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12.08.2010, 21:18

Somnath


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12.08.2010, 21:19

Somnath


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12.08.2010, 21:20

Fotografieren

In der Regel sind Inder wild darauf fotografiert zu werden und zu fotografieren. Häufig kommt es vor, dass sich ein Inder oder eine Inderin vor dich hinstellt, ihr Handy zückt und abdrückt. Gebildetere oder höflichere Inder fragen jedoch, was man als Tourist auch tun sollte. Ich habe in ganz, ganz wenigen Fällen eine Absage bekommen. Prinzipiell schwierig ist es, Frauen zu fotografieren. Frauen vom Lande, häufig in wunderbaren Kleidern und mit Schmuck beladen, lassen sich fast gar nicht fotografieren. Fast völlig unmöglich ist es, als Mann alleinstehende Frauen oder Frauen alleine zu fotografieren (da muß dann der Mann oder ein anderes Familienmitgllied dabei stehen). Gänzlich schwierig ist es Stammesmitglieder im äußersten Westen Indiens (Gujarat, Rajasthan) zu fotografieren – da fangen sogar die kleinen Buben und Mädchen zum Weinen an, wenn sie einen Touristen oder eine Kamera sehen.

Ich habe immer gute Erfahrungen gemacht, den Leuten das Foto zu zeigen, oft ergibt sich dann noch die Möglichkeit, ein Porträtfoto aus der Nähe zu machen – meist freut sie das Besonders. Heikel sind sie nie: jedes Foto – so schlecht es auch sein mag – ist „fantastic“ oder „super“ (beide Ausdrücke kann fast jeder Inder, auch wenn er kein englisch kann, da sie in jedem Bollywood-Film mehrmals vorkommen).

Fast völlig unmöglich ist es auch, irgendetwas oder irgendjemanden aus der Entfernung, gar über eine Strasse zu fotografieren. Kaum hat man fixiert und will abdrücken, kommt ein Motorrad, ein Bus, ein Mensch oder eine Kuh vorbei und deckt das Motiv ab. Inder haben ein untrügerisches Gespür, was oder wen man fotografieren will und stellen sich prinzipiell immer vor das Motiv, sei es eine Tempelfigur oder ein Mensch – und sie haben dabei unendlich viel Zeit. Die Meisten tun das aber sicherlich nicht bewusst, um jemanden zu ärgern, aber sie stehen halt gerne herum und sind neugierig. Dann gibt es aber auch noch die andere Gruppe – meist Kinder, aber auch Erwachsene, die sofort ins Bild springen, wenn sie einen Touristen mit der Kamera hantieren sehen (es versteht eh kein Inder, wieso man einen Tempel OHNE Mensch fotografieren will).

Merkt ein anderer Inder, dass man jemand fotografieren will, wird der- oder diejenige lautstark darauf aufmerksam gemacht, wobei der Inder dann aufsteht, stramm steht, ein feierliches, furchtbar ernstes und ehrwürdiges Gesicht macht und fotografiert werden will: man bekommt dann ein Bild wie aus Urgroßmutters Andenkenkiste. Überhaupt ist Fotografieren für (erwachsene) Inder, speziell wenn sie nicht aus Großstädten kommen, eine sehr, sehr ernste Sache: gelacht wird dabei nicht und sie zum Lachen zu bringen ist fast unmöglich; sie lachen, aber sobald man die Kamera anhebt, sind sie wieder bierernst.


Kinder in wenig touristischen Gegenden wollen meist immer fotografiert werden und dies nicht nur einmal, sie sind unerschöpflich in ihren Wünschen. Natürlich wollen sie im Display das Foto auch sehen. Nur an einem Ort habe ich unangehm und aggressiv erlebt, als ich nach dem fünften Foto gesagt hatte, dass jetzt Schluss sei. In der Regel akzeptieren sie das – ihnen macht das Fotografieren Spass und mir tut es nicht weh, auch wenn ich von vierzig Fotos neununddreißig lösche. Nervig können sie allerdings dann werden, wenn sie immer wieder vor ein Motiv laufen und sich hinstellen, um auch auf das Foto zu kommen. Meist reicht es, ihnen deutlich zu machen, dass man das nicht will oder ganz demonstrativ die Kamera wegzupacken.

Prinzipiell bin ich dagegen, ein Bakschisch zu geben, wenn ich jemand fotografiere – eine Ausnahme mache ich bei Babas und Saddhus. Wenn Kinder kommen und von sich aus ein Foto wollen, mache ich ihnen das zu liebe, bin aber nicht bereit ihnen dann auch noch Bonbons oder sonst irgendetwas zu schenken.

Dann gibt es noch besonders geschickte Inder, die ein Foto von sich gemacht haben wollen (auch wenn man gar kein Interesse daran hat) und dann ihre Adresse zücken mit dem Hinweis, man soll es ihnen per Post schicken. Dann lösche ich das Foto direkt vor ihren Augen. Etwas anderes ist es, wenn man wirklich nette Leute getroffen hat und diese fotografiert: denen schicke ich dann wirklich (meistens) einen Abzug.

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23.08.2010, 18:34

Dwarka

Die Babas sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Sass da doch in Somnath so ein typischer Baba mit langem weißen Bart, orangenem Turban, orangener Kleidung im Lotossitz neben dem Somnath-Tempel und verkaufte Bus-Tickets nach Dwarka. Als Premiere wollte ich mal ein Busticket von einem Baba. Auf die Frage, wie lange der Bus nach Dwarka braucht, kam die clevere Antwort „240 km“ – na, das wusste ich auch, ich wollte es genauer wissen. Er druckste herum, dann kam „five hours“. Wouw, das muss aber ein schneller Bus sein. Ein großer? Gute Sitze? „Big bus, very good bus“, „good seat, pushback“. Ich kaufte das Ticket.

