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13.10.2010, 17:44

Bikaner

Bhanda Shaha Jain Temple

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13.10.2010, 17:47

Bikaner


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13.10.2010, 17:48

Deshnok

Heute wollte ich früh nach Deshnok, aber fünf Monate Indien zeigen Wirkung: meine Umhängetasche bekommt einige Löcher und drei Reißverschlüsse gehen kaputt. Also bin ich am Morgen einige Zeit mit Flicken beschäftigt – ein Profi könnte es schneller und schöner, aber es muss ja nur noch zwei Wochen halten.

Dann zu Fuss los zum Gogo Gatge, wo die Busse losfahren. Nach einer halben Stunde sind wir da. Nach einem Chai geht es dann in den Karni Mata Temple von Dsehnok, einen sehr verehrten Pilgerort. Zuerst mal wieder 20 Rupies für das Kamera Ticket, dann die Schuhe ausgezogen und am Schuhstand abgegeben und barfuss in den Tempel. Ich habe Glück: eine menschliche Seele läuft mir über den kleinen Zeh und wenn eine über den Fuss läuft, ist das sehr glücksbringend – ein kleiner Zeh wird da wohl auch für ein bischen Glück gelten. Eine weisse menschliche Seele sehe ich leider nicht – das wäre noch glücksbringender.

Karni Mata, eine Inkarnation der Göttin Durga, fragte einst den Gott des Todes Yama, den verstorbenen Sohn des bekanntesten Geschichtenerzählers, Musikers und Sängers wieder zum Leben zu erwecken. Yama verweigerte dies, so dass Karni Mata die Seelen aller verstorbenen Geschichtenerzähler, Musiker und Sänger in Form von Ratten wieder reinkarnierte. Und seitdem laufen alle menschlichen Geschichtenerzähler-, Musiker- und Sängerseelen in Form von Ratten im Karni Mata Tempel von Deshnok herum und eben eine über meinen kleinen Zeh.

Es sind Hunderte von Ratten, die es sich im Tempel gut gehen lassen. Sie erhalten literweise Milch, unzählige Kilogramm der teuersten Süßigkeiten und keine zeigt das Bedürfnis, den Tempel zu verlassen. Die meisten liegen faul und vollgefressen herum, nur einige laufen hin und her. Es gibt sogar eine eigene Küche, wo das Futte für die Ratten gekocht wird.

Es sind alles realtiv kleine Ratten, die man im Tempel sieht. Aus jedem Loch in der Wand hängen ein oder mehrere Schwänze heraus, auf den Treppengeländern, in den Wandecken oder auf den Treppenstufen schlafen Ratten. Trotzdem ist es erstaunlich sauber, es scheint viel geputzt zu werden, wobei das sauber recht relativ zu verstehen und bezogen auf die Menge der Ratten ist – normalerweise würde man Unmengen von Dreck und Kot erwarten. Trotzdem riecht es streng, so dass einige Inder mit Tüchern vor der Nase in den Tempel gehen.

Die Hindus glauben offensichtlich an die Rattengeschichte, denn sie verneigen sich respektvoll vor dem Heiligtum, knien beim Abschied nieder, einer liegt flach auf dem Bauch mitten zwischen den Ratten und betet. Andere bringen Milch und Beutel teuerster Süssigkeiten als Opfergaben für die Ratten mit – den Geschichtenerzählern, Musikern und Sängern soll es an nichts fehlen. Eine Frau schleppt eine Plastiktüte mit Süssigkeiten herein – die Süssigkeiten hätten für eine dreißigköpfige Familie gereicht. Vor dem Tempel verdienen die Opfergabenverkäufer nicht schlecht – jeder der einkauft, kommt nicht unter 50 Rupies weg.

Feuerpuja inmitten der Ratten: fast jeder Zweite, der das Heiligtum verlässt, langt in die Wasserschüssel, aus der die Ratten trinken, und schüttelt sich einige Tropfen in den Mund und verreibt den Rest im Gesicht und in den Haaren. Naja, andere Länder, andere Sitten oder: Geschmäcker sind verschieden. Mein Geschmack ist es nicht, obwohl mich die Ratten nicht sonderlich stören.

Ich unterhalte mich mit einem Bediensteten, ob nicht irgendwelche Krankheiten übertragen werden. Natürlich nicht, die Ratten wären alle kerngesund, das gute Futter, die liebevolle Pflege und der Schutz der Göttin. Ach ja. Ganz glaube ich ihm das ja nicht, denn einige der Ratten schauen ganz schön zerfledert und räudig aus. Zwei oder drei Ratten liegen tot herum, eine lebende zieht ihre tote Artgenossin aus einem Mauerloch.

Indische Frauen unterscheiden sich nicht so grundsätzlich von den europäischen. Immer wieder quietscht irgendwo eine auf, wenn eine Ratte zwischen den Beinen hindurch läuft. Ein alter Inder hingegen, irgendein Bauer der Kleidung nach, teilt seinen Reis mit den Ratten: auf der einen Seite des Tellers futtern die Ratten, auf der anderen er. Mahlzeit!

Der Tempel selber ist schön, bekannt sind vor allem seine grossen, aus (angeblich) reinem Silber gefertigten Tore. Grosse Teile des Tempels sind in weissem Marmor erbaut und sehen fast aus wie islamische Mogulgebäude. Links und rechts vom Eingang reitet ein Mann auf einem Pfau und ein brüllender und ein schlafender Löwe bewachen das Tor.

Ich sitze über eine Stunde im Tempel herum und schaue mir das Treiben an. Dabei fällt mir zum ersten Mal auf, dass fast alle Frauen, besonders die vom Land, einen unförmigen Busen haben. In ihrem Choli (dem Oberteil des Saris) habe sie im Busen fast alle einen Geldbeutel, eine Tüte, ein Schweißtuch oder einen Schlüssel stecken – sieht richtig skurril aus, viereckige Busen.

Draussen gibt es haufenweise Souvenirs- und Essensstände. Was wird da wohl an Souvenirs verkauft? Richtig: schwarze, weisse und braune fahrbare Spielzeugratten zum Aufziehen.

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13.10.2010, 17:51

Deshnok


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13.10.2010, 17:53

Kolayat

Am nächsten Tag dann in einen kleinen Ort, 60 km von Bikaner entfernt. Der Ort hat an sich nichts Grossartiges zu bieten, keine wunderbaren Tempel oder Forts oder Havelis. Trotzdem ein schöner Ort, bei dem ich den Eindruck hatte, wieder ganz in Indien zu sein. Ich habe mich sofort in ihn verliebt. Touristen gab es natürlich keine.

Der Ort liegt um einen grösseren See, der von Tempeln umgeben ist. Der See ist mit Lotosblüten zugewachsen, nur an den Ghats ist das Wasser frei, damit die Gläubigen darin baden und ihre Opfer durchführen können. In den Tempeln haussen einige Saddhus, freundliche, vom Tourismus unberührte Leute – einer gab mir sogar die fünf Rupies Spende zurück, mit der Bemerkung, er braucht sie nicht. Natürlich kiffen sie alle, umgeben von den Einwohnern des Ortes. Einer sprach Englisch und meinte, er sei arbeitslos und könne daher relaxen. Kann man so auch sehen.

Im Ort gibt es einen kleinen Basar, trotzdem macht er den Eindruck, als sei er fast ausgestorben. Überall pfeift der Wind durch und bläst grosse Staub- und Sandwol-ken herum, die sich an den Hausmauern auftürmen. Sicherlich ein ganzes Viertel der Gebäude vom Ort stehen leer und sind verfallen – die restlichen sind zugeschlossen. Man meint, in einem verlassen Ort zu sein, wenn nicht irgendwo wieder eine Kuh, ein Kamel oder ein Mensch auftauchen würde. Der Ort hat mir ausgezeichnet gefallen.

Spät nachmittags mit dem Zug wieder zurück. Rund um Bikaner gibt es Sand, Sand, Sand und sonst nicht viel, Büsche, ab und zu ein Baum, einige kleine Häuser. An-geblich hat es seit vier Jahren nicht mehr geregnet

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13.10.2010, 17:55

Kolayat


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13.10.2010, 17:58

Kolayat


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13.10.2010, 17:59

Amritsar (eine Odyssee)

Und dann begann eine größere Odysse. Mit dem Nachtzug fuhr ich nach Amritsar im Punjab. Die 614 km schaffte er tatsächlich in 16 Stunden, durchaus ein guter Schnitt in Indien. Morgens waren wir schon weit im Punjab. Einen größeren Unterschied zu Rajasthan kann es gar nicht geben. Rund um Jaisalmer, Jodhpur oder Bikaner nur Sand, Sand, Wüste, Unkraut und Sträucher, vier Jahre kein Regen. Im Punjab reiht sich ein Getreidefeld an das andere, nichts ist wie im übrigen Indien unbebaut und als ich aufwache und kurz bevor ich in Jamnagar umsteige, regnet es. Der Punjab ist einer der fruchtbarsten Staaten Indiens und die Kornkammer des Landes. Die Leute sind verhältnismäßig wohlhabend, obwohl der Punjab neben Bengalen am meisten an der Teilung bei der Unabhängigkeit in Indien und Pakistan zu leiden hatte, da es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen und Massenmorden kam.

