenn kein Sitzplatz mehr frei ist, so dass man sich zumindest irgendwie dazwischen zwicken kann.

Ein anderes Erlebnis im halbleeren Bus: auf der anderen Seite des Busses, eine Reieh vor mir saß eine Studentin. Es war kurz nach 7 Uhr morgens und der Fahrtwind war recht kalt, so dass jeder Fahrgast die Fenster zu gemacht hatte. Die Studentin erhob sich, öffnete auf meiner Busseite zwei Fenster und – stieg aus. Da zweifelt man dann doch manchmal an den Geisteszuständen diverser Leute….keine Ahnung, was die sich gedacht hat (falls sie gedacht hat).

Inder lieben es zu drängelt, vor allem sich vorzudrängeln. Wenn man sich nach längerer Wartzeit endlich zu einem Fahrkarten- oder Informationsschalter vorgearbeitet hat – was in Indien ab und an längere Zeit dauern kann – kommt bestimmt ein Inder und drängt sich von der Seite vor. Dies ist seltsamer Weise bei Touristen fast immer der Fall. Macht nichts: man muss ihm nur mit Englisch und Händen klar machen, dass er sich hinten anstellen soll. Gegebenenfalls nützt ein erhobener Zeigefinger (erhobene Zeigefinger sind in Indien sehr beliebt: bei jeder Diskussion und jeder Podiumsrede, in jedem Bollywoodfilm wird er benutzt und je stärker man ihn schüttelt, desto besser wirkt er). Wenn der nichts nützt, dann den Kerl einfach auf die Seite schieben und immer mit dem Beamten weiterreden, auch wenn der nichts versteht, weil zwei auf ihn einreden. Ich habe noch nie erlebt, dass irgendein Inder beleidigt gewesen wäre, wenn ich ihn als Vordrängler zur Seite geschoben habe – er trollt sich dann halt nach hinten, hätte ja auch klappen können. Andererseits habe ich mir dieses Verhalten häufiger ausgenutzt und mich selber einige Meter nach vorne gemogelt – was die Inder können, kann ich doch auch.

Die Frage nach dem Weg wird meist mit einer ganz weitausholenden, weltumfassenden Bewegung beantwortet, die heissen kann: geradeaus, rechts oder links, kilometer weit entfernt oder nur um die Ecke. Im Ernst: sie besagt eigentlich nichts, zumindest für Europäer nicht. Hat man dann einmal das Glück, jemanden zu finden, der den Weg genauer erklärt, geradeaus und dann rechts, macht er ganz bestimmt eine kräftige Bewegung nach links. Nach meiner Erfahrung verwechseln mindestens ein Drittel aller Inder die Seiten. Einfach nachfragen: rechts oder links mit deutlichen Handbewegungen. Ich bin eigentlich immer da angekommen, wo ich hin wollte.

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08.06.2010, 19:26

Mandu

Früh morgens um 6:30 breche ich auf. Der schlaue Reiseführer schreibt, es gäbe einen Direktbus von Ujjain nach Mandu. Bloß kennt den am Busbahnhof keiner – es gibt ihn tatsächlich nicht. Die Fahrt ist etwas umständlich: zuerst den Bus nach Dewas (20 Rupies), dann den nächsten nach Indore (20 Rupies), dann mit der Motorrikscha zum zweiten Busbahnhof Gangwal, dann mit den nächsten Bus nach Dhar (35 Rupies) und von da mit den Bus nach Mandu (20 Rupies). Schon um 12:30 bin ich da. Das mit der Umsteigerei klingt fürchterlich umständlich, ist es aber eigentlich nicht: man sagt dem Schaffner, wohin man will, also nach Mandu, und an den Umsteigehaltestellen wird man sofort zum nächsten Bus geschleust. Meist wartet man keine fünf Minuten, bis der Bus abfährt – genau einmal hatte ich Zeit für einen Chai.

Die Fahrt ist schön, nur die Umgebung von Indore ist eigentlich grauenhaft. Mindestens eine halbe Stunde geht es durch neu gebaute Wohn- und Industriegebiete, durch Baugelände, durchzogen von riesigen, breiten Strassen. Es schaut fast so aus, als ob halb Indore in den letzten fünf Jahren hochgezogen worden wäre. Alles recht fantasie- und stillos (die Inder werden das anders sehen). Vom Bus aus sieht Indore jedenfalls absolut uninteressant aus.

Unterwegs tauchen die ersten Kamele auf und werden mehr. Viel fahrendes Volk kampiert auf abgeernteten Feldern, viele Kamele und Pferde stehen herum, einzelne Hirten hüten Schaf- oder Ziegenherden, die oft mehrere Hundert Tiere groß sind. Eine Karawane von 21 Kamelen kommt dem Bus entgegen, mit großen Bündeln beladen und darauf die Charpais (traditionelles indisches Bett aus vier Füssen, einen Rahmen, der mit Seilen bespannt ist) gebunden. Frauen mit bunter Kleidung und dicken Silberringen um den Beinen führen die Kamele, Männer sind keine zu sehen.

Hinter mir rotzt jemand fürchterlich herum: ein alter, unrasierter Bauer, denke ich und drehe mich um. Hinter mir sitzt eine schlanke, schöne Frau, um die fünfunzwanzig im schönen roten Sari mit riesigen, schwarz umrandeten Augen, rot geschminkten und schwarz umrandeten Lippen – eine absolute Schönheit, eine wahre Augenweide. Leider beginnt sie wieder lautstark die Rotz in ihrer Nase hoch zu ziehen, Würgt noch lauter den Schleim aus ihrer Lunge hoch und spuckt einen großen gelben Batzen zum Fenster hinaus. Mir graust und ich dreh mich um – so eine Busfahrt hat halt ihre Höhe- und Tiefpunkte.

Kurz vor Dhar steigt ein Bauer ein. Er trägt eine große, viereckige Tasche, die aus gerade geklopften und verlöteten Konservendosen besteht. Und was steht auf den Dosen (wird wohl keiner erraten): Hengstenberg Bio-Sauerkraut. Wie das wohl nach Indien gekommen ist. Wahrscheinlich ist die Tasche der absolute Hingucker für die Inder.

