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27.06.2010, 17:29

Omkareshwar

Omkareshwar liegt direkt unterhalb eines neuen Narmada-Staudamms und erstreckt sich über beide Ufer des Narmada. Die nördliche Seite liegt auf einer größeren Insel. Beide Seiten werden durch zwei Fußgängerbrücken verbunden. Auf der Insel gibt es keine Fahrstrassen.

Im Weiteren erwies sich das Erlebnis mit den Abzockern des Shree Omkar Mandhata als Einzelfall. Auf meinen Wanderungen (ich bin jetzt immer recht früh unterwegs, denn ab 11:00 wird es schon recht heiß, nichts mehr zum Herumlaufen) über die Hügel auf der Insel traf ich unzählige kleine Tempel, nette, liebe Brahmanen und Saddhus, Babus, die einem zum Chai einluden (und natürlich eine Spende bekamen, obwohl sie nie danach fragten).

Auf den Hügeln befinden sich einige schöne alte Tempel. Der Gauri-Somnath-Tempel, nach mehr als 300 Stufen zu erreichen, ist im Bhumij-Stil im 11.Jht. erbaut worden (fragt mich nicht, was das für ein Stil ist). Am Ende des Hügels, in Richtung zum Narmada-Staudamm liegt der Siddhesvara oder Siddhanatha Tempel, eine sehr schöne Ruine mit herrlichen Elefantenfriesen, beeindruckenden Säulen und einigen schönen Steinfiguren. Im innersten Heiligtum stehen rund um den Shiva-Lingam eine Menge Teile von Steinfiguren herum – jedes europäische Museum wäre froh um so ein Teil.

Direkt neben dem Gauri-Somnath-Tempel wurde in den letzten Jahren eine dreißig Meter hohe Shiva-Figur in den schönsten indischen Bonbonfarben errichtet. Im Zimmer neben mir wohnt eine Tschechin, die ich schon in Maheshwar und Mandu getroffen hatten, und mit der ich unterwegs war: beide waren wir überzeugt, dass die Idee von den Disneyparks in Indien geklaut worden war.

Wenn man die schmalen Strassen von einem Tempel zum nächsten läift, von einem Ghat zum anderen, sind die Wege eingerahmt von unzähligen Geschäften und Verkaufsständen. Das erstaunliche daran ist: alle verkaufen dasselbe, Blumen, Kokosnüsse und farbiges Pulver als Opfergabe, längliche Steine aus dem Narmada als Lingamsymbol, Lingams aus Glas, Stein oder Ton, Andachtsschnüre, Glasreifen und Chillums. Wie da jeder Laden existieren kann, erscheint unbegreiflich.

An den Ghats erstaunen mich die Menschen wieder: die Frauen gehen prinzipiell immer mit voller Kleidung ins Wasser, alte Omas stehen im Sari bis zum Kopf im Wasser, spritzen sich an, Kichern, Tauchen unter und Tollen herum wie kleine Kinder – vielleicht hatten sie noch nie Gelegenheit in einem Fluß zu baden. Natürlich wird an den Ghats nicht nur gebetet und geopfert, sondern auch Blödsinn gemacht, getaucht, geschwommen, sich und seine Wäsche gewaschen (manchmal meint man, dass ein Inder für eine einmalige Waschung eine ganze Seife benötigt – vor lauter Schaum sieht man nicht mehr viel von ihm).

Morgen ist Holi. Schon Tage vorher traf ich eine Koreanerin, die vor Entsetzen wegen Holi beschloß eine Woche das Hotelzimmer nicht zu verlassen. Ich hoffe ja, dass es nicht gar so schlimm wird.

01.03.2010: Holi hat begonnen. Am meisten freuen sich die Kinder und laufen schon früh am morgen ganz rot und lila bespritzt herum. Überall ziehen sie ihre Spritzen und Pistolen mit gefärbtem Wasser auf, aber momentan bleiben die Erwachsenen noch verschont. Schon in aller Frühe quatscht mich wieder so ein Priesterling im seidenen und bestickten Röckchen aus dem Abzockertempel an: hätte ich eine Alkoholfahne an ihm gerochen, dann hätte ich gesagt, er war stockbesoffen. So war er vermutlich nur bis unter die Nasenspitze zu gekifft. So hatte er denn auch Sprachprobleme, als er mir die Puja für meine getreuen Anverwandten schmackhaft machen wollte, weder der englische Ausdruck für Vater, Schwester und Sohn fiel ihm ein, so musste ich ihm etwas nachhelfen. Den Preis wusste er aber noch: only 2000. Gott, wie ich diese Typen verabscheue.

Der Rest des Tages war perfekt und die Leute wieder unglaublich nett und ausgesprochen gut drauf – ein Angesoffener lief herum, das war aber das einzig Ausgefallene. Ich lief im Ort herum, dann die Insel nach Westen bis zum Ende und dann wieder querfeldein bis zur Spitze. Am Ufer des Narmada sitzen überall Inder und kiffen fleißig (sogar am Marktplatz bieten sie den Touristen klammheimlich Ganja-Paratha an und das, obwohl ein Polizist herumläuft und die Küchen kontrolliert). Auf den Hügeln muss einmal eine Festung gewesen sein, denn rund um die Hügel zieht sich eine Mauer bzw. deren Reste herum und die Wege nach oben führen durch große, auch heute noch prächtige Tore.

Überall liefen purpurfarbene Gesichter herum. Irgendwann erwischte es mich dann auch, aber sehr gemäßigt: drei Inder schmierten (sehr vorsichtig) mein Gesicht mit gelben, roten und purpuren Pulver ein. Sogar die Klamotten blieben sauber. Mittag war die Bescherung in zwei, drei Minuten weggewaschen. Nachmittags ging es dann groß her: ein Truppe Inder zog mit einem großen Paldachin und einem versilberten Shiva-Lingam durch den Ort, zuerst zu den Ghats, dann mit dem Boot mehrmals vor dem Ort hin und her, natürlich unterstützt mit Trommeln und Pauken, mit Posaunen und Muschelhörnern. Dann ging es durch den Ort, wobei ein Wahnsinnskrach gemacht wurde, verstärkt natürlich durch die engen Gassen. Kiloweise wurde rotes und gelbes Pulver in die Luft und auf die Passanten geworfen, natürlich auch auf mich. Wenn man nicht nass wurde, dann konnte man das Zeug aber aus der Kleidung recht gut abklopfen und im Guesthouse ausbürsten. Ich hatte mir sowieso eine Hose und ein Hemd aufgehoben, die ich schon vor einem Monat wegwerfen wollte. Und vom Gesicht und aus den Haaren ging das Zeug mit einigem Rubbeln auch ganz gut heraus. Aber bis zum Abend lief ich noch kunterbunt herum, damit ich nicht mehr so viel Anreiz zum „Einfärben“ bot. Auf jeden Fall war es ein Heidenspass und die Leute kamen irgendwann mit dem monotonen Trommelrhythmus in Extase oder Trance und tanzten den ganzen Nachmittag durch die Strassen.

Abends gab es dann noch an den (nicht mehr so heiligen) Ghats einige Feuer und indische Bollywood-Musik, natürlich laut, lärmend und übersteuert.


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27.06.2010, 17:32

Omkareshwar


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27.06.2010, 17:34

Omkareshwar

Wie Maheshwar ist der Ort nichts für Leute, die viel Geld ausgeben wollen: es gibt nämlich nicht so viel, wofür man Geld ausgeben kann: ein Frühstück mit Chai kommt auf 10 bis 15 Rupies, zum Mittagessen gibt es nur Thali für 30 Rupies, abends gibt es ebenfalls Thali oder Paratha für 20 oder 30 Rupies. Chai kostet 5 Rupies, eine heisse Milch am Abend 10 Rupies, der frisch gepresste Ananassaft 10 Rupies. Wie soll man da viel Geld ausgeben?