In Amritsar raus aus dem Zug, einen Chai getrunken und mit der Rikscha ins nächste Guest House. Der Besitzer besah sich meinen Ausweis für die Eintragungen und meinte, ich sei ja illegal in Indien – ich war erst einmal baff und tatsächlich zeigte er mir die Stelle. Die Botschaft in München hatte doch an einer Stelle tatsächlich das Reisedatum falsch eingetragen, was mir zwar aufgefallen war, aber ich für den Zeitraum hielt, in dem ich in Indien einreisen muss. In allen Ländern, die ich kenne, beginnt die Zählung der Aufenthaltszeit mit dem Einreisedatum – von dem Tag an, kann man dann einen Monat oder auch drei Monate bleibt, je nachdem die Visabestimmungen dies erlauben. In Indien hat man dies geändert: das Einreisedatum hat gar nichts mehr zu sagen, es gilt ausschließlich der eingetragene Zeitraum, den die Botschaft einträgt, und da wurde das Ausstellungsdatum des Visas eingetragen, obwohl die Botschaft meinen Flugplan hatte und im Visa-Antrag die korrekte Aufenthaltsdauer stand. Wenn man ein oder zwei oder drei Monate bleibt, hat man damit (fast) nie Probleme, bei fünf oder sechs Monaten hingegen unausweichlich.

Jedenfalls konnte der gute Mann vom Guest House mich nicht nehmen, da entlang der pakistanischen Grenze die Hotels sehr genau kontrolliert werden. Ich telefonierte noch mit einem Herren von der Immigration, der meinte, die einzige Stelle wäre in Dehli, die da was tun konnte: ich müsse sofort mit meiner Botschaft reden, die würden mich zur richtigen Stelle schicken.

Na schön. Nach einer Stunde Amritsar fuhr ich dann wieder zum Bahnhof und versuchte ein Ticket nach Dehli zu bekommen. Gab es natürlich nicht für die in Frage kommenden Züge. Nach einigem Hin und Her fand sich dann doch tatsächlich ein Liegeplatz im nächsten Zug, der in 20 Minuten gehen sollte. Nahm ich dann natürlich, rein in den Zug und um 4:55 war ich in Dehli, wo ich nie hin wollte, da ich die Stadt ziemlich scheußlich finde. Schöner ist sie nicht geworden, da sämtliche Strassen wegen der Commonwealth Spiele aufgerissen und überall umgebaut wird.

Nach der Zimmersuche kurz geduscht, ich war ja schließlich fast 30 Stunden unterwegs und dementsprechend dreckig (das kann nur jemand nachvollziehen, der schon mal in Indien bzw. Rajasthan in der Wüste unterwegs war). Am 22.04.2010, um 08:00 früh stand ich vor der deutschen Botschaft (dass ich mich nicht bis auf die Unterhose ausziehen sollte bevor ich das heilige Gebäude betreten durfte, war anscheinend eine Gnade, sonst wurde so ziemlich alles gecheckt). Wie erwartet, half man mir nach meinen Erklärungen dort nicht, man gab mir nur die Auskunft, wegen der Eintragung im Visa wäre ich tatsächlich illegal (na so was, das wusste ich ja noch gar nicht ?) und ich müsste in das Foreigner’s Regional Registration Office, dem FRRO (deutsche Botschaften sind bekannt, dass sie prinzipiell ihren Staatsbürgern im Ausland NICHT helfen: unser Sohn war während der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 in Peking und fuhr zwischen den ausgebombtem Studentenbussen und zwischen den Leichen der Demonstranten zur deutschen Botschaft – während alle anderen Botschaften ihre Landsleute in den Touristenhotels informiert und Notfallpläne aufgestellt hatten, tat die deutsche Botschaft nichts: sie fragten ihn nur nach der Anschrift der Angehörigen, die sie informieren wollten, wenn ihm irgendetwas zustossen würde - und vor allem (das Wichtigste) wer die Rücktransportkosten der Leiche übernehmen würde. Insofern hatte ich keine großen Illusionen auf Hilfe oder korrekte Informationen).

Mit der Motorrikscha dorthin, das FRRO war natürlich fast auf der anderen Seite von New Dehli. Unzählige Leute standen an. Nach über einer Stunde bekam ich eine Nummer zum Eintreten. Drinnen noch einmal über eineinhalb Stunden Warten für die Enquiry, wobei ich gestehen muss, dass ich mich auf übelste indische Weise tatsächlich auf Platz 17 vorgedrängelt habe – hat keiner gemerkt. Dort wurde mir feierlich mitgeteilt, dass ich hier völlig falsch sei (vorher wusste das natürlich niemand) und ich zum Ministry of Home Afairs müsse, ganz in der Nähe der Deutschen Botschaft.

Ich also mit der Rikscha dahin. Unzählige Leute standen da und warteten auf die Nummer zum Einlass. Kaum hatte man die Nummer ging es in den ersten Sock zur na was wohl? Zur Enquiry. Dort bekam man dann nach längerem Warten ein „Token“, ich die Nummer 148. Alles war voll mit Menschen, Sitzplätze gab es natürlich keine mehr, was auch kein Wunder war. Ich sprach mit einem Inder, wieso er ein Visa brauche, da erklärte er, sein Sohn sei in Amerika geboren und daher Amerikaner und brauche ein Visum, wenn er sie besuche. Sie seien mit acht Leuten mitgekommen und sassen alle in der Wartehalle und nahmen Platz weg – wenn das so mehr machen…..

Wenn jemand nun meint, es gehe jetzt wie in Deutschland der Reihe nach die Nummern durch, der irrt. Einmal kam das „Token“ 8, dann die 202, dann die 71 dran – eine Logik konnte keiner entdecken. Zwei spanischeTouristen bekamen einen Anfall und fingen an lautstark mit den Beamten, einen „Super Officer“ zu streiten, bis sie nach einer halben Sunden abzogen – in der Zeit standen natürlich alle Beamten herum und hörten sich die Geschichte an, keiner tat etwas. Glücklicher Weise kam ich dann so um 14:00 auch einmal dran und erzählte meine Geschichte, dass die Botschaft einen Fehler gemacht habe, legte eine Kopie des Visa-Antrags vor, meine Flugbescheinigungen und bekam dann die Zusage, man werde die Sache mit einer Visa-Verlängerung beheben. Ich solle um 17:00 wiederkommen, dann bekäme ich einen versiegelten Umschlag, den ich auf keinen Fall öffnen dürfe, mit dem müsse ich am nächsten Tag zum Foreigner’s Regional Registration Office, mich dort noch einmal bei Eintritt und bei der Enquiry anstellen und und bekäme dann die Verlängerung. Na, wer das glaubt.

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13.10.2010, 18:02

Amritsar (eine Odyssee)

Kurz vor 17:00 pünktlich vor Ort, natürlich wurden die Umschläge erst um 17:50 ver-teilt. Tja, das ist indische Bürokratie.

Am nächsten Tag war ich schon fast eine Stunde vor Öffnungszeit mit meinem hoch geheimen Umschlag vor dem Foreigner’s Regional Registration Office. Heute waren noch mehr Leute da wie am Vortag. Ich konnte mich auf Platz 23 vordrängeln ähhh vorkämpfen, indem ich ein Gespräch mit zwei Spaniern anfing und plötzlich zu ihnen gehörte. Sie waren mit ihrem gesamten Gepäck da, weil man sie am Flughafen nicht ausreisen lassen hatte. Als das FRRO seine Pforten um 09:30 öffnete, war das Flugzeug schon mehr als eine Stunde in der Luft. Die Spanier hatten im Auftrag ihrer Firma Maschinen in Indien installiert, sich aber nicht registrieren lassen und das mussten sie nachholen. Innen gab ich dann meinen hochgeheimen, versiegelten Brief ab (natürlich durfte ich keinen Blick hineinwerfen) und wurde zum Schalter 5 geschickt.

Eine halbe Stunde nach Büro-Öffnung kamen die ersten Schalterbeamten anschei-nend vom Frühstück, nur nicht der/die vom Schalter fünf. Alles war natürlich voll, in Indien sind die Warteräume immer zu klein, drei Viertel der Leute standen. Ich unterhielt mich mit einer sehr lieben und netten Französin, Celine, die ihren gestrigen zwanzigsten Geburtstag auf insgesamt drei indischen Ämtern verbracht hatte. Man hatte ihren Rucksack mit Pass und Geld gestohlen. Einen Ersatzpass bekam sie von der französichen Botschaft innerhalb von zwei Stunden, für ein Ersatzvisum lief sie schon wie ich den zweiten Tag durch indische Botschaften. Aus irgendeinem Grund standen zwei Leute auf und ich organisierte sofort die Plätze für uns Beide und konnten sich dann auch immer abwechseln gegenseitig frei halten.