In Dahr steigt ein kleines, altes Bäuerlein ein, er begleitet zwei jüngere Frauen und setzt sich neben mich. Er reicht kaum bis zu meinen Schultern, seine Oberschenkel sind dünner als meine Oberarme und seine Hände kleiner als die eines europäischen zwölf- oder dreizehnjährigen Kindes. Es ist manchmal unglaublich, wie zusammen gearbeitet die Menschen hier sind.

Kurz von Mandu geht es in die Berge, dann über eine tiefe Schlucht, steil bergauf und durch vier Mauerringe und durch vierTore, das Alarmgir, das Bangai, das Kamani und das Ghadi Gate. Dann sind wir in Mandu. Ich komme gleich am Busbahnhof im Tourist Resthouse unter, soll laut Lonely Planet absolut basic sein, aber da übertreibt er fürchterlich, das Zimmer hat sogar eine Veranda zur Straße hin und ist alt, aber recht sauber und kostet die gigantische Summe von 150 Rupies. Abends bemerke ich dann den Pferdefuß: vor der Türe laufen zwei kleine Kläffer herum und bellen ununterbrochen und stundenlang.

Mandu hat ungefähr 8000 Einwohner, ist also ein kleines Dörfchen, war aber einmal die Hauptstadt des Königreichs Mandu. Raja Bhoj gründete im 10. Jht. Mandu, das aber schon 1304 von den Herrschern aus Dehli erobert wurde. Als die Moguln Dehli eroberten, wurde Mandu wieder selbständig. Hoshang Shah verlegte die Hauptstadt wieder von Dhar nach Mandu. 1526 wurde Mandu von den Gujarat-Herrschern erobert, die aber bereits acht Jahre später vom Mogulkaiser Humayan vertrieben wurden. Zehn Jahre später übernahm Mallu Khan die Macht, aber bereits 1561 mußte er vor Akbars Truppen fliehen. 1732 übernahmen die Marathen und verlegten die Hauptstadt nach Dahr: Mandu verfiel.

Die Jama Masjid ist eine riesige Moschee mit fast zwei Meter dicken Mauern und ist der Omayyaden Moschee in Damaskus (Syrien) nachgebildet. Sie gilt als das feinste und schönste Beispiel der afghanischen Architektur in Indien.

Hinter der Jama Masjid liegt das Grab des Erbauers: das Hoshang Shah Grab, das erste aus weißen Marmor erbaute Grab Indiens. Der krönende Halbmond wurde aus Mesopotamien importiert. Das Grab wird durch Fenster erhellt, die mit filigranen Marmorgittern verschlossen sind. Eine Inschrift besagt, dass Shah Jahan seine Architekten, darunter den Erbauer des Taj Mahal, nach Mandu geschickt habe um von dem Grab zu lernen.

Gegenüber liegt die alte Madrasa (also eine islamische Universität), das Ashrafi Mahal mit einem eingestürzten siebenstöckigen Siegesturm.

Der Jaintempel des Ortes kann sich nicht mit den wunderbaren Exemplaren in Ranakpur oder Mount Abu messen. Einige schöne Stücke, zum Beispiel ein vergoldeter Jaina, stehen vielem Kitsch gegenüber wie einer Disneyland ähnlichen verkleinerten Darstellung von Palitana.

Wieder einmal bin ich auf die Restaurantempfehlungen im Lonely Planet herein gefallen, wobei ich durchaus der Meinung bin, dass die Macher und Schreiberlinge des Reiseführers in Bezug auf Essen nicht gerade kompetent sind. Das empfohlene Restaurant entpuppt sich als grausiger Schuppen: die riesige Speisekarte bietet Gujarati, Jain, South Indian und „chinise“ Food an, gibt es natürlich alles nicht, sicherlich drei viertel der Speisekarte ist nicht „available“, also bestelle ich Aloo Paratha und bekomme es mit Ketchup aus der Flasche geliefert statt mit – wie es sich gehört – einem Gemüsesambal. Der Special Thali für 100 Rupies hat zwar drei Gemüsegerichte, schmeckt aber gräslich und ist kein Vergleich für den 35-Rupies-Thali in einer reinen Einheimischenkneipe direkt am Samstagsmarkt. Allerdings hat der nur zwei Gemüsegerichte zum Dahl, schmeckt aber ausgezeichnet, genau wie es sein soll. Viel Geld kann man hier im Ort nicht ausgeben, wenn man wie ich kein Bier und keinen Alkohol mag. Frühstück gibt es nur einheimisch und mit Chai kostet das immer zwischen 12 und 18 Rupies, mittags und abends gibt es nur Thali und das kostet mit Chai 40 Rupies, Mineralwasser ist hier – weit abseits – billiger als in den Städten: zum Teil bekommt man es für 10 Rupies. Weitere kulinarische Köstlichkeiten gibt es nicht, es sei denn im Luxusresort, aber das liegt vier Kilometer ausserhalb und nur zum Essen so weit zu fahren, mus ja nicht sein.

Ach ja: ich kam pünktlich zum Saturday Haat, dem Samstagmarkt für die Bauern aus der Umgebung. Es ist natürlich völliger Blödsinn, was der Lonely Planet scheibt, dass Adivasis (also die vorhinduistische Urbevölkerung, meist Bergstämme) hierher kämen, um zu kaufen und zu verkaufen. Es kommen normale Bauern aus der Umgebung, Adivasis gibt es hier schon länger keine mehr. Trotz ist der Markt schön bunt. Als Spezialität gibt es hier die Baobab-Frucht (also die Frucht des Affenbrotbaumes), angeblich die einzige Stelle ausserhalb Afrikas, wo sie wächst. Die Frucht hat eine harte Schale und innen hartes weisses Fruchtfleisch, sieht fast aus wie Kalkstücke, das man essen kann: es schmeckt sowohl süß als auch sauer.