Am zweiten Tag des Holi-Festes ist tiefste Ruhe im Ort. Die Männer sind ausgesprochen gut drauf und mindestens die Hälfte, na ja ein Drittel ist völlig daneben. Wenn sie eine Alkoholfahne hätten, dann würde ich sagen: völlig besoffen, da sie die aber nicht haben, vermute ich: völlig zugekifft. Die Babas sind umlagert und der Chillum kreist und geht nicht oft aus.

Ich habe heute meinen verkehrten Tag. Schon über die Narmada-Brücke ging ich auf der falschen Seite, da wo die Leute von der Insel kamen. In den Abzock-Tempel (da muss man durch, wenn man auf die Pilgerwege kommen will), gehe ich da rein, wo alle rauskommen und meinen Inselrundweg mache ich gegen den Uhrzeigersinn, so dass mir alle Leute entgegenkommen und mich erstaunt anschauen: so ein dummer Tourist, läuft verkehrt. War aber trotzdem schön. Habe mich zwei Stunden in den Siddhesvara Tempel gesetzt und der Tempelwächterin zugesehen, wie sie wunderbare Knödel aus Kuhscheisse hergestellt hat – Brennmaterial für zu Hause (wobei ich ja der festen Meinung bin, Chapatti schmecken nur, wenn sie über einem Feuer aus Kuhdung gemacht werden). Der Tempel selber ist zwar eine Ruine, hat aber noch 46 Säulen (wenn ich mich nicht verzählt habe), alle mit unterschiedlichen Arabesken und einigen erstaunlichen Kapitelen: normalerweise bestehen sie aus dicken Zwergen, die die Decke tragen, aber hier sind Nandi, Garuda und Ganesha als Deckenträger dazwischen gemischt.

Dann am Markt herum gesessen und Chai getrunken und mich köstlich amüsiert. Immer wieder schaffen es die ach so langsamen und bedächtigen Kühe von einem Obst- oder Essenstand irgendetwas Genießbares zu klauen. Wobei genießbar ein dehnbarer Begriff ist: eine Kuh klaute Süßigkeiten für den Tempel, die in Plastik verpackt waren und kaute sicherlich mindestens fünf Minuten daran, bis sie Süßigkeiten und Plastik im Magen hatte. Da wünsch ich nur noch gute Verdauung. Am Stand nebenan war der Besitzer alleine zu Gange und immer wenn er etwas von hinten holen ging, klauten ihm vorne die Affen (die Hässlichen und Aggressiven mit den roten Ärschen) etwas. Einer Ziege gelang es in einem Restaurant sogar einen Tisch zu besteigen und aus der grossen Schüssel mit Pakora und Samosa ungeniert einige Teile zu klauen, bevor sie bemerkt wurde. Schön, die Tiere müssen also nicht hungern. Andererseits sollte man (wie ich) immer nur frisch heraus gebratene Teilchen essen, denn wer weiß, wer da vorher schon alles dran war….


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27.06.2010, 17:36

Omkareshwar


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27.06.2010, 17:39

Indore

Früh morgens um 07:30 brach ich auf. Busfahrer und Ticketverkäufer waren sehr vorausschauend: die Shiva-Figur im Bus wurde vor der Abfahrt noch mit Blumenketten und zwei Räucherstäbchen dekoriert, ein Gebet gesprochen. An der ersten Brücke über den heiligen Fluss Narmada hielt der Bus dann trotz starkem Verkehr an, einige Blumenketten wurden über das Brückengeländer ins Wasser geworfen, dann noch drei Räucherstäbchen am Geländer eingeklemmt, zwei grosse Verbeugungen und dann ging es endgültig los.

Der Bus nach Indore fuhr zwar um 08:00 los, brauchte aber natürlich statt der im Reiseführer angegebenen 2 Stunden genau 3 Stunden – der Reiseführer ist in Bezug auf Madya Pradesh recht ungenau. Indore bestätigt meine ersten Eindrücke. Eine uninteressante Stadt, vor allem mit einer unangenehmen Eigenschaft: egal wie man ankommt und weiterreisen will, man muss durch die gesamte Stadt zu einem anderen Busbahnhof.

Es kam ja, wie ich fast befürchtet hatte, der nächste Bus nach Ahmedabad (Amdavad) in Gujarat ging erst um 20:45, ich hatte also noch neun Stunden Zeit. Also fuhr ich mit einem Minibus zum Lal Bagh Palace, laut Reiseführer das Schönste, was Indore zu bieten hat.

Naja. Lal Bagh ist ein relativ kleines Palästchen, „das schönste Gebäude, das die Holkar Dynastie hinterlassen hat“. Der Palast wurde zwischen 1886 und 1921 im englischen Stil erbaut. Die gesamte Einrichtung ist europäisch und englischen Einrichtungsgegenständen nachgebaut, fürchterlich herunter gekommen, alle Stühle und Teppiche waren angefault und zerrissen: ich möchte ja nicht wissen, wie viele Generationen von Mäusen schon in diesen Stühlen zu Welt gekommen sind. Überall modert es. Im Garten steht sogar eine große Statue der englischen Königin Victoria, der Parkeingang ist dem des Buckingham Palastes nach empfunden. Die Könige müssen den Engländern ja ganz schön tief in den Hintern gekrochen sein, denn im gesamten Palast gab es einen Raum im indischen Stil. Wahrscheinlich lief sogar der König in Frack und Zylinder herum.

Für Inder mag so ein Palast ganz interessant sein, für Europäer ist er es weniger, vor allem, da er auch recht herunter gekommen ist und das Eintrittsgeld von 100 Rupies (Inder 5 Rupies) nicht wert ist – da hätte man das Geld sinnvoller unter den Bettler verteilt.


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27.06.2010, 17:40

Indienkoller

Jeder Reisende in Indien bekommt irgendwann den Indienkoller. Ne, eigentlich ist es kein Indienkoller, sondern ein Inderkoller.

Bei mir war es in Indore endlich so weit. Da hatte ich mich schon selbst über mich geärgert, dass ich immer wieder auf so Sprüche herein falle und den Indern glaube, eigentlich sollte ich das doch schon gelernt haben: in Omkareshwar hatte der Guesthouse-Besitzer noch gesagt: „No problem, in Indore a lot off buses to Amdavad“. War natürlich absoluter Blödsinn, es gab genau zwei und die fuhren abends um 20:30 und 20:45. Und nur 5 Stunden für 230 km sollten die brauchen – auch Blödsinn: tatsächlich brauchen sie fast zehn Stunden.

Im Bus nach Indore stieg ein aufgeblasener, fetter Inder ein: bonziges Goldkettchen, riesige Golduhr und an acht (!) Fingern Goldringe, aufgezwirbelter Angeber-Schnurbart, kahlrasierter Kopf mit vier dicken Fettwülsten hinten im Nacken. Er wäre in einem Bollywood-Schmachtfilm wahrscheinlich die Idealbesetzung für den Dorfwucherer und –geldverleiher gewesen. Zuerst latschte er mir mit vollem Gewicht auf die Zehen, dann knallte er mir seine Umhängetasche zweimal ins Gesicht, als er eine andere Tasche in die Gepäckablage befördert. Anschließend setzt er sich hin, winkelt ein Bein unter dem anderen an und putzt seine Schuhe an meiner Hose ab. Ich sage ihm mal anständig Bescheid und er geruht sein Bein herunter zu nehmen. Dann fängt er an, in einem unmöglichen Ton die anderen Fahrgäste zu drangsalieren: einmal ist ihm das Fenster zu weit, dann zu wenig offen, dann passt ihm irgendein Gepäckstück im Gang nicht. Ein grauenhafter Kerl.