Um 11:00 hatten wir dann genug vom langen Warten, denn unser Schalterbeamter war noch immer nicht da. Celine ging fragen, die Dame würde gleich kommen. Um 11:30 ging ich fragen: die Dame hätte sich ein kleines bischen (a little bit) wegen des Verkehrs verspätet („a little bit“ zwei Stunden nach Schalteröffnung?). Na gut, wir hatten Sitzplätze und ich hatte sowieso mit dem ganzen Tag gerechnet. Um 12:00 ging ich noch einmal fragen: kein Problem, sie sei eigentlich schon da. Um 12:30 hieß es dann, sie käme heute nicht, aber wir sollten zu einem anderen Schalter gehen. Die Leutchen am anderen Schalter sagten natürlich, das sei alles nicht ihr Job. Dann kam aber doch ein anderer Beamter und erbarmte sich und setzte sich an den leeren Schalter 6 und begann langsam und umständlich seine Schreibsachen auszupacken. Irgendwann dann so um 13:00 ging es dann los – immerhin arbeitete er flott und hatte auf seinem Lunch verzichtet (oder schon vorher gehabt). Celine und ich standen relativ nahe am Schalter und unterhielten uns und wurden angefahren, dass am Schalter nicht geredet wird, sonst würde er nicht mehr weiter arbeiten. Wouuuhhh. Wir hielten natürlich sofort den Mund.

Dann kam Celine dran, ihr geheimer versiegelter Brief wurde vom Bürodiener gebracht, eigentlich fehlte nur noch der Stempel, aber so leicht gibt die indische Bürokratie nicht auf – sie piesackt die Menschen, so lange sie nur kann. Celine, die Französin, bekam natürlich noch nicht ihr Visum. Es musste erst aus Chennai die Bestätigung kommen, dass sie dort wirklich eingereist war und das dauert in Indien – sie solle noch einmal vier Tage bis Dienstag warten (heute war Freitag), dann sei das Fax mit der Bestätigung vielleicht da. Tja, bei indischen Behörden geht nichts, aber auch gar nichts schnell.

Bei mir war ein drei Minuten alles herum, ein Stempel, eine Unterschrift, ein kurzer Vermerk und dann wurde ich zur Kasse geschickt. Dort wurden dann 50 Euro kassiert – wenigstens da sind sie großzügig. Der Kassierer war der einzig freundliche Inder dort – kein Wunder, bei dem vielen Geld, das er da einkassiert. Dann noch einmal zum Chef, der zeichnete die Papiere ab und dann hatte ich meine Verlängerung. Auf jeden Fall werde ich in der Münchener Botschaft Ärger machen, denn die ganze Sache hatte mich 120 Euro und fünf Tage gekostet (wird natürlich nichts nützen, aber dafür ärgere ich mich nicht so).

Um 14:30 bin ich draussen. So recht kann ich es doch noch nicht glauben, dass jetzt alles erledigt ist. Mindestens sechs Mal hole ich den Ausweis hervor und schaue den Stempel an – aber er sieht ganz richtig aus. Ach ja: ich habe doch noch gesehen, was in meinem geheimen Brief stand – man solle das Visum verlängern. Kurz und gut: es ist einer der erhebendsten Momente in einem Menschenleben, wenn man (fast) ungeschoren der indischen Bürokratie entkommen ist ?.

Und was lerne ich aus der Geschichte? Alles sofort und genauestens kontrollieren und noch mal kontrollieren und lieber dreimal fragen. Irgendwie wird man beim vielen Reisen doch etwas leichtsinnig, wobei es in meinem Fall nicht nur mir so ging. Selbst mehrere Hotels hatten nicht kapiert, dass mein Visum abgelaufen war und während meiner Wartezeit traf ich drei weitere Touristen, die das gleiche Problem hatten – also war ich (zu meiner Entlastung) kein Einzelfall.

Ausserdem werde ich in der nächsten Zeit bestimmt nie nicht mehr auf die deutsche Bürokratie und die Zustände in deutschen Melde- und Finanzämter schimpfen (zu mindest für die nächsten sechs Monate gelobe ich dies).

Während der Wartezeiten auf den Ämter trifft man doch wirklich allerlei lustige Leute: einen 82jährigen US-Amerikaner, der seit 16 Jahren in Indien in den Bergen lebt, drei Italiener, die sich als Saddhus verkleidet hatten, schöne lange Haare aufgewickelt mit orangenen Turban, Wanderstock, Bettelschale und Umhängetasche oben ohne und unten wallende orange Gewänder, die die Prozedur anscheinend schon öfters gemacht hatten und absichtlich das Chaos noch vermehrten und die Angestellten doch ziemlich verarschten (ich sah sie dann später öfter im Travellerviertel Paharganj, wo sie beim Frühstück ganz un-saddhu-haft Toast mit Butter und Marmelade aßen und abends im etwas teureren Dachterrassen-Restaurant sassen – aber sie waren sehr skurril und lustig), eine seriöse alte Dame aus Kanada mit Führer, die eigentlich gar nicht so recht wusste, warum sie hier war, ein junges Mädchen, das immer barfuss herumlief (das im dem Dreck Dehlis, das würde kein „normaler“ Inder machen), dafür aber an der Seite ihres Rucksackes eine Besen befestigt hatte (ich kam leider nie dazu, sie anzuquatschen und zu fragen, was sie denn so mit dem Besen macht, hätte mich ja schon interessiert). Am zweiten Tag auf den Ämter trifft man dann schon eine ganze Menge Bekannte, quatscht zusammen (die indische Bürokratie und die persönlichen Erlebnisse in und die Leiden an ihr sind ein unerschöpfliches Thema und es beruht schon sehr, dass es einigen anderen NOCH schlimmer ergangen ist) und auch später in den Strassen Dehlis läuft man immer wieder einem bekannten Gesicht über den Weg.

Dehli selber ist eine grauenhafte Stadt – ich mag sie einfach nicht. In den zwei Tagen, in denen ich die verschiedenen Büros aufgesucht hatte, habe ich mehr als 1000 Rupies für Rikschas ausgegeben, mehr als in den drei Monaten davor. Alles ist riesenweit entfernt. Vom Zentrum zur deutschen Botschaft sind es 11 km, von da zum FRRO sind es 9 km, von da zum Ministry of Home Affairs sind es 12 km, vom Zentrum zum FRRO sind es 15 km. Man sitzt ständig in der Motorrikscha und fährt endlose tote und breite Strassen entlang; rechts und links nur Mauern, hinter denen Villen und Behörden versteckt sind, an den Toren bewaffnete Sicherheitskräfte oder Militär hinter Sandsäcken, nirgendwo ein Markt oder ein Laden oder ein Teestand, nirgendwo ein Mensch, der geht (dazu sind die Entfernungen zu groß). Sicherlich, hinter den Mauern ist alles grün, an den Strassen stehen Bäume, trotzdem: tödlich langweilig.

Aber es gibt auch Gutes zu melden – seit meinem letzten Besuch ist es wesentlich sauberer geworden und die Luftverschmutzung hat sehr abgenommen. In Dehli wurden alle Stadtbusse und alle Motorrikschas umgerüstet und fahren jetzt mit Gas. Eine Metro wurde gebaut und soll in diesem Jahr zu den Commonwealth Spielen ihren Endzustand erreichen (mit einer Linie bis zum Flughafen).

Sonst ist Dehli immer noch das perfekte Chaos, momentan wahrscheinlich mehr denn je: fast jede Strasse, fast jeder Gesteig ist aufgerissen und wird wegen der Commonwealth Games (CWG) umgebaut – es ist ein Zickzack-Fahren und Hin-und-her-Laufen zum Grausen. Spätestens alle fünfzig Meter läuft man durch Bauschutt, Unrat und Dreck. Extra für die CWG wurden neben dem Jantar Mantar einige riesige (scheußliche) Betonhochhäuser hingeklotzt, in denen die Commonwealth Spiele organisieret werden. So hat man beschlossen, dass im Mainbasar alle vorhandenen Häuser auf die gleiche Fassadenlinie gekürzt werden müssen. Daher werden mindestens ein Drittel der alten vorhandenen Häuser zur Strassenseite hin um einen halben, einen Meter oder auch zwei Mete gekürzt. Nachmittags um vier Uhr geht’s los, die Handwerker schlagen mit Pickel und Schaufel die Ziegelsteine aus der Wand, man sieht die dahinter liegenden Zimmer, die dann wieder um ein, zwei Meter kleiner zugemauert werden. Beton wird mit Diamandsägen weggesägt – schön ist es nicht, aber irgendwann bestimmt ganz gerade und dass in Indien, die reinste Eulenspiegelei. Ein Geschäftsbesitzer hat mir dann erzählt, dass die Hauseigner dies selber und auf eigene Rechnung machen müssten, ansonsten würde die Stadt die Häuser kürzen und natürlich eine wesentlich dickere Rechnung schicken.

