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  • »Joey« ist der Autor dieses Themas

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09.11.2010, 19:18

Bei den Stahlkochern in Sibirien (in der Rubrik: Reisen nach Europa?)

Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Sibirien liegt wohl in Asien, die Stadt jedoch, über die ich hier berichten will, liegt GENAU auf der Grenze zwischen Europa und Asien: Magnitogorsk.

Magnitogorsk liegt ca. 1200 km östlich von Moskau, direkt hinter dem Ural, beiderseits des Ural-Flusses. Im Jahre 1926 ließ Stalin (in sicherer Entfernung zu seinem zukünftigen Kriegsgegner) ein Stahlwerk bauen, das sich bis Mitte der 80er Jahre zum größten Stahlwerk der Erde entwickeln sollte. Magnitogorski Metallurgitscheski Kombinat, kurz: MMK wurde von Arthur McKee (USA) geplant und gebaut, 1932 erfolgte der erste Stahlabstich. Zur gleichen Zeit wurde auf der anderen Seite des Ural-Flusses die Stadt Magnitogorsk (als "Retortenstadt") von dem deutschen Stadtplaner Ernst May, Frankfurt, erbaut. Magnitogorsk hat heute 410.000 Einwohner.

Ich hatte schon einige Stahlwerke in meinem Berufsleben kennengelernt, aber MMK war/ist einzigartig! Das Werk (nicht die Stadt!) erstreckt sich über eine Fläche von 10 x 20 km! Das ist so ungefähr die Fläche der Stadt Essen, mit ihren 580.000 Einwohnern. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 war MMK das größte Stahlwerk der Erde (s.o.) und produzierte mit seinen 85.000 Mitarbeitern jährlich ca. 16 Mio Stahl, 12 Mio Tonnen Gußeisen und 2,5 Mio Tonnen Walzstahl. Das ist mehr, als die gesamte britische Stahlindustrie zusammen produziert!



Das Verheerende an diesen Zahlen sind jedoch die "facts and figures", die man in keinem Reiseprospekt liest:

Die immense Jahresproduktion an Stahl blies gleichzeitig 870 Mio Tonnen Abgase in die Luft. Das sind 2000 Tonnen pro Einwohner oder 6,6 Tonnen pro Hektar! In den USA gelten 0,2 to/ha bereits als extrem gesundheitsgefährdend. Verantwortlich für diese Zahlen waren in erster Linie die 30 Siemens-Martin-Öfen, die zum "Stahlkochen" betrieben wurden. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines pensionierten Stahlwerkers betrug zu jener Zeit noch + 3 Jahre! Der durchschnittliche Krankenstand lag bei ~ 20% (in Deutschland bei ~7%)! Der Anteil geschädigter Neugeborener lag bei 41%!



Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei. Heute bemüht man sich auch bei MMK um die Reinhaltung der Luft, installiert moderne Filter-Technik und hat die alten "Dreckschleudern", die Siemens-Martin-Öfen ausgemustert und durch moderne umweltfreundlichere Elektroöfen ersetzt.

Die Zeit bei MMK wird mir unvergeßlich bleiben. Das Unternehmen bestand ja nicht nur aus der "Stahlküche". Die gesamte Stadt lebte vom Stahl. Krankenhäuser, Schulen und Akademien, der öffentliche Personennahverkehr, Supermärkte, Hotel (Singular!) und alles was an Zulieferbetrieben, aber auch an Konsumgüterindustrie in und um Magnitogorsk angesiedelt war, gehörte dazu. Mitte der 90er Jahre begann man damit, diese Relikte aus einer kommunistischen Planwirtschaft (Stichwort: Fünfjahresplan) in die "Neuzeit" (Stichwort: Freie Marktwirtschaft) zu überführen. Ich hatte das Vergnügen, daran mitwirken zu dürfen. Es war eine interessante Zeit, mit einer Vielzahl von Begegnungen, mit Menschen, die man bis zu diesem Tage nur vom Hörensagen, aus Filmen oder aus Büchern kannte!



Ich habe selten in der Welt SO gastfreundliche Menschen kennengelernt. Ein Besuch bei Einheimischen kam immer einer großen Festveranstaltung gleich. Wenn ich daran zurückdenke und mir vergegenwärtige, welche Anstrengungen diese lieben Menschen unternehmen mußten, um all´ das, was sie auf den Tisch brachten, zunächst einmal zu beschaffen, schäme ich mich ein wenig für mein vorangegangenes Bild von dieser Region und ihren Menschen. Hierzu muß man wissen, daß mit dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahre `91 auch die Wirtschaft des Landes nahezu zum Erliegen kam. Das Stahlwerk hatte seine Märkte verloren (in erster Linie Stahl für militärische Zwecke) und eine schnelle Erholung (Erschließen neuer Märkte) war nicht in Sicht. Viele der zu jener Zeit noch 60-70.000 Beschäftigten verloren ihre Arbeit, andere wurden in einen unbefristeten Urlaub geschickt, wieder andere blieben dem Unternehmen treu und arbeiteten ohne oder gegen unregelmäßige Vergütung. Es entwickelte sich eine Schattenwirtschaft. Für Rubel konnte man nichts kaufen. Die Währung war der US-Dollar oder man mußte etwas zum Tausch anbieten. "Barter-Trade" ist wohl der Fachausdruck für diese Form des Handels. Manche fuhren aus Magnitogorsk nach Moskau und tauschten dort Waren, die hinter dem Ural nicht zu bekommen waren. Damit ausgestattet kamen sie zurück und tauschten diese weiter. "Shuttle-Trader" nannte man diese "fliegenden Händler". Auf diese Weise hat sich der eine oder andere ein kleines Handelsimperium aufgebaut.

Die Entwicklung bis zum heutigen Tage hier aufzuzeigen würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Gegen Ende der 90er Jahre erholte sich die russische Wirtschaft allmählich. Die Bauindustrie und die Automobilproduktion zog an, (leider) auch die Waffenproduktion, und so erholte sich auch MMK und die Stadt Magnitogorsk. Heute ist Magnitogorsk eine der reichsten Städte in Russland. Die Luft ist sauberer geworden, die Stadt grüner. Das Durchschnittseinkommen eines Stahlwerkers beträgt heute über 400 Euro/Mon. Das ist weit mehr, als das Durchschnittseinkommen eines russischen Facharbeiters. Ich gönne es den vielen Menschen, die ich dort kennenlernen durfte und hoffe, daß die Erfolgsgeschichte von MMK und Magnitogorsk weitergeht und vielen anderen Menschen -nicht nur in Russland- Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt.
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2

11.11.2010, 07:04

Hallo Joey, herzlichen Dank für diesen überaus interessanten und informativen Bericht mit "Herz" !!! Das sind diese weissen Flecken über die sowenig berichtet wird und man zuwenig weiß!! einfach klasse !! Liebe Grüsse Dorothee
Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt....

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Russland, Sibirien, Stahlwerk