Am nächsen Tag zum Bus. Es war ein Minibus für 20 Personen mit kleinen Sitzen, natürlich nichts mit „pushback“. Immerhin hatte jeder einen Sitzplatz. Nach drei Kilometern die erste Pause, in den Reifen fehlte Luft; nach einer Stunde die nächste Pause, der hintere reifen war platt und in zehn Minuten wurde er gewechselt; eine halbe Stunde später die nächste Pause, die Bremse musste repariert werden. Aber dann ging es flott ab. Der Bus entpuppte sich eigentlich als ein Pilgertransport, ich war der einzige westliche Tourist und an insgesamt fünf ganz wichtigen und vermutlich ganz heiligen Tempeln hielten wir an, alle raus aus dem Bus, alle rein in die Tempel, alle wieder raus und dann ging es weiter. Mir sollte es recht sein. Vierzig Kilometer vor Dwarka, sieben Stunden nach der Abfahrt (na Baba, die fünf Stunden waren aber großzügig geschätzt) wurde der Bus immer langsamer. Schließlich machte er ein Wettrennen mit einem Traktor und wurde verdienter Zweiter. Fünf Kilometer weiter blieb er im Schatten stehen, „defect“. Alle raus, glücklicher Weise kam nach zehn Minuten ein staatlicher Bus, in den alle hinein passten und sogar alle Sitzplätze bekamen. Unser Kontrolleur (vom defekten Bus) bezahlte die Tickets und es ging weiter. Eine Stunde später waren wir in Dwarka.

Ich werde wahrscheinlich in Zukunft doch lieber bei den staatlichen Busen bleiben, die schauen zwar verhaut aus, kommen dafür aber durch.

Auf der Fahrt durchquerten wir Porbandar, eine Stadt, wie sie Hunderte in Indien gibt, nichts Aufsehenserregendes, enge Strassen, ein Basar, viel Industrie und Handwerk herum. Aber Porbandar ist der Geburtsort eines der bedeutendsten Männer der Weltgeschichte: Mohandas Karamchand Ghandi, der später „Mahatma“ genannt wurde, ist dort 1869 geboren. Sein Geburtshaus, in dem er sechs Jahre lebte, ist heute ein Museum. Nachdem ich schon so viele Gandhi-Museen gesehen hatte, ließ ich dieses aus. Kurz vor Porbandar passieren wir einen See von ungefähr einen Kilometer Durchmesser: mindestens ein Drittel des Sees ist mit unendlich vielen Flamingos bedeckt.

Mehrmals kommen wir an Plätzen vorbei, an denen zahlreiche hinduistische Stelen stehen, sieht fast aus wie ein Friedhof. Da die Hindus ihre Leichen aber verbrennen und die Asche ins Wasser streuen, ist es sicherlich etwas anderes, vielleicht Erinnerungssteine wie es sie auch in Rajasthan gibt.

Auf den 104 km von Porbandor nach Dwarka reiht sich eine große Windkraftanlage an die andere: es müssen Tausende sein, die da in Betrieb sind und Unzählige, die in Bau sind. An einigen kleinen Sees und Tümpeln stehen Hunderte von Pelikanen, Schwarzkopfkranichen oder Störchen herum – pro See immer nur eine Art. Kurz vor Dwarka breiten sich die ersten Auswüchse des Rann von Kahchh (englisch: Runn of Kutch) aus: strahlend heller Sand, unterbrochen mit blitzenden weissen Salzebenen. Schließlich kilometer weit nur noch Salz: große Bagger fahren darauf herum und beladen Lastwagen mit Salz.

Die Kühe auf den Strassen werden weniger, die Kamele dafür mehr. Die Felder sind jetzt fast alle mit ein bis zwei Meter hohen Steinmauern eingezäunt – scheint billiger als Draht oder Holz zu sein.

Unterwegs steigt eine „bessere“ Dame von geschätzen 40 Jahren zu, große Goldring in der Nase und breite Goldbänder in den Ohren, und wird auf den Platz neben mich gesetzt, anscheinend hat sie den gebucht. Kaum sitzt sie, fängt sie an herumzunörgeln – ich verstehe natürlich kein Wort, im Bus ist auch keiner, der Englisch spricht, aber die Stimme spricht Bände. Das Keifen grenzt schon ohne Wortverständnis an Körperverletzung. Sie mag zwar „besser“ sein, aber „fein“ istg sie nicht:mit zwei Fingen rotzt sie herum, schüttelt sie zum Fenster hinaus, wischt sie in ihrem Sarischal ab, putzt damit dann die Nase und hängt sich das Stück wieder über Kopf und Gesicht. Naja, die hygienischen Vorstellungen unterscheiden sich halt manchmal. Irgendwie ist recht schnell klar, ihr passt der Sitz nicht. Keine Ahnung, ob sie ihre (im Alter von 40 Jahren wahrscheinlich nicht mehr vorhandene) Unschuld durch einen neben ihr sitzenden Europäer gefährdet sieht, ob sie so kastenbewusst ist, dass ein ausserhalb der Kasten stehender Weisser sie durch seine Anwesenheit verunreinigt, oder ob ihr einfach der Platz am Fenster nicht passt, weil es zieht (aber dann könnte sie die Fenster zu machen). Auf jeden Fall nörgelt sie mindestens eine Stunde vor sich hin, jeder grinst und schaut weg, ich ignoriere sie und nach dem nächsten Tempelstopp sitze ich dann tatsächlich alleine und sie setzt sich vorne auf den Boden. Na so was hatte ich in vielen Urlauben in Indien noch nicht erlebt – zwei Stehplatzinder waren begeistert und stürzten sich auf den frei gewordenen Sitzplatz, einer gewann und dem gefiel ganz offensichtlich der Platz.