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13.10.2010, 18:13

Amritsar (eine Odyssee)

Jetzt in der Zeit vor den Commonwealth Spielen ist Dehli wahrscheinlich der einzige Platz in Indien, wo Geschwindigkeitsbegrenzungen eingehalten und bei roter Ampel angehalten wird – die Polizei wurde angewiesen, da ganz, ganz hart einzuschreiten, man wolle doch eine schöne, moderne Stadt sein und dies der Welt zeigen. Neu sind auch die unzähligen Strassen- und Hinweisschilder in vier verschiedenen Sprachen und Schriften. Richtig schön für den, der viele Schilder mag.

Abends laufe ich dann herum, nach zwei Tagen herumstehen und herumsitzen und herumfahren ein Genuss (daheim habe ich es erstaunlicher Weise gar nicht mit dem Herumlaufen). Kein Inder versteht, dass man gerne läuft, dafür bekommt man dann aber auch die besten Angebote: 10 Rupies für eine Fahrradrikscha für eine Strecke, die sonst 30 Rupies kostet. Kopfschüttelnd zieht der Fahrer ab, als man ihm erklärt, man möchte zu Fuß gehen. Der Tourist muss bestimmt verrückt sein.

Wie mich die ganze Visa-Sache genervt hat und wie nervös ich vorher war, merke ich erst, als ich sehr entspannt und erleichtert durch die ober- und unterirdischen Basare am Connaught Place laufe. Mindestens 571 Leute rufen mir nach, was sie alles Schönes und Billiges haben, selbst als einer mit einem Massagegerät mehrere Meter hinter mir her lief und meinen Rücken massierte, brachte mich das nicht aus der Ruhe.

In den Basaren am Connaught Place findet man alle möglich einfachen Klamotten, Elektronik, Designerläden, eine Pizza Hut, den unsäglichen McDonald gleich mehrmals (mein Tipp: in ganz Asien, auch in Indien, hat McDonalds wunderbar saubere Toiletten und man sollte sie auch benutzen – essen und trinken braucht man ja nichts), einen Kentucky Fried Chicken und was es halt so an amerikanischen Mist alles gibt. Sogar einen BMW-Shop gibt es. Man sollte allerdings nicht glauben, dass die einfachen Shops recht billig wären: für einen digitalen Wecker verlangten sie 320 Rupies, da er mir nicht gefiel, ging ich und hätte ihn ohne zu Handeln für 100 Rupies bekommen. Für ein iPod-Kabel und einen Reisestecker wurden 300 Rupies verlangt, ich habe ihn dann für (wahrscheinlich zu teuere) 120 Rupies gekauft.

Anschliessend einen Nachtzug nach Amritsar gebucht, da wollte ich doch eigentlich hin, oder? Morgen geht es los.

Bevor der Zug geht, habe ich ja noch einige Zeit, die ich stresslos verbringen will – also in einen Park. So etwas gab es beim Jantar Mantar, ist auch nicht weit, zu Fuss eine halbe Stunde. Tja war einmal: man hat ihn jetzt mit dem Jantar Mantar zusammen gelegt und die Eintrittspreise für Touristen von 5 auf 100 Rupies angehoben – für eine Stunde im Park sitzen, ist das nun doch zu viel. Hiermit ist auch die letzte Lücke in Delhi geschlossen, wo sich Touristen kostenlos entspannen können – Bravo!

Dann entdecke ich direkt in der Nähe vom Main Basar einen christlichen Friedhof, natürlich im indian style, nichts zum hinsetzen, recht unwirtlichlich, kein Gras, die Grabsteine sind Betonpfosten, aber einige wunderbar Inschriften gibt es da: „Daniel Kiran Seabrook….The term is now over, the holidays habe begun“ (war vielleicht ein Lehrer oder Schüler?) oder „I have fought the good fight, I have finished the race, from now on there is reserved for me the crown of righteousness“ (vielleicht ein Boxer oder Rennfahrer, ne es ist nur eine „Sophy“),

Die letzten Stunden hänge ich in einigen Restaurants herum und trinke Lassi oder Fruit juice, begrüsse freudig die vom FRRO bekannten Leute, quatsche mit meinen Nachbarn, unter anderem einem aus der Steiermarkt, der Indien nach vier Monaten furchtbar findet und das einzige Land, in das man reisen könnte, wäre ja eh Marokko, aber er wird nächstes Jahr wiederkommen. Sein Flug wurde wegen der isländischen Asche gestrichen und er hängt in Delhi wegen einem neuen Flugticket und der Visaverlängerung herum (Air India hat ihm fünf Telefonnummer gegeben, vier davon sind nicht geschaltet, bei der Fünften geht keiner hin und das Büro haben sie geschlossen und klammheimlich vom Connaught Place 15 km hinaus in einen Vorort verlegt – that’s india). Es scheint sowieso, als sei ein Großteil der Touristen in Delhi ein getrandeter, verzweifelter, hoffnungsvoller, von der Bürokratie malgträtierter Haufen von Wartenden: jeder hat seine Story über die Bürokratie, die Immigration, die Air Lines und die Travel agencies zu erzählen. Erstaunlicher Weise klappt es doch für alle irgendwie, aber meist nie so, wie sie es wollten und auch häufig nur nach Tagen des Herumlaufens und des Wartens.

Herrlich unterhaltsame Leute laufen vorbei. Die Inder sind zwar bunt angezogen, aber eigentlich am langweiligsten. Einige israelische Fundamentalisten mit Stirnlocken, schwarzen Anzug und breiten Hut, hinter ihnen einige zugeschleierte Frauen (man meint, man sei im Iran - warum regen sich die Leute nur über moslemisch-zugehängte frauen auf?), laufen vorbei (was die wohl hier wollen?). Schulbusse fahren vorbei. Das sind Fahrradrikschas, auf die man eine zusätzliche Bank gebunden hat, und auf denen jetzt zehn, zwölf, fünfzehn Kinder Platz finden, die Schultaschen hängen hinten an einer langen Stange. Ein wunderbar malerischer indischer Saddhu mit drei (!) grossen Reisetaschen wandert vorbei – na ja, auch hier ändert sich die Art des Reisens. Auch die junge barfüssige Frau mit ihrem Besen am Rucksack wandert vorbei und stapft mutig durch Dreck, Müll und Bauschutt. Einer der italienischen Oben-ohne-Saddhus kommt – auch er hat seine Visa-Probleme gelöst: heute trägt er zu seinem orangenen Sarong schicke (?) giftgrüne Socken in den Sandalen. Dann kommen kichernd zwei Japanerinnen in schicken, hautengen Designerklamotten und fotografieren wild und gefährlich herum. Eine Alice Schwarzer kommt vorbei und setzt sich an den übernächsten Tisch, drei europäische Halb- oder Echt-Saddhus kommen hinzu. Einer von ihnen geht schon an die fünfundsechzig und erzählt immer lautstark „big problem“, mindestens jede Minute einmal, dann „big trouble“, dann dazwischen immer wieder „only jumping is same“, dann nimmt er einen großen Schluck von seinem Chai und murmelt „big problem“ – anscheinend versteht ausser mir auch niemand, was er damit sagen will. Eine Ali-Baba-Hose mit Rasterlocken wandern vorbei, dann kommen wieder zwei kleine Japanerinnen: warum können die immer so hilfslos und suchend herumgucken – man wundert sich wirklich, wie die das vom Flughafen in die Stadt geschafft haben, aber sie schaffen auch diesmal und setzen sich tapfer ins Lokal). Dann kommen tatsächlich einige „normale“ Touristen, die erkennt man daran, dass sie jeden Obststand, jeden Textilladen und vor allem jede Kuh fotografieren – sie sich schwer beschäftigt. Und dann gibt es noch die Traveller im Reinhold-Messner-Look mit riesigen teuren Bergstiefeln, schicken teuren Treckinghosen und noch teureren Überlebenswesten (mich hat schon immer interessiert, was die da so in ihren einunddreissig Taschen spazieren tragen).

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13.10.2010, 18:16

Delhi (kein Reiseführer)

Ich vermute in Delhi werden mehr Touristen beschwindelt, beklaut, geneppt und über das Ohr gehauen als im ganzen restlichen Indien. Vielleicht kann Agra da noch mit konkurrieren.

Kommt man am Flughafen oder am Bahnhof wird der Taxifahrer bestimmt erzählen, das Hotel, zu dem man will, sei schmutzig, der Besitzer stiehlt, das Haus sei abgebrannt, geschlossen oder abgerissen und es gäbe gerade dort, direkt vor der Haustür ganz schlimme Unruhen und er wisse ein sehr viel Besseres, viel Schöneres, viel Billigeres (vor Jahren schockierte ich einen Taxifahrer, als ich ihm erklärte, ich wolle das abgebrannte Hotel und die vielen Leichen von den Unruhen beim Hotel unbedingt sehen, weil ich das so liebe). Das Hotel zu dem er einen dann bringt, ist weder besser, noch schöner, aber sehr, sehr viel teurer, denn die Kommission beträgt häufig 40 bis 50 % des Zimmerpreises. Man sollte am Flughafen ein prepaid Taxi nehmen, um diese Probleme zu umgehen. In drei Monaten soll es eine U-Bahn geben, die vom Flughafen in das Stadtzentrum führt.