Na, das war nur der Anfang. Dann sass ich im Garten des Lal Bargh Palaces auf einer Bank und hörte eine Verdi-Oper mit meinem ipod (Zeit genug hatte ich ja), als sich ein jüngerer Inder zu mir heransetzte, mir auf die Schulter klopfte und anfing los zu schwatzen. Ich zeigte mit den Händen auf meine Kopfhörer und dass ich nichts höre und Musik Hören wolle. Das störte den Kerl nicht, er klopfte mir wieder mehrmals auf meine Schulter. Schließlich nahm ich dem Kopfhörer ab und erklärte ihm freundlich, dass ich Musik höre und nicht gestört und nicht reden wolle und setzte die Kopfhörer auf. Aber Diskretion und eine natürliche zwischenmenschliche Distanze kennen Inder nicht und er klopfte mir wieder mehrmals auf die Schulter. Er war so nervig, dass ich schließlich die Musik ausmachte und die Standardfragen beantwortete – eigentlich hätte ich recht unfreundlich werden sollen.

Dann kamen fünf Jünglinge in College-Uniformen – ebenfalls mit den Standardfragen – standen vor mir und kratzten sich ungeniert an den Geschlechtsteilen, was ja in Indien nichts Ungewöhnliches ist. Einer spuckte ungeniert herum, ein anderer rotzte gekonnt vor mir herum, indem er sich je einen Nasenflügel zu hielt. Mahlzeit!

Schließlich quatschten mich drei Studenten an, warum ich im Garten des Palastes denn fotografiert hätte, ob ich eine „Permission“ hätte. Für was bräuchte ich eine Fotografiererlaubnis, Fotografieren war ja nur im Palast selber nicht erlaubt, stand ja groß auf dem Schild. Dann laberten sie mich voll von Terroristen und den Überfall von 2008 auf das Taj Mahal in Mumbai und da wolle ich einfach so herum fotografieren – da platzte mir der Kragen und ich sagte ihnen, sie sollten doch einfach heimgehen und die Touristen in Ruhe lassen. Das konnten sie wieder gar nicht verstehen.

Draussen vor dem Tor nervten mich dann die Rikschafahrer: jedes Mal wenn ich an der Strasse stand um sie zu überqueren stellte sich eine Motorriksche direkt vor mich hin (einmal sogar drei) und wollten mich nötigen mitzufahren – ich musste einen Bogen schlagen und um sie herum laufen, an sich nichts Tragisches, aber wenn es sechs oder sieben Mal passiert, nervt es fürchterlich.

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27.06.2010, 17:42

Indienkoller

Dann lag ich im Nachtbus und wollte schlafen. Der Inder mir schrägt gegenüber hörte ununterbrochen Musik und das natürlich in einer Lautstärke, dass auch jeder im Bus mithören musste. Kein einziges Lied hörte er vollständig an, ständig drehte er auf den nächsten Sender: vermutlich ein Geschenk zu Holi und er musste jedem zeigen, was das Ding drauf hat. Irgendwann um 23:00 hörte er auf, aber jedes Mal, wenn er nicht schlafen konnte, schaltete er sein dämliches Radio wieder ein – natürlich auf vollster Lautstärke. Irgendwann um drei Uhr nachts, nachdem er sicherlich zum vierten oder fünften Mal sein Radio eingeschaltet hatte, bat ich ihn, es auszumachen, ich wolle schlafen. Er tat es tatsächlich, aber nur fünf Minuten lang. Entnervt hätte ich ihn am liebsten zum Bus hinaus geschmissen. So eine Art habe ich auch noch nie in Indien erlebt, irgendwann nachts ab 23:00 oder spätestens 24:00 ist normaler Weise in jedem Bus oder Zug Ruhe.

Irgendwann krappelte irgendjemand vor mir herum, ich wachte auf und sah, dass der Bus stand und irgendjemand meine Sandalen anzog. Ich konnte den Kerl gerade noch am Hosenbein festhalten, aber er riss sich los und murmelte „only two minutes“, dann verschwand er. Nach zwei Minuten war er wieder da, die Schuhe kamen auch wieder an, aber sofort zog sie ein anderer an und verschwand. Anscheinend fanden sie unter den Sitzen ihre Schuhe nicht und nahmen halt dann irgendwelche andere. Na gut, Typ und Schuhe kamen zurück und ich hoffte nur, dass keiner von ihnen drauf gepickelt hatte (vorsichtshalber wusch ich sie dann im Hotel). Hemmungen haben die Inder ja gar keine, das wusste ich ja schon, aber so etwas war mir bisher auch noch nie begegnet.

Um 03:30 hielt der Bus und sieben oder acht Schwarzfahrer stiegen ein (normaler Weise darf bei den Nacht- und Schlafbussen niemand mitfahren, der keinen reservierten Sitz- oder Liegeplatz hat, aber irgendwann zum Schluß so einer Busfahrt, lassen die Schaffner Leute herein und kassieren in die eigene Tasche). Ich lag am Rand neben dem Gang. Vier Leute, die einstiegen, knallten mir ihre Taschen gegen den Kopf. Zwei Erwachsene und ein Kind setzten sich sofort auf meine Reisetasche, obwohl sie große Reissäcke dabei hatten, aber die waren ihnen wahrscheinlich zu hart zum Sitzen. Natürlich verstanden sie kein Englisch und ich machte ihnen deutlich, dass sie da nicht sitzen können, da dort etwas Zerbrechliches drin sei. Tatsächlich setzten sie sich auf ihre Reissäcke. Ich schloß die Augen und wollte schlafen, da fing der andere Idiot wieder mit seiner Musik an – anscheinend hatte er irgendetwas zum Aufnehmen entdeckt, denn er spielte zwei Lieder insgesamt je sieben Mal ab, natürlich wie immer nicht vollständig. Als ich die Augen aufmachte, sassen die drei schon wieder auf meiner Tasche. Wieder das gleiche Spiel, sie setzten sich auf ihre Reissäcke, sassen aber eine Viertelstunde später wieder auf meiner Tasche. Müde und gerädert gab ich es auf. So schlecht hatte ich noch nie bei einer Nachtfahrt geschlafen.

In der Frühe nahm ich dann todmüde eine Rikscha für 20 Rupies und als ich dann in einem Hotel abstieg, in dem keine Kommission gezahlt wurde (der Rikschafahrer hatte es dann auch ganz schön schlecht gemacht), fing er an zu streiten und wollte einen dicken Nachschlag. Da platzte ich dann doch: ziemlich grob sagte ich ihm meine Meinung und er zog dann doch mit langem Gesicht ab.

Tja, dann kamen noch die zwei Mosleme und meinten, nachdem sie hörten ich sei aus Germany, mit nach oben ausgestreckten Daumen „Hitler, good“.

Mein Gott, warum tue ich mir dieses Indien und diese ganzen Typen an?

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27.06.2010, 21:46

[i]Hallo Dieter

Mittlerweile ist Deine Reisebeschreibung ein ganzer Roman :D
Damit lässt sich bestimmt Geld verdienen für Deine nächste Reise :thumbup:
Sehr gut Dein Reisebericht und mit guten Bildern :thumbsup:
Wer 6 Monate unterwegs ist hat viel zu erzählen.

Lieben Gruß
Siggi
[/i]
In der Fremde erfährt man mehr als zu Hause.
Aus Tansania

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04.07.2010, 20:09

Amdavad (Ahemdabad)

Nachdem ich mehrere Hotels abgeklappert hatte und mir keines gefiel, da sie völlig überteuert waren (es gab schließlich eine dicke Kommission für den Rikschafahrer), zog ich im Hotel Relax ein, 200 Rupies für ein Doppelzimmer mit Toilette und Bad. Der Rikschafahrer zog beleidigt ab. Das Hotel war alt aber dafür sehr sauber, die Leute sehr freundlich, vor allem ein sehr netter alter Moslem.