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23.08.2010, 18:35

Dwarka

In Dwarka komme ich im zweiten Hotel unter: ein Doppelzimmer im Shree Vrandavan Guest House für 190 Rupies, da kann man nichts sagen. Zuerst einmal wieder Klamotten waschen und aufhängen, dann Stadtbummel. Ich schaffe es bis zu den Ghats am Fluss (recht vergammelt, aber eine große Prozession mit einem jungen Mann um die fünfundzwanzig in weissen Dhoti kommt und geht ins Wasser, entledigt sich ihrer Blumenkränze als Opfergaben, einige – auch der junge Mann – tauchen ganz im schmutzigen Wasser unter) und dann zum Dwarkanath Tempel.

Dwarka ist einer der vier heiligsten Hindu-Stätten in Indien. So steht es im Reiseführer. Leider gibt es da dann auch noch die sieben heiligsten Orte in Indien oder die zwölf heiligsten Stätten, dann gibt es noch die ganz heiligsten Orte, wo die Kumb Mela abgehalten wird. Meist sind es immer andere Orte. Irgendwie passt das alles so nicht. Anscheinend gibt es in Indien so viele heiligste Orte wie in Deutschland weissestes Waschpulver. Wie dem auch sei: Dwarka ist heilig und ein Pilgerort, weil es dort den Dwarkanath Tempel gibt, der an der Stelle erbaut wurde, wo der Gott Krishna (der blauhäutige, der entweder Flöte spielt oder die Hirtenmädchen verführt) nach seiner Flucht aus der Stadt Mathura seine neue Hauptstadt erbaute.

Über dem Tempel weht die Hakenkreuzfahne – immer wieder irritierend (natürlich: ich weiss, hat eine ganz andere Bedeutung, ist ein Glückszeichen), Der Tempel ist absolut imposant, darf natürlich weder mit Kamera, noch mit Handy noch mit Tasche betreten werden. Regelmäßig mehrmals am Tag klettert jemand auf dem riesigen Turm einen vier Meter hohen Fahnenmast hoch und wechselt die Fahne. Das sieht immer recht atemberaubend aus, wenn der da oben (natürlich ohne Netz) herum turnt.

Die Stimmung ist absolut großartig, vielleicht die Schönste, die ich in indischen Tempeln erlebt habe. Schon vor dem Tempel haben sich mindestens hundert Menschen mit gelben Strinbändern und Schals versammelt, klopfen auf ihre Trommeln, singen lautstark und tanzen wie wild. Im Tempel selber geht es noch wilder zu, die Leute tanzen singend und in Krishna-Rufe ausbrechend immer wieder um den Tempel. Auch mir von freundlichen und lachenden Menschen werden irgendwelche Blech-Tschinellen in die Hand gedrückt und dann mach ich halt auch mit – ist ein Heidenspass. Das sehen die Inder auch so.

Bei Sonnenuntergang verlasse ich den Tempel und laufe der nächsten Tanzgruppe in die Arme. Ein Wagen mit Schlagzeug, Trommeln und Trompeten und – am Wichtigsten – großen Laufsprechern kommt, dahinter eine Ladung tanzender Mädchen, dann eine Gruppe tanzender Männer, die den Stocktanz vorführen. Jeder hält dabei zwei Stöcke in der Hand und schlägt damit auf die Stöcke seines Nachbarn, dann dreht man sich und kreuzt die Stöcke mit einem anderen. Hört sich recht einfach an, aber wenn die Musik immer schneller wird, bekommt der eine oder andere doch mal die Stöcke auf die Finger. Und die Musik wird immer schneller…

Viele Saddhus und Babas und Jogis und was weiß ich noch alles, sitzt herum und will fotografiert werden. Können sie haben. Abends um 20:00 komme ich dann endlich dahin, wo ich schon Nachmittag hin wollte: ins Restaurant zum ersten Essen des Tages. Auf der Speisekarte gibt es „salad lassi“ (statt „salted lassi“) und ein „cheese jam sandwitch“. Ich probiere beides natürlich nicht.

Die Leute hier haben anscheinend noch nicht so viele Touristen gesehen: ich werde gefragt, ob ich aus Japan, Arabien oder Pakistan komme (na sooo sehe ich wirklich nicht aus). Trotzdem: der Ort gefällt mir.

Am nächsten Tag morgens bin ich wieder im Dwarkanath Tempel. Am Vordereingang spielt eine Livekapelle mit Livesänger, am Hintereingang ebenfalls. Die ersten Leute tanzen und jubeln. Dann geht es in den Tempel, im Eilschritt mehrmals rund um das Hauptgebäude, immer mit Gesang und Tanz. Das scheint hier dazu zu gehören – an irgendeiner Ecke des Tempels singt, tanzt und musiziert immer wer.

Eine neue Gruppe mit Musik kommt: Leute vom Land. Die Männer in weissen, ganz weiten Pluderhosen, ab den Knien hauteng, um den Bauch meist eine dicke Bauchbinde, wo sie Geld und sonstige Kleinigkeiten verwahren und oben ein Jäckchen, vorne und hinten voll mit gebügelten Falten. Dazu meist eine Wollmütze oder einen Turban. Bei den Frauen gibt es die schwarz gekleideten, die Arme und Füsse (so weit man sie sieht) mit einem Pünktchenmuster tätowiert. Als Oberteil tragen sie meist ein dunkles grünes, blaues oder braunrotes rückenfreies Teil, das oben und unten mit einer Schnur gehalten wird. Für den Busen hat man zwei Ausbuchtungen meist aus besticktem und buntem Samt eingenäht. Je nach Größe des Inhalts sind die Stoffteilchen stramm ode lose gefüllt, bei älteren Damen hängen die Stoffteilchen tief herab, was hier aber niemanden stört. Den bescheuerten Jugendlichkeitswahn scheint es hier (noch) nicht zu geben. Warum auch: meist haben sie ihr Leben mehr oder weniger ehrlich und mit harter Arbeit verbracht, haben Kinder und Enkelkinder und sich ihre Runzeln und Falten ehrlich verdient. Auffallend ist, dass es fast keinen Kontakt zwischen Männern und Frauen gibt (zumindest in der Öffentlichkeit – irgendeinen muss es ja geben, denn wo sollten sonst die Kinder herkommen). Ab und an kommt es vor, dass ein Mann einer Frau irgendetwas gibt und kurz einige Worte wechselt oder umgekehrt – das ist aber auch alles. Die Frauen bleiben unter sich und bilden einen großen Kreis, wo sie stundenlang einen Schreittanz mit Händeklatschen und Singen tanzen. Die Männer sitzen zusammen und unterhalten sich, stehen dann auf, halten ihre Gebetsketten in der Hand und fangen dann in einer seltsamen Art zu singen an – es ähnelt fast dem Obertongesang der Mongolen. Es ist schon erstaunlich, erwachsene und alte Männer mit einer Inbrunst und Hingabe singen zu sehen – fast wie Kinder.