Man sollte auch wirklich beim Hotel überprüfen, ob man bei dem Hotel ist, zu dem man auch will (Name und Strasse), denn viele Taxifahrer schleppen einen zu Hotel gleichen oder ähnlichen Namens (z.B. zum Krishna House statt zum Krishna Guest House).

Dann gibt es unzählige „freundliche“ Menschen, die einem ihre Hilfe anbieten und den Weg zur nächsten Tourist Information zeigen. In der Regel wird einem da auch geholfen und ein Zimmer, ein Flug oder eine Zug- oder Busfahrt zum absoluten Wucherpreis aufgeschwätzt, häufig zum fünf- bis zum zehnfachen Preis. Meist sind es Kashmiri-Shops. Merke: es gibt in Delhi genau ein Tourist Office und das ist in 88, Janpath. Hingegen gibt es in der Nähe von Paharganj und dem Connaught Place (den Hauptwohngebieten der Reisenden) unzählige Läden, die sich mit dem Titel „official govt. Tourist Office“ schmücken – sie sind es alle nicht.

Dann gibt es ähnliche „freundliche“ Menschen, die dir absichtlich auf die Füsse latschen und deine Schuhe völlig verdrecken. Sie werden sie dir natürlcih putzen – aber zum zwanzig- bis dreissigfachen Preis (Schuheputzen kosten normalerweise nur 5 bis 15 Rupies).

Dann gibt es noch die lernbegeisterten Studenten, die ihr Englisch bei dir verbessern wollen: 99,99 % sind es nicht, sie schleppen dich nur in irgendeinen Souvenirladen, wo du anständigt abgezockt wirst.

Und dann gibt es noch die Jungs vom Bahnhof, die ihren Job perfekt abziehen – ich wäre auch schon einmal darauf hereingefallen, wenn ich nicht die Preise kennen würde. Am Bahnhof New Delhi, wo normalerweise die Tickets gekauft werden, stehen unzählige von ihnen, manche in irgendwelchen Uniformen herum. Sie erblicken den hilflos blickenden Tourist und helfen ihm, ziehen ihn zu einem Computer, tippen die vermeintlichen Fahrziele und das Datum ein (auf Hindi versteht sich), dann kommen lange Zahlenkolonnen, sie deuten darauf, nichts frei, alles Warteliste – es gibt keinen Platz, aber sie wüssten das Büro für Foreigners und schleppen einen einige hundert Meter in ein kleines Reisebüro und dort haben sie dann – erstaunlicher Weise – tatsächlich „for tourists only“ ein Ticket, selbstverständlich zum zehn- oder zwanzigfachen Preis. Aber als Reiseführerleser weiß der gewiefte Traveller natürlich, dass es im Bahnhof ein Buchungsoffice nur für „Foreigners“ gibt. Dann werden die Jungs in Uniform erzählen, das wäre heute geschlossen, würde renoviert, wäre abgebrannt oder ausgebombt („lot of dead people“) gäbe es nicht mehr oder ähnliches, aber sie wüssten ein anderes Büro für Foreigners …. (wie es weiter geht, siehe oben). Ab und an gibt es auch Träger in roten Uniformen oder Männer in Fantasie-Uniformen, die einen nicht in den ersten Stock lassen, dies wäre eine „resticted area„ – die Kerle einfach auf die Seite schieben und rauf gehen oder laut die Polzei bzw. die Tourist Police rufen.Tatsächlich gibt es dieses Buchungsoffice, das „International Tourist Bureau“ im ersten Stock und hat jeden Tag von 08:00 bis 20:00 offen, sonntags nur bis 14:00. Zum Buchen benötigt man den Reisepass.

Auf Grund der vielen Vorfälle hat die Stadtverwaltung von Delhi eine Touristen Polizei eingerichtet, die an den Touristenschwerpunkten Paharganj, Main Basar und Connaught Place in festen oder fahrbaren Police station zu finden ist. Sie ist in solchen Fällen sehr hilfreich und recht gefürchtet.

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13.10.2010, 21:54

Amritsar

Nachmittags dann mit der Motorrikscha zum Bahnhof. Direkt am Main Basar ist die New Delhi Train Station, an der man bucht, Gleise gibt es auch, Züge fahren auch; vier Kilometer nördlich ist Old Dehli Station, da bin ich angekommen. Seltsamerweise fahren aber alle Züge, die ich kenne von Nizzamuddin Station, etwa 10 km südöstlich ab – vielleicht eine Konzession an die Rikscha- und Taxifahrer. Der Zug hat angeb-lich nur 15 Minuten Verspätung, ist also nach indischen Verhältnissen superpünktlich. Tatsächlich kommt er fünf Minuten zu früh. Eine kleine Israelin und ein undefinierba-res europäischen muffiges Pärchen fahren mit.

Es ist Samstag, der Zug, obwohl nur für Reservierungen gedacht, ist propenvoll. In meinem Abteil, wo normalerweise offiziell acht Leute sitzen, lagern nun fünfzehn – keine Ahnung, wo die schlafen wollen, aber einige steigen nach drei, vier Stunden aus, der Rest verteilt sich am Boden und unter den Sitzen. Meine Nachbarn spre-chen gut Englisch – sie arbeiten für die Bank of America – und fahren mit dem Nachtzug 12 Stunden nach Amritsar, um den Goldenen Tempel zu sehen und am gleichen Tag wieder 12 Stunden zurück nach Delhi, wo sie dann Montag morgen an-kommen und in die Arbeit gehen – hart im Nehmen sind die Inder schon. Auf jeden Fall haben sie ihren Riesenspass und zeigen den auch lautstark und lang – um zwölf Uhr nachts geben sie endlich Ruhe. Ja und um vier Uhr morgens kommt der erste Chai-Verkäufer und brüllt laut herum, um eventuelle Kunden auf zu wecken: vielleicht kauft einer etwas. Das sind die Momente, wo ich Indien gar nicht gern habe.

In Amritsar pünktlich am 25.04.1020 – nur eine Stunde zu spät – angekommen, tue ich mich mit der Israelin zusammen und gehe rund um den Tempel auf Zimmersu-che. Die Zimmer sind erstaunlich – in der Regel unglaublich dreckig und unglaublich teuer, selbst in den teureren Häusern. Zimmer, die man sauber in restlichen Indien (Mumbai ausgenommen) für 200 oder 300 Rupies bekommt, kosten hier 1000 oder 1500 Rupies, die billigen Zimmer für 300 oder 400 Rupies sind Müllhalden oder Ab-stellkammern. Nach zwei Stunden Suchen geben wir auf, die Israelin zieht in das (kostenlose) Dormitory des Goldenen Tempel (Spende wird aber erwartet) – aber aus dem Alter bin ich heraus und dreckig ist es auch. Ich rufe das Tourist Guest House etwas ausserhalb an (ich wollte ja eigentlich direkt am Tempel wohnen) und bekomme da dann ein Zimmer, sogar sauber, 200 Rupies, allerdings mit Gemein-schaftsdusche. Zu Fuss sind es 30 Minuten in die Stadt.

Die Stadt selber macht nicht viel her, ist laut und dreckig (aber das sind viele Städte in Indien, ohne das es ihnen den Reiz nimmt), aber bisher konnte ich noch nicht viel Anziehendes an der Stadt entdecken, ausser natürlich den Goldenen Tempel.

Der Goldene Tempel ist das größte Heiligtum der Sikhs. Das Gelände selber wurde von dem größten und tolerantesten Mogulkaiser Akbar zu verfügung gestellt, doch schon kurz darauf wurde der Tempel 1761 von einem anderen Muslim, dem Mogul Ahmad Shah Durani zerstört. 1764 wurde er wieder erbaut. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verschanzten sich Seperatistisen, andere sagen Terroris-ten, im Goldenen Tempel und wurden 1984 von der indischen Armee aus dem Tem-pel vertrieben, der dabei schwere Beschädigungen erlitt.