Am Vormittag stellte ich dann fest, dass es das alte Indien von vor zwanzig jahren doch noch gab. Hatte ich damals doch zum Wechseln von Travellerschecks des Öfteren mehrere Stunden gebraucht (in einer ganz kleinen Stadt sogar mal in der Rekordzeit von sechs Stunden). In der Zentrale der „Statebank of India“ brauchte ich tatsächlich mehr als zwei Stunden um drei Travellerschecks zu wechseln. Keine Ahnung, was die da solange brauchen. Auf jeden Fall waren da eine ganze Menge Leute beschäftigt: einer gab mir das Formular und kontrollierte meine Eintragungen, dann kam ein Träger und trug das Formular zum nächsten Tisch (man hätte auch auf dem „kleinen“ Dienstweg hinüberreichen können, dann kontrollierte der Nächste die kontrollierten Eintragungen des ersten Bankangestellten und telefonierte mit American Express, anscheinend ob die Schecks echt seien. Dann wurde ein weiterer Träger heran telefoniert, der mit meinem Pass zum Kopieren eilte, ne eigentlich langsam schlenderte. So wie ich Indien kenne, wird ihn dann ein anderer Mitarbeiter kopiert haben. Jedenfalls nach fünf Minuten kamen Träger und Pass wieder. Dann brachte ein anderer Träger Reiseschecks und Formular irgendwo hin, ich bekam dafür ein „Token“ mit der Nummer 131 und wartete und wartete und fragte mal nach, ob sich was tut (erhielt immer die motivierende Antwort „only five minutes“) und wartete und wartete, dann kam gegen 12:30 (Gottseidank vor der Mittagszeit) ein Uniformierter und holte mich zur Kasse 20. Dort saß dann würdevoll eine ältere, wohlgediente dicke Dame, die ihren Kassierposten wahrscheinlich schon einige Jährchen ausfüllte und lieferte ein eindrucksvolles Beispiel ihres Könnens, wollte doch dieser dumme Tourist sein Geld in zehn 1000-Scheinen und den Rest in 500-Stückelung. Bei 26685 Rupies benötigte sie tatsächlich mehr als eine Viertelstunde, um den Betrag zusammen zu bekommen. Mindestens viermal hatte sie den Geldstapel schon, aber leider immer falsch, wie sie nach langem Nachrechnen feststellte. Unzählige Male schob sie irgendwelche Geldstapel in die Zählmaschine, zählte per Hand nach, stapelte die Scheine, rechnete auf dem Papier nach und kam wieder auf eine falsche Summe.

Es war einfach genial…..und sehr unterhaltsam, wenn man Zeit hat.

Ahmedabad, eine Stadt mit ungefähr 5 Mio. Einwohnern (die sechstgrößte Indiens), hat eine Reihe von Moscheen, die Jama Masjid, die Ahmed Shahs Moschee, die Sidi Saiyads Moschee, die Rani Rupmatis Moschee, die Sidi Bashir Moschee und die Rani Sipris Moschee.

Die Jama Masjid von 1423 ist wie viele alte Moscheen aus den Überresten zerstörter Hindu- und Jaintempeln erbaut (da wundert man sich dann doch, warum Moslems zu Gewattaten und Terroranschlägen greifen, wenn am angeblichen Geburtsort Krishnas auf einer verfallenen und verlassenen Moschee ein Krishnatempel erbaut werden soll). Den 260 Säulen sieht man den alten Ursprung noch an. Die Minarette sind bei diversen Erdbeben eingestürzt.

Die Ahmed Shahs Moschee ist die älteste Moschee der Stadt und hat viele hinduistische (Säulen und Arabesken) und jainistische (die Deckengewölbe) Einflüsse.

Die Sidi Saiyads Moschee ist die unscheinbarste, hat aber wunderschöne, feine und filigrane Jalis, aus Stein gearbeitete Fenster mit Baumornamenten.

Die Sidi Bashir Moschee ist bekannt für ihre beiden 21 m hohen „shaking“ Minarette, die tatsächlich bisher allen Erdbeben widerstanden haben. Sogar das grosse Erdbeben im Jahre 2001 konnte ihnen nichts anhaben (kostete aber in Gujarat vermutlich mehr als 100.000 Menschenleben. In Ahmedabad stürzten 12 Hochhäuser und mehr als 300 weitere Gebäude vollständig ein)

Die Moscheen Ahmedabads sind sich alle recht ähnlich im Baustil, sie varieren eigentlich nur in der Größe. Typisch sind die ungewöhnlichen hinduistischen Einflüsse bei den Verzierungen und Tempelgewölben. Ebenso typisch ist, dass sie fast alle keine Minarette mehr haben. Die meisten sind bei Erdbeben eingestürzt.

Direkt neben der bekanntesten Hotelstrasse, der „Advanced Cinema Road“, steht das alte Fort, das Badra Fort. Man kann es nur von aussen besichtigen. Rund herum gibt es täglich einen großen Markt. Zwei Elefanten und ihre Mahouts und ein Bananenverkäufer (vielleicht gehören die gar zusammen) haben sich eingefunden. Der Bananenverkäufer macht das Geschäft seines Lebens, denn fast jeder kauft und füttert die Dickhäuter.


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04.07.2010, 20:12

Amdavad (Ahemdabad)


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04.07.2010, 20:20

Amdavad (Ahemdabad)

Bekannt ist Ahmedabad vor allem durch den Sabarmati bzw. den Harijan Ashram, den Mahatma Gandhi 1915 hier gründete. Von hier aus startete Gandhi den Salzmarsch 1930, mit dem er friedlich gegen die englische Besatzungsmacht protestierte. Gandhis alte Hütte ist noch heute in dem Zustand, in dem er sie beim Salzmarsch verließ. Er kehrte nie dorthin zurück.

Heute sind 80 % der Bevölkerung Hindus, 14 % Moslems. Mit der Vernichtung der Baumwollindustrie und der Spinnereibetriebe durch die Engländer verschärfte sich die wirtschaftliche Lage für viele Bevölkerungsteile. Zwar wurden nach der Unabhängigkeit wieder Spinnereibetriebe geschaffen, aber die letzte schloss 1970 und verschärfte die Spannungen zwischen Hindus und Moslems. Die letzten großen Unruhen gab es 2002 nachdem ein moslemischer Mob 59 Hindu-Aktivisten in einem Zug in Ghodra vergiftete. Die rechtsradikale, hindu-nationalistische Baratiya Janata Party, BJP heizte die Unruhen im Wahlkampf immer wieder an und hielt sie so über Monate am „Köcheln“ (dem Führer Narendra Modi wurde die Einreise in die USA verweigert, da er die Unruhen gefördert und hinduistische Täter geschützt und der Gerichtsbarkeit entzogen haben soll). Wie viele Menschen bei diesen Unruhen getötet und verletzt wurden, ist nicht bekannt. Man geht von 2000 Toten und 12000 Obdachlosen aus, deren Häuser man angezündet hatte, fast alles Moslems. Die BJP gewannen die Wahlen aber in einem Erdrutschsieg.

Moslems und Hindus sind hier fast alle gleichermassen nett. Eines ist allerdings auffällig: mir ist es mehrmals passiert, als ich zum Beispiel eine riesigen Moped-Parkplatz, einen Turm oder eine Reihe von Hausfassaden (beides ohne Personen) fotografieren wollte, dass irgendein Moslems herbei eilte, fürchterlich mit den Händen wedelte und „No No“ schrie. Anscheinend hatte er im Koran gelesen, dass Allah es nicht erlaubt, wenn ein Ungläubiger ein Moped fotografiert. Dass man – wenn man Menschen fotografiert - diese vorher fragt und ihre Entscheidung repektiert, ist selstverständlich, aber die Aufregung bei menschenlosen Fotos? In keinem dieser Fälle, waren die Leute älter als 30. So ganz entspannt scheint die Situation nicht zu sein.