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23.08.2010, 18:36

Dwarka

Eine andere Gruppe von Frauen tragen nur braunrote Saris (meist mit dem gleichen Muster), dazu blaue, rote oder schwarze, ebenfalls rückenfreie Oberteile ohne Farbtupfer. In den Ohren haben sie riesige goldene Ohrringe, so dass die Ohrlöcher bis zu drei, vier Zentimeter ausgedehnt sind (mich wundert immer, dass sie nicht ausreissen), um den Hals lange Goldketten (die Reichste hat doppelt so grosse Ohrringe wie die anderen und eine mindestens sechs oder sieben Zentimeter breite Goldkette um den Hals). Tätowiert sind sie nur an den Händen und nicht an den Armen.

Dann kommt mit viel Krach die nächste Gruppe: ausgelassen singend, tanzend und lachend geht es mehrmals im Uhrzeigersinn um das zentrale Tempelgebäude. Dabei wird Unmengen von rotem Pulver in die Luft und auf die Anwesenden geworfen. Die früher ach so weissen Bauern laufen jetzt mit ehemals weissen, jetzt von roten Pulver bedeckten Klamotten herum. Niemand stört es, keiner beschwert sich.

Zum Schluß kommt noch eine ganz andere Gruppe. Schon die Musik ist anders, noch aggressiver, noch lauter. Unter vielen Blumenketten kommen mehrere langhaarige, mit rotem und gelbem Pulver bedeckte Männer, nicht unbedingt Yogis, denn einige haben Jeans an. Einige der Frauen, sie sie begleiten, haben knallbunte rote oder blaue Saris an – diesmal nicht rückenfrei. Gleich bei Ankunft im Tempel wird wieder Pulver geworfen, gesungen und geschrien. Einer der Männer verfällt anscheinend in Trance und wackelt mit dem Oberkörper hin und her, ein anderer mit buntem Turban kommt und knallt ihm mit einer Lederpeitsche mehrmals einige Hiebe auf die Waden. Dann bekommt der Kerl in Trance ein Bündel schwerer Eisenketten in die Hand, die er sich selber mehrmals kräftig über den Rücken schlägt (diese Praxis von Masochismus kenne ich sonst nur von den Christen und den Moslems). Dann kommt der nächste und nächste und nächste…der Typ mit dem bunten Turban ist sehr beschäftigt und die Ketten knallen. Schließlich ist alles vorbei und die Leute umrunden den Tempelturm (im Gegensatz zu den anderen Gruppen in die entgegengesetzte Richtung – keine Ahnung, ob das irgendeine Bedeutung hat).

Manche Mädchen und Frauen sind recht neugierig und wollen den Ausländer auch besichtigen und werfen einen kurzen Blick auf ihn. Da der aber nicht reicht, müssen sie öfters vorbei laufen. Man kann sie schön in Verlegenheit bringen, indem man(n) sie besonders freundlich anlächeln: sofort fällt der Schleier vor das Gesicht und sie haben nie einen Ausländer gesehen…

Wenn ich jeder Tee-Einladung zustimmen würde, die ich hier bekomme, hätte ich am Tag wahrscheinlich zehn oder fünfzehn Tassen und eine Teein-Vergiftung.

Ich sitze im Schatten auf einer Tempeltreppe, wo ich einen schönen Ausblick habe. Immer wieder kommen Inder auf mich zu, begrüssen mich, ich höre mindestens fünfzig Mal „welcome in india“, viele laden mich zum Mittanzen auf und immer, wenn jemand mit süssen Prasad vorbeikommt, verteilt er das auch an die Umstehenden – ich bekomme natürlich auch etwas geschenkt: Göttergabe ist schließlich für alle da. Man kommt sich einfach willkommen und eingebunden vor.

Rund um den Tempel haben sich wieder die Babus und Saddhus niedergelassen, die in der Mittagshitze zu ihrer Bettruhe verschwunden sind. Manche sind technisch ganz gut augerüstet und besitzen ein Radio oder ein Handy – mancher von ihnen steht herum und telefoniert wie ein Weltmeister. Einer läuft herum und führt an einer Kette seinen Hund spazieren. Ein dritter lebt mit einer Frau zusammen, die sich nach dem Baden im Meer immer mit nackten Hängebusen zum Trocknen in den Sand setzt. An der anderen Ecke des Tempels ist die Polzei aktiv und lässt bei mehreren falsch parkenden Autos die Luft aus den Reifen. Mit zwei Platten stehen sie dann da – wäre durchaus auch in Deutschland nachahmenswert.

Schau an, dann passiert doch tatsächlich noch etwas ganz Seltenes: ein anderer Traveller biegt um die Ecke. Bisher habe ich in Gujarat sicherlich nicht mehr als zehn Touristen gesehen.