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08.06.2010, 19:29

Mandu


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08.06.2010, 19:31

Mandu


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08.06.2010, 19:34

Mandu

eute in der Zeitung beim Frühstück wieder die Nachricht, dass wegen des ungewöhnlichen kalten Wetters, des ausgebliebenen und dann verspätet mit Unwettern und Wirbelstürmen gekommen Monsuns, die Lebensmittelpreise im letzten Monat wieder gestiegen sind: Hülsenfrüchte (die wichtigste Nahrung der Armen) um 38 %, Kartoffeln um 19,56 %, die Nahrungsmittel insgesamt um 17,97 % (im Vormonat schon 17,94 %). Draußen steht der Bus nach Dhar und hat einen Plattfuss. In knapp 10 Minuten werden die hinteren Doppelreifen ab- und ein neuer aufmontiert: reife Leistung, aber ich schwör es – an dem Ersatzreifen war nirgendwo auch nur ein Millimeter vom Profil zu sehen, er war spiegelglatt. Na, ich musste ja nicht mit.

Anschließend ein Rad für 30 Rupies gemietet und einige Ruinen abgeklappert. Es ist schön zu radeln, die Hochebene ist ungefähr 20 qkm groß und fast völlig flach. Zuerst den Shree Ram Temple angeschaut (vielleicht ziehe ich da in die Pilgerräume, wenn die Kläffer heute Nacht wieder zu nerven). Dann tauchen die ersten Affenbrotbäume auf, kurz dahinter die Darya Khan Gräber: an einigen sieht man noch die alten afghanischen Fliessen in helblau, dunkelblau, gelb und weiß. Die meisten sind aber verblasst oder zerstört. Trotzdem sind die Gebäude eindrucksvoll.

Die meisten der Ruinen sind Grabmäler (Dai’s Tomb) oder Moscheen (Malik Mughit), einige Paläste für irgendwelche Damen des Königs (Hath Mahal, Dai Ki Chhoti Bahan Kal Mahal; der König hat natürlich im Palast gewohnt). In einem der Grabmale treffe ich an die 15 Moslems: sie besichtigen nur die Särge, für alles andere haben sie keine Augen. Erstaunlich. Aber sie sind sehr freundlich und bestehen sie darauf, dass sie mich in ihrem Auto bis zu meinem Fahrrad mitnehmen (das steht allerdings nur 50 mmeter weiter, aber sie wollen es unbedingt (fast alle Asiaten können es nicht verstehen, dass man gerne und nicht aus Armut Rad fährt).

Zwischen Grabmäler, Palästen und Moscheen eine riesige Karawanserei (Caravan-Serai) mit 72 großen Rundbögen, hinter denen sich 20 große Lager- und Aufenthaltsräume befinden. Der Innenhof misst sicherlich 100 mal 100 Meter. Ausgefallen ist Gada Shahs Shop, ein Gebäude mit meterdicken Wänden und schönen Wandschmuck, das dem „beggar master“ gehörte, dem Rajputenfürst Medini Raj, der dort Safran und Moschus lagerte und verkaufte, beides sehr teure Produkte. Daneben Ujali Baodi, ein offener tiefer Stufenbrunnen, und Andheri Baodi, ein unterirdischer Brunnen, zu dem man leider nicht hinuntersteigen kann: aus den Treppenschächten kommt ein sehr kalter Wind, das Wasser scheint sehr kühl zu sein. Am Dehli Gate hat man einen herrlichen Blick über die Schlucht, die Mandu vom Umland trennt.

Dann in den Königspalast: wieder einmal 100 Rupies Eintritt (in Mandu muss man dreimal Eintritt bezahlen, also 300 Rupies, dreissigmal so viel wie Inder). Eine schöne Anlage, der riesige Jahaz Mahal, der Schiffspalast (weil er wie ein Schiff zwischen zwei künstlichen Seen (Tanks) liegt, 120 m lang und 15 m breit. Der König Ghiyas-du-din soll dort einen Harem von 15000 Mädchen gehabt haben (der muss ganz schön geschafft von den sexuellen Strapazen gewesen sein, der Ärmste). Daneben das Hinola Mahalm, der „swing palace“, weil die Wände schräng nach aussen vorstehen. Hinter den beiden Gebäuden eine Unmenge von Ruinen, unter anderem auch einen sehr tiefen Wasserbrunnen und eine Lustpavillions um den Munja Tank.

Es macht einfach Spaß, stundenlang durch die Ruinen zu streifen, vor allem ausßerhalb des Ortes, wo man meist keine Besichtigungstouristen trifft. Zwei Sachen sollte man allerdings beachten. Wenn man so in den Ruinen herumsteigt, sollte man darauf achten, nichts zu zerstören. Dann sollte man natürlich vorsichtig sein: in Indien gibt es meist keine Geländer an Mauern und Treppen, in finstere Gänge sollte man nur sehr vorsichtig und mit Taschenlampe steigen – ich habe es schon häufig erlebt, dass ein Gang oder eine Treppe im Nichts endet und in einen drei, vier, fünf Meter tiefen Abgrund führt. Auf Schadenersatz von der indischen Regierung oder den zuständigen archäologischen Behörden braucht man nicht hoffen.

Am nächsten Tag ist es bewölkt. Ich mache nur einen kleinen Ausflug zu den Lohani Darwaza, kleinen Höhlen am Berghang, der Mandu begrenzt. Nichts Spektakuläres, aber aus einer Höhle zweigt ein Höhlengang ab, die angeblich 35 km bis nach Dhar reichen soll. Man kann ihn nicht gehen, er ist nach einigen hundert Metern verschüttet, aber auch so hat man nicht so rechtig Lust, es ist alles klitschig und vor allem stinkt es fürchterlich nach Fledermausdreck. An den Klippen ist eine Gruppe Inder daran, den Abstieg mit Seilen zu üben – natürlich mit Sturzhelm und perfekt angeseilt. Sie machen das alles zum ersten Mal und es sieht dementsprechend linkisch aus. Sie versuchen mich zu überreden, mich auch abzuseilen, aber ich rede mich mit meinem Alter heraus und nehme bald Reißaus.

Nachmittag lege ich mich ins Ashrafi Mahal in einen kleinen Marmorpavillion und höre einige Stunden Musik. Abends wieder zu den Lohani Darwaza: es wird ein schöner Sonnenuntergang, Hanumanaffen springen herum, drei Touristen sitzen herum. Es ist ruhig und angenehm.