Am nächsten Tag mit dem Bus (für ganze drei Rupies) zu den für Gujarat typischen Stufenbrunnen. Nach dem Aussteigen ging es zu Fuß ungefähr einen Kilometer durch ein recht armes Viertel, aber unglaublich nette Leute (sie wollten mich wegen eines Fotos sogar zum Chai einladen), dann durch eine Industriestrasse (wenn man die LKWs wegdenkt, das idealeFilmgelände für einen Film über die europäischen Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts – viel war da nicht modern).

Dann war ich am Dada Hari Wav (oder Dada Hari Newa), einen fünf Etagen tiefen Brunnen aus dem Jahr 1499, zu dem eine große (und zwei kleine Wendeltreppen) hinabführen. Auf jeder Etage wird der Brunnen kleiner. Auf der untersten Etage befindet sich eine achteckige Quelle, dort ist es fast immer dunkel und recht kalt. In der Monsunzeit war der Brunnen immer bis obenhin gefüllt und in der Trockenzeit musste man zu den tieferen Etagen hinabsteigen, wo das Wasser immer frisch und (relativ) sauber blieb. An sich eine geniale Konstruktion mit wunderschönen Steinmetzarbeiten, islamisch, aber sehr stark von der hinduistichen Baukunst beeinflusst. Hinter dem Brunnen gibt es noch eine Moschee und ein Grabmal im gleichen Stil. An Brunnen, Moschee und Grabmal werden gerade Renovierungsarbeiten vorgenommen, die benötigten Baumaterialien wurden alle im Grabmal gestappelt – nicht gerade schön und pietätvoll.

Ungefähr einen halben Kilometer weit entfernt befindet sich ein weiterer Stufenbrunnen, der Mata Bhavanis Well. Dieser Brunnen ist wesentlich kleiner, aber einige hundert Jahre älter und wird seit längerer Zeit als Hiindu-Tempel benutzt.

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04.07.2010, 20:23

Amdavad (Ahemdabad)

Nachmittags dann entlang der großen Marktstrasse, der M.G. Road (der Mahatma Gandhi Road, aber jeder sagt M.G.) und durch die Marktstrassen zum Swaminarayan Tempel, einem kunterbunten, fröhlichen Hindutempel (nach den kargen Moscheen und Grabmäler ein sehr angenehmer Gegensatz). Rund um den Tempel gibt es ein Riesengebäude mit Mönchsunterkünften und Herbergen für Pilger. Mit einem alten Brahmanenpriester unterhielt ich mich über ein Stündchen lang: er konnte nicht begreifen, dass man in Europa nicht arrangiert heiratet oder ohne Heirat zusammen leben kann. Außerdem meinte er, dass die meisten westlichen Touristen nicht sehr glücklich und zufrieden wirkten – da hat er wahrscheinlich Recht, so viele lachende Kinder wie in Indien sieht man in Europa sicherlich nicht.

Dann lief ich einige Stunden hinter dem Tempel ziellos durch die kleinen Gassen der Altstadt – hier gibt es noch einige grandiose Häuser mit wunderbaren Stuck- und Steinmetzarbeiten, mit herrlichen Holzschnitzwerken, leider alle schon sehr zerfallen oder von Zerfall bedroht, trotzdem eine der schönsten Innenstädte, die ich in Indien gesehen habe.

Dabei stieß ich noch auf den Santinath Jain Tempel aus weissem Marmor mit den Budda ähnlichen Statuen der Tirthankara mit geschliffenen Glasaugen. Ich wurde sofort in den Tempel mit den Worten „in Hindu- und Jaintempel ist jeder willkommen“ herein gebeten (habe ich da Kritik am Islam gehört oder mir nur nur eingebildet?)


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04.07.2010, 20:27

Amdavad (Ahemdabad)

Auffallend sind häufig größere Bauten auf hohen Säulen: bei der ersten hatte ich gedacht, ein Aussichtstürmchen für eine Person, aber dazu war es zu nieder. Es waren einfache Taubenverschläge, zum Teil wunderschön und mit aufwändigen Steinmetz- oder Holzschnitzarbeiten verziert.

Am nächsten Tag Vormittag um grossen Hatheesingh Jain Tempel nahe dem Dehli Gate (an den Hauptstrassen gibt es an den Stellen der alten Stadtmauer immer noch die grossen Stadttore, das Dehli, das Pachkurva, das Sarangpur, das Astodia Gate und wie sie alle heissen). Im Hatheesingh Tempel ist leider – wie in den meisten Jain-Tempeln – fotografieren verboten, was schade ist, weil die Tempel innen meist hervorragend gearbeitet sind. Typisch sind die großen reich mit Ornamenten und Figuren verzierten Deckengewölbe, meist aus einem Stein gefertigt. Im Hatheesingh Tempel sind die Deckengewölbe leider zum Schutz gegen Tauben mit einem dicken Drahtgeflecht verborgen. Weiteres Kennzeichen sind die vielen wunderbaren weiblichen Figuren in den unterschiedlichsten Posen, meist Musikantinnen und Tänzerinnen.

Im Tempel war gerade eine große Zeremonie im Gange. Mindestens 60 bis 80 Leute hatten sich versammelt (wie mir einer der Jainas gesagt hatte, eine einzige Familie), dazu kamen einige Musiker und Sänger. Ein sehr gebildeter Jaina, der viel mit Engländern und Deutschen zusammenarbeitet und perfekt englisch sprach, erklärte mir, dass es sich um eine Totenzeremonie handle: zwölf Tage nach dem Tod feiern die Jainas eine Zeremonie, die letztendlich die Seele endgültig vom Leib befreie und befähige, hinauf zusteigen und wiedergeboren zu werden.

Nachmittags wieder ein Rückfall in den Inderkoller. Nachdem ich am Local Bus Stand an mehreren Stellen bei den zuständigen Beamten nach einem Bus gefragt hatte und mehrere unterschiedliche und dazu auch noch falsche Antworten bekommen hatte, habe ich die richtige von einem Fahrgast bekommen und schließlich richtig am S.T. Terminal gelandet, dem Busbahnhof für die Fernbusse. Dort wollte ich einige Abfahrtszeiten erkunden. Die Enquiry, die Informationsstelle, die es an allen Busbahnhöfen geben sollte, gab es nicht, die zuständigen Beamten hatten gar keine Ahnung und schickten mich hin und her, bis mir der Kragen platzte und ich den Bahnhofsvorstand verlangte. So ein Übermass an Unfähigkeit und Faulheit hatte ich in ganz Indien noch an keiner offiziellen Stelle erlebt. Dann ging es plötzlich: innerhalb von fünf Minuten hatte ich die Information und ich schrieb mir meinen Frust im Complaint Book, dem Beschwerdebuch, vom Leibe: freundlich waren sie ja alle, aber Ahnung hatte keiner.

Selber kann man sich die Informationen schlecht aussuchen: Englisch existiert fast nicht, alles ist in Gujarati oder Hindi geschrieben. In Englisch sieht man die bekannten Marken wie „Vodafone“, „Pepsi“ und „Coca-Cola“, der Rest ist in Gujarati: Strassenbezeichnungen (falls sie überhaupt existieren), Busbezeichnungen, Fahrziele…und und und. Häufig ist es sogar schwierig Hotels und Restaurants zu finden, da diese nur in Gujarati bezeichnet sind. Sogar die offiziellen Nummern der Busse sind nicht in europäischen Ziffern, sondern in Gujarati: man erfährt dann, dass der Bus 38 da und dort hin fahre, findet den aber natürlich nicht – wenn man dann bittet, 38 auf Gujarati aufzuschreiben, wird man angeschaut, als sei man ein nicht ganz bei Trost.