Der zentrale Gurdwara „Hari mandir Sahib“ steht inmitten des heilgen „Sees Amrit Sarovar“ (als Nicht-Sikh bitte NICHT die Füsse hineinhängen) und ist mit angeblich 750 kg Goldplatten innen und aussen belegt. Es ist einer der schönsten Tempel, den ich in Indien gesehen habe, vor allem hat er eine wunderbare Atomsphäre – ich bleibe mehr als zehn Stunden, laufe und sitze herum, rede mit den Leuten, gehe zum Mittagessen in die Speiseräume. Täglich werden dort Speisen für mindestens 60.000 Leute gekocht, heute am Sonntag werden esw wohl an die 300.000 sein. Das Essen ist kostenlos und wurde aus Spendengeldern bezahlt, es ist einfach, Chapattis, Dal, Kartoffelgemüse und ein süsses Brei, schmeckt aber hervorragend – der Dal ist si-cherlich der Beste, den ich dieses Mal in Indien bekommen habe. Man sitzt in einem dristöckigen Gebäude in vielen Reihen, sein Essgeschirr vor den Füssen und be-kommt dann das Essen serviert. Das Essen im Lotossitz ist für die meisten Europäer nicht so gemütlich (für mich auch nicht), aber die Atmosphäre ist herzlich und freund-lich, wenn natürlich auch hektisch, denn die anderen wollen auch essen. Wenn alle gegessen haben (wann das ist, entscheiden die Aufseher), nehmen alle ihr Geschirr und tragen es nach unten, einige Eimer Wasser werden am Boden ausgechüttet, die Helfer putzen mit riesigen zwei Meter breiten Schiebern mit Gummileisten den Boden (sehen aus wie riesige Scheibenwischer) und dann dürfen die nächsten paar hundert Esser herein. Unter stehen dann die Freiwilligen, sammeln separat Löffel, Wasserbe-cher und Teller ein und geben es den Freiwilligen weiter, die abwaschen(hier übri-gens alles Männer, bei der Wasserausgabe nur Frauen).

Das Schöne an dem Tempel ist auch, dass man willkommen ist – kein böser oder unguter Blick, im Gegenteil, die Leute sind begeistert, dass man sich für ihre Religion interessiert. Am Eingang muss man – wie in jedem Tempel – seine Schuhe abgeben und eine Kopfbedeckung aufsetzen. Ein Hut geht nicht, also zücke ich meinen Schal und versuche ihn als Turban zu wickeln, klappt natürlich nicht so recht, sofort sprin-gen zwei Wächter mit ihren Turbanen und Speeren her und helfen mir – alle Umstenden gratulieren, dass das super aussieht (ich sehe mich später im Spiegel und bin nicht der Meinung, es schaut eher bescheuert aus). Nachmittag zieht mich ein alter Sikh in eine Ecke des Tempels – es werden für jeden kostenlos zwei Bana-nen ausgegeben, ich soll auch nicht zu kurz kommen. An jeder Ecke des Tempels gibt es für die Pilger Wasser – ich ziehe mein Flaschenwasser vor.

Schuhe, Narkotika jeder Art (Tabak, Alkohol, Drogen) sind im Tempel verboten (man sollte also auch nicht seine Schuhe in der Tasche verstecken, es gibt genug Plätze für die Aufbewahrung, ausserdem wird streng kontrolliert), in den Tempel gehen kann jeder, Gurdwaras sind immer für alle offen. Fotografieren ist nur im Hari Mandir Sahib und auf dem Weg dorthin, der „Guru’s Bridge“ verboten.

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13.10.2010, 21:55

Amritsar

Heute, am Sonntag, sind Unmengen von Pilgern hier, sicherlich einige Hunderttau-sende laufen sie um den See herum und warten stundenlang darauf, dass sie ins Hari Mandir Sahib dürfen. Einige Leute haben mir erzählt, sie hätten vier Stunden gewartet, aber das ist für sie normal, in anderen Orten habe ich Pilger getroffen, die zum Teil bis zu zehn Stunden gewartet hatten, bis sie ins Allerheiligste (von Hindu-Tempeln) konnten. Ich gehe dann später um 18:00, da muss ich nur eine halbe Stunde warten. Der gesamte Tempelkomplex rund um den heiligen See ist aus weis-sem Marmor, auch die unteren Mauern des Hari Mandir Sahib. Wie das Taj Mahal ist es mit Einlegearbeiten, Blumenmuster und Tiere, aus Halbedelsteinen verziert. Dar-über schliessen sich dann die riesigen, im Mogulstil verzierten Goldplatten an. drin-nen lesen die Priester ununterbrochen aus dem Orginal des heiligen Buchs „Guru Granth Sahib“, eine andere Gruppe sind den ganzen Tag heilige Lieder, die über Lautsprecher nach aussen übertragen werden (übrigens der einzige Tempel, der die Lautsprecher nicht übersteuert und zudem ausgezeichnete Lautsprecher – Bose – hat).

Am Hinterausgang des Hari Mandir Sahib füllen die Pilger ihre mitgebrachten Was-serbehälter aus dem heiligen See und trinken einen Schluck – hier nicht einmal ein Risklo. Der goldene Tempel – kein Eintritt – ist wahrscheinlich das Sauberste was ich in Indien gesehen habe, sogar sauberer als das Taj Mahal. Vormittags und nachmit-tags werde ich von meinem schönen Sitzplatz von den Wächtern mit ihren Säbeln und Speeren freundlich weggescheucht. Mindestends hundert Freiwillige kommen und schöpfen Wasser aus dem See und giessen sie auf dem Rundweg – sofort steht der Marmor fünf bis zehn Zentimeter unter Wasser, es ist grausig rutschig, die Kinder spielen Rutschbahn und lassen sich ins Wasser plumpsten (bei der Hitze eh egal). Dann kommen ein Unmenge Frauen mit Besen und Schrubbern und putzten den Boden, anschließend kommen die Männer mit riesigen breiten, manche vier Meter breit mit Rollen, Gummiwischer und schieben das restliche Wasser in die ablaufrinne – nach drei, vier Minuten ist bei der Hitze alles wieder trocken. Bierernst ist die Sache natürlich nicht, man lacht, macht Blödsinn, bespritzt sich.

Das Wasser im heiligen See ist absolut klar. Fast den ganzen Tag laufen einige Männer auf den Treppenstufen im Wasser um den See herum und schrubben die Stufen, damit sich kein Belag bildet, andere heben mir großen Seiern Algen, Blätter und sonstigen Schmutz aus dem Wasser. Ich habe noch nirgends in Indien ein so sauberes öffentliches Wasserbecken gesehen, daher erstaunt mich im Nachhinein der Zustand der Hotels rund um den Goldenen Tempel noch mehr.

In der größeren Hitze besichtige ich das Sikh-Museum, das dem Goldenen Tempel angeschlossen ist. Zuerst ein großer Raum mit Bildern von all den Wundertaten und –heilungen der grossen Gurus, dann zwei grosse Räume über die Verfolgungen durch die Moslems, als für jeden Sikh-Kopf im 17.Jht. 70 Rupies bezahlt wurden (da-mals unvorstellbar viel Geld). Viele Schilderungen und Bilder über die Grausamkeiten und Folterungen durch die Moslems (genauere Schilderungen erspare ich mir, aber anscheinend übertrafen die Moslems die Christen in ihrer ausgefallenen Methoden doch um Einiges), die dann dazu führten, dass sich die pazifistischen Sikhs zu einer wehrhaften Gruppe entwickelten und eine eigene Armee aufbauten. Dann Räume über Räume mit Bildern und Beschreibungen von irgendwelchen Sikhs, Generäle, Forscher, Schriftsteller, Politiker und aller möglichen Leute, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Sogar der Terrorist und Attentäter Bindranwale - hier wird er als Unabhängigkeitskämpfer für einen eigenen Sikh-Staat Khalistan dargestellt – findet seinen Platz (er und seine Gefolgschaft verschanzte sich 1984 im Goldenen Tempel, machten von dort aus das Land mit Attentaten und Anschlägen unsicher und wurden durch einen tagelangen Angriff des indischen Militärs auf den Tempel getötet, wobei einige Tempelgebäude schwer beschädigt wurden. In einer Rache-Aktion wurde die Premierministerin Indira Gandhi von ihren Sikh-Leibwachen ermordert. In den nach-folgenen Unruhen fanden mehr als 3000 Menschen, überwiegend Sikhs, den Tod.

Rund um den Tempel wandern Unmengen von Menschen, immer wieder auch die Sikhs mit ihren Turbanen, den größeren oder kleineren Dolchen und den eisernen Armreifen, aber auch viele Hindus. Erstaunlicher Weise sehe ich zu ersten Mal auch Frauen, die einen Dolch im Umhängegürtel tragen, eine von ihnen schneidet sich anscheinend auch ihr Kopfhaar nicht, denn es hängt in langen zusammengedrehten Würsten sicherlich eineinhalb Meter herab. Auch mit langen Säbeln oder Speeren bewaffnete, blau gekleidete Sikhs – Mitglieder diverser militärischer Sikh-Orden – wandern vorbei und sehen wunderbar malerisch aus. Einer schwenkt sein vergolde-tes Schwert und singt begeistert. Wenn die Sikhs den Tempel betreten und Blick auf das vergoldete Hari Mandir Sahib haben, knien sie sich in der Regel hin und legen ihre Stirn auf den Boden, die Nachfolgenden müssen dann eben warten.

Abends um neun verlasse ich dann den Tempel, bin entsetzt von dem Lärm, dem Chaos, dem Verkehr und dem Gehupe ausserhalb des Tempels, hole meine Schuhe und gehe dann durch dunkle Nebengassen eine halbe Stunde ins Guest House (und finde es erstaunlicher Weise auch sofort).