Ich mag ja die Inder. Sie sind kontaktfreudig, freundlich, hilfsbereit und sehr humorvoll. Es gibt aber Situationen, da könnte ich sie irgendwohin klatschen: dies ist so eine. Mindestens 20 Inder tauchen auf. Inder in Gruppen sind nie leise, es wird immer möglichst lautstark geschwätzt und gelacht und Krach gemacht. Inder alleine sind nie leise, im Zweifelsfall singt man vor sich hin (natürlich laut) oder – in der heutigen Zeit wahrscheinlicher – man zückt sein Handy und telefoniert, aber so laut, als wolle man 300 km nach Dehli schreien. Sowohl Gruppen als auch Einzelinder sind vertreten. Was die beim Sonnenuntergang wollen, weiß kein Mensch, denn für den haben sie keinen Blick, sie schreien, toben, lachen, telefonieren, singen, streiten, fotografieren (viel, aber nur sich selber) und die Kinder jaulen und heulen. Grausig und das bei dem schönen Sonnenuntergang. Ich verschwinde und schlage mich in die Felsklippen, um dem Lärm zu entkommen. Gelingt mir auch, eine Koreanerin schließt sich mir an. In einer entfernten Ecke sitzen wir und genießen schweigend den Sonnenuntergang (nachher haben wir einige Probleme, im Halbdunkeln durch die Felsen wieder den Rückweg zu finden).

Ich habe eigentlich den ganzen Tag nichts Besonderes getan, bin aber wie nach schwerster körperlicher Arbeit todmüde und falle um 20:00 ins Bett.

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08.06.2010, 19:39

Mandu

Am nächsten Tag ist wieder strahlend blauer Himmel mit entsprechenden Temperaturen. Ich miete ein Fahrrad und klappere die weiter entfernten Geländeteile ab, die Chorkot Moschee, den Nilakantha Palace, dem Tarapur Gate und Moschee, dem Chhappan, dem Jamnia und dem Jali Mahal, dem Palast des Baz Bahadur und den Pavillion der Rupamati.

Der Nilakantha Palace ist von der Architektur her relativ uninteressant. Seinen Reiz bekommt von der Lage direkt am Abhang über einer Ebene. Er wurde zum Shiva-Tempel umfunktioniert und zwei Saddhus hatten ihn in Beschlag genommen. Einer bot mir gleich von seinem Chai an, später der andere von den frisch gebackenen Chapattis (nein, ich habe den armen Kerlen nichts weg getrunken und weg gegessen). Der eine las dann in Sanskrit das Ramayana (sie sprachen kein Englisch, aber das habe ich noch herausbekommen) in einer Art Sprechgesang und reinem Gesang – war wunderschön und meditativ und ich saß dann so zwei Stündchen bei den beiden.

Im Chhappan Mahal gibt es ein Museum (25 Rupies Eintritt, nicht so interessant, aber an einer Ecke gibt es noch gut erhaltene afghanisch-hellblaue Kacheln und einige schöne Jain-Figuren) mit den außergewöhnlichsten Beschäftigten: schon der Ticketverkäufer fragte mich, ob ich Ganja (also Marihuana) wolle, die zwei anderen Beschäftigten packten dann später ein Päckchen Ganja auf und hielten es mir unter die Nase. Das Museum scheint ja hier der Umschlagplatz für Drogen zu sein.

Der Palast des Baz Bahadur und der Pavillion der Rupamati kosten wieder einmal 100 Rupies Eintritt. Die Lage, vor allem des Rupamati-Pavillion ist atemberaubend: direkt an den Klippen über der Ebene mit Blick auf Seen (oder Tanks) bis hin zum heiligen Narmada-Fluß. Der Legende nach hatte sich Baz Bahadur unsterblich in die wunderschöne hinduistische Sängerin und Tänzerin Rupamati verliebt und für sie den Palast gebaut. Rupamati ließ sich überzeugen und kam. Aber wie es bei den ganz großen Lieben häufig so ist: der Mogulkaiser Akbar hörte von der wunderbaren Schönheit Rupamatis und marschierte mit einem Heer auf Mandu los, worauf Baz Bahadur entfloh und seine ach so große Liebe Rupamati verließ, worauf diese sich vergiftete – bester Bollywood-Stoff. Tatsächlich wurde der Palast aber bereits 100 Jahre vorher gebaut, trotzdem die Story ist gut. Man sollte den Palast unbedingt abends bei Sonnenuntergang besuchen, dann ist er und die Aussicht atemberaubend.

Beim Mittagessen hat mir dann doch irgendsoein dusseliger Tourist mein Rad geklaut. Ich habe halt dann das letzte herumstehende Rad genommen, nachdem keiner Anspruch darauf erhob, und den Franzosen drei Stunden später „gestellt“. Er hatte das Rad verwechselt und drei Stunden lang nicht bemerkt, dass er plötzlich keinen Gepäckträger mehr hat und einen gebogenen Lenker statt einem geraden und einen wesentlich höheren Sattel. Keine Ahnung, wo der seine Sinne hatte….

Ach, da ich gerade aus dem Krämerladen nebenan komme: wer gerne Bonbons ist, die besten Bonbons in Indien heissen „Alpenliebe“ (kein Schmäh, stimmt wirklich, aber es gibt ja auch einen „Heidelberg Cement“ oder ein „Cafe Edelweiss“ in Udaipur/Rajasthan und in Ägypten gibt es mitten in der Sahara in einer Oase das „Hotel Alpenblick“).

Für den Stein-Fetischisten noch ein Tipp: außerhalb des Mandu-Plateaus gibt es im Umkreis von vielleicht zehn Kilometern noch unzählige Ruinen von Gräbern, Palästen oder Moscheen – sie sind alle nicht mehr ausgeschildert, wahrscheinlich besucht sie auch niemand mehr. Wenn man sich ein Motorrad mietet, kann man da sicherlich noch ein, zwei Wochen seine Zeit vertun und über alte Steinhaufen klettern. Allerdings sind sich die Moscheen und Grabmäler alle doch recht ähnlich.


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08.06.2010, 19:41

Mandu


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25.06.2010, 19:51

Maheshwar

Maheshwar, ein kulinarisches Debakel. Anscheinend gibt es tatsächlich in der ganzen Stadt (20.000 Einwohner) kein Restaurant, das anständiges Essen oder Thali anbietet. Es gibt überall nur kleine Snacks. Auf die Frage nach Thali oder einem Restaurant, das Thali anbietet, Schulterzucken (die meisten können hier eh kein Englisch). Nur neben meinem Guesthouse hat eine kleine Familie ihren Laden erweitert und bietet neben Tee abends ein Thali an: 45 Rupies, sehr mager und sehr schlecht.