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23.08.2010, 18:39

Dwarka


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23.08.2010, 18:41

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23.08.2010, 18:42

Dwarka

Abends gehe ich zum Sonnenuntergang an den Strand. Das übliche indische Strandleben: Frauen im Sari stehen im Meer, Inder reiten auf Kamelen, essen am Strand, werfen ihren Müll fort. Eine junge Inderin in einem wunderbaren blauen, bestimmt nicht billigen Sari mit Silbermuster bestickt kommt mit ihrem Mann und setzt sich mitten in den Sand und Müll. Kinder quicken und springen im Wasser umher. Eine Leiche in rotem Tuch wird auf einer Bahre vorbei getragen. Ich schlendere langsam hinterher zum Verbrennungsplatz. Der ist nicht, wie ich gedacht hatte, ein Stück ausserhalb des Ortes, sondern genau fünfzig Meter weiter: über der Klippe werden die Leichen verbrannt, unten vergnügt man sich.

Es sind nur Männer, die die Leiche begleiten. Viele scheinen nur neugierig zu sein (wie ich natürlich auch). Die Leiche wird in den Sand gelegt, mit heiligem Wasser begossen. Nebenan machen einige Männer ein kleines Feuer. Dann werden auf einer grossen Waage Holzstücke abgewogen und aufgeschichtet. Darauf kommt die Bahre mit der Leiche, aber erst nachdem sie siebenmal um den Holzstoss getragen und bei jeder Umgehung sachte auf den Boden gestellt wurde. Anschließend werden weitere Holzstücke vorsichtig – als ob sie noch leben würde - auf die Leiche gelegt. Dabei wird anscheinend ernsthaft diskutiert, wie die Holzstücke am besten liegen, denn sie werden hingelegt, wieder weggenommen und anders hingelegt. Schließlich sind alle zufrieden. Ein Mann, wahrscheinlich der nächste Angehörige, nimmt ein Stück brennendes Holz und geht fünfmal um die Leiche und hält das Holz symbolisch gegen ein Holzstück. Dann kommt ein Helfer und schaufelt mit einer Metallschaufel die glühenden Stücke von dem zuerst angefachten kleinen Feuer auf die Leiche, bis sie anfängt zu brennen. Das alles hat keine Viertelstunde gedauert. Inzwischen ist es dunkel. Die Angehörigen und die Zuschauer versammeln sich in der Ecke, die einigermaßen rauchfrei ist und fangen an miteinander zu reden. Man meint, es sei nichts Besonderes geschehen. Eine Kuh läuft langsam zwischen den Zuschauern herum, versucht vom Holzstoss noch nicht brennende Strohbüschel zu fressen und wird freundlich, aber unmissverständlich am Hinterteil weggeschoben. Wenn alles Holz und die Leiche verbrannt sind, wird Wasser über die noch glühenden Teile gegossen, die grossen verkohlten Holzteile auf einen Haufen geschmissen und die Asche und verkohlen Teile aufgesammelt und ohne grosse Zeremonien über die Klippen hinunter ins Meer (bei Flut) oder auf den Strand (bei Ebbe – die nächste Flut holt das schon) geworfen. Zum Schluss wird aus Sand vom Strand ein kleines Bett gemacht, ein Tontopf mit Wasser hingestellt, mit Zitronen, einen Blüten und rotem Pulver geschmückt, ein Mann stellt sich mit dem Rücken zum Topf und zerschlägt ihn mit einem Beil durch seine Beine hindurch. Sofort gehen alle Beteiligten an der Verbrennung ohne Zurückzuschauen los und verlassen die Verbrennungsstätte.

Ich kenne das aus Varanasi und anderen Ortes allerdings etwas anders: da geht er nächste Verwandte mit einem brennenden Strohbüschel mehrmals um die Leiche und entzündet damit das Feuer. Wenn die Leiche und das Holz verbrannt sind, dann werden die Überreste, oft noch Knochen und Fleischstücke gesammelt und zusammen mit Opfergaben, Blumen, Reis, gesegnetem wohlrichenden Pulver und Räucherstäbchen ins Meer geworfen. Keiner konnte mir sagen, ob das hier eine regionale Spezialität ist oder auf bestimmte Kasten oder Bevölkerungsteile beschränkt ist – dazu reicht bei den meisten das Englisch nicht.

Anschließend zum Essen – wie die anderen Inder auch.

Es wird eng in Dwarka – ein neuer Tourist ist aufgetaucht. Mit mir sind es jetzt schon drei hier. Der Neue ist bestimmt ein Deutscher, denn er schaut sofort Löcher in den Boden oder in den Himmel, damit er einen nicht sehen muss.

Ich wollte mir einige Tempel in der Umgebung ansehen, aber zu denen kommt man nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln und die Rikschafahrer verlangen über 20 US $, das ist mir nun ja doch zu teuer. Was macht man da? Genau: man fährt mit einem Pilgerbus (für knapp einen US $). Natürlich waren die Pilger alle Inder. Um acht ging es los, nachdem mich die meisten englischsprechenden gelöchert hatten (der Rest tat es dann beim ersten oder zweiten Tempel). Zuerst ging es zum Nageshwar Tempel, 16 km ausserhalb: eine riesige Shiva-Statue steht neben dem Tempel. Der Tempel ist natürlich furchtbar heilig. Wir haben einen Vorsänger dabei, der die Pilger einstimmt und schräg hinter mir drei Damen zwischen 55 und 65, eine so dick, dass sie auf allen Vieren in den Bus krabbeln muss. Aber sie sind begeistert dabei: kaum kommen wir zwei, drei Kilometer an einen Tempel heran, schon stimmen sie einen Lobgesang an (Lob denke ich mir halt, verstehen tue ich ja nichts), kaum haben wir einen Tempel besichtigt und der Bus fährt los, schon stimmen sie einen Dankgesang an (Dank denke ich mir, verstehen tue ich ja nichts). Eifrig stürzen sie in jeden Tempel, noch eifriger und schneller aber hinaus, denn dann geht es zum Shoppen in den Souvenirs- und Essensständen. Eigentlich sind sie immer die Letzten beim Bus.