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04.07.2010, 20:29

Amdavad (Ahemdabad)

Dann bin ich wieder in der Altstadt untergetaucht und durch die kleinen Gassen gewandert – einfach fantastisch, was da alles an schönen alten, zerfallenen Häusern herumsteht. Dabei kam ich in einen alten wunderbar gearbeiteten Holztempel, den kein Reiseführer erwähnt. Die „trafeec-police“ (also die Verkehrspolzei) der Stadt war ebenfalls eifrig zu Gange und verlud falsch parkende Motorräder und –roller auf Lastwagen und transportierte sie ab: eine praktische und wahrscheinlich lehrreiche und teure Methode für die Betroffenen. Ausserdem gab es eine Menge Bäckereien, eine „german“, erstaunlicher Weise eine „italian“, eine „english“ und eine „russian bakery“. Allerdings hatten sie alle die gleiche Auswahl.

Irgendwo in der Altstadt sprach mich dann ein Friseur an und machte eindeutigste Gesten: ich hätte mal wieder Rasieren nötig. Zwar lasse ich mich nur jede Woche einmal rasieren und das war noch nicht so weit, aber der Typ war ganz lustig und das Rasieren kostete nur 10 Rupies (in anderen Orten verlangen sie das drei- bis fünffache), also setzte ich mich in seinen Laden. Ich war offensichtlich als Werbung gedacht. Während ich eingeschäumt wurde, drehte der Barber meinen Kopf immer so, dass ich auf die Strasse schauen musste. Kaum kam jemand vorbei, schwatzte er in Gujarati los – ich verstand immer nur „tourist“ – und bog sich vor Lachen. Er war einfach bestens drauf, die ganze Sache hatte wirklich etwas Skurriles und Absurdes, aber die Rasur war perfekt und kostete wirklich nur 10 Rupies (Trinkgeld gab es natürlich trotzdem). Ob die Werbeaktion soviel eingebracht hat, wie er erwartete, bezweifle ich dann doch.

Ja und dann gab es zwei Erlebnisse, die mich vom Inderkoller ganz schnell geheilt haben. In der Altstadt hatte sich ein Inder unaufgefordert mir angeschlossen und den Führer gespielt (das passiert ja recht häufig in Indien und fast immer ist dann ein Bakschisch fällig – in der Regel wimmle ich die Leute ab und sage, dass ich keinen Führere brauche und kein Bakschisch gebe, allerdings funktioniert das nicht immer). Auf jeden Fall lief der Inder eine halbe Stunde mit mir herum und zeigte mir einige alte Häuser, die ich so nicht gefunden hätte. Als ich mich dann verabschieden wollte, machte er die bekannte Geste mit dem Teetrinken. Hatte ich ja erwartet und so lud ich ihn zum Teetrinken ein. Zu meinem Erstaunen war er zu tiefst empört, ich sei ja schließlich Gast in seinem Land und daher zahle er den Tee. Das wollte natürlich ich nicht und so diskutierten wir hin und her. Einige neugierige Inder (Inder sind immer neugierig) entschieden dann, dass ich natürlich auf keinen Fall zahlen dürfe. Ich revanchierte mich dann damit, dass ich den Inder mehrmals fotografierte und ihm versprach, die Fotos zu schicken.

Ja und abends passierte mir etwas ganz Dummes. Ich hatte geduscht und die Ohren waren noch nass und ich schob mir meine Inline-Kopfhörer in die Ohren, da draußen schrecklicher Fernseh-Lärm war. Und da blieb ein Gummi-Stopsel tief im Ohr hängen. Der Portier vom Hotel schleppte mich dann gleich zu mehreren Ärzten, die einen hatten zu, die anderen machten nichts an den Ohren, aber schließlich hatten wir eine Adresse, zu der mich eine Rikscha brachte, nachdem der Portier lange und ausführlich dem Rikschafahrer erklärt hatte, wohin, dass er warten müsse und auf keinen Fall mehr als 40 Rupies nehmen dürfte. So kam ich dann zum Ohrenarzt, der mir nach fünf Minuten Wartezeit den Gummistöpsel aus dem Ohr zog, kein Geld dafür verlangte, es sei ihm schließlich eine Ehre. Zudem war ich in bester Gesellschaft: gerade vor mir hatte er eine Glaskugel aus der Nase eines dreijährigen Kindes gezogen….Der Rikschafahrer brachte mich zurück und nahm nur 40 Rupies, obwohl ich ihm 50 geben wollte. Dem Portier wollte ich ebenfalls 50 Rupies für seine Mühen geben, die er aber nicht annahm. Ich zog mich dann aus der Affäre, indem ich erkläre, das Bakschisch sei für alle Mitarbeiter.

Da war ich dann doch vollkommen baff über die unglaubliche Freundlichkeit und Hifsbereitschaft dieser Menschen.

Bei Herumlaufen landete ich dann am Fluss Sabarmati. Dort befindet sich das beste Hotel der Stadt, das Meridien. Direkt rundherum bereitet sich ein großer Slum aus, daneben eine große Waschanlage für die Dhobi-Wallahs (die Wäscher). Während in Europa die Flüsse mit Millionenaufwand aus ihren Betonbecken befreit und re-naturisiert werden (wie die Isar in München), wird der Sabarmati von Stadtanfang bis Stadtende mit riesigen, sieben, acht Meter hohen Betonwänden zubetoniert. Es ist traurig zu sehen, dass niemand aus den Fehlern anderer lernt.


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04.07.2010, 20:31

Amdavad (Ahemdabad)


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04.07.2010, 20:33

Amdavad (Ahemdabad)


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04.07.2010, 20:37

Jainismus

Der Jainismus entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie der Buddhismus. Der Religionsgründer Mahavira soll vor Buddha um 599 vor Christi geboren sein (andere Quellen sprechen von 539 oder 549 vor Christi. Gautama Buddha wurde um 560 vor Christi geboren).

Jainas kennen 24 Tirthankaras, geistige Führer, die als Mittler zwischen den Menschen und dem Göttlichen gelten. Nur die letzten beiden, Parshavanatha und Mahavira, sind historisch belegt.

Der Jainismus sieht in der Welt zwei Prinzipien: das Geistige und das Ungeistige. Das Geistige besteht aus den unendlich vielen individuellen Seelen. Das Geistige findet sich in allem Stofflichen (in Menschen, Tieren, Pflanzen oder Wasser) und ist rein und allwissend, wird jedoch durch das Karma (das Ergebnis guter und schlechter Taten) getrübt und zwingt zum ewigen Kreislauf der Wiedergeburten (dem Samsara).

Der Jainismus will das Karma reinigen, um dem Kreislauf der Wiedergeburten zu beenden. Die geschieht durch sittliche Lebensweise und strenge Askese. Die Grundprinzipien des Jainismus sind Ahimsa (die absolute Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebeween), Aparigraha (Unabhängigkeit von unnötigem Besitz) und Satya (Wahrhaftigkeit). Wegen der Nichtverletzlichkeit von Lebewesen ernähren sich Jainas ausschließlich so, dass weder Tier noch Pflanze sterben müssen (also einfach ein Huhn töten oder einen Salat ausreissen, ist für Jainas undenkbar). Auch Berufe, bei denen Menschen (also z.B. Soldat), Tiere oder Pflanzen getötet werden (wie Bauer) sind für Jainas nicht denkbar.