Als ich abfuhr, war es noch recht kalt. Die Inder kehrten mal wieder vor ihren Geschäften ihre Straße und verbrannten tatsächlich ihren Müll. Sie saßen dann in der Hocke zu viert oder zu fünft vor einem kleinen Feuerchen direkt auf der Strasse und legten eifrig Müll nach, meistens Plastiktüten, und hielten sich und ihre Köpfe möglichst nahe an das Feuer, damit es auch schön wärmt. Was die da alles an Gift aus dem verschmorten Plastik in die Nase bekamen, möchte ich ja nicht wissen. Sie wissen es halt nicht besser. Die Fahrt von Mandu nach Maheshwar war angenehm. Kurz nachdem der Bus losgefahren war, hielt er schon wieder: der Beifahrer stürzte in den nächsten kleinen Tempel, kam mit Räucherstäbchen und Blumenketten wieder, steckte die Räucherstäbchen dem Shiva an der Fensterscheibe unter die Nase und behängte ihn mit den Blumenketten. Was sollte da schon schief gehen. Ich mußte zweimal umsteigen. Beim ersten Mal hielt der Bus auf freier Strecke bei OOner, der Fahrer hielt den entgegenkommenden Bus an und ich machte einen fliegenden Wechsel. Nach zweieinhalt Stunden und 35 km später, war ich dann ungefähr drei Kilometer unterhalb von Rupmatis Pavillion in Mandu, wo ich am abend vorher war. Der einzige Weg aus Mandu heraus führt nacht Norden, dann in einem großen Bogen auf einer einspurig geteerten Strasse (trotzdem fuhren da riesige Sattelschlepper mit von Suzuki und Maruti produzierten und aufgeladenen Traktoren) durch die Berge ins Tal hinab und irgendwann sieht man dann die Ruinen von Mandu. Dann geht es nach Osten und nach einem nochmaligen Wechsel in Dhamnod war ich auch schon im Maheshwar.

Die Stadt wunderschön, sehr ruhig, sehr entspannend, es scheint nicht einmal einen Basar zu geben (zumindest habe ich keinen gefunden), einige Geschäfte und Teebuden, das ist alles. Ja, und dann natürlich der Narmada, das Fort, die Ghats und die Tempel und die vielen netten Inder. Hundert Meter rechts und links der Hauptstrasse zum Fort beginnt praktisch schon das Ackerland, nur noch einige Lehmhäuser sind dann zu sehen.

Der Narmada ist einer der heiligen Flüsse Indiens (wobei: heilig sind sie alle irgendwie, aber der ist – nach dem Ganges – besonders heilig). Als besonders heilbringend gilt, ihn von der Quelle zur Mündung und dann auf anderen Flussseite zurück zu pilgern – das soll mehr als drei Jahre dauern. Bekannt wurde der Fluss in Europa durch das Vorhaben, am Unterlauf einen gigantischen (den zweitgrößten der Welt) Staudamm zu errichten (1210 m lang und 163 m hoch). Trotz zahlreichen Widerstands, unter anderem auch von der Schriftstellerin Arundhati Roy (ihr wunderbares Buch „Der Gott der kleinen Dinge“ sollte jeder Indienreisende gelesen haben), wird an dem Staudamm eifrig weiter gebaut (fertiggestellt werden soll er im Jahre 2025), auch wenn er ökologisch und wirtschaftlich unsinnig ist. Dies zeigen verschiedene unabhängige Studien, so dass sich sogar die Weltbank – sonst immer ein Garant für unsinnige Projekte, hauptsächlich sie sind groß, monströs und überdimensioniert – aus der Finanzierung zurückgezogen hat. Die britische Barclays Bank sprang ein und sichert nun den großen Reibach der internationalen Konzerne ab.

Der Narmada, hier recht breit und sehr sauber (sogar einige Touristen baden da drin), wird von einem riesigen Fort aus dem 16.Jht. (erbaut vom Mogulkaiser Akbar) überragt. Ein Teil des Forts wurde in ein teures Hotel unter der Leitung des Prinzen Shivaji umgewandelt, soll aber nur teuer sein und innen für den Preis recht herunter gekommen sein. Das Hotel liegt aber sehr malerisch direkt über den Zinnen der Fortmauer – gebucht werden kann nur in Dehli, einfach so auftauchen und einziehen geht auch nicht. Im restlichen Teil gibt es viele Tempel, den Maheshwar Palace und Verwaltungsgebäude. Besonders schön ist der AhilyaDevi-Tempel mit seinen schönen Figuren und Reliefen. Fenster und Fassade des umgebenden Palastes erinnern sehr an die Paläste in Rajasthan, an Jaisalmer oder Bikaner. Auffallend sind die typischen Gesichter der Figuren: alle haben eine nach unten gebogene recht spitze Nase.

Die eigentlichen Wohngebäude des Palastes sind nicht sonderlich luxuriös. Ein kleines Museum ist darin untergebracht. Die Hauptsehenswürdigkeit – Fotografieren natürlcih verboten – sind eine goldene Schaukel, in der eine Krishna-Figur sitzt und einige größere versilberte Shiva-Lingam, auf denen Shivas Gesicht angebracht sind.

Dann gibt es im Fort noch eine Schule mit dem größten Spinnennetz, das ich je gesehen habe: zwei riesige Bäume waren völlig eingemantelt von dem Spinnengewinst. Sah sehr imposant aus.


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25.06.2010, 19:55

Maheshwar


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25.06.2010, 19:56

Maheshwar

Abends und morgens gehe ich immer meine Runde an den Ghats, fahre ab und an mit dem Boot auf die andere Flussseite, trinke einen Chai und wandere dann durch den kleinen Ort. Alles ist recht ruhig, recht gemütlich, keine große Umweltverschmutzung, keine Hektik, allerdings auch kein Restaurant (ich habe immer noch die Hoffnung, eines zu finden).

