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07.11.2008, 13:46

Chienbäse-Umzug

Da die Fasnacht auch bald näher kommt, wollte ich euch einen alten Brauch näher bringen.
Die Fotos sind von 2006 und daher eingescannt worden.

Die Geschichte:

Das Feuer hatte schon immer eine unheimliche Wirkung auf die Menschen. Unsere Vorfahren haben
schon früh versucht das Feuer zu kontrollieren. Das ist ihnen auch mehr oder weniger gelungen. Heute
sind wir soweit, dass wir ohne kontrollierte Feuer nicht mehr leben könnten. Sobald es der Mensch aber
nicht mehr unter Kontrolle hat, zeigt es wieder seine zerstörerische Wirkung auf Hab und Gut, ja sogar
auf das Leben selbst. Wie kommt es nun, dass die Liestaler mit eben diesem Feuer alljährlich ihr
gefährliches Spiel treiben?
So genau kann das vermutlich niemand mehr beantworten. Viele Quellen sprechen von einem uralten
heidnischen Brauch, welcher dem Winter den Gar ausmachen und den Frühling begrüssen sollte. Andere
Quellen sprechen von einem Brauchtum, das seinen Ursprung in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat. Wir
zitieren dazu einen Bericht des ehemaligen Schulinspektors Johannes Kettiger von 1869: Jetzt nähern
sich die Fackelschwinger dem Orte. Da stehen aber die Väter, erinnern sich ihrer Kinderjahre und
freuen sich noch einmal mit den Jungen des alten Brauchs. Und wenn die Gelehrten ihnen sagen,
derselbe stamme aus der Heidenzeit und sei eigentlich etwas sehr Überflüssiges, so geben sie das
vielleicht zu, bemerken aber dabei: "Gschäch nüt Bösers."

Tatsächlich muss es auf der Basler-Landschaft schon sehr früh Fasnachtsfeuer gegeben haben. Es wird
beschrieben, dass vor Allem die Bauern mit brennenden Fackeln am Sonntag vor Aschermittwoch die
Anhöhen ersteigen und einen Stoss zusammengetragenen Holzes entzündeten. Nach einer kurzen Zeit
verliessen sie dann die Feuer und kehrten unter lautem jauchzen und jubilieren nach Hause zurück. Die
Nacht soll dann durchgezecht worden sein. Schon 1599 versuchte die christliche Obrigkeit in Basel die
Fasnachtsfeuer und das damit verbundene Treiben der Untertanen auf der Landschaft zu unterbinden.
Ihnen war das bunte Feiern ein Dorn im Auge, weil sich daraus immer auch Unruhen hätten entwickeln
können.

Der Ablauf vom Umzug:

Am Fasnachtssonntag müssen die Wagen zwischen 17.00 und 19.00 am Bereitstellungsort
(normalerweise Burg) zur letzten Kontrolle aufgestellt werden. gegen 19.00 Uhr treffen auch die
Chienbäseträger und die teilnehmenden Cliquen ein. Die von den Cliquen mitgeführten Laternen
werden meist schon etwas früher in den Bereitstellunsraum geführt, da um diese Zeit im Stedtli das
Durchkommen bereits sehr schwierig ist. Zudem ist es, je nach Konstruktion der Laterne, nicht ganz
einfach über die bereits unter Druck stehenden Schläuche der Feuerwehr zu fahren.

