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17.05.2008, 17:52

Bikaner, Rajasthan

Bikaner ist eine Stadt im Norden des Bundesstaates Rajasthan am Rande der Wüste Thar mit etwa einer halben Million Einwohner. Die Stadt wurde um 1500 von einem nicht erberechtigen Sohn des Maharajas von Jodhpur gegründet.

Hauptsehenswürdigkeiten sind der Lalgarh Palace, das Junagarh Fort, der Raj Ratan Bihariand Rasik Siromani Temple und die Altstadt mit einer Unmenge an schönen Hawelis. Erbaut aus gelbem Marmor und mit schönen Lackarbeiten, Spiegel- und Glaseinlagen und Wandmalereien ausgeschmückt, ist das Fort heute einer der am besten erhaltenen Rajputen-Paläste.

Ich kam nach Bikaner mit dem Nachtzug aus Jaipur. Ich erwachte früh am Morgen, als der Zug irgendwo 50 km vor Bikaner in der Wüste wegen Maschinenschaden stehenblieb. Vor dem Fenster nur Wüste und eine Herde von Pfauen, drei männliche, die bei Sonnenaufgang wunderschöne Räder schlugen. Was will man mehr? Eine halbe Stunde später tauchten plötzlich eine Menge Inder auf, brachten Milch, Chai und Kaffee. Woher die so plötzlich kamen - keine Ahnung. Nach 4 Stunden gings weiter.

Dann Ankunft in Bikaner. Das Hotel Laxmi Niwas Palace war mir dann doch zu teuer, also irgendeine Unterkunft in der Stadt gesucht und mitten im Basar gefunden. In den nächsten Tagen dann die obligatorsichen Touristenrouten: Sightseeing, Paläste, Märkte, Tempel. Wunderschön der Lalgarh Palace, erbaut aus Sandstein, mit vielen filigranen, italienischen Säulen, Kuppel, Hallen, Gitterfenstern und herrlichen Wandmalereien. dann gibts mehrere alte Hindu-Tempel (Moolnayakji, Laxmi Nath Temple, Shiv Bari Temple). Rund um Bikaner gibt es einige Handwerkerdörfer, in denen Miniaturen mit Farbe und Gold meist auf Kamelhaut, aber auch auf Stein oder Marnor gefertigt werden.

In und rund um Bikaner gibt es viele Sänger und Musiker aus der alten Rajastani-Tradition. Wer einfach mal abseits der Touristenwege wandert, findet häufig irgendwo eine Gesangs, Tanz- oder Theateraufführung.

Die Leute sind unglaublich freundlich, wahrscheinlich, weil es doch recht wenig Touristen in dieser Ecke gibt und wenn, dann sammeln sie sich um den Palast und um das Palasthotel - ich habe in den ganzen sechs Tagen keinen gesehen. Bei einem meiner Streifzüge durch die Stadt kam ich nachmittags zu einem Tempel, vor dem fünf alte Männer sassen und hingebungsvoll Musik machten und sangen. Keiner sprach Englisch, aber mit Händen und Füssen forderten sie mich auf, mich zu setzen und einige Zeit später hatte ich zwei Tschinellen in der Hand und machte mit Musik (sehr musikalisch bin ich allerdings nicht). Irgendwann nachts um 23:00 war es dann zu Ende, einer von den Leuten brachte mich dann im Dunkeln zum Hotel - was gut war, denn in der Gegend brannte nirgendwo ein Licht - ließ mir dann noch von Portier auf Englisch danken, dass ich so schön Lieder zum Preise des Gottes Shiva gespielt hätte (wenn das meine alten Lehrer im katholischen Internat geahnt hätten!!!) und versprach mir, mich am nächsten Abend wieder zur Musik abzuholen. Was er auch tat - mit dem Fahrrad, wo ich dann am Gepäckträger saß.