An den Ghats treffen sich die Einheimischen beim Baden und beten, die Saddhus, Yogis und Babas und einige Individualtouristen (viel sind es nicht). Nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang sitzen viele Inder meditierend am Ufer, setzen kleine Schiffchen mit Kerzen oder Blumen auf das Wasser, irgendein Brahmane macht jeden Abend eine Feuerzeremonie, aus vielen Ecken hört man Mantras und Gesänge. Wenige können Englisch, die meisten grüßen daher mit „Namaste“, „Hari Om“ oder „Om shanti“. Sogar Moslems mit ihren weissen Mekka-Käppchen oder unter plüschigen Schleiern versteckt kommen an das Ghat, natürlich nicht zum Beten, sondern zum Fische füttern oder zum Flanieren.

Am äußersten Ende der Ghats traf ich einen 72jährigen Baba, der früher einmal Englisch- und Sanskritlehrer an der Universität in Ahemabad war, er hat mir sein Leben erzählt und alle alten Leute aus seiner Unterkunft im Tempel vorgestellt, unter anderem einen recht fitten, wenn auch recht schlecht sehenden 89jährigen. Beide haben mir auf Tabla, Flöte und Harmonium einige Lieder vorgespielt und mich jeden Morgen und Abend zur Shiva-Zeremonie eingeladen.

Am entgegengesetzten Ende der Ghats leben einige Babas in kleinen Tempelchen, häufig nur zwei oder drei Quadratmeter groß: am Morgen sitzen sie vor ihren Tempeln in der Sonne, rauchen ihr Ganja im Chillum und bieten jedem Touristen, der vorbei kommt, freundlich einige Züge an (darum die vielen Alternativ-Touristen? Einige sehen aus, wie der Hippiezeit entsprungen).

Ich werde zu einer Feier eingeladen: fünf Söhne mit kahl rasierten Kopf sitzen vor einem rezitierenden Brahmanen. Der Vater ist vor 12 Tagen gestorben und heute ist die Abschlusszeremonie. Ein Verwandter erzählt und erklärt mir alles, und lädt mich in Varodava (Baroda) zu seinem Sohn ein.

Mitten im Fluß liegt ein kleiner Tempel, der Baneshwar, nicht sonderlich interessant, sieht aber schön aus.

Es gibt wunderbare Sonnenauf- und untergänge am Narmada. Bei jedem Sonnenuntergang sind plötzlich Abertausende von Schwalben da und schwirren am Fluß herum. Grosse Reiher fliegen vom Fluss her über die Stadt landeinwärts. Kleine Öllichtchen und Kerzen schwimmen auf dem Wasser und treiben langsam flussabwärts.

Im Ort gibt es unzählige alte Häuser mit schönen Holztüren und –balkonen. Viele sind schon sehr marode und zerfallen (aber ich liebe das Morbide an solchen verfallenen Schätzen).

Am nächsten Tag geht es am Ghat recht hoch her. Bei den Saddhus in der Kiffer-Ecke sitzen einige hoch wohlanständige indische Bürger (in Bayern wären das wohl der Pfarrer, der Apotheker, der Bürgermeister und der Gaststättenbesitzer), lassen den Chillum kreisen und rauchen zusammen Ganja, was der Chillum hergibt. Bei jeder kleinen Gruppe werde ich eingeladen mitzurauchen. Da ich ablehne, steht bei einer Gruppe der Saddhu sogar auf und besorgt für mich einen Chai und spendiert ihn mir. Solche Saddhus lobe ich mir, kenne ich aber aus anderen Orten, vor allem aus Touristenorten, nicht. Normalerweise sind sie ja recht aufdringlich, wollen immer nur Geld, Geld, Geld. Aber hier sitzen alle herum, lächeln versonnen und friedlich vor sich hin, unterhalten sich, singen oder schweigen einfach. Wenn man da an die ach so „stimmmungsvollen“ Saufgelage bei bayerischen Volkfesten denkt – wie graußlig sind die im Vergleich.

Sogar ein europäischer Saddhu hat sich eingefunden und badet im Fluss, wäscht seine Kleider neben seinem mit einem Shiva-Dreizack geSchmückten Fahrrad. Ein am Rad festgebundener Radio spielt beste indische Bollywood-Musik – ja, die modernen Saddhus….

Abends nach dem Sonnenuntergang (wieder einmal wunderschön) sitzen sie dann alle beim Shiva-Tempel am Hauptplatz und machen Musik und singen begeistert und ekstatisch ihr „Om Shiva“. Ich bleibe ein Stündchen oder mehr und verschwinde erst, als mir die herumschwirrenden Nachtgetiere zu viel werden. Sie werden von den Lampen herbei gelockt und bedecken den Tempel um die Lampen, so dass er aussieht wie mit Pelz bedeckt – so etwas habe ich auch noch nie gesehen. Keine Ahnung, was heute für ein spezieller Tag ist: Vollmond ist noch nicht, Feiertag auch nicht, alle Barbiere hatten ihre Läden geöffnet, aber keiner hat rasiert.

Dann wandere ich bei nachts die Ghats entlang zum anderen Ende, wo mich die beiden alten Babas am Vortag eingeladen haben. Hier geht es etwas ruhiger (und ohne Mücken zu). Der 89jährige wirft sich viermal flach auf den Boden und steht wieder recht fit auf – erstaunlich für sein Alter. Der andere sitzt am Harmonium und alle singen ihre Krishna-Lieder „Hare Krishna, hare Ram“. Krishna ist ja der blauhäutige, flötenspielende Gott, der eine Vorliebe für Hirtenmädchen und einige Hunderte oder gar tausende verführt hat, aber doch nur eine liebt, Radha, die ihn natürlich auch unsterblich liebt). Einige alte Frauen kommen hinzu, ich bekomme einige Tschinellen, klappere falsch im Takt dazu und gebe es auf. Ein anderer, recht junger Mann nimmt sie und klappert noch falscher im Takt – jedem musikalischen Menschen (sogar mir) tut es in den Ohren weh. Die anderen stört es nicht. Als ich dann aufstehe und schon fast zu Tempel hinaus bin, gibt es noch große Aufregung. Zwei Frauen springen auf, rennen hin und her, finden dann endlich was sie suchen, rufen mir nach und kommen herunter: im war im Tempel und hatte kein Prasad bekommen – für sie anscheinend unverzeihlich. Prasad sind in der Regel vom Brahmanenpriester geweihte Speisen, Früchte oder Süßigkeiten und beeinhalten die göttliche Lebenskraft. Also bekomme ich mein Prasad, einen Löffel voll geweihten Kandiszucker, esse ihn und bedanke mich noch einmal förmlich – die alten Damen sind begeistert (ich auch über so viel Freundlichkeit).