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23.08.2010, 18:43

Dwarka

Also wie geschrieben, dieser Tempel ist sehr heilig und jeder bekommt gegen einen Bonus einen roten Fleck auf die Stirn gemalt – das ist der Segen. Dann geht es weiter zum nächsten Tempel und zur nächsten Souvenirsstrasse. Der nächste Tempel ist der Gopitala, recht klein, aber sehr heilig. Die Leute kaufen im Allgemeinen gut ein, im Tempel und vor dem Tempel, nach europäischen Geschmack eigentlich immer das Scheußlichste und Kitschigste.

Dann geht es ein gutes Stück durch das Hinterland. In den Morgenstunden sind überall auf Zäunen, Mauern und Dächern eine Unmenge von Pfauen zu sehen, an einem See Flamingos, an einem anderen schwarze Störche, auf einem Feld Vögel in Pfauengröße – wären sie hühnergroß würde ich sagen der Farbe des Gefieders nach Perlhühner, aber sie sind wesentlich größer. Auf einem Haus sitzen sechs Aasgeier – inzwischen eine Seltenheit in Indien, dieses Mal die ersten, die ich sehe. Vor Jahren gab es noch Unmengen, jetzt sind sie vom Aussterben bedroht. Erst vor einigen Jahren wurde die Ursache gefunden: Rinder wurden bei Krankheiten mit einem schnell wirkenden Mittel gespritzt, das im Körper nicht abgebaut wird. Fressen die Geier den Kadaver, sammelt sich das Mittel in ihrem Körper und sie gehen elendiglich ein. Ihre Arbeit haben nun Krähen und Hunde übernommen, die sind aber wie die Geier nicht immun gegen Bakterien und Viren im Kadaver und verbreiten die Krankheiten.

Irgendwann erreichen wir den Hafen von Okha. Vorher geht es kilometerweit durch Fischersiedlungen, in denen Fisch ausgeladen, verarbeitet und getrocknet wird. Es stinkt bestialisch. Im Hafen von Okha stehen zahlreiche Nimmersatt-Störche im Wasser. Es geht auf ein Boot. Ein indisches Pilgerboot ist erst voll, wenn die Reling die Wasseroberfläche berührt. Unsere hat noch einigen Spielraum, trotzdem stehen die Inder dicht gedrängt (ich hatte noch einen Sitzplatz bekommen). Inder sind hart im Nehmen: sie stehen eine halbe Stunde in der knallenden Sonne ohne Sonnenhut oder Sonnenschirm (ich würde einen Sonnenstich bekommen). Für acht Rupies fährt uns das Boot auf die Insel Bet, wo es natürlich einen sehr heiligen Tempel gibt. Einer der drei höchsten Gottheiten des Hinduismus, Vishnu hat auf dieser Insel einen Dämon erschlagen und die Menschheit damit errettet. Darum gibt es hier jetzt einen Krishna-Tempel. Halt: da passt etwas nicht. Also noch einmal: der Vishnu hat hier einen Dämon erschlagen und hat keinen Tempel gekriegt, sondern der Krishna. Keiner der Inder konnte mir sagen, warum das so ist, aber der Tempel ist eindeutig ein Krishna-Tempel, so stehts im Reiseführer, so sagt es der Brahmanenpriester, den ich frage und so schaut der Tempel auch aus. Eigentlich sieht er von Weitem aus wie irgendeine beliebige Fabrikshalle und hat gar nichts Tempelähnliches. Erst wenn man ihn betritt, sieht man die engen Gänge und die kleinen Nischen und Gebetshallen, alle sehr alt, sehr schön mit Stuck, Steinmetz- und Holzschnittarbeiten verziert. Ein wunderbares Labyrinth, ein schöner Tempel.

Vom Hafen ging es einen überdachten Weg, gesäumt von unzähligen Souvenirständen nach oben zum Tempel. Ein englischsprechender Inder hatte wieder grosse Bedenken: wir seien zu spät dran und der Weg zum Tempel sei so lang, mindestens 1,5 km wenn nicht noch mehr….Tatsächlich war der Weg zum Tempel keine 200 Meter lang. Das ist etwas, was mir schon oft aufgefallen ist: viele Asiaten haben überhaupt kein Gefühl für Entfernungen. Wie oft wurde mir gesagt, wir sind gleich da, noch zehn Minuten – und wir fuhren noch drei, vier Stunden. Oder: ist ganz weit, tatsächlich war man nach einem Fussmarsch von fünf Minuten da.

Ach ja: wir bekamen alle einen roten Punkt auf die Stirn und die Inder bekamen neue Souvenirs. Für Europäer war wirklich nichts Brauchbares dabei (ausser einen Chai-Shop). Dann ging es wieder auf das Boot, die Inder brieten in der Sonne, der Hafen stank noch immer und wir fuhren zurück zum Rukmini Tempel, natürlich einen sehr heiligen. Die drei alten Mädels schräg hinter mir stimmten zuerst ihren Dank-, dann als der Rukmini-Tempel in Sichweite kam ihren Lobgesang an. Der Rukmini-Tempel ist im traditionellen nordindischen Stil erbaut und liegt mitten in einem Stausee, leider sind seine Steinfiguren schon sehr verwittert. Im Hof sassen in Reih und Glied 56 Saddhus und Babas und warteten auf die Pilger. Die eilten alle in den Tempel, um sich ihren roten Punkt abzuholen, während ich mir den Tempel von aussen besichtigte und ein kleines Gespräch mit einem Babu führte (anschließend war der Tempel wunderbar leer und ich konnte ihn ungestört innen anschauen).