Im Fernsehen auf allen Sendern grosse Aufregung. Ein Hindu-Mädchen aus dem Punjab wurde nach Pakistan entführt und dort gezwungen zum Islam überzutreten und wird jetzt in einer Madrassa (Koranschule) festgehalten. Sie war einige Tage zu-vor von Moslems vergewaltigt worden. Natürlich eine grosse Aufregung in Indien und Wasser auf die Mühlen der fundamentalistischen Hindu-Gruppierungen.

In Amritsar gibt es eine Menge schöner Frauen, die recht selbständig wirken und so gar nicht dem unterwürfigen Hindu-Stil entsprechen. Dreimal begegnen mir sehr gut aussehende Frauen bzw. Mädchen mit wunderbaren hellgrünen Augen – nach fast sechs Monaten mit dunkelbraunen und schwarzen Augen reißt es einem hier schier den Kopf herum, so selten sind andere Augenfarben.

Der erste Monat alleine war wunderschön, da alleine Reisen doch etwas völlig ande-res ist als zusammen als Paar zu reisen. Man steckt viel mehr mitten drinnen und ist allem, was so herum passiert völlig alleine ausgesetzt, auch wenn es nur das häufige Ansprechen ist. Der nächste Monat war auch noch wunderbar, aber meine Frau ging mir schon sehr ab und jetzt seit einer Woche vergehe ich schon fast vor Sehnsucht nach ihr. Drei Monate ohne sie zu reisen ist einfach zu viel.

Am nächsten Tag lasse ich es langsam angehen, zumal von 09:00 bis ungefähr 17:00 Stromausfall ist (auch am darauffolgenden Tag ist mindestens 10 Stunden Stromausfall) . Einige Getränkeläden haben geschlossen, weil keiner ihr warmen Co-la oder Sprite will. Wenn solche Stromausfälle öfter vorkommen, können sie ihre Lä-den dichtmachen. Mir ist jetzt auch klar, warum die AC-Zimmer nur 100 Rupies teurer als die normalen sind – wo kein Strom ist, kann die AirCon keinen verbrauchen. Normaler Weise sind AC-Zimmer wegen der Stromkosten um mindestens 50 bis 100 Prozent teuerer als Non-AC.

Habe mir am Goldenen Tempel im Railway Reservation Office (gibt es direkt am Tempel, vermutlich wegen der vielen Leute – in Deutschland wäre es undenkbar, dass die Bundesbahn direkt neben der Kapelle der schwarzen Madonna in Altötting ein Buchungsbüro hätte. Bekam für den übernächsten Tag nach Varodava (Baroda) leider nur ein Ticket auf Warteliste. Die Fahrt soll 26 Stunden dauern. Ich hoffe ja, dass ich noch einen Liegeplatz bzw. Sitz bekomme, aber alle Züge in diese Richtung waren in den nächsten drei Wochen alle ausgebucht. Die Visageschichte hat meinen ganzen Reiseplan durcheinander gebracht. Ich wollte noch nach Daramsala und nach Manali, aber dazu ist die Zeit zu knapp – so hetzen will ich doch nicht. Also ha-be ich beschlossen, schon Richtung Mumbai zurück zufahren, von da geht man Rückflug ab und Halt in Varodava zu machen und Champagner zu besichtigen.

Anschliessend wunderbar im Lokal „Neelam’s“ gegessen (kann ich nur jedem empfehlen).

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13.10.2010, 21:55

Amritsar

Direkt neben dem Goldenen Tempel gibt es die Jallianwala Bagh Gedenkstätte, heu-te ein schön angelegter Park. Jallianwala Bagh war/ist ein Platz in Amritsar, der nur durch einen schmalen Gang betreten werden kann und von hohen Mauern umgeben ist. Während der Unabhängigkeitsbewegung fand dort 1919 eine friedliche Demonstration statt, auf die der englische Brigadegeneral Dyer ohne Warnung von 150 Soldaten schiessen ließ. Nach offiziellen englischen Angaben wurden 379 gewaltlose, unbewaffnete Menschen getöten, mehr als 1200 verletzt, die meisten darunter Frauen und Kinder. Die indischen Behörden bezweiflen – wahrscheinlich mit Recht – bis heute die Zahlen, da unzählige Menschen sich in Panik in den tiefen Brunnen, der auf dem Platz ist, stürzten und ertranken. Sie sprechen heute von mindestens 1500 Toten (die Zahl 379 stammt von den englischen Behörden).

Rechtsgrundlage für die Aktion war der Rowlatt Act von 1919, der es jedem Englän-der erlaubte, jegliche Zusammenkunft von Indern aufzulösen, die Menschen ins Ge-fängnis zu setzen oder ohne jegliche Begründung zu töten. Zusammen mit dem Rowlatt Act hatte man auch einen Crawling Act erlassen, der besagte, dass alle Inder die Kucha Kaurianwala Strasse auf allen Vieren entlang kriechen müssen. Wer es nicht schaffte oder sich weigerte, wurde öffentlich an ein Gerüst gehängt und ausgepeitscht.

Vielen wird die Szene aus Richard Attenboroughs Gandhi-Film bekannt sein und wenn man die Protokolle von Dyers Aussagen liest, dann ist in diesem Film die Dar-stellung Dyers noch sehr, sehr milde und versöhnlich. In der Untersuchung sagte er: „Ich halte es für möglich, dass ich die Versammlung aufgelöst haben könnte, ohne zu schießen. Wahrscheinlich wären sie zurückgekehrt und hätten mich ausgelacht und ich war nicht bereit, mich dazu machen zu lassen, was ich als lächerlich empfinde.“ Er bestätigte, dass er bedaure, keinen Panzerwagen und zu wenig Truppen zur Ver-fügung gehabt zu haben. Er habe auch nicht die Beschießung beendet, als die Versammlung begann sich aufzulösen, da dies „kontraproduktiv“ und gegen seine Pflicht gewesen wäre. Es sei ihm nicht vorrangig um die Auflösung der Versammlung gegangen, sondern hauptsächlich um Abschreckung. Daher habe er sich auch geweigert, den Verletzten – auch Frauen und Kindern - Hilfe zukommen zu lassen, da dies nicht seine Aufgabe sei. Dyer wurde nach der Befragung ehrenvoll mit allen Bezügen pensioniert.

Hohe britische Offiziere begrüßten die Niederschlagung einer „indischen Meuterei“. Das britische Oberhaus stellte eine Ehrenerklärung für General Dyer aus und die Torries, die Konservativen, zeichneten ihn mit einem edelsteinbehangenen Ehrenkreuz mit der Inschrift „Retter des Punjab“ aus. Die Morning Post sammelte 26.000 englische Pfund für Dyer. In Indien beflügelte das Massaker die indische Unabhängigkeitsbewegung und ebnete den Weg für die Gandhis Kampagne der Nichtkooperation durch zivilen Ungehorsam. Der indische Nobelpreisträger Rabindranath Tagor legte aus Protest seinen verliehenen englischen Adelstitel ab.

Auf jeden Fall hinterlässt der Besuch dieser Gedenkstätte – so schön der Park heute ist – einen doch recht verstört. Sogar die Einschusslöcher und die Patronen sind in einigen Mauerteilen noch heute zu sehen.

Anschliessend zu Fuss zum Shree Durgiana Temple. Was die wenigsten wissen, Amritsar hat einen zweiten Goldenen Tempel, den Shree Durgiana aus dem 16. Jht. Wie der „echte“ Goldene Tempel steht der Shree Durgiana inmitten eines heiligen Sees, ist aus weißem Marmor gebaut und wie im Taj Mahal mit Intarsienarbeiten aus Halbedelsteinen verziert und oben mit vergoldenen Platten belegt. Wegen seiner Silbertüren wird er als „Silver Tempel“ bezeichnet. Er ist nur etwas kleiner, die Arbeiten sind nicht so schön und die umgebenden Tempelgebäude weniger bombastisch. Er ist der Göttin Durga gewidmet und jeden abend finden sich zahlreiche Leute ein zum Singen von Bhanjans (traditionelle heilige Lieder).

Und da habe ich es endlich doch noch zum Film geschafft: die Abendzeremonie wird in irgendeinem Hindu-Fernsehsender übertragen und ich war als Statist dabei (wenn es jemand sehen sollte – vierte Reihe direkt in der Mitte, der einzige Europäer). Zur Filmkarriere wird es ja nicht reichen. Vielleicht ganz gut, denn die soll ja wegen der vielen netten Film-Mädchen recht anstrengend sein :D .

Ach ja, auch dieser Tempel und der heilige Teich sind ähnlich sauber wie beim Goldenen Tempel.