Um 22:00 wandere ich dann am dunklen, leeren Ghat unter herrlichem Sternenhimmel zurück zu meinem Guesthouse. Von der anderen Flussseite kommt Musik von irgendeinem Fest.

Am nächsten Tag früh morgens sind an einer Ecke des Ghats wieder ungefähr fünfzig Leute versammelt und halten unter der Leitung eines Brahmanenpriesters ihre Puja ab. Der Shiva-Ligam und der Nandi sind geschmückt, kleine Öllämpchen, Blumen und mit farbigen Pulver bestreute Kokosnüsse werden dem Fluss übergeben. Beendet wird alles unter lautem Mantra-Singen, vielen „Om Shiva“-Rufen und dann springen alle lachend und schubsend ins Wasser und plantschen herum.

Auch die Babus und Saddhus sind wieder bei ihrem gewohnten Geschäft, baden und waschen sich und ihre Kleidung, sitzen wieder in ihren kleinen Hüttchen oder Tempelchen und rezitieren ihre heiligen Schriften und singen Mantras.

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25.06.2010, 19:59

Maheshwar

Am Nachmittag dann ein Kali-Ritual am Fluss. Kali, die schwarze Göttin, ist im Hinduismus der Aspekt des Todes und der Zerstörung, aber damit auch der der Erneuerung. Sie wird meist schwart dargestellt mit vielen, oft zehn Armen, mit einer Kette von Menschenschädeln um den Hals, einen Rock aus abgeschlagenen Armen, ein totes Kind hängt an ihrem Ohr. Hier ging ein Mann ins Wasser, schnitt sich mit einem Säbel – anscheinend ohne Schmerzen, ich vermute er war in Trance – die Zunge auf. Dann wurde er mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Ganz bis zum Hals im Wasser stehend, einen Säbel mit einer aufgespießten Zitrone haltend, rezitierte er mit Frauenstimme (oder sprach ein Orakel?). Das ging mindestens eine halbe Stunde lang. Eine Menge Leute stand um ihn herum. Schließlich wurde das Tuch abgenommen, eine Zitrone auf seine blutende Zunge gepresst und jeder Umstehende presste die blutige Zitrone auf die Stirne. Schließlich wurde der Mann wieder mit dem schwarzen Tuch bedeckt, dann mit Wasser (gesegneten Wasser?) bespritzt, worauf die Sache vorbei war: das schwarze Tuch wurde abgedeckt, die Zunge blutete nicht mehr, der Mann sprach ganz normal mit Männerstimme, er tauchte unter, schwamm einige Male hin und her und machte irgendwelche Witze.

Am Ghat wird nicht nur gebetet oder eine Zeremonie abgehalten. Dort wird auch gewaschen, sich selbst oder die eigene Wäsche. Die Wäsche wird in Indien in der Regel an einem Ende gepackt und immer wieder gegen einen Stein oder den Boden geschlagen, bis sie sauber ist (und irgendwann natürlich die Knöpfe und der Stoff kaputt sind). Hier in Maheshwar wird der Schmutz mit einer Art Kricket-Schläger aus der Wäsche geprügelt.

Im Mathangeswhar Tempel stehen hinter einer Gedenkstätte für irgendeinen ungehorsamen Prinzen Sport- und Fitnessgeräte, fast so modern wie in deutschen Fitness-Studios: eine Ringerschule. Einer macht gerade seine Übungen. An der Gedenkstätte einige ausgefallene Figuren: ein englischer Soldat des 18.Jht., der gerade eine indische Schönheit umarmt und ihren Busen umfasst, ein fliegender Elefant und eine stillende Mutter.

Von Tag zu Tag wird es heisser, auch wenn es nachts immer noch relativ kühl ist. Schon ab 10:00 stehen die Eselchen stocksteif im Schatten der Tempel an den Ghats – sie rühren sich tatsächlich zehn Minuten lang nicht und lassen den Kopf hängen. Na ja, ihr Leben als Lasttiere ist nicht so leicht.

Ich wandere durch die Stadt und komme in einige ärmliche Vororte. In vielen Häusern stehen Webstühle, viel Platz zum Wohnen scheint da nicht mehr zu sein. Ich wandere um das Fort herum, an der Ostseite reicht es bis tief ins flache Bauernland. Am Narmada machen zwei Frauen Ziegeln. Sie buddeln Erde aus, vermischen sie mit Wasser und kneten sie mit den Händen, dann schleppen sie einen Teil auf einer Trage in die Sonne, mischen wieder mit Wasser, kneten jede Handvoll und füllen sie in eine viereckige Holzform, stülpen diese um und fertig liegt der Ziegel am Boden. Dort trocknet er in der Sonne einige Stunden und wird dann aufeinander gestapelt und gebrannt.


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25.06.2010, 20:03

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25.06.2010, 20:05

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25.06.2010, 20:07

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25.06.2010, 20:10

Holi

In Pushkar wird Holi am Ausgiebigsten und am Längsten, nämlich fünf Tage gefeiert. Es ist sicherlich das Farbenfrohste Fest in Indien (was ja etwas heißen mag). Man besprengt sich und vor allem die anderen mit gefärbten Wasser und buntem Pulver. Der alte religiöse Hintergrund ist immer noch deutlich: das farbige Pulver wird vorher im Tempel geweiht und wenn man so einen Schwung roten Pulvers über den Kopf bekommt, wird meist auch ein Glück- und Segenswunsch mit ausgesprochen. Selbstredend sind Touristen ein besonders beliebtes Opfer. Häufig wird zu Holi Bhang (eine Hanfdroge) geraucht oder getrunken, in den großen Städten nimmt inzwischen allerdings der Alkoholgenuß zu.


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25.06.2010, 20:12

Holi


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26.06.2010, 16:31

Toller und informativer Bericht ,die Bilder dazu sind einfach Weltklasse


LG Andrea

:--)
" Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden" :--)

(Mark Twain)

mona

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26.06.2010, 17:15

sehr schöner Bericht und erstklasse Bilder dazu. Suuuuuuuuuper !!!