Die Babus waren gut organisiert. Der Leitbabu stimmte – je nach Spende, er nahm bzw. bekam nur Geldscheine, es waren ja auch viele Babus – einen Sprechgesang in Sanskrit an (nehme ich mal an), hielt den Geldschein über den Kopf und alle Babus klopften auf ihre metallenen Essensbehälter und stimmten (ich denke je nach Geldschein) mehr oder weniger laute Heilrufe aus. War gut einstudiert und den Indern gefiel es offensichtlich, denn eine Menge Geldscheine (auch große) wechselten den Besitzer.

Dann ging es zurück nach Dwarka. Ach ja: Wie fast alle Tempel in Gujarat waren Kameras und Handys in allen Tempel nicht erlaubt und mussten abgegeben werden. Polizei und Security kontrollierten jeden genau.

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23.08.2010, 18:43

Dwarka

Die Pilgerreise war ein großer Erfolg: am Nachmittag und abend wurde ich gleich dreimal von unterschiedlichen Leuten mit meinem Namen begrüßt.

In Dwarka gibt es schätzungsweise 400 Babas und Saddhus – mit mindestens 50 habe ich mich schon unterhalten, mit einigen einen Chai getrunken, mindestens noch einmal soviel bekamen meine Antworten übersetzt und nickten bedächtig und weise mit dem Kopf. Der Rest kann offensichlich kein Englisch.

Am nächsten Tag, Samstag geht es rund her: zahlreiche Pilgerbusse sind eingetroffen, jeder, aber auch jeder Shop hat auf, ununterbrochen tönt aus irgendeiner Ecke des Ortes Trommelschlagen und Geasng (natürlich mit Lautsprecher verstärkt, versteht sich) und tanzende Gruppen von Frauen und Männern bannen sich ihren Weg mit Opfergaben zum Tempel. An den Ghats haben sich 107 Babus und Saddhus eingefunden (ich habe sie tatsächlich gezählt) und warten auf „finanzielle“ Unterstützung durch die Pilger. Gleich nebenan baden die „schüchternen“ rückenfreien Frauen, die sich nicht gerne fotografieren lassen, und sitzen und gehen oben ohne ins Wasser (auch die jungen im Alter von zwanzig, fünfundzwanzig), am Ghat entlang, trocknen sich ab und genieren sich kein bischen, wenn die indischen Männer glotzen. Schon seltsam.

Sogar am Verbrennungsghat geht es hoch her, gleich zwei Verbrennungen auf einmal: die eine Leiche ist mindestens einen Meter hoch mit dicksten Holzstämmen belegt (und brennt auch mehr als vier Stunden), die andere mit weniger und dünneren Holz, wahrscheinlich aus einer ärmeren Familie. Oben an den Klippen brennen die Toten, unten am Sand vergnügen sich die indischen Touristen und Pilger. Dort treffe ich einen Anverwandten des Toten: er war beim indischen Staat beschäftigt, dort geht man als Mann mit 60 in Rente (da können wir Deutsche ja nur davon träumen, entweder ist man mit 55 arbeitslos oder arbeitet demnächst bis 67).

Auch am Markt geht es hoch her. Die Landbewohner kommen mit speziellen Motorrad-Rikschas. Die Motorräder sind anscheinend „höher“ gelegt, so dass Getriebe und Motor ungefähr einen halben Meter über dem Boden sind. Dementsprechend hoch oben sitzen die Motorradfahrer. Und was das für Typen sind: dunkelbraun gebrannt, riesigen Goldschmuck in den Ohren, oft gezwirbelten schnurbart, weisse (oder ehemals weisse) Kleidung, oft mit vielen Falten sitzen sie auf ihren Sätteln. Mancher scheint direkt vom Kamel zum Motorrad gewechselt zu sein. Wenn ein Europäer dann meint, das Gefährt sei voll beladen, dann passen zu den zehn Leuten, die schon droben sitzen sicherlich noch acht hinzu – mitgenommen wird alles und jeder, nichts bleibt zurück.

Eine westliche Touristin um die 50 Jahre ist angekommen. Sie wird von einer jüngeren Inderin begleitet, die ihr ihren Rucksack nachträgt (so sieht es zumindest aus). Immer wenn ich die beiden sehe (ich sehe sie allerdings nur dreimal) und grüsse, antwortet die Inderin freundlich, während die Touristin hektisch anfängt in ihrer Fototasche zu wühlen, nur um nicht grüssen zu müssen. Es gibt schon seltsame Touristen – wie einfach ist es da mit den Indern. Sie laufen oder sitzen herum, grüßen dich, fragen dich – manchmal etwas zu oft, aber das ist Indien. Du sitzt neben ihnen und unterhälst dich und sie wollen dich zum Tee einladen. Du stehst neben ihnen und sie geben Dir völlig selbstverständlich von den Erdnüssen, den Parotas oder den Mandarinen ab, die sie gerade essen.

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23.08.2010, 18:45

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23.08.2010, 18:51

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23.08.2010, 18:53

Kinderarbeit

Kinderarbeit ist in Indien per Gesetz verboten. Gerade vor einigen Monaten wurde das Gesetz verschärft, aber natürlich gibt es Kinderarbeit überall in Indien vor allem in der Landwirtschaft, in der Gastronomie und in der Teppichherstellung. In Dwarka zum Beispiel waren fast in jedem Restaurant oder jedem Essensstand Jugendliche unter 14 Jahren beschäftigt.

Die aus dem Westen kommende Bestrebungen wie Gütesiegel für Teppiche, dass bei ihrer Herstellung keine Kinderarbeit stattfand, sind zwar gut gemeint, bringen aber nichts und dienen nur zum Besänftigen des eigenen westlichen Gewissens. Fakt ist einfach, dass viele Familien so arm sind, dass Kinder einfach mitarbeiten müssen, damit genug zum Essen da ist und selbst das klappt nicht immer. Solange in vielen Bereichen die Verkaufspreise so gering sind (man sollte sich beispielsweise die von der „entwickelten“ Welt bestimmten Produzentenpreise für Kaffee, Tee oder Reis anschauen, so sieht man, dass diese in den letzten vierzig Jahren ständig gesunken sind) und durch brutalen Export von subventionierten Produkten aus den USA und Europa die einheimische Landwirtschaft in den ärmeren Ländern immer mehr zerstört wird, solange diese Politik weiter betrieben wird, wird es Kinderarbeit geben müssen. Wenn man den Kindern die Arbeit nimmt, verhungern sie - fertig: so einfach ist das.