Pünktlich um 19.15 Uhr werden sämtliche Lichter entlang der Umzugsroute gelöscht. Dies wird vom
Publikum mit einem lauten Applaus quittiert. Der Umzug wird nun durch die Cliquen eröffnet, welche
ihre hell erleuchteten Laternen, mit vielerlei Motiven aus Politik, Sport und ähnlichem bemalt, mit
Pfeifern und Tambouren zur Allee begleiten. Nach einer kurzen Pause künden die ersten Jubelrufe die
ersten Chienbäsen an, welche kurz zuvor beim Ausgangspunkt entzündet wurden. Dort herrscht zu
diesem Zeitpunkt ein reges Treiben. Die Umzugsorgane organisieren und koordinieren das Anzünden
und das Abmarschieren der Feuerwagen und der Chienbäse. Das ist deshalb nötig, damit die einzelnen
Teilnehmer nicht zu lange mit einem brennenden Wagen oder Besen am Ausgangspunkt warten müssen.
Es wird auch darauf geachtet, dass nach Möglichkeiten keine Staus entstehen. Die Feuerwagen dürfen
übrigens nur mit versprühten Zündhilfen entzündet werden. Flüssiges ist verboten, da sich unter den
Wagen sonst Lachen bilden könnten, welche sich bei dem vielen Feuer rasch entzünden und zu
unangenehmen Situationen führen könnten. Auch das Mitführen solcher Zündhilfen ist verboten. Das helle
Feuer der Besen und die grossen flammen der Wagen hüllen das Stedtli nun in ein gespenstisches Licht.
Je näher die Allee kommt, je deutlicher sieht man wie das Feuer das Holz auffrisst. Das Gewicht der
Besen nimmt dadurch natürlich stark ab. Der Strassenrand wird gesäumt von verkohlten Holzstückchen,
welche aus den Besen gefallen sind. Es ist allerdings ein Trugschluss, dass durch den Gewichtsverlust das
Tragen in jedem Falle leichter wird. Die eigene körperliche Müdikeit respektive Fitness spielt natürlich
auch noch eine Rolle. Je länger der Umzug dauert, je müder werden die Aktiven.

In der Allee angekommen wird wieder sortiert. Die Cliquen versuchen ihre Laternen vor dem Funkenflug
der Wagen und Besen in Sicherheit zu bringen, die Besenträger müssen ihre häufig erst halb
abgebrannten Besen schweren Herzens in einem Container, welcher mit Wasser gefüllt ist entsorgen und
die Feuerwagen müssen in der Allee parkiert und von der Feuerwehr dort gelöscht werden.

Ein alljährliches Spektakel, was bei mir schon zur Tradition wurde, dahin zu gehen.

Liebe Grüsse

Kirsten (o100)



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07.11.2008, 15:01

Chienbäse



:--) :--) :--) :--) :--) :--) :--) :--) :--) :--) :--) :--)

hallo Engel,

mit Deinem ausführlichen Bericht und den 'leuchtenden' Bildern hast Du einen wunderbaren Brauch präsentiert.

Ich kenne Osterfeuer, die hier zu Lande vor dem Osterfest angezündet werden und überall lodern.
In Bad Pyrmont gibt es statt Osterfeuer, Feuerräder die den Berg hinunter rollen.

Von >Chienbäse< habe ich noch nichts zuvor gehört und danke Dir für diese interessante Information....

Liebe Grüße
Sonnenstunden
00000011
Die großen Ereignisse, das sind nicht immer unsere lautesten, sondern unsere stillen Stunden :love:
(Friedrich Nietzsche)

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3

07.11.2008, 17:56

Basel

Hallo Kirsten/Engel

das ist ein sehr schöner ausführlicher Bericht über den "Chienbäse"-Umzug, von dem ich bisher zu meiner Schande noch nichts gehört habe, obwohl ich schon einige Male in Basel war (und mein Sohn jahrelang in der Nähe am Bodensee gewohnt hat). Der Beitrag hat mir sehr gut gefallen.

YaWo
A)d

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4

08.11.2008, 08:44

Chienbäse Umzug

Hallo Kirsten 00000015

welche Bräuchtümer ihr in Basel-Land anwendet um den Winter zu vertreiben ist ja atemberaubend /Gh
In Tirol verwenden wir dazu nicht die Macht des Feuers, sondern treiben die bösen Dämonen und Perchten durch die Dörfer, bis sie ihren Wiederstand aufgeben und dem Frühling symbolisch zum Durchbruch verhelfen.

Du hast das alljährliche Feuerspektakel in Wort und Bild sehr eindrucksvoll vorgestellt. Beschreibung und Bilder sprechen für sich.

Ein durch und durch gelungener und interessanter Beitrag über lokales Brauchtum in der Schweiz
A)d

Liebe Grüße
Gottfried