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27.06.2010, 17:26

Omkareshwar

Die indische Realität hat mich wieder. Der größte Tempel des Pilgerort Omkarewhwar heißt Shree Omkar Mandhata und ist absolut perfekt durchorganisiert. Jeder einheimische Pilger und jeder westliche Tourist wird von den Brahmanenpriester abgefangen und gnadenlos abgezockt. Zwei Brahmanen nahmen mich in Empfang und behaupteten, in den Tempel könne man nur, wenn man an der Shiva-Zeremonie teilnähme (was natürlich gelogen war). Na gut, nahm ich halt teil. Ich bekam ein Kännchen mit heiligem Flusswasser in die Hand gedrückt, ebenso etwas Grünzeug und konnte Wasser über den Shiva-Lingam gießen und das Grünzeug drüber kippen. Dann ging es hinaus aus dem Heiligtum zur Einzelbehandlung: einiges Gemurmel in Sanskrit, dann die Frage nach den Namen aller meiner Verwandten - ich wurde sehr hellhörig, denn diese Art von Abzocke hatten wir schon in Pushkar erlebt – dann ein Segen über mich und alle meine Verwandten und anschließend das Wesentliche: eine Spende ist erforderlich und 5000 Rupies wären ok. Es war mir klar, dass auch in indischen Tempeln nichts umsonst ist, aber das war dann doch eine Frechheit. Ok, 50 Rupies konnten sie haben, immerhin ein Euro, ein indischer Bauarbeiter musste dafür zwei oder drei Tage arbeiten. Dann fingen sie an zu feilschen, na ja, wenn nicht 5000, dann doch mindestens 2000, sie wären ja auch viele Brahmanen in dem Tempel. Ich könnte mich noch jetzt fürchterlich ärgern, dass ich ihnen dann doch 100 Rupies statt 50 hingelegt hatte, aber als Europäer ist man da doch immer sehr gehemmt.

Am nächsten Tag saß ich auf der anderen Flusseite am Teestand und trank Chai, als sich drei Brahmanen zu mir setzten. Sie erklärten freudestrahlend, sie wären vom Shree Omkar Mandhata, machten etwas Blabla und wollten dann jeder 100 Rupies. Anscheinend sind die Brahamen von diesem Tempel hinter den Rupies her wie der Papst hinter der Kirchensteuer (das muss man auch verstehen, denn der Papst braucht ja ebenso seine roten 1000-Euro-Designerschuhe wie die Brahmanen ihre Seidenkurtas mit bestickten Om-Zeichen – bedruckte Baumwolle tut es da nicht mehr). Selbstredend bekamen sie keinen einzigen Paisa.

Wenn ich daran denke, dass viele arme Inder jahrelang sparen um eine Pilgerreise zu machen und dann in die Hände von diesen Geldhyänen fallen und gnadenlos ausgenommen werden….

Die Fahrt von Maheshwar nach Omkareshwar dauerte drei Stunden und war recht unterhaltsam. Ich hatte das Glück und bekam schon nach drei Kilometern einen schönen Sitzplatz. Nach einer halben Stunde war der Bus gerammelt voll. Als mein Nachbar ausstieg und kaum seinen Hintern zehn Zentimeter hochgehoben hatte, war schon eine dürre Bauersfrau mit einem Bein und dem halben Hintern unter ihm auf den Sitz geschlüpft. Eine dicke Dame – vom Speckring und vom Sari her – eindeutig etwas Besseres war stinksauer, denn die hatte schon länger auf den Sitzplatz gespechet. Jedenfalls fingen die Beiden an zu zanken und zu keifen. Es ging hoch her, ein Teil des Buses nahm Stellung für die eine, der andere Stellung für die andere Partei. Jedenfalls behielt die dürre Alte ihren Platz. Jedenfalls war der Bus schon so voll, dass an den Türen vorne und hinten je ungefähr fünf oder sechs Männer draußen an der Tür hingen (aber mitgenommen wurde trotzdem jeder – irgendein dämlicher unions-christlicher Politiker hatte doch einmal vollmundig getönt, das Boot, das europäische nämlich, sei voll – der hätte mal nach Indien gehen sollen, damit er sieht, was in einen Bus und ein Boot alles rein geht). Peinlicherweise hatte aber die Alte ihre Plastikschlappen mitten im Gang stehen lassen und jetzt ging die Streiterei wieder los: ich verstand immer nur „Chappel“, also Sandalen, konnte mir aber gut zusammenreimen, um was es ging – dass die Alte einfach ihre Schlapfen herumstehen hatte und alle darüber stolperten. Es war recht erheiternd, denn die Alte hatte eine wirklich böse Zunge und fuhr alle an, außerdem gehörte sie zu denen, die immer das letzte Wort haben musste. Außerdem meckerte sie jeden beliebigen Passagier an, mit dem Fahrkartenverkäufer hatte sie nicht nur einen Streit. Auf jeden Fall: es war bestes Kino, so eine Art Komödienstadel.

In Mandelswar blieb der Bus längere Zeit stecken, denn ein großer Moslemumzug versperrte die Strasse – sie machten den gleichen Riesenlärm wie die Hindus bei ihren Umzügen, nur die Farben der Fahnen waren grün und Götterbildnisse trugen sie auch nicht spazieren.

Kurz vor Omkareshwar wird die Landschaft staubtrocken. Unzählige riesige Kanäle sind wegen des neuen Narmada-Staudamms in Bau: es müssen Hunderte, wenn nicht Tausende von Kilometern sein, die da durch die Erde gepflügt werden. Ein Kanal führte sicherlich mehr als einen halben Kilometer in einem breiten Viadukt über ein Tal.

In Omkareshwar bin ich im Ganesh Guesthouse untergekommen, im zweiten Stock mit schönem Blick auf den Narmada-Fluss. Sie wollten 250 Rupies, aber ich hatte sie auf 200 heruntergehandelt, da ich länger bleiben wollte und das Holi-Fest im Ort verbringen wollte (wobei anscheinend kein Inder wusste, wie lange das wirklich dauert: von einen bis fünf Tage bekam ich jede Antwort).