Es hat doch schon seine Vorteile, wenn man länger an einem Ort bleibt. Die vor dem Guest House herumhängenden Rikscha-Fahrer winken nur noch müde und grüssen einen, wissen sie doch eh schon, dass ich ein notorischer Fussgänger bin. Der Guesthouse-Besitzer will mir keine teueren Touren mehr aufschwätzen und dessen Sohn fragt nicht mehr, ob ich nicht doch bei ihm frühstücken will und ich muss ihm nicht wieder erklären, dass ich trockenen, bröseligen Toast schon in Deutschland nicht esse und die indische Plastikbutter (die schmilzt nicht einmal bei 45 Grad Celsius – ein Lob auf die Chemie) gar nicht mag und ein indisches Frühstück ja soviel besser sei und er ja keines habe.

Treffe am Abend zwei nette dänische Fahrrad-Fundamentalisten, die tatsächlich zwei Monate lang jetzt im April und Mai (bei meist 40 bis 45 Grad Celsius) mit dem Rad in Indien unterwegs sind – da muss man schon recht verrückt sein.

Am nächsten Tag bin ich wieder im Goldenen Tempel und verabschiede mich von ihm. Heute sind erstaunlich viele Frauen mit Turbanen und Dolch oder Schwert un-terwegs. Auch andere Sikhs tragen ihre rituellen Waffen herum: Schwerter, Säbel, Dolche jeder Grösse, Äxte und Speere, einer sogar ein mindestens eineinhalb meter langes Schwert. Wenn die Männer im See baden, binden sie ihren Dolch oben auf den Turban, um ihn nicht ablegen zu müssen.

Die Wächter am heiligen Teich sind ausgesprochen freundlich, wenn sie die Leute auf die Regeln aufmerksam machen, wenn etwa jemand seine Kopfbedeckung verlo-ren hat. An einer Ecke steht ein Mann ohne Kopfbedeckung und wirft etwas in den See. Der Wächter mit seinem Speer kommt heran, will ihn zur Rede stellen, sieht aber, dass der Mann anscheinend geistig gestört ist, nimmt ihn freundlich in den arm, redet mit ihm und führt ihn zum Ausgang.

Am Abend im Restaurant läuft ununterbrochen der Meldungsticker mit der neuesten Nachricht: der Papst, unser lieber bayrischer Bene, wurde in den USA wegen Beihilfe zur Kindesmißhandlung angeklagt – sogar hier ein heisses Thema.

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13.10.2010, 21:59

Amritsar

Golden Temple


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13.10.2010, 22:00

Amritsar

Golden Temple


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13.10.2010, 22:02

Amritsar

Golden Temple


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13.10.2010, 22:06

Amritsar

Shree Durgiana (der silberne Tempel)


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13.10.2010, 22:09

Amritsar (eine Odyssee)

Jallianwala Bagh war/ist ein Platz in Amritsar, der nur durch einen schmalen Gang betreten werden kann und von hohen Mauern umgeben ist. Während der Unabhängigkeitsbewegung fand dort 1919 eine friedliche Demonstration statt, auf die der englische Brigadegeneral Dyer ohne Warnung von 150 Soldaten schiessen ließ. Nach offiziellen englischen Angaben wurden 379 gewaltlose, unbewaffnete Menschen getöten, mehr als 1200 verletzt, die meisten darunter Frauen und Kinder. Die indischen Behörden bezweiflen – wahrscheinlich mit Recht – bis heute die Zahlen, da unzählige Menschen sich in Panik in den tiefen Brunnen, der auf dem Platz ist, stürzten und ertranken. Sie sprechen heute von mindestens 1500 Toten (die Zahl 379 stammt von den englischen Behörden)


Sikhs

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13.10.2010, 22:10

Die Sikh-Religion

Die Sikh-Religion (oder der Sikhismus) ist eine im 15. Jht. aus dem Hinduismus ent-standene Religion, die auf den Stifter Guru Nanak zurück zuführen ist und ist damit die jüngste der monotheistischen Religionen. Guru Nanak und seine neun nachfolgenden Gurus haben ihre Einsichten schriftlich im heiligen Buch „Guru Granth Sahib“ (oder „Adi Granth“, das Ur-Buch) überliefert.

Sikhs erkennt man an den traditionellen Turban (die jüngeren Sikhs tragen stattdessen oft den „Patika“). Männer tragen den gemeinsamen Nachnamen „Singh“ (Löwe), Frauen den Nachnamen „Kaur“ (Prinzessin). Weitere Kennzeichen sind die fünf Kakars:
• Kees: ungeschnittenes und gepflegtes Haar und Bart
• Kangha, den Holzkamm für die Haarpflege
• Kirpan, den Dolch
• Kadha, den eisernen Armreif
• Kachera, eine kurze Kniehose (unter der „normalen“ Bekleidung)

Sihks glauben an einen einzigen, unsichtbaren Gott. Ihre Gurus, deren Bilder überall hängen, sind nicht Götter, sondern nur Vermittler der göttlichen Botschaft. Das Glaubensbekenntnis der Sikhs lautet: „Nur ein Gott, Wahrheit ist sein Name. Der Schöpfer ohne Furcht, ohne Hass. Unsterblich. Über Geburt und Tod selbsterleuchtet, offenbart durch den wahren Guru“.

Gott wird in den Gurdwara, den Sikh-Tempeln verehrt. Der heiligste Tempel ist der „Goldene Tempel“ von Amritsar: er hat vier Eingänge in alle vier Himmelsrichtungen, die zeigen, dass die Sikh-Religion alle Menschen willkommen heissen. Im Gurdwara muss eine Kopfbedeckung getragen werden, Schuhe, Zigaretten und Alkohol sind nicht erlaubt. Sikhs sind sehr gastfreundlich, in der Regel ist es recht einfach, in ei-nem Gurdwara zu Essen oder zu übernachten (man sollte aber eine entsprechende Spende geben). Gerade das gemeinsame Essen ist für die Sikhs ein Zeichen für die Einheit aller Menschen. Dabei ist zu beachten, dass man in einem Gurdwara in der Regel seinen Kopf bedecken muss, also einen Schal mitnehmen (Hut geht nicht, das gilt auch für einige Moscheen und islamische Grabmäler).

Sikhs essen kein Fleisch und konsumieren keinen Alkohol, keine Drogen und keinen Tabak. Wesentlicher Punkt der Religion ist Gottvertrauen, Ehrlichkeit, Redlichkeit, Leben in Weisheit, die Überwindung des Egoismus und die Hinwendung zum realen Leben: man soll anderen ein Beispiel geben und eine besserer Mensch sein – nicht zuletzt darauf ist der wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolg vieler Sikhs zurück zuführen. Wie Hinduismus oder Buddhismus geht auch die Sikh-Religion davon aus, dass jede Tat und jeder Gedanke im Sinne von Ursache und Wirkung eine Konsequenz hat – tugendhafte Lebensführung ist daher die wesentliche Lebenseinstellung. Dazu gehören ein sozial ausgerichtetes Familienleben, der ehrliche Verdienst des Lebensunterhalts und lebenslange spirituelle Entwicklung, Dienst am Mitmenschen und die Beseitigung sozialen Ungerechtigkeiten. Frauen und Männer haben die gleichen Rechte und Pflichten (auch in der Gesellschaft). Asketen, Priester, Mönche und Nonnen gibt es nicht, da man davon ausgeht, dass jeder das Göttliche in sich selbst und im Alltag mit den Mitmenschen erfahren kann. Extreme Entwicklungen wie sexuelle Enthaltsamkeit, Kasteiungen, Selbstgeisselungen sind mit ihrer Religion nicht vertetbar, da sie als extrem und als ausserhalb der Gesellschaft gesehen werden.

Bis zur Zeit des toleranten und liberalen Mogulkaisers Akbar war die Sikh-Religion pazifistisch. Sein Nachfolger Jahangir (1569-1627) verfolgte Andersgläubige, auch die Sikhs: es gab Preisgelder auf die Köpfe totet Sikhs, Frauen und Männer wurden oft bestialisch gefoltert, um sie zum Übertritt zum Islam zu zwingen. 1606 wird der fünfte Guru Arjan auf Befehl Jahangirs zu Tode gefoltert. Der nachfolgende Guru betont die Notwendigkeit, sich gegen religiöse und politische Intoleranz zur Wehr zu setzen - die Sikhs bauen Streitkräfte auch und bekommen nun politische Macht. Sie gründen einen eigenen Sikh-Staat. Guru Gobind Singh gründet 1699 die militärische Brüderschaft „Khalsa“, deren Aufgabe es ist, gegen Tyrannei und religiöse Verfolgung Widerstand zu leisten. Als Ahmad Shah Durrani mehrere zehntausend Sihks abschlachtete, gründete Ranjit Singh 1799 den ersten Sikh-Staat im Punjab.

Heute gelten in ganz Indien die Sikhs als sehr seriös und ehrlich – ich habe auf all meinen Indien-Reisen tatsächlich auch noch keinen Sikh getroffen, der mich übers Ohr hauen wollte.

Alle Sikhs haben den gemeinsamen Nachnamen „Singh“ (der Löwe), aber nicht alle „Singhs“ sind Sikhs – auch die hinduistischen Rajputen geben sich diesen Nachnamen.