Die strengsten Jainas, die die Regel sehr akkurat auslegen sind die Digambaras (die Luftgekleideten, die ohne Besitz leben und unbekleidet leben) und die Shevtambara (die Weißgekleideten, deren Besitz nur aus weißen Kleidern besteht). Bei weiblichen Digambaras hat die indische Regierung vor kurzen verboten, dass sie unbekleidet ausserhalb der Klostermauern leben, nachdem wiederholt einige von ihnen vergewaltigt worden sind. Auch wenn Verzicht auf überflüssigen Besitz ein Grundprinzip des Jainismus ist, heisst dies nicht, dass Jainas alle arm sind, im Gegenteil: da die Jaina sich immer auf den Handel konzentriert haben, gehören sie auch heute noch zu den reicheren und am besten ausgebildeten Schichten in Indien. Sie sind bekannt dafür, dass sie grosse Summen für karitative Einrichtungen und für Tempelbauten spendieren – nicht umsonst gehören die Jaina-Tempel aus weissen Marmor zu den prächtigsten Indiens.

In der Regel erkennt man die strengen Jainas daran, dass sie einen Mundschutz tragen und mit einem kleinen Besen die Strasse vor sich kehren, um keine Lebewesen einzuatmen oder zu zertreten und damit zu töten.

Der Jainismus hat eine regionale Verbreitung vor allem in Gujarat und Rajasthan gefunden. Zentren der Religionsausübung sind Palitana, Mount Abu, Ranakpur und Sravanabenagola.

Manche Zeremonien der Jains orientieren sich am Hinduismus. Wie dort gibt es zum Beispiel die Feuerzeremonie, bei der eine Flamme in einem Becken im Kreise geschwungen wird und die Gläubigen sich anschließend mit dem Feuer symbolisch „waschen“. Andere sind völlig unterschiedlich: man hält einen Spiegel gegen das Göttersymbol vor die Brust, blickt schräg hinein und wedelt mit einem Fächer oder man nimmt einen großen Wedel aus feinen Haaren und fächelt dem Gott frische Luft zu.


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04.07.2010, 20:39

Jainismus


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09.07.2010, 21:44

Patan

Mit dem Bus um 07.00 dann auf nach Patan etwa 130 km nördlich, einer kleinen Stadt mit 110.000 Einwohnern. Anfangs geht es auf einer für indische Verhältnisse unglaublich gut ausgebauten Autobahn nach Norden (die Autobahn geht angeblicgh bis nach Dehli). Diese Autobahn hat sogar Fahrspuren durch gestrichelte Linien abgeteilt – ich glaube, so etwas habe ich in Indien noch nie gesehen. Der Nachteil: diese Autobahnen sind zwar schnell, aber entsetzlich langweilig – die ersten fünfzig Kilometer sind praktisch vollkommen mit Industrie- und Handwerksanlagen, Colleges und Universities zugebaut. Nach einer guten halben Stunde kommt endlich freieres Gelände und dann biegt der Bus auch schon ab auf eine Nebenstrasse und es geht durch Ackerland, Dörfer und unzählige Baumwollfelder.

Nach zweieinhalb Stunden ist Patan erreicht. Der Ort sieht nicht sehr einladend aus. Ich finde sofort im ersten Hotel (deem Hotel Vuvraj) neben dem Busbahnhof ein Zimmer und bin völlig von den Socken: ein Zimmer mit Holztäfelung, Stuckdecke, einem sauberen Schrank, einem Doppelbett, zwei sauberen Sofas, einem großen Fernseher und sauberem Bad und Toilette für 200 Rupies (ich hatte beim Anblick auf 1000 bis 1500 Rupies geschätzt). Nachts im Bett dann die Überraschung: an die Decke wurden phosporizierender weissen Farbe Sterne und Monde gemalt und wenn man im Bett liegt, sieht es aus als läge man unter einem Sternenhimmel. Auf Empfehlung des Portiers dann zum Frühstück in das Restaurant Alpha einige Meter weiter: neben dem Aramane in Mysore das beste Restaurant, das ich in Indien bei dieser Reise getroffen habe, mit einem Unterschied: es ist um ungefähr einem Drittel billiger. Selbstredend, dass das Alpha zu meinem Stammrestaurant wird.

Der Ort entpuppt sich erstaunlicher Weise als wunderschön (fernab vom Busbahnhof). Er war früher die Hauptstadt eines Hindureiches, wurde aber von einem Vorfahren Aurangzebs, dem Fundamentalisten Mahmud von Ghazni zerstört. Heute hat der Ort wunderschöne alte kleine Strassen mit herrlichen, stuckverzierten Häusern, mit Holzbalkonen und –schnitzereien. Daneben gibt es angeblich mehr als 100 Jain-Tempel. Der schönste und größte ist der Panchasara Parasvanath, zum Teil aus weissem Marmor erbaut. Im Gegensatz zu den meisten Jain-Tempeln ist fotografieren hier erlaubt. Einige Jain-Nonnen in ihren weißen Gewändern, dem Wanderstab und der Essensschale laufen herum – jeden Tag sind irgendwo welche zu sehen. Am zweiten Tag führt mich ein Einheimischer über fünfzig Ecken in eine enge Gasse, wo ein neuer Jain-Tempel aus weissem Marmor erbaut wird. Der Jainismus scheint hier noch zu leben.

Höhepunkt bei einer Besichtigung Patans ist allerdings der um 1050 erbaute Stufenbrunnen Rani-Ki-Wav (Eintritt für Nichgt-Inder: 100 Rupies). Die Anlage ist riesig und bestens erhalten: sie war verschüttet und wurde erst 1980 ausgegraben und instand gesetzt. Rani-Ki-Wav gilt als der größte und schönste Stufenbrunnen Gujarats – und von denen, die ich gesehen habe, ist er dies sicherlich mit Abstand. Die Wände sind voll von wunderbar gearbeiteten Figuren von Göttern, Göttinnen, Tänzerinnen, nackten Mädchen und Musikanten fast im Khajuraho-Stil. Der Brunnen selbst besteht aus sechs Etagen, zu denen man über eine breite Treppe hinunter steigt. Die unterste Etage kann nicht betreten werden, trotzdem sollte jeder, der nach Gujarat kommt, einen Abstecher hier her machen, zumal hier im Ort die freundlichsten Menschen leben, die ich in Indien bisher getroffen habe: die Menschen hier sind das eigentlich Highlight.

Als ich im Hotel eincheckte, studierte ich gewohnheitsmäßig das Hotelregister: mehr als dreissig Seiten kein Tourist, es scheint sich also hier keiner hierher zu verirren. Als ich dann zwei Stunden im Panchasara Parasvanath verbringe und mir von einem Priester Einzelheiten zum Jainismus erklären lasse, kommt doch tatsächlich eine Busladung mit acht westlichen Touristen – sie bleiben zehn Minuten und fahren dann nach Mount Abu weiter. Vielleicht sind deswegen die Bewohner so freundlich (und manchmal anstrengend).

Wenn ich durch die Gassen laufe, werde ich am Tag einige hundert Mal mit „hello“, „which is your country?“ oder „your name?“ angequatscht, zu viel mehr reicht meist das Englisch nicht. Fotografiert wollen sie alle werden, vor allem die Kinder. Es ist dann schon gewöhnungsbedürftig, wenn man wie der Rattenfänger von Hameln mit einem Schwarm von Kindern hinterdrein, durch die Strassen läuft. Aber sie sind alle recht nett und in keinem Fall aggressiv. Am ehesten bekommt man sie los, wenn mehrmals „no, no“ sagt und die Kamera wegpackt. Die Älteren sind etwas zurückhaltender, wachen aber auf, wenn man sie anspricht. Es ist fast schon peinlich, wie freundlich sie dann werden: sie bedanken sich für jedes Foto (obwohl sie gar keine Kopie wollen), bieten Wasser und Tee zum Trinken oder etwas zum Essen an. Am ersten Tag wurde ich siebenmal zum Tee und dreimal zum Essen eingeladen, am dritten viermal zum Tee, einmal zum Essen und zweimal zum Eis – da ist es immer schwer, abzulehnen. Im Hindu-Tempel bekam ich nicht nur ein kleines Stück Prasad (die geweihte Speise), sondern eine ganze Plastiktüte voll. Als sie gesehen hatten, dass ich alte Häuser fotografiere, haben mich mehrmals irgendwelche Männer in enge Gassen gezogen und mir schöne alte Häuser gezeigt. Bei den ersten zwei Mal war ich so naiv, sie zum Tee einzuladen – es gelang mir nie, den Tee zu bezahlen, schließlich sei ich Gast hier.