Mit dem Local Bus bin ich dann zweimal zum Karni Mata Temple in Deshnoke, ca. 30 km südlich von Bikaner. Der Tempel ist Karni Mata gewidmet. Nach einer Legende bat sie den Totengott Yama um die Seele ihres verstorbenen Kindes. Yama konnte diesen Wunsch nicht erfüllen, da das Kind schon wiedergeboren worden war. Darauf schwor Karni Mata, dass keiner ihres Volkes je ins Totenreich Yamas käme, sondern als Ratten wiedergeboren würden. Seitdem gibt es in diesem Tempel Hunderte (manche sagen Tausende - das halte ich aber für übertrieben) von Ratten. Na gut: wie es sich in einem anständigen Hindutempel gehört, Schuhe ausziehen, vorbei an großen Rattenstatuen und hinein durch das große Tor (mit schönen Silber- und Goldarbeiten) ins Innere. Tatsächlich, es wimmelt von Ratten, sie laufen vor deine Füße - ein Priester hat mir den Tipp gegeben, vorschtig zu gehen, aber das tut man sowieso - und: es bringe Glück, wenn eine Ratte über den Fuß läuft oder man eine weiße Ratte sieht. Na ja: ich hatte an diesen Tagen kein Glück. Man gewöhnt sich erstaunlicher Weise schnell an die Ratten. Direkt vor dem Heiligtum ein großer Messingteller, sicherlich 1,5 m im Durchmesser, bedeckt mit Reis und Prasad (geweihten Speisen), daneben ein anscheinend uraltes Ehepaar, das neben den Ratten aus dem Teller ass - nicht unbedingt mein Geschmack. Für sie ist das aber alles heilig. Bei der Rückreise geht dann auch noch der Public Bus in die Brüche, aber ein vorbeikommender Jeep nimmt uns mit: auf dem Dach sitze ich mit mindestens noch acht weiteren Leuten, wenigsten kühlt der Fahrtwind.

Südöstlich der Stadt liegt die einzige staatliche Kamelfarm Asiens, die eigentlich nicht besichtigt werden kann. Ich bin trotzdem mit dem Public Bus hinausgefahren, habe mit den Wächtern eine halbe Stunde ein paar Worte gewechselt und sie führten mich dann in der Farm herum (angeblich werden die Kamele dort auch für militärische Zwecke gezüchtet, darum das Besuchs- und das Fotografierverbot. Die Kameltruppe, die Lawrence von Arabien im 1. Weltkrieg gegen die Türken unterstützte, kam aus Bikaner.) - naja, es ist halt eine Farm mit vielen Kamelen, keine Ahnung, warum die Geheimnistuerei.

In der weitern Umgebung - im Bikaner Distrikt - gibt es unzählige kleinere und grössere Orte, die es wert sind, dass man sie besucht. In vielen von ihnen gibt es wunderschöne Havelis (Havelis sind stark verzierte Kaufmannshäuser - die Verzierungen sind häufig Holzschnitzereinen anchgemacht, bestehen aber fast ausschließlich aus Sandstein - Holz gibt es zu wenig). Die Menschen in dieser Gegend sind stolz, aber sehr freundlich, hilfsbereit und gastfreundlich.

Es soll auch zwei grosse Feste geben (die ich leider nicht erlebt habe), die Akshya Tritya Fair und die Camel Fair


Unterkünfte:
Es gibt eine Menge kleinerer und größerer Hotels, alle mit eher indischen Standard von bescheiden bis Mittelklasse. Wer es gerne luxuriös mag, dem sei das Hotel Laxmi Niwas Palace empfohlen (gehört angeblich zum Sheraton-Konzern). Restaurants ausserhalb des Hotels sind eigentlich fast alle vegetarisch. Man sollte auf jeden Fall Bikaneri Bhujia

Anreise:
Mit eigenem Auto, Taxi oder - ganz problemlos und interessanter - mit Public Transport (Zug, Bus)

Fotos:
gibts keine als Anhang, die sind noch auf Papier bzw. Dias.

Tipp:
In Bikaner sollte man - wenn es geht - etwas länger bleiben, um etwas von der Atmosphäre und der Lebensweise der Menschenmitzubekommen. An einem Tag kann man zwar die Sehenswürdigkeiten abklappern, kriegt aber von den Menschen wenig mit. Und man sollte nicht wie ich im Mai hin, denn da ist es schon richtig heiss.

2

17.05.2008, 18:18

Bikaner

Hallo Driver,
Ein sehr gut formulierter, persönlicher Reisebericht.
Ich darf Dich für Deine schönen Reisen beglückwünschen.
LG.
Werner