Die einzige Änderung wird es hier nur geben, wenn die prinzipiellen Wirtschaftsmechanismen speziell des Westens geändert werden – sprich, wenn wir bereit sind für Produkte aus den dritte Welt-Ländern korrekte und faire Preise zu zahlen.

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23.08.2010, 18:54

Jamnagar

Nach den Erfahrungen mit den Privatbussen mit dem Govermental-Bus um 6:45 los nach Jamnagar. Erstaunlich ist, dass hier in Gujarat die Busse nicht gerammelt voll sind, aber das heute war erstaunlich: genau vierzehn Leute sassen im Bus, das habe ich in Indien ja noch nie erlebt. Die Fahrt geht nach Norden, zuerst durch riesige Farmen von Windmühlen, dann durch unwirtliche Gegenden, die aber anscheinden ein wahres Vogelparadies sind: Pelikane, Störche, weisse und schwarze Reiher, Pfaue, Ibisse, Flamingos stehen auf Feldern oder in Teichen und Seen, Eisvögel sitzen auf Bäumen oder Leitungen und eine ganze Menge von Vögeln, die ich nicht kenne. Nach zweieinhalb Stunden geht es kilometerlang fast eine Stunde lang an chemischen und elektrotechnischen Unternehmen vorbei – eine Firma hatte sicherlich ein Gelände von schätzungsweise 20 qkm umzäunt und mit Gebäude, riesigen Tanks unde Wäldern zugebaut.

In Jamnagar recht schnell ein nettes Hotel im Zentrum gefunden. Anschließend sofort Stadtbummel. Zuerst kam ich in zwei Jain-Tempel, den Shantinath Mandir und gegenüber in den Adinath Mandir. Ich war wieder erstaunt über die Freundlichkeit und Offenheit der Leute. Einer lief sofort mit mir und zeigte mir alle Ecken und holte sofort den Priester, der mir seinen Segen und süsse Kleinigkeiten gab. Ein Stück weiter kam ich dann zur grossen Moschee. Als ich aus etwa 70 m Entfernung ein Foto der Minarette machen wollte, stürzten sofort zwei Leute auf mich zu, winkten wir blöde mit den Armen und schrien „no, no“. Als ich zur Moschee kam hatten sich schon drei alte Männer mit Ziegenbart und Moslemhütchen versammelt und auf meine Frage, ob ich in die Moschee gehen könnte, hieß es nur „no, no, no“. Na, dann ließ ich es halt. Ich habe ja nichts dagegen, wenn man aus religiösen Gründen nicht in einen Tempel/Moschee kann oder dort fotografieren, aber dass man nicht einmal aus weiter Entfernung fotografieren kann, hatte ich auch noch nicht erlebt. Einige der Leute, vor allem Jugentliche, sind ausgesprochen unhöflich, ablehnend und aggressiv. Ein etwa Dreizehnjähriger schlägt mir im Vorbeigehen in den Rücken, andere mokieren sich und äffen einen in unangenehmer Art nach. Warum erlebe ich so etwas immer nur mit Muslimen?

Ein Stück weiter kam ich zu einem kunterbunten Hindutempel, dem Swaminaram Mandir. Sofort deuteten zwei Männer, die herum sassen, ich sollte hinein gehen. Drinnen begrüßte mich jeder feundlichst, einer ging und brachte gesüßte Bananen, gesegnet vom Priester. Als ich nach zehn Minuten ging und gerade zum Tor hinaus wollte, lief mit noch ein Mann nach und holte mich lächelnd zurück, denn die Puja ging gerade an. Tatsächlich öffnete gerade der Priester das Allerheiligste und machte die Feuerzeremonie – anschließend bekam ich wieder einige gesüßte und gesegnete Bananenstücke. Einige Kinder wollten Fotos, es gab grosses Gelächter und Freude. Der Mann brachte mich schließlich noch zum Tempelausgang und verabschiedete mich und bedankte sich, dass ich im Tempel war.

Wenn es dann nicht wieder so unglaublich freundliche Moslems gäbe, wie einen alten Mann, der mich einfach herbei winkte, mir einige Fragen stellte und mich nur so zu Tee und Süßigkeiten einladen wollte, würde ich wahrscheinlich die Moslems alle in die Schublade von ignoranten, intolleranten Idioten werfen. Gott sei dank sind nicht alle so, aber die fallen doch immer am meisten auf. Trotzdem fällt es mir häufig sehr schwer sie zu mögen….

In der Stadt gibt es wunderschöne alte Gebäude. Eines hatte ich für einen Palast oder eine Stadthalle gehalten, war aber „nur“ die Sajuba Girls School, die älteste Mädchenschule des Ortes. Das Khambhaliya Gate hat einige hervorragende Steimetzarbeiten, miteinander kämpfende Krieger, Katzenköpfe als Fensterabschlüsse und Musikantinnen.

Inmitten der Stadt liegt der Ranmal Lake mit dem Lakhota Palast auf einer Insel. Der Palast wird gerade renoviert und kann nicht besichtigt werden. Ich umkreise den See, er ist ein wahres Vogelparadies: Pelikane, Enten, Gänse, weiße, graue und schwarze Kraniche und Reiher finden sich hier.

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23.08.2010, 18:57

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23.08.2010, 19:00

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23.08.2010, 19:02

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23.08.2010, 19:04

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