Man muss es mögen oder sich eine dicke Haut zuzulegen: als ich heute irgendwo fernab der Hauptstrassen an einem Chai-Stand meinen (diesmal selbstbezahlten) Tee trank, standen 24 Kinder und Jugendliche und 17 Erwachsene um mich herum und schauten mir zu – schon gewöhnungsbedürftig.

Ein Tipp: wenn man so durch die Gassen einer Stadt läuft und an einer Kuh vorbei kommt, die gerade den Schwanz hebt, dann sollte man unverzüglichst, also sofort, zur Seite hüpfen, damit man nichts vom dem anschließend Produzierten abbekommt.

Dann passierte mir ein Malheur: in einer engen Strasse fuhr ein Motorrad an mir vorbei, blieb mit dem Lenker an der Tasche meines neues Punjabis hängen und riss ein Loch und einen grossen Triangel hinein (mein Tipp: in den heissesten Gegenden bewährt sich ein Punjabi – ein langes hemdähnliches Gewand mit einer dünnen, engen Hose – am Besten, denn er ist wesentlich luftiger und kühler als kurzärmliche Hemden, kurze Hosen oder T-Shirts). Na gut: zwanzig Meter war ein Schneider, zu dem ging ich und fragte, ob er das flicken könnte – konnte er natürlich. Zwei Augenzeugen gingen mit und erklärten lang und breit, was da geschehen war. Nach einigen Minuten war er fertig und unter keinen Umständen bereit, irgendeine Rupie anzunehmen – schließlich war ich Gast. Nicht einmal zu einem Tee konnte ich ihn überreden.

Zu den Tieren sind sie allerdings nicht so freundlich: ein Motorradfahrer fuhr einen Hund an, der erbärmlichst jaulte und auf drei Beinen davon hinkte und sich verkroch. Das war nur einen Blick wert, dann fuhr er weiter, warum auch nicht: war ja eh selber schuld, der arme Hund, hätte halt weggehen sollen. Der Fahrer war wahrscheinlich kein Jain.


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09.07.2010, 21:48

Patan

Im Fernsehen sind die Inder ganz ausser sich: in Australien vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Inder angegriffen, verprügelt oder gar totgeschlagen oder erstochen werden. Gerade wurde ein dreijähriges indisches Mädchen von Rechtsradikalen ermordet. Die Inder und die indische Regierung glauben, dass die australischen Behörden wenig Interesse daran haben, die Taten aufzuklären – sie scheinen damit durchaus Recht zu haben.

Am dritten Tag wurde ich bei meinem Herumstreifen von der Leiterin eines Heimes für Taubstumme abgefangen und so freundlich gebeten, das Heim zu besichtigen. In den zwanzig Jahren seit Gründung des Heimes war ich anscheinend der erste westliche Besucher dort. Der Privatbereich der Kinder besteht aus einer Blechkiste, wo sie ihre Kleidung und ihre Toilettensachen aufbewahren. 15 bis 25 Kinder schlafen in einem Raum. Die Mädchen müssen abwechselnd jeden Tag unter der Aufsicht eines Kochs Frühstück, Mittag- und Abendessen selber kochen. Die Schule selber ist relativ gut eingerichtet und besitzt für ungefähr 100 Kinder sogar fünf Computer.

Adresse:
Chandarana kusum
Deaf and Dumb School
Near: Jimkhana
Patan (Gujarat)
India

Ich habe mich breit schlagen lassen (die Leute waren einfach zu nett), am nächsten Tag in den Unterricht zu kommen – dann bleibe ich halt einen Tag länger.

Es war schon spät, als ich mich auf den Rückweg machte, natürlich nicht den, auf dem ich herkam. Irgendwann landete ich etwas ausserhalb in einfachsten Bauerndörfern, wo mich die Leute wie einen Ausserirdischen anglotzten, allerdings nicht unfreundlich. Durch Zufall gelang ich dann noch zur Salvi Weaving Factory, wo die Patola Seiden Saris hergestellt werden. Ich konnte tatsächlich noch in die Werkstatt, der Leiter sprach einiges (schlechtes) Englisch. Angeblich gibt es noch drei (oder dreißig) Familien, die Patola Saris herstellen. Das Muster wird vorher auf die Seidenfäden manuell für jede Farbe aufgetragen (Stellen, die keine Farbe annehmen sollen, werden abgebunden). Jeder einziger Arbeitsschritt ist reine Handarbeit. Zur Herstellung eines Saris benötigen zwei Männer mehr als sechs Monate. Ein Sari mit fünf Farben kostet mindestens 3 Lakh Rupies, also 300.000 Rupies (ungefähr 5000 EUR) – die Höchstpreise für besonders schöne Stücke können bis zum 25 Lakh betragen. Nicht ganz meine Preislage.

Am nächsten Tag hatte ich dann über zwei Kilogramm indischer Süssigkeiten für 400 Rupies gekauft und bin dann los zur Schule für Stumme und Taube. Alle hatten schon auf mich gewartet (ich denke, sie waren nicht böse, dass die Schule fünf Minuten später anging). Zuerst die üblichen Fragen, woher, Name, Beruf, verheiratet, Kinder, warum allein, dann wurde ich allen Lehrern vorgestellt, anschliessend ging ich noch für fünf oder zehn Minuten in jede der Klassen. Die Kinder waren unglaublich freundlich und haben sich fürchterlich gefreut und amüsiert. Ich mich auch. Nachdem ich die Mitbringsel ausgepackt hatte, waren alle verlegen, ich war doch der Gast – Gastfreundlichkeit scheint hier noch sehr wichtig zu sein. Nach dem Tee und nach fast drei Stunden verabschiedete ich mich, nachdem ich alle Fotos auf den Schulcomputer kopiert hatte. Der Schulleiterin musste ich hoch und heilig versprechen, wenn ich mit meiner Frau nach Patan komme, dürfe ich auf keinen Fall in ein Hotel gehen, sondern müsste bei ihrer Familie wohnen. Ausserdem sollte ich unbedingt heute Abend zum Abendessen kommen – das konnte ich zumindest abwenden, da ich ja am nächsten Tag weiterfahren wollte.

Wird eh Zeit, dass ich weiterfahre. Ich werde schön langsam hier bekannt wie ein bunter Hund: hatten mich gestern erst zwei Leute mit meinem Namen angesprochen, so waren es heute schon neun. Erstaunlich, dass die sich tatsächlich meinen Namen merken.

Nachmittags noch einmal durch den Ort und in der größten Hitze den Jain-Tempel Panchasara Parasvanath heimgesucht und dort eine kühle Stunde verbracht. Der Tempel wurde gerade für eine Zeremonie am nächsten Tag geschmückt.

Am Rückweg wurde gerade eine in rote Tücher gewickelte Leiche auf einer Holztrage aus einem Haus getragen – in Indien kein ungewöhnlicher Anblick. Dort wird der Tod nicht so unnatürlich verdrängt wie in Europa. Speziell in Varanasi sieht man tagtäglich mehrmals Totenträger mit einer Leiche durch die Gassen eilen. Keiner nimmt daran Anstoss und nach einigen Tagen stört es auch keinen Touristen.